2015

Großen Bahnhof für kleine Steine

Künstler Gunter Dernnig verlegte vier Stolpersteine zur Erinnerung an ctie jüdische Familie Markus. Isaak Tourgman sprach ein Gebet

 

RECKLINGHAUSEN. Gunter Demnig ist kein Mann vieler Worte. Still und konzentriert verlegte der Künstler gestern Mittag vier seiner tolpersteine
vor dem Haus Steinstraße 12. Das Messing-Quartett im Straßenpflaster
erinnefi an das Schicksal der jüdischen Familie Markus, die bis 194i dort wohnte – damals ailerdings noch in einem anderen Haus. Die Eheleute Selma und Robert Markus und ihre Töchter Ruth und Ilse wurden von den Nazis deportien und ermordet.

Schnell hatten sich viele Menschen versa-mmelt. Offizieile und Passanten versuchten, einen Blick auf die Mini-Baustelle zu erhaschen. Viele Zuscha-uer hörten eher, was vor sich ging, als dass sie es wirklich sehen konnten. Mai drang ein leises Hämmern ans Ohr, dann wieder ein metallisches Schaben. Gunter Demnig kniete in Arbeits-kleidung auf dem Pflaster, 50 000 seiner Gedenksteine hat er seit 1993 schon europaweit verlegt.

Bürgermeister Christoph Tesche erinnerte an die Ermordeten. Robert Markus hatte, wie viele andere deutsche Juden, im Ersten Weltkrieg als Soldat ,,für Volk und Vaterland“ gekämpft. Die  Familie war aiteingesessen und angesehen“ Selma und Robert Markus betrieben an der Steinstraße ein Obst- und Gemüsegeschäft. Ab 1933 änderte sich alies. Die National-Zeitung prangerte am 51. Juli 1935 öffenllich die Besitzerin eines Kaffeegeschäfts an der Kunibertistraße an, dass sie ,,beim jüdischen Gemüsehändler Markus“ eingekauft habe. Im Oktober 1958 ließ das NS-Regime auch die gleichgeschaltete, sprich von ihm kontrollierte, Recklinghäuser Zeitung titeln: ,,Unser Markt ist judenfrei!“ Robert Markus nahm den Boykott anfangs noch mit Humor. ,,Kauft nicht bei Juden, kauft bei Markus!“, soll er seinen Kunden zugerufen haben. Georg Möllers zeichnete das weitere Schicksal der Familie Markus nach: 1941 folgte der Zwangsumzug von der Steinstraße in das sogenannte ]udenhaus an der Kellerstraße 1, im lanuar 1942 dann die Deponation mit 211 weiteren Recklinghäuser Juden nach Riga. Im dortigen Getto starben Robert Markus im Herbst 1942 und seine Frau Selma im Fnihjahr 1943. Die Töchter Ilse und Ruth wurden ins KZ Kaiserwald und später ins KZ Stutthoffbei Danzig deportiert, wo sie am 9. August 944 ankamen. Sie starben wenig später im Alter von 15 und 17 Jahren. Der Kantor der jüdischen Kultusgemeinde, Isaak Tourgman, sprach ein Gebet ,,fur die Seelen der Familie Markus und die Seelen der sechs Millionen ermordeten Juden“. Düstere Klänge spielte dazu Barbara Marreck von der Musikschule am Cello. Nach einer halben Stunde hatte Gunter Demnig seine Arbeit getan. Wihrend die Menge die neuen Steine begutachtete, fuhr der Künstler fast unbemerkt weiter nach Oberhausen – seiner dritten Station an diesem Tag.

von  Alexander Spieß, Foto: © Thomas Nowaczyk

 

„Eine tolle Erfahrung“

Maccabiade

Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde (r.) freut sich über die Erfolge von (v.l.) Erik Gawronski, Artem Goncharov und Daniel Ruschitzki bei den Europäischen Maccabi-Spielen in Berlin. © Meike Holz

BERLIN/RECKLINGHAUSEN – „Wenn ich noch einmal die Gelegenheit bekommen würde“, sagt Artem Goncharov, „würde ich diese Chance auf jeden Fall wahrnehmen. Das war eine tolle Erfahrung.“ Diese machte der 16-Jährige nicht allein. An den Europäischen Maccabi-Spielen in Berlin nahmen auch Daniel Ruschitzki und Erik Gawronski teil.

„So erfolgreich waren unsere Sportler noch nie“, sagt Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, stolz. Das kann er auch sein. Die drei Jugendlichen bedankten sich für die finanzielle Unterstützung der Gemeinde auf ihre Weise: Mit sechs Medaillen im Gepäck kehrten sie zurück.

Der Sprung aufs Siegerpodest blieb Artem Goncharov mit den U18-Basketballern verwehrt. Dass am Ende Platz fünf zu Buche stand, war die Folge großen Verletzungspechs. Das deutsche Team konnte nur acht statt zwölf Spieler melden. Artem Goncharov, der bei Citybasket auf der Aufbauposition spielt, kam in Berlin als Flügelspieler zum Einsatz. „Das war für mich ungewohnt“, räumt der Recklinghäuser, der nach den Ferien am Hittorf-Gymnasium die zehnte Klasse besucht, ein. Er meisterte die Herausforderung. „Unser Erfolg“, so der 16-Jährige, „war es, dass wir wertvolle Erfahrungen gesammelt haben.“ Vor der starken Konkurrenz – die USA gewannen vor Israel und der Türkei – brauchten sich Goncharov und Co. nicht zu verstecken. „Wir haben lange mitgehalten. Am Ende ging uns aber die Puste aus“, gesteht der Basketballer offen ein.

Was ein deutsches Team in Bestbesetzung leisten kann, haben die U18-Fußballer gezeigt, die erstmals die Goldmedaille gewinnen konnten. Im Finale setzte sich die Mannschaft mit Erik Gawronski gegen die favorisierten Engländer durch. 2:2 stand‘s nach regulärer Spielzeit, sodass ein Elfmeterschießen die Entscheidung bringen musste. In dem hatte die deutsche Auswahl das bessere Ende auf ihrer Seite – 4:1. Der 17-Jährige trat selbst nicht an. „Ich war zu nervös“, gibt der Zwölftklässler des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums zu.

Beim 1:0-Auftaktsieg gegen Schweden war der A-Junior von Blau-Weiß Westfalia Langenbochum in der 55. Minute eingewechselt worden. Der Innenverteidiger, der auf der ungewohnten rechten Abwehrseite zum Einsatz kam, überzeugte und war fortan eine feste Größe beim späteren Turniersieger.

Als Einzelkämpfer war hingegen Daniel Ruschitzki im Einsatz. Der Schwimmer des SV Blau-Weiß gewann zwei Gold- und drei Silbermedaillen, die er mit Bestzeiten über 100 m Rücken und 400 m Freistil krönte. Dieser Erfolg war der Verdienst harter Arbeit. Vor einem Jahr nahm der Zehntklässler des Hittorf-Gymnasiums die Vorbereitung auf die Maccabi-Spiele auf. In einem Trainingslager und individuellen Einheiten bereitete sich der Recklinghäuser intensiv auf die Wettbewerbe vor. Das musste er auch. „Die Konkurrenz war sehr stark“, berichtet Daniel Ruschitzki.

Die drei Jugendlichen sahen in Berlin nicht nur ihre Sportanlagen im Olympiapark, sondern verfolgten auch das Rahmenprogramm. Das Trio war bei der Eröffnungs- und Abschlussfeier sowie Einlagespielen der Basketballer und Fußballer gegen Profi- und Promimannschaften. Großen Eindruck hinterließ bei den Jugendlichen auch der Besuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

Zehn Tage lang waren mehr als 2000 jüdische Athleten, die in 19 Sportarten gegeneinander antraten, Trainer, Betreuer und Funktionäre aus 36 europäischen und außereuropäischen Staaten in Berlin zu Gast. Die 14. Europäischen Maccabi-Spielen fanden erstmals in Deutschland statt, und zwar in Berliner Olympiapark, wo 1936 jüdische Sportler von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden waren. „Das war etwas ganz Besonderes für uns“, sagt Fußballer Erik Gawronski.

„Ein unvergessliches Erlebnis“, bringen die Jugendlichen die Reise auf den Punkt.

 

Ex-Botschafter Mordechay Lewy warnt vor Judenhass

Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, begrüßte die Gäste in der Synagoge

Nachmittag der Begegnung in der Synagoge

RECKLINGHAUSEN. Die deutsch-israelischen Beziehungen waren Thema eines ..Nachmittags der Begegnung“ mit hochkarätigen Gästen in der Synagoge. Den Weg nach Recklinghausen hatte unter anderem der frühere israelische Botschafter Mordechay Lewy gefunden.

Die Jüdische Kultusgemeinde, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Stadt mit ihrem Auslandsinstitut „Die Brüchcke hatten eingeladen. Anlass war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren. Bürgermeister Christoph Tesche würdigte die lebendige Partnerschaft zwischen Recklinghausen und Akko.

Die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Gerda E. H. Koch, führte anschließend ein Gespräch mit Botschafter a.D. Mordechay Lewy und Dr. h.c. Johannes Gerster. Beide sind Zeitzeugen der 50-jährigen Beziehungen, haben sie begleitet und mit gestaltet.

Beide Gesprächspartner schilderten sehr persönliche Eindrücke. Deutschland sei heute in Israel beliebt wie nie zuvor, was umgekehrt nicht gesagt werden könne. Beide Referenten warnten eindringlich vor den Folgen, wenn Kritik an der Politik Israels – berechtigt oder nicht – zu einer undifferenzierten, pauschalen Verurteilung Israels wird. Im vergangenen Sommer war es zuverba len und körperlichen Angriffen gegen deutsche Juden sowie ihre  Einrichtungen gekommen.

Fortsetzung der Beziehungen

Für die Zukunft wünschen sich die drei Gesprächspartner die Fortsetzung der stabilen und freundschaftlichen  Beziehungen beider Städte und Länder, gegenseitigen Respekt und Verständnis für die unterschiedlichen Lebensbedingungen: ,,Alle Menschen – ob Israelis oder Palästinenser oder Deutsche – wollen Frieden.“

FOTO: STADT RE

„Ein Wunder“ vor 50 Jahren – und heute?

Die Jüdische Kultusgemeinde, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Stadt Recklinghausen mit der BRÜCKE hatten gemeinsam zu einem Nachmittag der Begegnungen eingeladen. Anlass: Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie offizielle Vertreter aus dem Kreis, den Kommunen, aus Politik und Kirchen, Institutionen und Vereinen waren der Einladung gefolgt.

Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde, Herrn Dr. Mark Gutkin, hörten die Gäste im übervollen Saal der Gemeinde stehend die israelische und deutsche Nationalhymne, vorgetragen vom Gemischten Chor.

Bürgermeister Christoph Tesche würdigte stellvertretend für seine z.T. anwesenden Amtskollegen die Beziehungen zwischen den beiden Staaten und hob dabei die langjährige, lebendige Partnerschaft zwischen Recklinghausen und Akko hervor.

Die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Gerda E.H. Koch, führte anschließend ein Gespräch mit den hochkarätigen Referenten: Botschafter a.D. Mordechay Lewy und Dr. h.c. Johannes Gerster. Beide sind Zeitzeugen der 50jährigen Beziehungen, haben sie begleitet und mit gestaltet; sie informierten das interessierte Publikum über bekannte und unbekannte Ereignisse, über Höhen und Tiefen und ließen dabei auch sehr persönliche Eindrücke und Erlebnisse mit einfließen. Deutschland ist heute in Israel beliebt wie nie zuvor, was umgekehrt leider nicht gesagt werden kann. Beide Referenten warnten eindringlich vor den Folgen, wenn Kritik an der Politik Israels – berechtigt oder nicht – zu einer undifferenzierten, pauschalen Verurteilung Israels oder der Israelis wird. Im vergangenen Sommer war es zu verbalen und physischen Angriffen gegen deutsche Jüdinnen und Juden sowie ihre Einrichtungen gekommen. Das ist Antisemitismus, der in unserer Gesellschaft keinen Platz haben darf. Für die Zukunft wünschten sich die drei Gesprächspartner die Fortsetzung der stabilen und freundschaftlichen Beziehungen, gegenseitigen Respekt und Verständnis für die unterschiedlichen Lebensbedingungen, denn alle – ob Israelis oder Palästinenser oder Deutsche – die Menschen wollen Frieden. Die politischen Beziehungen geben den Rahmen, Menschen auf beiden Seiten müssen sie leben – und das erfolgt am besten durch vielfältige Begegnungen.

Das anschließende zwanglose weitere Programm leiteten israelische Lieder ein, gesungen vom Chor. Draußen (bei inzwischen besserem Wetter) setzten Beiträgen der Tanzgruppe und des Jugendzentrums der Jüdischen Kultusgemeinde das Programm fort. Auch für das leibliche Wohl war gesorgt: Vorbeter Isaak Tourgman bereitete seine berühmten Falafel zu, und die Schlange an diesem Stand nahm kein Ende. Bei Getränken und Musik waren die Gäste noch lange in Gespräche vertieft.

Eindringliche Worte

Rolf Abrahamsohn (l.) und Werner Hansch sprachen bei Gedenkfeier, FOTOS: Reiner Kruse 

Rolf Abrahamsohn und Werner Hansch sprechen bei Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof

RECKLINGHAUSEN. (kg) Das Laufen fällt Rolf Abrahamsohn schwer. 90 Jahre und ein Schicksal, an dem viele längst zerbrochen wären, haben Spuren hinterlassen. Im Kopf ist der letzte Holocaust-Überlebende der jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen ganz klar. Seine Geschichte, die er am Sonntag beim Gedenktag auf den Friedhof  Nordcharweg verträgt, steht beispielhaft für das unvorstellbare Leid, das den Juden von den Nazis zugefügt wurde.

„Siebenmal kam ich ins KZ, siebenmal brauchte man mich noch zum Arbeiten“, berichtet Abrahamsohn von der Deportation ins Rigaer Getto, von Stutthof, Buchenwald, Theresienstadt und von der Befreiung durch die Russen im Mai 1945. Er habe „Glück gehabt“. Abrahamsohns Eltern und ein Bruder  werden ermordet. „Mein anderer Bruder ist 1940 an Diphterie gestorben. Kein Krankenhaus in Recklinghausen wollte einen jüdischen Jungen behandeln.“

 

Die Worte von Abrahamsohn, der immer am 3. November, dem Jahrestag der Ermordung von 3000 Juden in Riga, auf den Friedhof  kommt, sind eindringlich. So eindringlich, dass es Werner Hansch, dem eigentlich stets schlagfertigen Sportreporter, sichtlich schwerfällt, als Nächster ans Mikrofon zu gehen. „Mein Geschichtsunterricht in der Schule endete mit Ersten Weltkrieg“, gesteht Hansch, der 1938 in Süd zur Welt kommt. Erst im vergangenen Jahr kommt er hinter das dunkle Geheimnis seiner Familie: Hanschs Vater, Gesteinshauer auf Zeche „Klärchen“ und Kommunist, wird ein einziger Satz in seiner Stammkneipe zum Verhängnis. „Ich kann gar nicht verstehen, warum so viele Leute diesem Hitler hinterherlaufen…“ Hansch senior wird verraten, kommt für zweieinhalb Jahre zur „politischen Umerziehung“ ins KZ Buchenwald. Ich bin stolz auf meinen Vater, einen einfachen Püttmann“, sagt Werner Hansch. Ich weiß nicht, ob ich den Mut meines Vaters gehabt hätte oder ob ich nicht auch den braunen Rattenfängern auf den Leim gegangen wäre“.

,,Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind nicht verschwunden“, sagt Landrat Cay Süberkrüb mit Blick auf Pegida-Demos und „dumpfe Proteste gegen Flüchtlinge“. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, rechte Parolen nicht unwidersprochen zu lassen: Wer schweigt, stimmt zu.“ Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, bittet inständig darum, dass sich Gräueltaten wie die der Nazis nicht wiederholen. „Ich wünsche mir, dass unsere Gemeinde weiter friedlich im Kreis leben kann.“