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Unsere Geschichte. Wichtigsten Daten und Ereignissen

Recklinghauen

Die Marktsiedlung Recklinghausen bekam um 1230 vom Kölner Erzbischof die Stadtrechte verliehen. Namentlich bekannt ist Gottschalk von Recklinghausen, der von Lochern aus seinen Geschäften nachging und in erster Linie als Geldverleiher tätig war. Er wurde während der Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes 1349–1350 getötet. Für ein organisiertes jüdisches Gemeindewesen im Mittelalter und früher Neuzeit ist bisher in den Quellen kein Nachweis zu finden.(Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Jüdische_Gemeinde_Recklinghausen)

Bereits im 15./16. Jahrhundert gab es in Recklinghausen jüdisches Leben. Das spielte sich bis zum Jahre 1824 allerdings nicht als Gemeinde, sondern im privaten Rahmen ab. Zu Gottesdiensten und Religionsunterricht pflegten sich die Recklinghäser Juden regelmäßig im Haus der Familie Levy zu treffen.

 

 

 

 

 

Kupferstich von „Recklinshaussen“, Matthäus Merian: Topographia Westphaliae, 1647 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

14. Jahrhundert – Fragment einer hebräischen Bibel (Pergamentblatt, beidseitig beschriftet) mit Randkommentaren, überliefert als sog. Kopert-Einband eines frühneuzeitlichen Ratsprotokollbuches der Stadt Recklinghausen

von Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen

Quelle (Trägerband): Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand I, R 23: „Prothocollum aller gerichtlicher handell da vur Burgermeister und Rhätt der Stadt Recklinghausen, criminaliter oder civiliter, in Camera seindt verhandeltt und ergangen, Anno 1590 ann gefangen.“ (Papier, 119 Bl., fadengeheftet, mit losen Beilagen, Laufzeit 1590–1630);

Außen: Pergamentblatt (beidseitig beschriftet) einer hebräischen Bibel mit Randkommentaren, 14. Jahrhundert, überliefert als Einband eines frühneuzeitlichen Ratsprotokollbuches der Stadt Recklinghausen. Format des Fragments: Großfolio, Pergament, ca. 44 cm x 33 cm, auf sorgfältig angebrachter Liniierung dreispaltig beschrieben, aschkenazische Quadratschrift mit Punktierung (Vokalisationen).

Beschreibung

Das hebräische Bibelfragment aus Recklinghausen ist in sorgfältigem Layout nach Art einer sefer torah niedergeschrieben. Das Textstück wurde ursprünglich als Kodex, das heißt im traditionell Sinne als Buch, nicht aber in Rollenform überliefert. In heute stark abgegriffenen und gedunkeltem Zustand hat es sich als sog. Einband-Makulatur eines frühneuzeitlichen Aktenbandes erhalten. Demnach liegt hier der zerstückelte Rest eines biblischen Textkorpus (Tanach) vor, das vor rund vier Jahrhunderten in einem zeittypischen Recyclingverfahren für handwerkliche, genauer gesagt: für Zwecke der Schriftgutverwaltung wiederverwendet wurde. Das Fragment enthält den Text von Bemidbar (= Numeri / 4. Buch Mose) 23, 1–15, und erzählt den Anfang der Geschichte von der prophetischen Gestalt namens Bileam, der auf Befehl des Moabiterkönigs Balak die Israeliten verfluchen sollte, am Ende aber auf Geheiß Gottes das Volk Israel segnete. Diese – hier natürlich rein zufällig erhalten gebliebene – Textpassage liegt auch in aramäischer Übersetzung (Targum) vor und wurde mit erläuternde Randbemerkungen (Masora) in sehr kleiner, kursivierter Schrift versehen. Das Blatt stammte wohl aus einer sog. masoretischen Bibel, die von Schriftgelehrten für Schul- und Studierzwecke benutzt wurde.

Das zur Text- und Schriftanordnung des Aktenkonvolutes um 90 Grad nach links gedrehte Pergamentblatt weist eine sorgfältige Vertikal- und Horizontalliniierung drei schlanker und eleganter Textsäulen auf. Die hebräische Schrift kann paläographisch nur im Ungefähren datiert werden. Der Text präsentiert sich auf Vor- und Rückseite in drei Kolumnen à 30 Zeilen – an die liturgisch-repräsentativen Großformate spätmittelalterlicher Tora-Rollen (mit Maßen von bis zu 70 x 60 cm pro Blatt und zwischen 50 und 60 Zeilen pro Textspalte) reicht das Layout somit nicht heran.

Das vorliegende Bruchstück wurde als sog. Kopert verarbeitet (von mittellateinisch: coopertorium bzw. coopertum: Bedeckung, Einwicklung, (Schutz-) Hülle, konkret: Umschlag aus Leder oder Pergament). Dieser Befund weist auf eine zeittypische, schon seit dem 15. Jahrhundert vermehrt auftretende und einfach herzustellende Einfassung von Geschäfts- und Gebrauchsschriftgut hin. Akten, Rechnungs- und Amtsbücher kaufmännischer, juristischer oder administrativer Provenienzen wurden auf diese Art mit leichten, flexiblen, ohne stabilen Holzdeckel auskommenden Umschlägen aus Pergamentblättern eingefasst, seien sie nun beschrieben oder blanko, gleiches gilt für das Äußere von Studienliteratur und Schultexten. Ein besonderes Können von Buchbindern war für diese Art der Heftung kaum erforderlich; Stadt- und Gerichtsschreiber, Kanzlisten oder Registratoren konnten so etwas zur Not auch selbst bewerkstelligen. Diese Kopert-Einbände dienten vornehmlich flacher Lagerung von Schriftgut in Aktenfächern von Registraturen, nicht der senkrechten – mit dem Rücken zum Betrachter gewendeten – Aufstellung in (Bibliotheks-) Regalen nach Art eines gebundenen Buches.

Typisch ist jedenfalls, dass man hier ein ganzes Pergamentblatt im Großfolio-Format für die Heftung des – etwa halb so großen – Protokollbuches des Recklinghäuser Stadtgerichtes (Folio, ca. 32 x 20 cm) verwenden konnte. Dieses besteht übrigens aus zwei getrennt voneinander gehefteten Faszikeln, die Einträge des einen Konvolutes reichen von 1590 bis 1594, das zweite setzt erst 1622 ein und endet 1630. Der dermaßen zweigeteilte Papierblock, dem noch lose Beilagen hinzugefügt wurden, und das Pergamentblatt sind in zwei auseinanderliegenden Arbeitsvorgängen durch simple Fadenheftung miteinander verbunden worden. Die Innenseite des kräftigen, großen Blattes war im Übrigen mit zusätzlichem Papier verleimt, was der Stabilisierung des Aktenbandes offenbar zusätzliche Substanz verleihen sollte.

Einband-Makulatur

Für die Herstellung solcher Buch- und Aktenumschläge wurden Hilfsmittel aus einschlägigem, meist aus zweiter Hand stammendem Wertstoff gewonnen. Man griff auf ausgesonderte, für nicht mehr erhaltungswürdig erachtete Pergamenthandschriften zurückliegender Jahrhunderte zurück. Ihr ‚überschüssiges‘ Vorkommen im 16. Jahrhundert hat mit Konsequenzen des epochalen Medienwandels, d.h. mit dem Durchbruch des Buchdrucks im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts zu tun, wodurch zahlreiche handgeschriebene, verschlissene, unter Umständen schwer lesbare Texte auf Pergament gegenüber moderneren, standardisierten und rationalisierten Druckausgaben auf Papier für obsolet gehalten wurden. Von jeglichen text- und buchimmanenten Wertigkeiten, ästhetischen Kategorien oder religiös-liturgischen Zweckbestimmungen entkleidet, wurden „außer Dienst gestellte“ christlich-kirchliche Bücher (darunter auch Bibeln, Breviere, Choralhandschriften, Missale und zentrale theologische Werke) oder auch jüdische Kodizes fachmännisch auseinandergeheftet und Blatt für Blatt neu auf verschiedene Formate zugeschnitten.

Qualitätsvolle Pergamentblätter – für Tora und Tanach wurde freilich nur bestes und koscheres Material verwendet – galten jedenfalls als langlebig, robust, strapazierfähig und vergleichsweise reißfest, sie konnten weitaus empfindlichere Papierkonvolute wirksam schützen. Demzufolge war das Ausmaß der Zerstörung mittelalterlicher Handschriften im 16. Jahrhundert – auch ohne Kriege, Pogrome und andere Katastrophen – immens. Die Resultate, sprich: die materiellen Relikte dieses rohen Umgangs mit Buchtexten christlicher (und jüdischer) Provenienz sind bezüglich der Bestände des 16. und 17. Jahrhunderts ein breit angelegter Befund europäischer Archive und Bibliotheken. Heute befinden sich diese Einband-Makulaturen entweder, wie etwa in Recklinghausen, unverändert am Trägerband, oder aber, meist im Zuge von Restaurierungsmaßnahmen, abgelöst in separaten Sammlungen.

Geniza

Hebräische Fragmente, die auf diese Weise tradiert wurden, nehmen dabei eine Sonderstellung ein. Sie liegt freilich darin begründet, dass jüdische Buchkultur und Glaubenspraxis eine solche pragmatische Sekundärverwendung von Bibelhandschriften nicht vorsehen, sondern eine dem sakralen Textinhalt angemessene und diskrete Ablage in der Synagoge vorschreiben. Für dieses „Versteck“, das in seinem textlichen Gehalt für die moderne Forschung ein besonderer Quellenfundus sein kann, wird traditionell die Bezeichnung Geniza verwendet. Eine derartige Deponierung in einem eigens dafür vorgesehenen Behältnis bzw. einer kleinen, verschlossenen (Abstell-) Kammer ist dabei jedoch nicht als Archivierung zu verstehen, sondern als eine physische Verwahrung, die achtlose Vernichtung und würdelose Entsorgung verbrauchter, abgenutzter und liturgisch nicht mehr verwendbarer Schriftrollen durch Unbefugte verhindern sollte. Der heutigen Forschung gelten solche Depots buchstäblich als Fundgruben für Quellen zur jüdischen Kultur, Literatur und Theologie. Das jüngst fertiggestellte Projekt „Geniza Germania“, das auch das vorliegende Blatt erfasst hat, katalogisiert und erschließt systematisch alle überlieferten hebräischen Handschriftenfragmente.

Zwischen einer Geniza und einer westfälischen Kanzlei um 1600 gibt es aber natürlich keine funktionalen oder personalen Verbindungen. Indem heute zahlreiche hebräische (und aramäische) Einband-Makulaturen nicht in den alten, örtlichen Depots, sondern verstreut in europäischen Archiven und Bibliotheken vorfindlich sind, stellt sich also die Frage nach dem speziellen Schicksal solcher Handschriften. Raub, Plünderung, Beschlagnahme oder Vandalismus sind dabei in Rechnung zu stellen; Zerlegung und Zerstückelung der Bücher können ohne Zweifel Evidenzen der Zerstörung jüdischer Gotteshäuser und Vertreibung ganzer Gemeinden sein – eine jüdische Gemeinde mit einer Bücherausstattung, die einschlägigen synagogalen Erfordernissen entsprochen hätte, hat es in Recklinghausen im späten 16. Jahrhundert jedenfalls nicht gegeben.

Neue Forschungen gehen indes davon aus, dass es insbesondere im 16. Jahrhundert auch andere Gründe und Wege gab, die erst zur Vernachlässigung und Außerachtlassung älterer Schriften, dann zur Bereitschaft führten, Veräußerung und Wiederverwendung handschriftlicher Texte und Bücher stillschweigend zu dulden. Immer höhere Druckauflagen gebundener Bücher und ein Anwachs aktenmäßiger Justiz- und Verwaltungsschriftlichkeit führten zu einer steigenden Nachfrage nach geeignetem Einbandmaterial. Verstärkt wurde der Pergamenthandel zu einem lukrativen Geschäft, das nicht nur lokale Bedürfnisse befriedigte.

Gutes, altes Pergament, ob beschriftet oder nicht, erwarb einen überregionalen Handels- und Marktwert, der womöglich auch jüdischen Buchbindern ein Handlungsfeld eröffnete Gutes, altes Pergament, ob beschriftet oder nicht, genoss einen überregionalen Handels- und Marktwert, der womöglich auch einzelnen jüdischen Kaufleuten und Buchhändlern ein Geschäftsmodell eröffnete, im Rahmen dessen sie – unbeschadet bestehender Schutzvorschriften – aus Geniza-Beständen gewonnene Makulatur an christliche Buchbinder, Pergamenthändler, Bibliothekare oder Kanzleibeamte veräußerten. Einen solchen oder ähnlichen Weg könnte auch das vorliegende Blatt genommen haben, bis es um 1600 in der Schreibstube des Recklinghäuser Rathauses als Umschlag eines städtischen Protokollbandes seinen endgültigen Überlieferungszustand erreichte.

Eine andere, rein hypothetisch bleibende Möglichkeit bestünde darin, dass das Blatt aus dem Besitz des Talmud-Gelehrten Gershon ben Meir Biberach (geboren am 1. August 1567 in Recklinghausen, gestorben am 25. September 1622 in Bernburg/Saale) stammt, der Ende des 16. Jahrhunderts in Recklinghausen lebte. Gershon wurde ab 1607 unter dem Namen Christian Gerson mit einer – bis ins 1722 in sieben Auflagen gedruckten – theologischen Widerlegung des Talmuds als protestantischer Konvertit, Judenmissionar und früher Hebraist publizistisch bekannt. Möglicherweise ließe er eine masoretische Bibel in Recklinghausen zurück, als er sich im Jahre 1600 nach Halberstadt und Bernburg aufmachte, wo er evangelisch getauft wurde und später als Pfarrer und Theologe wirkte.

Das vorliegende hebräische Bibelfragment ist jedenfalls das älteste schriftliche Zeugnis jüdischer Geschichte in Recklinghausen; seine besondere Überlieferungsgeschichte macht es zu einem singulären Dokument im Stadt- und Vestischen Archiv Recklinghausen.

 

Weiterführende Literatur (Auswahl):

Hüttenmeister, Nathanja, Möllers, Georg, Art. „Recklinghausen“, in: Historisches Handbuch der Jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe: Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, hg. von Susanne Freund und Peter Johanek, Münster 2008, S. 574-595,

Hüttenmeister, Nathanja, Eine jüdische Familie im Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum, Der Konvertit Christian Gerson im Konflikt mit seiner jüdischen Verwandtschaft, in: Vestische Zeitschrift 99 (2002), S. 47–59.

Lehnardt, Andreas, Hebräische Handschriftenfragmente im Blick der judaistischen Forschung, in: Fragment und Makulatur. Überlieferungsstörungen und Forschungsbedarf bei Kulturgut in Archiven und Bibliotheken / herausgegeben von Hanns Peter Neuheuser und Wolfgang Schmitz. Wiesbaden 2015, S. 192-215.

Lehnardt, Andreas, Verborgene Schätze in Bucheinbänden. Hebräische und aramäische Handschriftenfragmente als Quelle jüdischer Kultur, in: Kirchliches Buch- und Bibliothekswesen: Jahrbuch 2007/08, S. 89-99.

Reimund Leicht, Verbrennen oder Verbergen? Über den Umgang mit heiligen und unheiligen Büchern im Judentum, in: Körte, Mona, Ortlieb, Cornelia (Hg.), Verbergen, Überschreiben, Zerreißen: Die Schicksale der Bücher, Berlin 2007, S. 123–141.

 

Weiterführende Links:

1800, April 22 – Regierungsverordnung im Auftrag des Kölner Erzbischofs Maximilian Franz von Österreich über die Lockerung von strafbewehrten Handelsbeschränkungen hinsichtlich auswärtiger Juden: Reskript der Erzstiftisch-Kölnischen Landesregierung zu Recklinghausen an den Stadtrat von Recklinghausen über die Abschaffung von Strafverfahren gegen Einwohner des Vestes Recklinghausen, die Rinder oder andere Waren an jüdische Viehhändler verkaufen.

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand I, S 3: Juden betreffend, Bl. 1-2, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Maximilian Franz von Gottes Gnaden Erzbischof von Köln, des heiligen Römischen Reiches durch Italien Erzkanzler und Kurfürst, geborener Legat des heiligen apostolischen Stuhls zu Rom, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund und Lothringen etc. Administrator des Hochmeisterthums in Preußen, Meister des deutschen Ordens in Deutsch- und Wälschen Landen, Bischof zu Münster, in Westphalen und zu Engern Herzog, Graf zu Habsburg und Tyrol, etc etc. Burggraf zu Stromberg, Herr zu Odenkirchen, Borkelohe, Freudenthal und Eulenberg etc.

Liebe Getreue! Da in dem hiesigen Veste, wie bekannt, keine Juden geduldet werden, so hat es sich wie uns zu vernehmen vorgekommen, mehrmalen zugetragen, daß wenn irgendwo ein anderwärts wohnender Jude ein Stück Rindtvieh oder eine andere Sache von hiesigen Unterthanen angekauft, der fiscus wider den Verkäufer aufgetreten, und mit verursachung mehrerer Kosten auf desselben bestrafung angetragen habe, da aber eine solche ausdehnung der vermeintlichen fiscal befügnisse der souvenienz so wenig als dem rechtlichen Sinn des gesezes angemeßen ist, und Uebertreibung in diesem Stücke zur beschwerniß der Unterthanen von selbst auffällt, so befelen wir, daß künftig hin solche fiscal Klagen gegen den etwaigen Verkäufer nicht mehr angenommen werden, und die unterthanen, wenn sonst nichts sträfliches untergelassen damit verschont bleiben sollen. wornach ihr euch in dem vorkommenden Willen zu verhalten habt. Wir sind euch mit Gnaden gewogen. Recklinghausen, am 22ten April 1800 ./.

Aus besonderem S[eine]r K[ur]f[ür]st[i][ch[e]n D[urc]hl[auch]t

g[nädi]gsten befehl

W. Hörster

an den hiesigen Stadrath.

Betrifft den Handel

mit den Juden

hier im Lande

Unsern lieben Getreuwen Bürger-

meister und Rath unserer Stadt Recklinghausen

praes[entatum] in Curia

am 1ten Marz 1800

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterführende Links:

1808, Januar 23: Rechtliches Ende der Judendiskriminierung im Vest Recklinghausen durch Edikt des Herzogs Prosper Ludwig von Arenberg über die Einführung des Code Napoléon in den Territorien des Herzogtums Arenberg

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand Herzoglich Arenbergisches Archiv, I A Nr. 59: Sammlung herzoglich Arenbergischer Gesetze, Verordnungen und Ausschreiben für Meppen, Recklinghausen und Dülmen vom Jahre 1802 – 1810, Bl. 94-97, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Der Code Napoléon (eigentlich: code civil des francais), das am 27. März 1804 in Paris verkündete Zivilgesetzbuch des Kaiserreiches Frankreich, galt im Europa des 19. Jahrhundert als vorbildlich-modernes, ja überragendes Gesetzeswerk moderner Staatlichkeit. Dieses sah vor, Standesprivilegien, rechtliche Benachteiligungen und feudale Abhängigkeiten wie etwa die Leibeigenschaft oder Erbuntertänigkeit durch Schaffung eines einheitlichen Bürgerlichen Rechts einzuebnen, welches unterschiedslos für alle Staatsangehörigen gelten sollte. Mit Einführung des Code Napoléon auch im Herzogtum Arenberg (enthält: 2281 Artikel, gegliedert nach den Materien: Personenrecht, Ehe und Vormundschaftsrecht, Sachenrecht, Eigentum, beschränkte dingliche Rechte, Eigentumserwerb, Erbschaften und Testamente, Schuldrecht) wurde eine entscheidende rechtsgeschichtliche Entwicklung vollzogen, durch welche das 1663 kodifizierte kurkölnische Landrecht nebst älteren kurkölnischen Edikten, Statuten, Verordnungen, Sonderregelungen und überkommenen Gewohnheitsrechten außer Kraft gesetzt wurde.

Dadurch fielen auch manche alten Bestimmungen religionspolitischen bzw. diskriminierenden Inhaltes weg, durch welche Minderheiten wie Juden oder Protestanten im Vest Recklinghausen nicht geduldet waren. Bürgerliche Rechtsgleichheit, uneingeschränkte Rechtsteilhabe sowie die vertrags- und wirtschaftliche Betätigungsfreiheit aller (männlichen) Staatsbürger waren die neuen Leitgedanken des aus den revolutionären Errungenschaften von 1789 erwachsenen Rechts- und Gesellschaftsbildes. Diese Innovationen des französischen Zivilrechts, die nun auch für alle Untertanen zwischen Emscher und Lippe gelten sollten, betrafen auch die formale Außerkraftsetzung der immer noch in Geltung stehenden kurkölnischen Judenordnung von 1700 (in älteren Fassungen bereits 1592, 1599 und – auch für das Vest Recklinghausen – 1614 erlassen, in Teilen noch bis 1787 ergänzt und erneuert). Diese unterwarf die Ansiedlung sowie Handel und Wandel von Juden in den kurfürstlichen Territorien strengen Auflagen und Restriktionen und untersagte jüdisches Leben im Vest Recklinghausen, das seit Ende 1802 unter Arenbergischer Herrschaft stand, praktisch gänzlich.

Artikel 11 des Arenbergischen Ediktes, mit welchem Einführung und Inkraftsetzung des Code Napoléon für den 1. Juli 1808 angekündigt (und später auf Februar 1809 verlegt) wurde, brachte diesen egalitären Ansatz unmissverständlich zum Ausdruck: Demnach sollte es im bürgerlichen Rechtsverkehr keinen Unterschied mehr zwischen Angehörigen verschiedener Religionen und Konfessionen geben. Hinzutrat eine herzogliche Einzelverordnung von September 1808, die auswärtigen Juden an den Grenzen der Arenbergischen Territorien keinen sog. Leibzoll mehr abverlangten und damit ein altes Handelshindernis abschafften.

Das Herzogtum Arenberg-Recklinghausen war eins der ersten deutschen Territorien, in denen das Französische Recht eingeführt wurde. Im vorliegenden Gesetzestext ist zwar nirgendwo ausdrücklich von den Juden und der Konsequenz ihrer rechtlichen Emanzipation die Rede, aber eine auf Dauer angelegte Niederlassung von Juden zwischen Emscher und Lippe, die seit Beginn des 17. Jahrhunderts erstmals keine pauschale Unterdrückung oder von Staats wegen angeordnete Ausweisung bzw. Vertreibung mehr zu befürchten hatten, konnte auf dieser Grundlage ab 1808/09 beginnen. Bemerkenswert auch, dass in dem Edikt das Recht auf freie Ausübung der Religion gewährt wird.

Das französische Zivilgesetzbuch, das in einer 1807 in Koblenz erschienenen deutschen Übersetzung bei der Rechtsprechung in Dorsten und Recklinghausen zur Anwendung kommen sollte, galt in der hiesigen Region zwar nur bis 1814/15. Doch konnte auch der verwaltungsrechtliche Übertritt des Vestes Recklinghausen in die neu geschaffene preußische Provinz Westfalen (1815) und die Einführung des Allgemeinen Preußischen Landrechts die einmal begonnene Entwicklung der Judenemanzipation nicht mehr umkehren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterführende Links:

1812, März 11 – Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate 

Quelle: Preußische Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten 1812, No. 5, S. 17-22. (Abb. aus dem Exemplar des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen, Signatur: J 90 (St.A.)), Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Mit dem in Berlin verfassten Edikt Königs Friedrich Wilhelms III. betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate vom 11.  März 1812 wurden die in Preußen ansässigen Einwohner jüdischen Glaubens auf Antrag preußische Staatsbürger. Es löste das noch von Friedrich II. erlassene Revidierte General-Privileg von 1750 ab und gilt als wichtigster Schritt zur rechtlichen Gleichstellung der Juden in Preußen. Damit wurden die zu diesem Zeitpunkt dort wohnhaften und erwerbstätigen Juden juristisch nicht mehr als Fremde, die unter besonderem Recht (d.h. unter der Kuratel der sog. Schutzbriefe) zu stehen hatten, sondern als ‚Inländer‘, d.h. als preußische Staatsbürger eingestuft. So unterschieden sie sich bürgerrechtlich in weiten Teilen nicht mehr von den übrigen Untertanen – sogar Militärdienst war nun möglich bzw. verpflichtend, ebenso wie die Zulassung zum Lehrerberuf, zum Universitätsstudium  oder zu öffentlichen Gemeindeämtern

Ein weiterer wichtiger Faktor im historischen Hintergrund war die 1781 entstandene Denkschrift des preußischen Kriegsrates Christian Wilhelm von Dohm „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden, die in einem Neun-Punkte-Programm rechtlich und ökonomisch Trennendes und Diskriminierendes im Zusammenleben zwischen preußischen Juden und Christen einebnen wollte.

Das insgesamt 39 Paragrafen enthaltende Edikt enthielt auch Auflagen und Einschränkungen, die in der Folgezeit in Einzelverfügungen noch verschärft wurden. Einer der wichtigsten Bestimmungen für die Angleichung der jüdischen Lebensverhältnisse an die der christlichen Mehrheitsbevölkerung war jedenfalls die Bestimmung, sich ein für alle Mal feststehende, über Generationen unveränderliche Familiennamen zuzulegen und diese amtlich und buchstäblich „bei der Obrigkeit seines Wohnortes“ (also bei den Bürgermeistern) dokumentieren und festschreiben zu lassen – so nachzulesen in Paragraf 2 und 3 des Ediktes, das die Integration der Juden in das deutsche Namenssystem binnen sechs Monaten vorsah, wodurch der betreffende Jude und seine Familie ein „Zeugnis“ erhalten solle, „daß er Einländer und Staatsbürger sey“.

Absicht und Ziel dieses Emanzipationsediktes war also die möglichst weitgehende soziale, kulturelle, rechtliche, wirtschaftliche Assimilation der Juden. Das Edikt war nicht in allen Teilen Preußens – die Provinz Posen wies häufig Sonderregelungen auf – gültig, so dass zunächst kein einheitliches Recht entstand. Für die Juden in Stadt und Vest Recklinghausen, die nach Untergang des kurkölnischen Staates im Jahre 1802 zunächst nur sehr vereinzelt in die Emscher-Lippe-Region kamen, erhielt dieses grundlegende Edikt uneingeschränkte Gültigkeit, nachdem 1815 Westfalen staats- und völkerrechtlich an Preußen gelangte, wodurch im Augst 1816 die preußische Provinz Westfalen und der Kreis Recklinghausen eingerichtet wurden. Die beiden ersten Juden, die sich nach 1808 in der Stadt Recklinghausen niederließen, die beiden aus Castrop stammenden Metzger Jonas Cosmann und Joseph May, hatten diesen zukunftsträchtigen Verwaltungsakt problemlos absolviert; der bekannte und hochangesehene Name Cosmann wird die Wirtschaftsgeschichte Recklinghausens bis 1933 begleiten. Das Edikt wurde nach mehreren Novellierungen am 23. Juli 1847 durch das Gesetz über die Verhältnisse der Juden aufgehoben (sieh dort).

Weiterführende Links:

1816 – Erste namentliche Erfassung der in Recklinghausen lebenden Juden durch die preußische Verwaltung

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 100, Bl. 3 und 5, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

An den Herrn Bürgermeister

zu Recklinghausen

 

Ich ersuche mir in der möglichst kürzesten Frist ein Verzeichniß der in Ihrem Bezirks wohnenden Jüdischen Familien einzureichen, dieses Verzeichniß muß die Zahl und Nahmen dieser Familien enthalten, und in duplo eingesandt werden.

 

Westerholt, den 11ten May 1816

Unterschrift Graf von Westerholt-Gysenberg

No. 56.                                   Kreis Commissarius

Praesentatum 12 May 16, No. 502

Laufende Nr. Vornamen Zunamen Geburtsort Stand Bemerkungen
1 a Jonas Cosmann Dorstfeld Handelsmann
   b Sophie Jacob Heiden Ehefrau
2 Joseph May Elshoff Metzger
  b Sarah May – //- Schwester des Vorigen

Recklinghausen, am 18. May 1816

1818 – Weisung des Landrates des Kreises Recklinghausen, Wilhelm Josef Graf von Westerholt-Gysenberg, an den Recklinghäuser Bürgermeister Joseph Wulff zur Erhebung von Umlagebeiträgen der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Recklinghausen für das Gehalt des Landrabbiners Abraham Sutro im Januar jedes Jahres.

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 101, Bl. 9 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

In Bezug auf meiner Verfügung vom 3ten Nr. 1762 No 3347 trage ich Ihnen auf, die Beiträge der Juden Ihres Bezirks zu dem Gehalt des Landrabinners von jedem Jahr für die Zukunft, jedesmal im ersten Monate nach Ablauf  deßelben beizutreiben und an den Juden Vorsteher Jonas Cosmann in Recklinghausen einzusenden.

Westerholt 19. December 1818

der landräthliche Com[m]ißar

In Abwesenheit

Der delegierte Secretair

de Weldige

Praes[entatum] 24/12 18.

An

den H[errn] B[ür]g[er]m[ei]st[er] Wulff

zu Recklinghausen

No. 3749

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterführende Links:

1818 – Frühform städtischen Einwohnermeldewesens, bezogen auf neu zugezogene Juden, die bei Bürgern Recklinghausens zur Miete wohnen.

Hier: Bescheinigung des schriftunkundigen Recklinghäuser Bäckers Ludwig Schachtmann, Große Geldstraße 14, für den Mieter Moyses Klein, geb. ca. 1795 in Elsoff (heute: Stadtteil von Bad Berleburg, Kreis Siegen)

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 100, Bl. 18 r., Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

daß Moyses Klein aus Elzoff Kreises Wittgenstein, bey mir sich eingeheuert, und einige Zimmer gemietet hat; bescheinigt statt Namens Schrift durch diese drei + + + Zeichen.

Recklinghausen, den 25ten October 1819.

daß der Bäcker Ludwich Schachtmann diese Kreuzzeichen untergezogen habe, bezeugen

[Unterschrift ] B.J. Schlemmer

[Unterschrift] Joseph Droste

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterführende Links:

1825 – Heiratserlaubnis für ein jüdisches Paar nur mit Nachweis eines behördlich zugelassenen Berufes des Bräutigams und mit ausreichendem Vermögen nebst Führungszeugnis der aus dem Ausland stammenden Braut.

Weisung der Königlichen Regierung Münster, Abteilung I, an den Landrat des Kreises Recklinghausen zwecks Erkundigungen des Recklinghäuser Bürgermeisters Joseph Wulff über den Beruf des Hirsch Levi Klein in Recklinghausen sowie über Führungszeugnis und Mitgift der Jette Kugelman (Tochter des jüdischen Viehhändlers Wolf Kugelman aus Wohra, Großherzogtum Hessen, heute: Gemünden, Landkreis Marburg-Biedenkopf).

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 100, Bl. 35 r., Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Abschrift

pr[aesentatum] 21/4 4355

pr[aesentatum] 23/4 377

Sie werden angewiesen, über den Handel des Hirsch Levi Klein zu Recklinghausen nähere Erkundigung einzuziehen, und wenn selbiger nicht bloß im Schacherhandel besteht, sich gleichzeitig nachweisen zu lassen, welches Vermögen dessen Braut, die Jette Kugelman aus Wohra ihm mitbringt und welche Wohlverhaltens Atteste dieselbe besitzt. Nach Beibringung dieser Erfordernisse können Sie dem Klein die Erlaubniß zur Verheirathung resp. Trauung mit der Kugelman ertheilen.

Münster, d[en] 14ten April 1825

Königliche Regierung I

gez[eichnet] v. Druffel   Schefferboichert   Gr[af] Merveldt   Geiling

 

An den Landräthlichen Commissar Herren Grafen v[on] Westerholt

zu Westerholt

 

No. 2695 A.

pol: 8

br[evi] m[anu] sub f[ranca] r[emissione] an den Herren Bürgermeister Wulff in Recklinghausen zur Berichtserstattung über den Handel des Hirsch Levi Klein und Einsendung der zu erfordernden Vermögensnachweise und Wohlverhaltungs zeugniße seiner Braut in 3 Wochen.

 

Westerholt, 21. April 1825

Landräthliche Behörde

[Unterschrift] de Weldige

 

Weiterführende Links:

1826 – kommunalpolizeiliche Heiratserlaubnis für das unbescholtene und vermögende jüdische Paar Isaac Leser und Lena Herz, wohnhaft in Recklinghausen, ausgestellt durch den Bürgermeister der Stadt Recklinghausen

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 100, Bl. 37 r., Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Nachdem der hiesige Handelsmann Isaac Leser hier angezeigt, daß er beabsichtigt die Lena Herz, Wittwe des Salomon Hochheimer aus Bockholt zu heirathen, und zu diesem Ende die  vorgeschrieben Einwilligung der hohen landräthlichen Behörde nachzusuchen, wird ihm seinem Verlangen gemäß hierdurch pflichtmäßig bescheinigt, daß gegen diese seine Verheirathung in polizeilicher Hinsicht nichts zu erinnern steht, das der Isaac Leser ein bekanntlich begüterter Mann, auch seine Braut aus einem Orte ist, der mit der hiesigen Gegend eine gleiche Juden Verfassung hat.

(Locus Sigilli)              Recklinghausen, 15/4 26

Der Bürgermeister

 

 

 

 

 

 

 

 

1826 – Streit in der Gemeinde: Schreiben des Abraham Sutro, sog. Landrabbiner in den nördlichen Teilen der preußischen Provinz Westfalen, an den Recklinghäuser Bürgermeister Joseph Wulff über Zwietracht innerhalb der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen nebst Bitte um Wahl und Zuweisung eines geeigneten Betraumes

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 103, Bl. 1 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen. 

Mit Bedauern habe ich vernommen, daß unter den Mitgliedern der israelitischen Gemeinde zu Recklinghausen solche Zwietracht und Uneinigkeit obwaltet, daß sie so gar in zwei verschiedenen Häusern nemlich bei Levi Michel und bei Isaac Leser öffentlichen Gottesdienst halten.

Da nun dies durchaus widergesetzlich ist, so ersuche ich Ew[er] Wohlgeboren diese Sache gefälligst untersuchen zu wollen, um beide Locale besichtigen zu laßen, und dasjenige Local welches Ew[er] Wohlgeboren am geeignetsten erachtet soll auch bis dahin das die Gemeinde ein Anderes hierzu schickliches Zimmer miethet, zum öffentlichen Gottesdienste gebraucht werden, das Andere aber auf dero Befehl verschlossen bleiben.

Münster den 5ten October 1826

Der Land Rabbiner

[Unterschrift] Abraham Sutro

An

den Königlichen Wohllöblichen Bürgermeister Herrn Wulff

in Recklinghausen

 

 

 

 

 

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1832 – Maßnahme der Marks-Haindorf-Stiftung zur Förderung und Integration junger, mittelloser Juden in Recklinghausen durch Erlernung von Handwerksberufen: Korrespondenz zwischen Dr. med. Alexander Haindorf und dem Recklinghäuser Bürgermeister Joseph Wulff betr. Unterstützung beim Abschluss eines Lehrlingsvertrages für Isaac Jonas Cosmann, Stiefsohn des Levy Michel (Vorbeter der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen)

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 102 (Acta generalia et specialia Verein zur Verbreitung von Handwerken und Künsten unter den Juden und zur Errichtung einer Schulanstalt für dieselben (Mark-Haindorf‘sche-Stiftung), Bl. 10 r – vpr[aesentatum] 7/4. 380, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Der Levy Michel daselbst ersuchte uns in diesem Tagen seinem zweiten 14jährigen Sohn auf unsere Kosten das Kupferschläger-Handwerk erlernen zu lassen. da der Knabe zu diesem Gewerbe Lust bezeige, zwei Meister dort wären, die zu dessen Annahme in die Lehre geneigt seien, er, der Vater, aber nicht in den Vermögens-Umständen lebe, um die Kosten bestreiten zu können. Bei der Wahrheit dieser Mittheilung und bei des Supplicanten Ansprüche auf unsere Unterstützung, was Beides, wir Ihrer Beurtheilung überlaßen müssen, geht unsre ergebenen Bitte an Ew[er] Wohlgeboren dahin, den Herrn Michel gütig zu bescheiden, daß wir seinen Sohn wohl als Lehrling aufnehmen wollen, wen[n] die Kosten sich nicht zu bedeutend stellen. Jedenfalls liegt es aber ihm ob, die freie Beköstigung des Knaben zu besorgen und wollen wir als dan[n] das betreff[ende] Lehrgeld bestreiten, zu welchem Ende Ewer Wohlgeboren gütigst mit dem Meister, den der Herrn Michel Ihnen zu bezeichnen hat, unterhandeln, die gegenseitige Bedingungen abschließen und uns / nebst Armuths- und Wohlverhaltungs-Attest des Knaben / zur Ertheilung unsrer Genehmigung geneigtest einsenden zu wollen.

Münster den 1t[e]n März 1832

Verein zur Errichtung einer Schulanstalt und zur Beförderung von Handwerken unter den Juden.

[Unterschrift] Dr. Alexander Haindorf

 

An

den Herrn Bürgerm[ei]st[e]r Wulff

Wohlgeboren

in Recklinghausen.                                                    verte

Daß der jüdische Knabe Isaac Jonas ehelicher Sohn des verstorbenen Jonas Cossmann hierselbst stets einen moralisch guten Lebenswandel geführt habe, nicht das mindeste Vermögen besitzt, sondern durchaus arm sei, wird von Amts wegen hiermit bescheinigt.

Recklinghausen, 20. März 1832

Der Bürgermeister

an den Verein zur …

in Münster

No 248

Einem … Verein überreiche ich hierneben zufolge gefälliger Requisition vom 1. huius den, mit dem Kupferschläger Fr[riedrich] Middelmann abgeschlossenen Kontrakt wegen Uebernahme des Isaac Jonas in die Lehre zur gefälligen Bestätigung, und füge das verlangte Wohlverhaltungs- und Armuths-Attest hierbei. Was den Lehrlohn betrifft, so bemerke ich, daß derselbe hier nicht geringer hat erlangt werden können, vielmehr von dem hier noch vorhandenen andern Meister zehn Thaler mehr gefordert worden seien.

Recklinghausen, 20. März 1832

der Bürgermeister

[Unterschrift] J[oseph] Wulff

 

 

 

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1833 – Integration und Förderung der westfälischen Juden durch Schulbildung, Berufs- und Lehrerausbildung: 

Entwurf eines Spendenaufrufs des Recklinghäuser Bürgermeisters Joseph Wulff an die Recklinghäuser Bürgerschaft zur finanziellen Unterstützung des „Vereins zur Beförderung von Handwerken und Künsten unter den Juden und zur Errichtung einer Schul-Anstalt, worin arme und verwaisete Kinder unterrichtet und künftige jüdische Schullehrer gebildet werden sollen“ (Gründung in Münster am 28. November 1825, ab 1866: sog. Marks-Haindorf-Stiftung, Körperschaft öffentlichen Rechts), mit tabellarischem Spendenverzeichnis

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 102 (Acta generalia et specialia Verein zur Verbreitung von Handwerken und Künsten unter den Juden und zur Errichtung einer Schulanstalt für dieselben (Mark-Haindorf‘sche-Stiftung)), Bl. 14 r-v., Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Einladung

Aus dem, zur Einsicht beigebogenen, sechsten Jahres-Bericht über den Verein zur Bildung von Elementar-Lehrern und Beförderung von Handwerken und Künsten unter den Juden wird ein geachtetes Publikum ersehen, welche Fortschritte diese Anstalt bei den bisherigen geringen Mitteln in wenigen Jahren gemacht hat. Das rege, löbliche Bestreben dieses Instituts zur Veredelung und zeitgemäßer Ausbildung eines ganzen, seither in der größten Verworfenheit unter uns lebenden Volksstammes ist wahrlich ein Gegenstand der unsere ungetheilteste Aufmerksamkeit und Mithülfe, unser ganzes Wohlwollen in Anspruch nim[m]t. Indessen wird das vorgesteckte Ziel nur dann vollkommen erreicht werden können, wenn das Publikum dieser Anstalt diejenige thätige Theilnahme und Mitwirkung zuwendet, deren sie zu ihrem Aufblühen bedarf.

Im Auftrage meiner vorgesetzten Behörde lade ich daher sämmtliche Menschenfreunde ergebenst ein, zu diesem Behuf nach ihren Kräften reichliche Beiträge zu spenden, und den Betrag derselben in das umstehende Verzeichnis selbst gefällig einzuschreiben.

Die Anerkennung der höheren Behörde, der Dank eines aus seiner sittlichen Verdorbenheit geretteten Volkes, so wie das wohltuende Gefühl, was der stete Begleiter edler Handlungen ist, würde der Lohn der freundlichen Geber sein.

Recklinghausen, 12. Februar 1833,

der Bürgermeister

[Unterschrift] J[oseph] Wulff

 

 

Lfd. Nr.NamenCharakter,
Stand oder
Gewerbe
WohnortSubscriptions
a.
jährlich
Betrag
b.
für ein Mal
Thaler SilbergroschenThaler Silbergroschen

Literatur:

Siegfried Braun: Die Marks-Haindorfsche Stiftung, in: Hans Chanoch Meyer (Hg.): Aus Geschichte und Leben der Juden in Westfalen. Eine Sammelschrift. Frankfurt 1962, S. 47-54.

Susanne Freund: Jüdische Bildungsgeschichte zwischen Emanzipation und Ausgrenzung – Das Beispiel der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster (1825–1942), Münster / Paderborn 1997.

Hans-Joachim Schoeps: Alexander Haindorf (1784–1862), in: Westfälische Lebensbilder, Bd. 11, Münster 1975, S. 97-111.

 

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1835 – Freizügigkeit als Voraussetzung für Assimilation und Integration der Juden in Westfalen. Schreiben an den Bürgermeister von Datteln und Recklinghausen über die erweiterte Niederlassungsfreiheit für Juden in den preußischen Westprovinzen

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 105, Bl. 5 r., Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

In Folge höherer Verfügung ist das Ueberziehen der Juden in den dies seitigen Regierungs-Bezirk gestattet

1. Aus dem Theile des Regierungsbezirks Minden, welcher ehedem französisch gewesen, also nicht zum vormaligen Königreich Westphalen gehört hat

2. Aus dem Theile des Regierungsbezirkes Arnsberg, welcher früher zum Großherzogthum Berg gehörte,

3. Aus denjenigen Theilen der Rhein-Provinz, welche vormals entweder Framzösisch oder Bergisch gewesen sind von allen übrigen Ländertheilen der Rhein-Provinz und der Provinz Westphalen wird angenommen, daß daselbst eine von der hiesigen abweichenden Juden Verfassung bestehe.

Welheim 24. April 1835

der Landrath

Abwesend

der Kreis–Secretair

Diening

An den Bürgermeister

Reif zu Datteln

Banniza Recklinghausen

No. 2052

1836 – Ausgrenzung durch Namensgebung:

Königliches Verbot des Führens christlicher Vornamens durch Juden in Preußen

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 100, Bl. 50 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Abschrift

Des Königs Majestät haben schon früher anbefohlen, daß den Juden nicht gestattet sein soll, christliche Taufnamen als Vornamen zu führen und haben gegenwärtig angeordnet, daß dieser  Befehl allgemein eingeschärft werden soll.

Wir veranlaßen Sie, dies den Synagogen und Cultus Beamten der Juden, als ein ausdrückliches Allerhöchstes Verbot bekannt zu machen und darauf zu halten, daß künftig keinem Juden ein  christlicher Vorname beigelegt werde.

Münster 24. August 1836

Königliche Regierung, Abtheilung des Innern

An

den Herrn Landrath Devens

zu Welheim

No. 6809

 

 

 

Abschrift zur Nachricht und Achtung

Welheim, 30. August 1836

Der Landrath

gez. Devens

An

die Herren Bürgermeister

Tosse zu Buer

Banniza zu Recklinghausen pr. 3.9. 1439 und eodem nach Waltrop gesandt

Leppelman Waltrop

No. 3599

1841 – Regierungsanweisung an die Stadt Recklinghausen, gegenüber den Juden ein modifiziertes Verbot auszusprechen, bestimmte christliche Vornamen zu führen

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 100, Bl. 57 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Des Königs Majestät haben durch Allerhöchste Ordre Vom 9ten des Monats das seitherige Verbot des Gebrauchs christlicher Vornamen für die Juden dahin zu erklären geruht, daß den Juden nur solche Namen ihren Kindern beyzulegen verboten seyn soll, welche mit der christlichen Religion in Beziehung stehen. Dahin gehören alle Vornamen, die sich, wie Renatus, Anastos, Baptist, Peter, auf eigenthümliche Dogmen der christlichen Kirche beziehen, so wie die von dem Namen des Erlösers hergeleiteten oder damit zusammen-hängenden Vornamen, wie Christoph, Christian u.s.w.

In Verfolg der Verfügung vom 24. August 1836 veranlassen wir den Magistrat hiernach die jüdischen Cultusbeamten mit Anweisung zu versehen und auf Befolgung der Allerhöchsten Vorschrift zu achten.

Münster, den 16. April 1841

Königliche Regierung, Abtheilung des Innern

Rüdiger

Brevi manu dem Levi Michels als Vorsteher

der hiesigen jüdischen Gemeinde vorzuzeigen

Recklingh[ausen]. 14 Mai 1841

der Bürgermeister

gelesen Levi Michel

An den Magistrat

  1. 4856 A zu Recklinghausen

1843 – Unterstützung für bedürftige Jüdische Schüler am Gymnasium Petrinum in Recklinghausen  

Antrag der Stadt Recklinghausen an den „Verein zur Beförderung von Handwerken und Künsten unter den Juden“ (gegründet in Münster am 28. November 1825) zwecks Ausstattung des in Armut lebenden Recklinghäuser Gymnasiasten Jacob Levi mit geeigneter Winterkleidung

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 102 (Acta generalia et specialia Verein zur Verbreitung von Handwerken und Künsten unter den Juden und zur Errichtung einer Schulanstalt für dieselben (Mark-Haindorf‘sche-Stiftung), Bl. 56 r-v, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

An

den wohllöblichen Verein für die Provinz Westfahlen zur Verbreitung von Handwerken und Künsten unter den Juden.

———————————————————————

Der Jacob Levi Sohn des Gelehrten Levi Michels, 16 Jahre als besucht seit 4 Jahren das hiesige Gymnasium mit dem Vorsatze, sich zum Lehrerstande auszubilden. Wegen guter Führung und guter Fortschritte ist demselben vom Curatorio zwar die Zahlung des Schulgeldes erlassen, da dasselbe aber nicht die Mittel hat, ihm fernere Wohltaten zu erzeigen, es dem Jacob Levi bei der so großen Armuth der Eltern jedoch an allem, vorzüglich an warmen Kleidungsstücken mangelt, indem derselbe nichts als eine baumwollene Sommerkleidung hat, so ersuchen wir Einen Wohllöblichen Verein ergebenst, wo möglichst dem armen Jacob Levieinen Tuchrock

  1. einen Tuchrock
  2. eine Hose
  3. eine Weste
  4. ein Paar Schuhe oder Stiefel
  5. ein Paar Strümpfe
  6. einige Hemden

anschaffen zu wollen. Wir sind überzeugt, daß er diese Wohlthaten in der Folge wieder zurück erstatten wird, und daß er derselben wohl wohl würdig sei, das beurkundet daß anliegende Zeugniß des hies[igen] Gymnasialdirectors

Nieberding.

Reckl[ing]h[ausen], den 6. Dec[em]br[is] 1843

Der Magistrat

Literatur:

Siegfried Braun: Die Marks-Haindorfsche Stiftung, in: Hans Chanoch Meyer (Hg.): Aus Geschichte und Leben der Juden in Westfalen. Eine Sammelschrift. Frankfurt 1962, S. 47-54.

Susanne Freund: Jüdische Bildungsgeschichte zwischen Emanzipation und Ausgrenzung – Das Beispiel der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster (1825–1942), Münster / Paderborn 1997.

Jan Henning Peters: Jüdische Schüler am Petrinum in Recklinghausen. Zwischen Assimilation und Vertreibung. Unveröffentlichtes Manuskript, Recklinghausen 1990.

Hans-Joachim Schoeps: Alexander Haindorf (1784–1862), in: Westfälische Lebensbilder, Bd. 11, Münster 1975, S. 97-111.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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1845, 31. Oktober – Kabinettsordre des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. betr. Annahme und Festschreibung vererblicher Familiennamen seitens der jüdischen Bevölkerung in bestimmten preußischen Landesteilen 

Quelle: Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten 1846, No. 36, S. 682. (Abb. aus dem Exemplar des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen, Signatur: J 90 (St.A.)), Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Jahre nach der 1815/16 vollzogenen preußischen Annexion bestimmter ehemaliger Fürstentümer und untergegangener Territorien im Rheinland und in Westfalen entstanden in einigen Regionen Rechts- und Verwaltungsunsicherheiten über die Frage, ob Bestimmungen des Emanzipationsediktes von 1812 (siehe dort) ursprünglich, ausdrücklich und uneingeschränkt auch für die neu eingerichteten Provinz Westfalen mit ihren drei Regierungsbezirken, Arnsberg, Minden und Münster gelten. Insbesondere bei der in § 2 formulierten Norm, nach welcher die Juden nach Vorbild der christlichen Mehrheitsbevölkerung feststehende und vererbliche Familiennamen annehmen und diese amtlich dokumentieren lassen sollen, gab es Klärungs- und Nachholbedarf. Diese Vorschrift war nämlich insbesondere in den Kreisen Tecklenburg, Recklinghausen und Steinfurt noch nicht lückenlos und flächendeckend befolgt worden; hinzukam die Frage, ob das Vorkommen diverser jüdischer Familiennamen neueren Typs bereits überall ausdrücklich von den zuständigen preußischen Behörden genehmigt worden war.

Aus diesem Grunde kam es am 31. Oktober 1845 zu einer erneuten monarchischen Anweisung in dieser Angelegenheit, die das Ganze noch einmal verpflichtend machte. Diese Vorschrift, die im Range eines Gesetzes auftrat, setzte eine mit Bußgeld bewehrte Halbjahresfrist für ihre endgültige Umsetzung fest. Anders als in der Stadt Recklinghausen, wo schon seit den 1810er-Jahren die modernen Familiennamen Cosmann, Jacob und May etabliert waren, gab es im Kreis Recklinghausen resp. im Einzugsbereich der sieben Jahre später (1853) eingerichteten Synagogengemeinde Recklinghausen (d.h. in Wulfen, Datteln, Horneburg, Waltrop, Ahsen, besonders viele Fälle übrigens auch in Dorsten) noch immer einige ‚unerledigte‘ Altfälle. Diese waren weiterhin der Tradition der patronymischen Namensgebung gefolgt, indem sie dem Namen eines Kindes den Namen des Vaters als Beinamen hinzufügten. Diese Restbestände, die vornehmlich hebräische Namen aus dem Fundus des Tenach vorwiesen, sollten nun aber einer baldigen Lösung im Sinne der Kabinettsordre von 1846 zugeführt werden.

Wie hoch von Amts wegen die Bedeutung dieser Norm eingeschätzt wurde, ist auch einer neun Monate später, d.h. am 25. Juli 1846 erschienenen Sonderbeilege (“Extrablatt“) des Amtsblattes der Königlichen Regierung Münster zu entnehmen. Diese legte auf Anweisung des preußischen Innenministeriums vom 20. November 1845 eine vollständige und endgültige Liste mit den Namen der Haushaltsvorstände aller 536 jüdischen Familien im Regierungsbezirk Münster vor und dokumentierte dabei auch, welche Familiennamen als modernes bürgerliches Attribut nun für zulässig gehalten sowie irreversibel gewählt, gegebenenfalls behördlich noch einmal bestätigt und damit endgültig festgeschrieben werden sollten. Folge: Ab 1846 treten sämtliche jüdische Familien im Kreis Recklinghausen nur noch mit ihren individuell gewählten (und vom Regierungspräsidenten einzeln genehmigten) Nachnamen auf. Und als im Herbst 1853 die konstituierende Versammlung zur Bildung der Synagogengemeinde Recklinghausen zusammentrat, waren die neuen Familiennamen bereits ausnahmslos etabliert.

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1847, Juli 23 – Das Preußisches Gesetz über die Verhältnisse der Juden schreibt die Gründung von Synagogengemeinden vor  

Quelle: Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten 1847, No. 30, S. 263-278. (Abb. aus dem Exemplar des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen, Signatur: J 90 (St.A.)), Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen. 

Das umfangreiche Gesetz, das 73 Paragraphen einschließlich einiger Sonderregelungen für die Provinz Posen enthält, löst das Königliche Judenedikt von 1812 ab (siehe dort), mit dem die rechtliche Emanzipation der Juden on Preußen begann. Im Ersten Abschnitt regelt es detailreich das bürgerliche und wirtschaftliche Leben der preußischen Juden. Gewährt wird die Zulassung und Zugänglichkeit zu den meisten akademischen Studiengängen und Berufen – eine wichtige Ausnahme bilden nur die juristischen Berufe – und die Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit. Erneut wird den Juden eingeschärft, erbliche Familiennamen zu tragen; hinzu kommt die Anweisung, Geschäfts- und Verwaltungsschriftgut nur mehr in deutscher Sprache und in lateinischer Schrift zu verfassen – Zuwiderhandlungen sollen mit der einer Geldstrafe geahndet werden.

Neu und wegweisend für das Rechtsleben, den Rechtsalltag und das Zusammenleben von Juden und Christen in Preußen ist die Bestimmung, nach welcher jüdische Zeugenaussagen und Zeugenbeweise in ihrer Glaubwürdigkeit allen anderen Beweismitteln gleichgestellt werden sollen. Preußische Gerichten obliegt die neue Aufgabe, Zivilstandsregister für die jüdische Bevölkerung einrichten, in denen Geburten, Eheschließungen und Todesfälle dokumentiert werden – eine Errungenschaft moderner Lokalverwaltung, die erst 1874/75 auf die gesamte deutsche Bevölkerung ausdehnt wird.

Ein wichtiger Zweiter Abschnitt widmet sich den „Kultus- und Unterrichtsgelegenheiten der Juden“, damit den Grundlagen, Bedingungen und Ausformungen innerjüdischer Gemeindeverfassung. Dieses Organisationstatut sieht verpflichtend vor, dass die Juden nach Maßgabe der Orts- und Bevölkerungsverhältnisse und mit Genehmigung der Bezirksregierungen lokale oder regionale Synagogengemeinden („Judenschaften“) gründen und jeder Jude/jede Jüdin in Preußen einer solchen Gemeinde angehören soll. Diese Synagogengemeinden erhalten in Bezug auf ihr Budgetrecht und ihre Vermögensverhältnisse die Rechtsqualität juristischer Personen, werden in diesem Punkt den Kirchen gleichgestellt. Grundstücksgeschäfte und Aufnahme von Krediten obliegen der Genehmigung durch die preußische Landesverwaltung.

Das Gesetz regelt auch die zahlenmäßige Zusammensetzung der Gemeindevertretung (bestehend aus einem ehrenamtlichen Vorstand und maximal 21 Repräsentanten, die die Synagogengemeinde gegenüber der nicht-jüdischen Öffentlichkeit, vor allem gegenüber staatlichen bzw. kommunalen Stellen verkörpern), die Wahl der Funktionsträger und die Funktionsweise ihrer Organe. Die Synagogengemeinden konnten sich eigene Statuten geben, welche vom Oberpräsidenten der preußischen Provinzen zu genehmigen waren. Die Königliche Bezirksregierung (für Recklinghausen: der Regierungspräsident in Münster) führt Aufsicht über die einzelnen Synagogengemeinden und hat die Befugnis einzugreifen, sofern einzelne Bestimmungen des Gesetzes oder die Vorgaben für die Organe und Amtsinhaber nicht beachtet werden.

Das Gesetz sieht ferner vor, dass jüdische Kinder ausnahmslos allgemeiner preußischer Schulpflicht unterliegen und in die örtlichen Elementarschulen einzuschulen sind, die Ausübung jüdischen Religionsunterrichtes jedoch in der Verantwortlichkeit der Synagogengemeinden liegt. Überdies räumt das Gesetz die Möglichkeit ein, unter Aufsicht der preußischen Provinzialschulverwaltung rein jüdische Elementarschulen einzurichten, in denen ausschließlich in deutscher Sprache zu unterrichten sei.

Dieses Gesetz, insbesondere die Bestimmungen des Zweiten Teils, blieb bis ins 20. Jahrhundert Grundlage für die äußere Verfassung der Synagogengemeinde Recklinghausen. Das Jahr 1847 markiert auch die Phase beschleunigter Modernisierung, Assimilierung, Integration und Emanzipation des preußischen Judentums und eine zeitweilige Zurückdrängung antisemitischer Tendenzen, die von der Jahrhundertmitte bis in Bismarckzeit reicht. Im Gefolge dieses Gesetzes wird 1853 die Synagogengemeinde Recklinghausen gegründet. Zu ihr gehörten auch die Juden in Datteln, Ahsen, Waltrop, Flaesheim, Henrichenburg, Herten und Horneburg. Alle rechtlichen und geschäftlichen Kontakte der Synagogengemeinde Recklinghausen mit kommunalen oder regionalen Verwaltungsinstanzen vollzogen sich bis zu Beginn der NS-Zeit auf Grundlage des Gesetzes von 1847.

Weiterführende Links:

1848 – Mitteilung des Landrates Friedrich Carl Devens an den Recklinghäuser Bürgermeister Franz Bracht betreffend das Führen von Familienstands-registern der Juden in Recklinghausen durch das Kreisgericht Recklinghausen und die Erhebung von Abgaben zur Unterstützung von Hebammen

Quelle: Stadt – und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand III, Nr. 107, Bl. 16 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Die Bestimmung des § 8 des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli v[origen] J[ahres] (Ges. Samml[ung] P[agina] 263) entbindet für die Zukunft die Ortsbehörden von der denselben nach Verfügung vom 8. Januar 1822 (N 10926 A Amtsbl[att] pro 1822 pag[ina] 29) obliegenden Verpflichtung zur Führung der Register über die unter den Juden vorkommenden Geburts= Heirats= und Sterbefälle. Die Einziehung der Hebammen Unterstützungsgelder verbleibt aber der Ortsbehörde, da zwischen der Führung der jüdischen Familienstandsregister und der Einziehung jener Gelder ein innerer Zusammenhang nicht besteht, letztere mithin auf die Justiz Behörde nicht übergegangen ist.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, eröffnen wir Vorstehendes Ew[er] Wohlgeboren

Münster 19 Februar 1848.

Königl[iche] Regierung. Abth[eilung] des Inneren

[von] Notze.

An

den H[er]r[n] Landrat Devens

pp Welheim

N 12 I I[n]M[argine]

Circulirt bei den Ortsbehörden

  1. zu Recklingh[ausen] pr[aesentatum]. 4/3 48 N Bracht
  2. Niering

Zur Kenntnisname und Beachtung

Welheim 28. Februar 1848

Devens

1849 – Zirkularverfügung der Königlichen Regierung Münster an die Stadt Recklinghausen über die privatrechtliche Autonomie der Jüdischen Gemeinde bezüglich ihrer Vermögensverwaltung, veranlasst durch eine auch in Recklinghausen durchzuführende Kollekte für den Neubau einer Synagoge in Vlotho (Kreis Herford)

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 107, Bl. 18 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Dem Magistrat wird auf die Anfrage vom 26ten d[es] M[onats], ob die im Amtsblatt N 25 angekündigte Haus-Collecte bei den jüdischen Familien zum Neubau einer Synagoge in Vlotho, wie die Collecten für anderweitige Zwecke zu controlliren sind? erwidert, daß, da nach den allgemeinen Grundsätzen die Judenschaften nur als Privat Gesellschaften betrachtet werden, um deren Vermögensverwaltung der Staat sich nicht bekümmert, es lediglich den Bekennern des mosaischen Glaubens zu überlassen ist, die Sammlung durch eines ihrer Mitglieder zu veranstalten und den Ertrag derjenigen Judenschaft zu übersenden, zu deren Vortheil die Collecte bewilligt worden ist.

Münster den 30. Juni 1849

Königl[iche] Regierung, Abth[eilung] des Innern

Abschrift vorstehender Verfügung zur Nachricht

Münster 30. Juni 1849

K[önigliche] R[egierung] A[btheilung] d[es] I[nnern]

An den Magistrat hier

An den Königlichen Landrathsamt

zu Recklinghausen

N. 897 I C – H Cultus.

Circuliert s[ub] f[die] r[emissionis]

1.    beim Magistrat hier praes 18/7 49 884

2.    Herrn Steuerempfänger Dr. Denhausen

Zur Kenntnisnahme

Recklinghausen 16. Juli 1849

Der landräthliche Commissar

[Unterschrift] von Reitzenstein

1853 – Registrierung der Juden im ehemaligen Gerichtsbezirk Recklinghausen zwecks Konstituierung der Synagogengemeinde Recklinghausen auf Grundlage des preußischen Gesetzes über die bürgerlichen Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847

Quelle: Stadt – und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand III, Nr. 107, Bl. 62 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Verzeichnis

sämmtlicher israelitischer Gemeindemitglieder des früheren

Gerichtsbezirks Recklinghausen


  1. Simon Weyl in Recklinghausen
  2. David Cosmann             dito
  3. Adam Fassbender             dito
  4. Markus Aron             dito
  5. Isaac Leeser             dito
  6. Levi Michel             dito
  7. Markus Klein                         dito
  8. Markus Friedenberg             dito
  9. Isaac Jonas Cosmann dito
  10. Levi Klein dito
  11. Samuel Bendix dito
  12. Moses Cosmann junior dito
  13. Moses Cosmann senior dito
  14. Rosenberg, Levi in Horneburg
  15. Rosenthal Josef in Waltrop
  16. Rosenthal Markus in dito
  17. Rosenthal Moses dito
  18. Rosenthal Leser dito
  19. Lowenthal Pincus dito
  20. Hecht Mendel in Datteln
  21. Oelber Salomon dito
  22. Löwenberg Isaac dito
  23. Mendel Salomin in Ahsen
  24. Stern, Abraham dito

Recklinghausen 30. August 1853

Der comm[issarische] Bürgermeister

Hagemann

Vorstehendes Verzeichnis

hat 14 Tage in der Synagoge zu

Datteln offen gelegen

I. Löwenberg

 

1853 – Einladung an die wahlberechtigten Juden in Horneburg, Waltrop, Datteln und Ahsen zwecks Wiederholung der Wahl des Gemeindevorstandes im neu eingerichteten Synagogenbezirk Recklinghausen

Quelle: Stadt – und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand III, Nr. 107, Bl. 67 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Bekanntmachung

Nachdem Königliche Regierung laut Rescript vom August cur[rentis] den Protest vom 6. Juli c[urrentis] gegen die Wahl des Vorstandes und der Repräsentanten der hier zu bildenden Synagogen-Gemeinde als ungesetzlich verworfen hat, wird nochmals ein Termin zur Wahl des Vostandes und der Repräsentanten der Synagogen-Gemeinde im Rathause zu Recklinghausen auf Freitag den 16 September 1853 Morgens 10 Uhr anberaumt wozu untenbezeichnete Stimmberechtigte

  1. Rosenberg, Levi in Horneburg
  2. Rosenthal Joseph in Waltrop
  3. Rosenthal Markus in dito
  4. Rosenthal Leeser in dito
  5. Rosenthal Moses in dito
  6. Löwenberg Pincus in dito
  7. Hecht, Mendel in Datteln
  8. Oelber Salomon dito
  9. Löwenberg Isaak dito
  10. Mendel, Salomon in Ahsen
  11. Stern Abraham dito

unter dem Präjudize eingeladen worden, daß die Ausbleibenden die von den Erscheinenden vorzunehmende Wahl anerekennen müssen.

Es werden 3 Vorstands-Mitglieder und 9 Repräsentanten, so wie eine entsprechende Anzahl Stellvertreter gewählt.

Recklinghausen den 30 August 1853

der comiss[arische] Bürgermeister

gez[eichnet] Hagemann

1869 – Die Juden auf dem Weg zur vollen rechtlichen Gleichstellung im Königreich Preußen 

Preußisches „Gesetz betreffend die Eide der Juden“ vom 15. März 1869  

Quelle: Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten 1869, No. 25, S. 484-486. (Abb. aus dem Exemplar des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen, Signatur: J 90 (St.A.)), Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Mit dem Gesetz vom 15. März 1869 löste sich auch das Königreich Preußen endgültig von einer jahrhundertealten antijüdischen Tradition, nach welcher Juden, die sich in einem Rechtsstreit mit einem Christen befanden, vor Gericht besondere, zumal diskriminierende Eidesformeln aufgezwungen wurden. Diese beinhalteten komplizierte, mit ausladenden Selbstverfluchungssätzen ausgestattete Texte, die dazu dienten, Juden als eingeschränkt eidfähige, rechtlich minderbemittelte und mit wenig Ehre und Glaubwürdigkeit versehene Religionsgemeinschaft darzustellen, deren Eidesleitung man unterstellte, vor Gott und Gericht nur schwache Beweiskraft entwickeln zu können.

Da in der älteren europäischen Rechtskultur Eide und Eidesformeln eine besondere symbolisch-rituelle Bedeutung besaßen – sie waren ja eine formalisierte Wahrheitsversicherung unter Anrufung Gottes als Rächer des Eidbruchs und der Unwahrheit – missbrauchte man bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Judeneid (das sog. Iuramentum Iudaeorum / „Eid more judaico“, dieses ist nicht zu verwechseln mit dem zeremoniellen Eid, den Juden nach eigenem Recht innerhalb ihrer Gemeinde in der Synagoge leisten konnten) für demütigende Zeremonien vor Gericht. Auf dieser Grundlage wurden die Juden im Mittelalter an einigen Orten beispielsweise gezwungen, mit einer Dornenkrone bzw. einem spitzen „Judenhut“ auf dem Kopf oder sogar auf einer Schweinshaut stehend ihren Eid zu leisten.

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts gab es zwischen den Rechtsordnungen protestantischer und katholischer Territorien des Reiches ohnehin konfessionelle Unterschiede in den Eidesformeln. Daraus entwickelten bürgerliche und liberale Kräfte im 19. Jahrhundert den Reformgedanken, die verschiedenen gerichtlichen Eidesformeln zu vereinheitlichen und der genuin religiösen Sphäre zumindest teilweise zu entziehen; einschlägige Petitionen der Synagogengemeinden in Berlin und Magdeburg aus den 1850er-Jahren unterstützten diesen Prozess, indem sie auch für die Juden eine vereinfachte und modernisierte Eidesformel forderten.

Die besonders demütigenden Aspekte des alten Judeneides waren nach 1800 schon verschwunden. Das preußische Gesetz vom 15. März 1869, mitunterzeichnet vom amtierenden Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, trägt diesen Neuerungen in großem Umfang Rechnung. Die moderne, bewusst allgemein gehaltene Formel zu Beginn: „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden“ bzw. am Ende: „So wahr mir Gott helfe“ zeigte sich nun frei von diskriminierenden Elementen. Vorbild dafür war übrigens die ‚neutralisierte‘ Eidesformel, die schon ab 1831 in der preußische Armee Geltung hatte. Zusammengenommen wurden diese Formulierungen bald zu Schrittmachern einer Rechtsvereinheitlichung in ganz Deutschland. Nur noch im Detail gab es für einige Jahre Unterschiede: Das Zeigen der drei Finger des Schwörenden, die bei Christen ja die Anrufung der Dreifaltigkeit Gottes in Szene setzten soll, wurde bei Juden durch das Heben der rechten Hand (bzw. das Auflegen der rechten Hand auf die Brust ersetzt), dieser Gebrauch wurde ab 1877 in das Prozessrecht des Kaiserreiches übernommen.

Am Recklinghäuser Marktplatz gab es von 1815 bis 1877 ein Stadt- und Landgericht (ab 1877: Königliches Amtsgericht Recklinghausen), genauer gesagt eine zweistufige Gerichtsbarkeit, vor dem hauptsächlich Zivilprozesse ausgetragen, Nachlass- und Erbangelegenheiten geregelt, Testamente hinterlegt und Grundstückssachen verhandelt wurden. Auch Geburten, Heiraten und Sterbefälle von Juden wurden bis zur Einführung der Standesämter 1874 dort amtlich registriert. Als Rechtsgrundlagen dienten am Ende der 1860er-Jahre das sog. Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794, das 1815/16 auch in der Provinz Westfalen eingeführt wurde, sowie das Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch (ADHGB) von 1861. Beide großen Kodifikationen galten natürlich ausnahmslos für Christen und Juden; das preußische Gesetz von 1869 bescherte den Juden eine lange angestrebte Rechtsangleichung.

 

Weiterführende Links:

1871 – Bericht des Amtmanns der Landgemeinde Waltrop an den Landrat des Kreises Recklinghausen über die Erteilung von Religionsunterricht für Kinder jüdischer Familien in Waltrop

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 107, Bl. 212 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Waltrop, den 7. März 1871.

Die hiesige Judengenossenschaft betreffend.

Ad Verf[ügung] vom 1/3 1871 Nr. 1829

Praesentatum 8 / 3. I 2035

Zur Registratur eod[em]

Ewer Hochwohlgeboren beehre ich mich in Erledigung der neben allegierten verehrlichen Verfügung gehorsamst zu berichten, daß die Judengenossenschaft im diesseiti Amtsbezirk für ihre Cultusbedürfnisse einen besonderen Etat nicht hat, sondern dieselben unter sich vertheilen und bezahlen, sowie, daß die hiesigen jüdischen Eingesessenen ihre Kinder auf 1 oder 2 Jahre nach Verwandten in benachbarten Städten schicken, um dieselben in der betreffenden jüdischen Schulen in der Religion unterrichten zu lassen.

Der Amtmann

[Unterschrift] Cherouny

An

den Königlichen Landrath

Herrn von Reitzenstein Ritter pp.

Hochwohlgeboren

zu

Recklinghausen

No. 256

1871 – Bericht des Amtmanns der Landgemeinde Datteln an den Landrat des Kreises Recklinghausen über die Erteilung von Religionsunterricht für Kinder jüdischer Familien in Datteln, Ahsen und Flaesheim

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 107, Bl. 213 r.

Cultus Bedürfnisse der Juden

Verfügung vom 1. d[es] M[onats] No. 1829

Praesentatum 16/3 1871 I 2330

Zur Registratur 17 / 3 71

Datteln, den 12. März 1871

 

Zur Erledigung oben gedachter Verfügung berichte ich gehorsamst, daß die Juden für ihre Cultus Bedürfnisse einen besonderen Etat haben, daß die Kinder in Datteln von einem angenommenen Lehrer, diejenigen in Ahsen von ihren Eltern Religions Unterricht empfan-gen und in Flaesheim keine Juden existieren

Der Amtmann

[Unterschrift] Wiesmann

No. 257

1879 – Genehmigung für ein verzinstes Darlehen (nebst Tilgungsplan) der Synagogengemeinde Recklinghausen zwecks Bau einer Synagoge an der Wallstraße / Ecke Klosterstraße seitens der Königlichen Regierung in Münster

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 106, Bl. 32 , Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Münster, 15 September 1879

Bei Remission der Anlagen des Berichts vom 8. d[es] M[onats] J[ournal] No. 8949 betreffend das Darlehen zum Synagogenbau daselbst genehmigen wir den Repräsentanten Beschluss von 28 v[origen] M[onats] wonach zur Bestreitung der fehlenden Baukosten noch ein in 30 Jahren zu amortisierendes verzinsliches

Darlehen von 2100 M[ar]k aufgenommen werden soll und die Amortisationsrate 136 M[ark] 50 Pf[ennig] nach Verhältniß der Staats-

steuer umzulegen ist, zur weiteren Ausführung.

Bericht über die weitere Lage der Sache in 6 Monaten Königliche Regier[ung] Abtheil[ung] des Innern 2510 I U gez[eichnet] von Tzschoppe

——————————————————

9669 Recklinghausen, 19. September

Abschrift mit Anlage an Magistrat hier zur Nachricht und weiteren Mittheilung den geforderten Bericht will ich bis zum 11 März 1880 erwarten.

der Landrath

[Reitzenstein]

No. 3041

p[raesentatum] Bendix

nachrichtlich.

Reckl[inghausen] 23 / 9 1870

H[agemann]

1879 – Auszug aus den Protokollen der Stadtverordnetenversammlung betr. den Antrag des Gemeindevorstehers Bendix auf Ermäßigung des Kaufpreises eines städtischen Grundstücks, auf dem die Recklinghäuser Synagoge erbaut werden soll.

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 106, Bl. 34 r.

Nachstehende Verhandlung

Anwesend

  1. Bürgermeister Hagemann
  2. Stadtverordnete Werth
  3. Winkelmann
  4. Eckmann
  5. Vethacke
  6. Ganteführer
  7. Bramen
  8. Kamper
  9. Leushacke
  10. Sanders
  11. Reimer
  12. Schipper
  13. Gruthölter

Verhandelt im Rathhause zu Recklinghausen am 6. October 1879.  In heutiger Stadtverordne-

ten Sitzung worin die nebengenannten Mitglieder sich eingefunden hatten wurden die Gegenstände

der Tages-Ordnung zum Vortrag gebracht und darüber beschlossen was folgt: quoad claus[ula] conc[ernens]

Antrag auf Ermäßigung des Kaufpreises für den Synagogenbauplatz.

D[ecretum]   No. 3039

Der Antrag wurde von der Versammlung abgelehnt.

Ad acta, nachdem der

Vorsteher Bendix mündlich                                       Folgen Unterschriften

beschieden ist                                                            gez[eichnet] Hagemann

Recklingh[ausen] 9. / 10. 79

d[er] B[ürgermeister]

Hagemann

wird hiermit in beglaubigter Form ausgefertigt

Recklinghausen, 7. October 1879

Der Bürgermeister

[Siegelstempel]          Hagemann

Recklinghausens jüdische Geschichte reicht bis ins ausgehende 13. Jahrhundert zurück. Vor allem aber im 19. Jahrhundert stieg die Zahl der Juden in der Stadt rasch an. Die Recklinghausener Gemeinde entschloss sich 1877 ein eigenes Gotteshaus zu errichten.

Am 20./21. August 1880 konnte die offiziell 1829 gegründeten Gemeinde in der Altstadt die Einweihung der ersten Synagoge feiern. Die Weiherede wurde von Herrn Prediger Laubheim aus Bochum gehalten. Das Grundstück an der Wallstraße 24 wurde von Stadt erworben. Für Bürgermeister Friedrich Hagemann war “auch vom christlichen Standpunkt aus” der Bau “unter allen Umständen zu fördern”.

Hier entstand für die etwa 80 Mitglieder ein schlichter, rechtwinkliger, eingeschossiger Backstein – Saalbau (6,92 x 9,52 m) mit einem Gesims und dem Konsolfries als Gliederungselement. Die Giebel der Ost- und WEstfassade überragten den Dachfirst. Der Ostgiebel war mit Blindfenster versehen. Hier befand sich im Inneren der Thoraschrein.

Im Jahre 1880 wurde die erste Synagoge an der Klosterstraße (neu Herzoswall) erbaut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die alte Synagoge in Recklinghausen (hist. Aufn., Stadtarchiv)

1903 – Plan der Synagogengemeinde Recklinghausen, an Stelle der bereits beschlossenen Erweiterung der seit 1880 bestehenden Synagoge an der Wallstraße einen Synagogenneubau auf einem an der Hedwigstraße gelegenen Grundstück des Recklinghäuser Fabrikanten Franz Limper auszuführen 

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 106, Bl. 63 , Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Erwerb eines Baugrundstückes zur Errichtung einer Synagoge

——————————

Die Synagogengemeinde Recklingh[ausen] beabsichtigt, von der früher geplanten Erweiterung der Synagoge abzusehen  und einen Neubau zu errichten. Zu diesem Zwecke will sie von dem mit der Stadtgemeinde vereinbarten Vertrage, welcher bereits von der Königl[ichen] Regierung genehmigt ist, zurücktreten und hat beschlossen, ein neues Baugrundstück von  dem Fabrikanten Limper, an der Hedwigstraße gelegen, zu erwerben und zwar von Flur 18 No. 5420/1216 groß 30 Ruthen zum Preise von 200 M[ark] pro Ruthe = 6000 M[ark]

#  # No 609 I

 

V[erfügung]

Erledigt 17 / 2 03 C.

ab 18/2 03

  1. An den Vorstand der Synagogengemeinde hier

Bevor ich den Antrag auf Genehmigung zum Ankauf eines Bauplatzes für die neu zu errichtenden Synagoge weiter reiche,

ersuche ich noch einen Situationsplan bzw eine Grundzeichnung über die Lage des Baugrundstückes vorzulegen.

#  #

2. Nach 8 Tagen etc.

R[ecklinghausen] 16/ II 03

d[er] E[rste] B[ürgermeister]

R[ensing]

N[ota] B[ene] Wegen Zurücktretens von dem mit der Stadt abgeschlossen Vertrage will der Vorstand demnächst, nach Eingang der Genehmigung, besondere Verhandlungen einleiten

Eine erste jüdische Privatschule datiert aus dem Jahre 1885, als ca. 15 Kinder in einem angemieteten Raume Unterricht erhielten. Sieben Jahre später bezog die Schule einen Anbau an die Synagoge in der Klosterstraße. 1903 wurde die private in eine öffentliche Volksschule umgewandelt, und wenige Jahre später in einem neuerbauten Gebäude am Westerholter Weg, später Am Steintor, untergebracht. Allerdings besuchten nicht alle jüdischen Kinder diese Schule, sondern erhielten ihre Bildung auf christlichen Schulen. Mit der Einweihung des Jugend- und Gemeindehauses in unmittelbarer Nähe der Synagoge wurde im Oktober 1930 das religiös-kulturelle Zentrum in Recklinghausen komplettiert.

Im Jahr 1903 wurde die erste private jüdische Schule am Westerholter Weg, später Am Steintor, gegründet.

 

Mit dem kontinuerlichen Wachsen der Gemeinde auf rund 500 Mitglieder wuchs auch der Wunsch nach einer neuen Synagoge, die 1904 an der Limperstraße eingeweiht werden konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bauzeichnung des Recklinghäser Synagogenbaus, März 1903.

1903 – Synagogenarchitektur als Aktenschriftstück.

Bauantrag der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen, mit bautechnischer Beschreibung der vom Recklinghäuser Architekten Cuno Pohlig entworfenen neuen Synagoge Recklinghausen, der Baupolizeibehörde der Stadt Recklinghausen zur Prüfung vorgelegt, mit handgezeichnetem Lageplan der neuen Synagoge, Maßstab 1 : 500  

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen; Bestand 630/581: Hausakten betr. das Grundstück Limper Straße Nr. 39

 

Baubeschreibung

zum Neubau einer Synagoge für die israelitische Gemeinde in Recklinghausen

Die Synagogen-Gemeinde beabsichtigt auf dem von ihr erworbenen Grundstück Flur 18 Parzelle 3349/1216 an der Hedwigstraße hier selbst belegen, den Neubau einer Synagoge wie auf beiliegender Zeichnung dargestellt ist, zu errichten.

Das Gebäude soll ganz massiv, die Bedachung soll vorn in Schiefer und auf dem Rückteil des Gebäudes in Falzziegeldeckung ausgeführt werden.

Die Emporen sind in Holzkonstruktionen mit Einfügung einer Schutzdecke, wie beim Wohnhausbau üblich, angenommen, die tragenden Construktionsteile der Empore bilden gußeiserne Säulen, deren Stärke aus beiliegender. statischen Berechnung hervorgeht, die Fußböden sind außer den Vorräumen in Holz gedeckt, für die Vorräume in Platten, die hier nach vorgesehene Treppe zur Empore ist massiv in Cementstein mit Untermauerung der Wangen projektiert. Die Gewölbeform der Decken wird durch Anwendung von Monierkonstruktion mit Gipsmörtel gebildet. Der Putz im Innern wird in leichter Spritzmanier ausgeführt; das Außen in Stuckputz, wie Zeichnung besagt. Zur Beheizung der Räume dienen Gasöfen, welche an gußeiserne Abzugsrohre, die in das Mauerwerk geführt, angeschlossen werden.

Alles Übrige dürfte aus der Zeichnung ersichtlich sein, und soll unter genauester Beachtung der Baupolizei-Vorschriften zur Ausführung kommen.

Recklinghausen, den 31. März 1903

 

der Bauherr:                                                                          der Architekt:

Für die Synagogengemeinde                                                            Pohlig

D[avid] Cosmann

 

 

Ges[ehen] u[nd] geprüft

Fegeler 31./5.

 

 

 

 

 

 

1904 – Einladung der Synagogengemeinde Recklinghausen an sämtliche Stadtverordneten Recklinghausens, als Ehrengäste an der Eröffnung und Einweihung der neuen Synagoge an der Hedwigstraße teilzunehmen 

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 106, Bl. 77 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Synagogen-Gemeinde

Recklinghausen                                                         Recklinghausen, 17. August 1904

———————

Stadt Recklinghausen

Eing. 18.Aug. 1904

T[age] B[uch] I 3743

An den

Wohllöbl[ichen] Magistrat der Stadt

Recklinghausen.

 

Freitag den 26. August, Nachmittags 4 Uhr, begeht die hiesige Synagigengemeinde am Portale der neuen Synagoge (Hedwigstraße) die feierliche Eröffnung und Einweihung ihres Gotteshauses. Wir beehren uns, zu dieser Feier unsere verehrte Stadtvertretung als Ehrengäste ganz ergebenst einzuladen, und bitten nur der Reservierung der Plätze wegen um gütigen Bescheid.

Namens der Synagogengemeinde.

das Rabbinat.                         der Vorstand.

Dr. Marx                                 A. Stern

Der Anstieg auf 220 (1900) bzw. 450 (1933) Gemeindemitglieder ging einher mit dem Wachstum der Stadt auf 34 bzw. 88 Tsd. Einwohner. Am 26. August 1914 wurden die Thorarollen feierlich in die neue Synagoge an der Hedwigstraße (später: Limperstr.) übertragen.

Der 23 m x 13 m große und 12 m hohen Saalbau des Recklinghäuser Architekten Cuno Pohlig im gerade entstehenden Westviertel bot 120 Männern im Erdgeschoss und 110 Frauen auf der Galerie Platz. Äußerlich griff der Bau romanische wie maurische Elemente auf; verschieden farbige Backsteinschichten erzeugten eine horizontale Hell-Dunkel-Gliederung. Der Innenraum wurde vom Kirchenmaler Schröder gestaltet. Prägend für die Straßenfront ist der durch eine Rosette geschmückte Turmaufbau, eine Adaption christlicher Gotteshäuser.

Die Zwiebelhaube des 25,65 m hohen Turms wurde durch den Davidstern gekrönt. Das Eingangsportal unterstrich den repräsentativen Charakter: Zwei vorgelagerte Säulen erinnerten an den zerstörten Tempel und die beiden Dekalog-Tafeln oberhalb an die Gebote Gottes.

Im Inneren richten sich die Bankreihen im Langhaus auf die Ostapsis aus. So wird die Aufmerksamkeit auf die höher gelegte Bima und den durch Stufen weiter erhöhten Thoraschrein gelenkt. In ihm werden Heiliegen Schriftrollen aufbewahrt, die auf dem Lesetisch der Bima, die durch ein Geländer abgetrennt ist, währenddes Gottesdienstes verlesen werden. Der Synagogenbau im neoromanischen Stil verfügte – wie es eine religiös-orthodox eingestellte Gemeinde verlangte – über eine Frauenempore; etwa 120 Männer und fast ebenso viele Frauen fanden im Gebäude Platz. Auf den Einbau einer Orgel wurde bewusst verzichtet.

Mit der Einweihung des Jugend- und Gemeindehauses in unmittelbarer Nähe der Synagoge wurde im Oktober 1930 das religiös-kulturelle Zentrum in Recklinghausen komplettiert.

Über die Einweihung vom 26.August 1904 berichtete die „Recklinghäuser Zeitung”:

„ Unsere Synagogengemeinde hatte heute einen ganz besonderen Fest- und Freudentag. Er galt der Weihe des im letzten Jahr erbauten neuen Gotteshauses an der Hedwigstraße. Das nach dem Plane des Architekten Pohlig von dem Bauunternehmer Tillmann erbaute Haus ist ein würdiges Gotteshaus geworden, welches sich außen wie innen in wohlgefälligster Weise präsentiert. Im Innern hat der Kirchenmaler Schröder an seinem Teile in künstlerischer Weise mitgeholfen an der Herstellung eines dem Auge sehr gefälligen Eindrucks. Das Haus zeigt den romanischen Stil. Innen wölbt sich eine mächtige Halle mit einer dreiseitigen Gallerie in wohlgelungener Anordnung und Einzelausführung. Die Akkustik ist eine sehr vorzügliche. Besonders vorteilhaft präsentiert sich das Altargewölbe und der heilige Schrein, in dem die Thorarollen ihre Stätte haben. Alles in allem haben unsere Israeliten alle Veranlassung, sich ihres Gotteshauses zu freuen.”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: 2. Synagoge in Recklinghausen (Stadtarchiv, aus: recklinghaeuser-zeitung.de)

Der Patriotismus deutscher Juden im Ersten Weltkrieg

Von Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen

Gedenkstein für gefallenen Jüdische Soldaten des Ersten Weltkriegs auf dem jüdischen Friedhof am Nordcharweg, Recklinghausen

August 1914: Begeisterung für einen gerechten Krieg

Der Erste Weltkrieg war in besonderer Weise ein jüdischer Krieg: In den Armeen aller Großmächte kämpften zehntausende, ja hunderttausende Juden, die – genauso wie die nicht-jüdischen Kriegs-teilnehmer – in hoher Zahl für ihre jeweiligen Länder ihr Leben verloren.[1] In Frankreich waren ca. 36.000 jüdische Soldaten im Einsatz, in Großbritannien ca. 40.000, in den deutschen Armeen zählte man im Laufe des Krieges 96.000, in der US-Army dienten ab 1917 250.000 Soldaten jüdischen Glaubens, in der zaristischen Armee waren es sogar 650.000.

Diese Tatsachen sind das Ergebnis einer grundlegenden Verbesserung und Modernisierung der jüdischen Verhältnisse im 19. Jahrhundert. Auch in Preußen gab es seit der napoleonischen Zeit einen stetigen Fortschritt der jüdischen Emanzipation, Integration und Assimilierung, die seit dem Edikt vom 11. März 1812 von vielen deutschen Ländern rezipiert wurde und übrigens auch das Militärwesen und die Wehrpflicht der Juden betraf. Hundert Jahre nach der napoleonischen Ära, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, waren in Deutschland Ausgrenzung, Unterdrückung und Verfolgung der Juden praktisch kein Thema mehr. Zahlreiche Juden arbeiteten als erfolgreiche Juristen, Mediziner, Beamte, Professoren, Wissenschaftler[2], Kaufleute und Unternehmer. Obwohl nach 1871 der Antisemitismus in national-konservativen Kreisen spürbar anwuchs und jüdischen Soldaten die Offizierslaufbahn größtenteils verwehrt blieb, setzte sich der gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufstieg des deutschen Judentums bis 1914 ungehindert fort.

Als der Große Krieg ausbrach, befürworteten alle wichtigen jüdischen Institutionen und Vereine diesen Konflikt. Nicht anders als es die französischen Juden[3] sahen auch die Juden in Deutschland das Kaiserreich, das sie als ihre Heimat betrachteten, in einem gerechten und unverschuldeten Kampf. Auch zahlreiche jüdische Intellektuelle schlossen sich dieser Haltung an. Am 1. August 1914 trat bekanntlich das Deutsche Reich gegen Russland, das begonnen hatte Ostpreußen anzugreifen, in den Krieg ein. Vom selben Tag datiert der berühmte Aufruf des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“[4]. Er trägt folgenden Wortlaut: „An die deutschen Juden! In schicksalsschwerer Stunde ruft das Vaterland seine Söhne unter die Fahnen. Dass jeder deutsche Jude zu den Opfern an Gut und Blut bereit ist, die die Pflicht verlangt, ist selbstverständlich. Glaubensgenossen! Wir rufen Euch auf, über das Maß der Pflicht hinaus Eure Kräfte dem Vaterland zu widmen! Eilt freiwillig zu den Fahnen!

Dieses lautstarke nationale Engagement propagierte das liberale Judentum ebenso wie das orthodoxe Judentum und die deutschen Zionisten. Insgesamt meldeten sich etwa 10.000 deutsche Juden als Kriegsfreiwillige. Dass von der wichtigsten jüdischen Organisation in Deutschland schon am 1. August 1914, also noch bevor zwischen Deutschland und Frankreich Kriegszustand herrschte, ein Appell an die Kriegsbegeisterung erging, war kein Zufall: Als Hauptfeind sah man nämlich in den jüdischen Vereinen und Verbänden nicht die Westalliierten (Frankreich und Großbritannien) an, sondern Russland. Der Zar galt als Erzfeind der Juden in Europa. In seinem Reich erkannte man das Zentrum eines repressiven und gewalttätigen Antisemitismus, das den 5,5 Millionen Juden, die dort lebten, nur eine kümmerliche, marginale Existenz ermöglichte – ganz im Gegenteil zu den Lebensumständen der ca. 550.000 Juden in Deutschland, die größtenteils der gebildeten und wohlhabenden bürgerlichen Mittelschicht angehörten.

Die repressiven Verhältnisse im zaristischen Russland wurden als „Moskowitertum“ bezeichnet – unter den liberalen Juden ein Synonym für Rückständigkeit und antisemitische Unterdrückung. Der Grund dafür lag in den blutigen Pogromen in Südrussland und der Ukraine zwischen 1903 und 1905. Neben den Ausschreitungen in Chisinau und in der Gegend von Dnipopetrowsk sind vor allem die antijüdischen Exzesse in Odessa zu nennen, wo seit 1821 immer wieder organisierte Gewalt gegen die ghettoisierten Juden ausgeübt wurde und zuletzt 1905 besonders brutale Aus-schreitungen stattgefunden hatten.

Das Deutsche Reich galt indes als ein Staat, in dem die Assimilierung des jüdischen Lebens und die Koexistenz mit der christlichen Bevölkerungsmehrheit besonders friedlich und fortschrittlich verliefen. Umso widersprüchlicher war es für viele deutsche Juden, dass die Republik Frankreich, das Mutterland der Menschen- und Bürgerrechte auf dem europäischen Kontinent, in welchem die Große Revolution von 1789 auch die Gleichberechtigung und Emanzipation der Juden in Europa eingeleitet hatte, sich im August 1914 als enger militärischer Verbündeter des rückständigen und autokratischen Zarenreiches erwies.[5]

Durch Ausrufung des sog. „Burgfriedens“ durch Kaiser Wilhelm II. am 1. August 1914[6] – sollten alle innenpolitischen und gesellschaftlichen Widersprüche, Spannungen und Konflikte zugunsten nationaler Einheit und Geschlossenheit überwunden werden. Davon versprach man sich auf jüdischer Seite auch das Ende des Antisemitismus. Die deutschen Juden bekannten sich daher besonders nachdrücklich dazu, nichts anderes als ein Teil der deutschen Nation zu sein. Besonders optimistische Vertreter des deutschen Judentums äußerten die Hoffnung, dass man am Ende dieser Entwicklung die Juden als einen Volksstamm wie die Bayern, Westfalen, Sachsen, Schwaben oder Schlesier betrachten würde.

Ludwig Frank: Ein deutscher Politiker und Kriegsfreiwilliger

Der Große Krieg schien endlich die Gelegenheit dafür zu bieten, diese Haltung und diese Eigenschaft beweisen zu können. Zugleich glaubte man, mit einem siegreichen und gerechten Krieg gegen Russland zur Rettung und Befreiung der osteuropäischen Juden beitragen zu können. Von dem Hass und der feindseligen Propaganda, die den Deutschen von Seiten der Franzosen und Briten ab Herbst 1914 entgegengebracht wurde, fühlten sich daher auch die deutschen Juden unmittelbar betroffen.[7]

Ein besonders symbolträchtiges Schicksal verkörpert der Rechtsanwalt Dr. Ludwig Frank aus Mannheim.[8] Er entstammte einer Kaufmannsfamilie aus Lahr in Baden; zu seinen Vorfahren gehörten Händler und Rabbiner. Nachdem er zunächst Abgeordneter im badischen Landtag in Karlsruhe gewesen war, wurde er ab 1907 für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands Mitglied des Reichstags in Berlin. Frank setzte sich bis zum Ersten Weltkrieg für die Rechte der Arbeiterschaft, die Förderung der Arbeiter-Jugend und für eine demokratische Reform des Wahlrechts im annektierten „Reichsland“ Elsass-Lothringen ein.

Noch bis wenige Tage vor Ausbruch des Krieges plädierte Frank auch für eine Verbesserung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Als im Frühjahr 1913 der Reichstag über eine Vergrößerung des Budgets für die Armee debattierte, stimmte er zusammen mit der Sozialdemokratischen Partei gegen eine solche Verstärkung des deutschen Heeres. Ferner nahm Frank als erklärter Gegner des Militarismus und Imperialismus an den internationalen Parlamentarier-Konferenzen 1913 und 1914 in Bern und in Basel teil. Aus diesen Kontakten erwuchs eine persönliche Freundschaft zu Paul Henri d’Estournelles de Constant, dem Anführer der französischen Delegation in Bern und Friedensnobelpreisträger von 1909, ebenso zu Jean Jaurès.

Dennoch gehörte Frank zu insgesamt fünf von knapp 400 Reichstagsabgeordneten, die sich bei Ausbruch des Krieges freiwillig zum Kriegsdienst meldeten. Unzweifelhaft wollte er damit beweisen, dass es weder den Sozialdemokraten noch den deutschen Juden an Patriotismus mangelte. Vor dem Abmarsch an die Front in Lothringen schrieb Frank Ende August 1914 an seine Frau: „Ich habe den sehnlichen Wunsch, den Krieg zu überleben und dann am inneren Ausbau des Reiches mitzuarbeiten. Aber jetzt ist für mich der einzig mögliche Platz in Reih’ und Glied und ich gehe wie alle anderen freudig und siegessicher.“[9]

Frank diente im 2. Badischen Grenadier-Regiment Nr. 110 und fiel bereits am 3. September 1914 im Alter von 40 Jahren westlich der Vogesen bei Nossoncourt in der Nähe von Baccarat. Nicht nur deutschen Zeitungen berichteten über den „Heldentod“ dieses Politikers, auch L’Humanité, damals das Zentralorgan der französischen Sozialisten, druckte am 13. September 1914 eine kurze, aber wohlwollende Notiz über den Tod dieses herausragenden deutsch-jüdischen Sozialdemokraten ab. Sein Grab ist bis heute nicht bekannt. Man darf vermuten, dass Frank als Überlebender des Großen Krieges eine bedeutende politische Karriere in der Weimarer Republik gemacht hätte. Seine Biografie personifiziert in tragischer Weise die deutsch-jüdische Symbiose zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Herbst 1916: Die „Judenzählung“

Die Entwicklung bis 1916 beinhaltete eine steigende Zahl von jüdischen Soldaten in den deutschen Armeen, einen schnell wachsenden Anteil jüdischer Offiziere[10], allerdings auch die unveränderten antisemitische Ressentiments konservativer Kreise an der „Heimatfront“.[11] Als besonderer Erfolg des Engagements der deutschen Juden galt zunächst die Tatsache, dass bis 1918 ca. 30 sogenannte Feldrabbiner eingestellt wurden, obwohl das deutsche Militär, anders als die Armee Österreich-Ungarns, eine solche jüdische Militärseelsorge zunächst gar nicht vorgesehen hatten. Seit Sommer 1915 leistete das preußische Kriegsministerium, das in bestimmten Angelegenheiten für das ganze Deutsche Reich zuständig war, sogar finanzielle Unter-stützung, obwohl diese Militär-Rabbiner ihre Gehälter von den jüdischen Vereinen und Verbänden erhielten.[12]

Die Rabbiner meldeten sich freiwillig für diesen Dienst und waren, nicht anders als die Militärgeistlichen der christlichen Konfessionen, zuständig für die Soldaten im unmittelbaren Front-einsatz. Sie sorgten für Gottesdienste, für koschere Nahrung, sie kümmerten sich um Verwundete und Gefangene. Ebenso organisierten sie Begräbnisse in Frontnähe und benachrichtigten die Angehörigen. In den besetzten Gebieten an der Ostfront waren sie sogar für die jüdische Zivil-bevölkerung zuständig.

Eine schwerwiegende Zäsur ereignete sich jedoch etwa in der Mitte des Kriegsverlaufs, im Herbst 1916. Der Krieg hatte bis dahin seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Die Schlacht von Verdun tobte ohne Aussicht auf Erfolg schon seit dem 21. Februar, die alliierte Großoffensive an der Somme setzte die deutschen Truppen seit dem 1. Juli massiv unter Druck. Einen Monat zuvor fand zwischen der deutschen und der britischen Flotte am Skagerrak die größte Seeschlacht des Ersten Weltkrieges statt. Ferner brachte seit dem 4. Juni 1916 die sogenannte Brussilow-Offensive die deutschen und österreichischen Streitkräfte im Südwesten der Ukraine in schwere Bedrängnis, zugleich entlastete sie die Franzosen in Verdun.[13] In diesem Zweifrontenkrieg stießen die militärischen und wirtschaftlichen Kapazitäten Deutschlands damit an ihre Grenzen. Die Aus-sichten auf einen Sieg schwanden rapide und die Verluste stiegen immer weiter. Zugleich verschlechterte sich die Ernährungssituation kontinuierlich, die Spannungen und die Unzufrieden-heit in der Bevölkerung wuchsen.[14]

Der „Burgfrieden“ vom August 1914 war damit endgültig verloren. Nationalistische und rechts extreme Kreise, vor allem der sogenannte“ Alldeutsche Verband, suchten von da an einen Sündenbock für die wachsenden Probleme und für die drohende Niederlage. Angestoßen durch diffamierende Berichte in der Presse, ebenso durch Äußerungen des einflussreichen Antisemiten, Journalisten und Reichstagsabgeordneten Ludwig Werner wurde in der deutschen Militär-verwaltung im Herbst 1916 ein ungewöhnlicher Zählvorgang in Gang gesetzt. Durch diesen wollte man die Zahl der kriegsteilnehmenden deutschen Juden ermitteln, und zwar an der Front, in der Etappe und im rückwärtigen Besatzungsgebiet.

Die vom preußischen Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn organisierte „Judenzählung“ vom 11. Oktober 1916 beinhaltete einen umfangreichen Fragebogen. Das Rundschreiben an alle Kommandanturen ging dabei ausdrücklich auf die Gerüchte, Anfeindungen und Vorwürfe ein, nach welchen die Juden angeblich Drückeberger, Feiglinge, Schmarotzer und somit eine unpatriotische und unzuverlässige Minderheit seien.[15] Auch Hitler äußerste sich in seinen 1923 verfassten Memoiren „Mein Kampf“ auf diese Weise, denn nach seiner Verwundung in der Somme-Schlacht verbrachte er für mehrere Monate Urlaub in der Heimat: Bei seinem Aufenthalt in Berlin und München habe er dabei zahlreiche Juden beobachtet, die ein angenehmes Leben außerhalb des Militärdienstes führten.[16]

Doch diese „Judenzählung“, die bis zum 1. Dezember 1916 abgeschlossen werden sollte, wurde nicht vollständig durchgeführt. Ihre provisorischen statistischen Ergebnisse wurden nie offiziell veröffentlicht, weil sie die antisemitischen Spekulationen der deutschen Militäradministration widerlegten. Auch hat sich das Kriegsministerium nie abschließend zu diesem Thema geäußert. Dennoch löste diese statistische Erhebung einen speziellen Kriegs-Antisemitismus aus, der noch lange nach 1918 eine fatale Wirkung zeigte. Ebenso löste sie bei vielen deutschen Juden ein Gefühl von Diskriminierung und Resignation aus. Die uneingeschränkte Zustimmung zum Deutschen Reich erwies sich für viele Juden als vergebliches Bemühen, das Bewusstsein einer besonderen, dauerhaften Nähe zwischen Deutschland und dem Judentum erwies sich im Laufe des Krieges als Täuschung.

Gedenken an die jüdischen Gefallenen in den 1920er-Jahren

Die deutschen Juden konnten den wachsenden Antisemitismus, der seit Herbst 1916 in Deut-schland wieder in die Öffentlichkeit getreten war, nicht mehr aufhalten, die militärische Niederlage vom November 1918 und die Radikalisierung des innenpolitische Klimas in Deutschland beschleunigten diese Entwicklung.[17] Die deutschen Juden nahmen aber das Heft selbst in die Hand, um diesen bedrohlichen Trend aufzuhalten Um jüdische Soldatenschicksale in Ehren zu halten, wurde im Februar 1919 in Berlin der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ gegründet.[18]

Initiator war Hauptmann Dr. Leo Löwenstein, ein Physiker aus Aachen. Dieser hatte für die deutsche Artillerie bereits 1913 ein Verfahren zur Messung des Schalls entwickelt, mit dem man feindliche Stellungen akustisch lokalisieren konnte.

Dieser „Reichsbund“, dem in den 1920er Jahren zwischen 30.000 und 50.000 Mitglieder angehörten, war mehr als ein reiner Veteranenverein, er stellte sich auch politischen Aufgaben. In Zusammenarbeit mit dem zivilen „Centralverein“ sollten nämlich den antisemitischen Agitatoren mit seriösen Forschungen über den Einsatz jüdischer Soldaten entgegengetreten werden. Als späte Reaktion auf die sog. Judenzählung entstand daher eine Militärstatistik, die von den wichtigsten jüdischen Verbänden selbst in Auftrag gegeben wurde. Ihre Ergebnisse, welche die anti-semitischen Vorwürfe von 1916 widerlegen sollten, wurden 1921 von Jakob Segall und Heinrich Silbergleit publiziert.[19] Sie sind bis heute Grundlage für die Geschichtsforschung zu diesem Thema. Ihr wichtigstes Resultat: Von den knapp 100.000 Juden, die als deutsche Soldaten an allen Fronten kämpften, starben etwa 12.000. Die Verhältnisse entsprechen durchaus den Gesamtzahlen und Proportionen in den deutschen Armeen. Ca. 78.000 standen in unmittelbarem Fronteinsatz, 18.000 jüdische Soldaten erhielten das Eiserne Kreuz, 2.000 waren Offiziere und 1.200 Militärärzte oder -beamte.[20]

Auf zahlreichen jüdischen Friedhöfen in Deutschland wurden ab 1920 Obelisken, Gedenksteine und Denkmäler für die Gefallenen aus den jüdischen Synagogen-Gemeinden errichtet.[21] Aus Recklinghausen, der Partnerstadt Douais, waren vermutlich nicht mehr als hundert jüdische Soldaten im Kriegseinsatz, aber 15 von ihnen starben, teilweise in vorderster Front auf den Schlachtfeldern an der Somme, am Chemin des Dames, im Bois de Pêtre bei Pont à Mousson und am Hartmannsweilerkopf. Einer von ihnen war sogar Kriegsfreiwilliger. Bereits im November 1921, sechs Jahre bevor die Stadt Recklinghausen eine allgemeine Gedenkstätte errichtete, konnte die jüdische Gemeinde in Recklinghausen ihr eigenes Kriegerdenkmal auf dem Jüdischen Friedhof im Norden der Stadt einweihen.

Die jüdischen Gemeinden und Vereine entwickelten ab 1920 epigrafische Ausdruckformen, die in der Geschichte der abendländischen Emblematik etwas Besonderes darstellen. Auf vielen Ehrenmalen tauchen der Davidstern und das Kreuzzeichen gemeinsam auf: Nicht um zum Ausdruck zu bringen, dass jüdische Soldaten zum Christentum konvertiert waren, sondern um den berühmten Militärorden des Eisernen Kreuzes darzustellen. Die preußischen Traditionen der Ehrenzeichen waren zu Beginn des 19. Jahrhundert nämlich noch viel stärker dem Kreuzzeichen verpflichtet als im napoleonischen Frankreich: Das Eiserne Kreuz war vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. im März 1813 im Kampf gegen Napoleon gestiftet worden und sollte an Soldaten aller Dienstgrade verliehen werden. Diese Ordensstiftung wurde im Juli 1870 und im August 1914 erneuert. Nachdem es ab 1914 auch als taktisches Zeichen am Heck und auf den Flügeln von Kampfflugzeugen auftauchte, entwickelte sich dieses Kreuz im 20. Jahrhunderts bekanntlich zum allgemeinen Erkennungszeichen für das deutsche Militär. Diesem fühlten sich auch die jüdischen Veteranen von 1914-1918 eng verbunden.

Fazit

Der Patriotismus der deutschen Juden im frühen 20. Jahrhundert wurde von dem bedeutenden deutschen Historiker Golo Mann folgendermaßen beschrieben: Schließlich bestand das Gros des deutschen Judentums […] weder aus polnischen Kaftan-Juden, noch aus überintellektuellen, Frankreich verherrlichenden Literaten. Es war anpassungswillig, es war im späten 19. Jahrhundert, im frühen 20. Jahrhundert längst gründlich angepasst, dieses rheinische und schlesische und ostpreußische, dieses badische, schwäbische, bayerische Judentum. Es war deutsch in seinen Tugenden, deutsch in seinen Untugenden, es war patriotisch, es war überwiegend konservativ. Diese jüdischen Kaufleute, Ärzte, Gelehrte, diese jüdischen Kriegsfreiwilligen von 1914 – es gab gar nichts Deutscheres. Sie konnten darum auch einfach nicht begreifen, einfach nicht glauben, was ihnen seit 1933 geschah oder drohte. Das vor allem erklärt, warum so viele nicht bei Zeiten Deutschland verließen, sondern blieben, bis es zu spät war[22].

[1]              Vgl. hierzu Ulrike Heikaus: Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918, Ausstellungskatalog, hg, vom Jüdischen Museum München, München 2014.

[2]           Ein besonderes Beispiel ist der bedeutende Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber (1868-1934). Zusammen mit Carl Bosch entwickelte er schon 1909/10 ein Verfahren, durch welches Ammoniak auf synthetischem Weg, d.h. aus dem Stickstoff in der Luft, hergestellt werden kann. War diese Erfindung zunächst hauptsächlich für die Produktion von Kunstdünger gedacht, verhinderte sie aber auch, dass das Deutsche Reich aus Mangel an Artillerie-Munition bereits im Oktober 1914 kapitulieren musste. Der synthetische Ammoniak ersetzte nämlich den Salpeter aus Chile. Dieser Rohstoff stand wegen der britischen Blockade für die Sprengstoffherstellung nicht mehr zur Verfügung. Im Herbst 1914 begannen Habers grundlegende Experimente mit Chlorgas, die im Frühjahr 1915 zum erstmaligen Einsatz von Giftgas an der Ypern-Front führten. Dietrich Stoltzenberg, Fritz Haber. Chemiker, Nobelpreisträger, Deutscher, Jude. Weinheim 1998; Margit Szöllösi-Janze, Fritz Haber (1868-1934). Eine Biografie. Munich, 1998.

[3]           https://www.deutschlandfunk.de/erster-weltkrieg-als-juedische-soldaten-fuer-deutschland.886.de.html?dram:article_id=289401; Philippe Efraim Landau, Juifs francais et allemands dans la Grande Guerre, in : Vingtième Siècle. Revue d’histoire No. 47, juillet-septembre 1995, S. 70-76; Philippe Efraim Landau, Les Juifs de France et la Grande Guerre. Un patriotisme républicain 1914-1941, Paris, 1999; https://www.spiegel.de/geschichte/juedische-soldaten-im-ersten-weltkrieg-a-975473.html; https://www.sueddeutsche.de/politik/juedische-soldaten-im-ersten-weltkrieg-undank-des-vaterlandes-1.2301076

[4]           Avraham Barkai, Wehr Dich! Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1893-1938, Munich, 2002.

[5]           Landau, Juifs français et allemands dans la Grande Guerre, op. cit., S. 73-74.

[6]           https://de.wikipedia.org/wiki/Burgfriedenspolitik;  Zur Überlieferung der Rede vgl. https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0081_kwi. Der Kaiser sagte wörtlich: Geehrte Herren! In schicksals-schwerer Stunde habe ich die gewählten Vertreter des deutschen Volkes um mich versammelt. Fast ein halbes Jahrhundert lang konnten wir auf dem Wege des Friedens verharren. Versuche, Deutschland kriegerische Neigungen anzudichten und seine Stellung in der Welt einzuengen, haben unseres Volkes Geduld oft auf harte Proben gestellt. […] . Mit schwerem Herzen habe ich meine Armee gegen einen Nachbarn mobilisieren müssen, mit dem sie auf so vielen Schlachtfeldern gemeinsam gefochten hat. […] Auf Sie, geehrte Herren, blickt heute, um seine Fürsten und Führer geschart, das ganze deutsche Volk. Fassen Sie Ihre Entschlüsse einmütig und schnell. Das ist mein innigster Wunsch. Sie haben gelesen, m. H., was ich zu meinem Volke vom Balkon des Schlosses aus gesagt habe. Hier wiederhole ich: ich kenne keine Partei mehr, ich kenne nur Deutsche! Zum Zeichen dessen, daß sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammes-unterschiede, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben.

[7]           Leo Winz, Der Krieg als Lehrmeister, in: Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das Gesamte Judentum, XIV. Jahrgang, Heft 9-12, September–Dezember 1914, Sp. 625-640.

[8]           Zum Folgenden Karl Otto Watzinger, Ludwig Frank. Ein deutscher Politiker jüdischer Herkunft. Mit einer Edition Ludwig Frank im Spiegel neuer Quellen, bearbeitet von Michael Caroli, Jörg Schadt und Beate Zerfaß, Sigmaringen, 1995; Knut Bücker-Flürenbrock, Der vergessene „Flügelmann Frank“. Mit dem badischen Sozialdemokraten Ludwig Frank fiel 1914 ein wichtiger Repräsentant des gemäßigten Flügels seiner Partei, in: Junge Freiheit, Ausgabe vom 25. November 2011; Michael Berger, Eisernes Kreuz, Doppeladler Davidstern. Juden in deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen. Der Militärdienst jüdischer Soldaten durch zwei Jahrhunderte, Berlin, 2010, S. 84-102; Günter Regneri, Denkmal: An wen erinnern wir uns. Oder warum nicht? Das Beispiel Ludwig Frank, in Archivmitteilungen. Archiv der Arbeiterjugend II/2014, S. 22-27.

[9]           Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (Hg.), Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden. Berlin, 1935, S. 41.

[10]           Die Offizierslaufbahn bis zum Rang eines Generals zu absolvieren, war den deutschen Juden weiterhin nicht möglich, anders als in den Streitkräften des British Empire. John Monash (1865–1931), ein australischer General mit jüdischer Abstammung aus Krotoszyn (Preußen, ab 1918: Polen), kommandierte am Ende des Krieges das australisches Armee-Corps. Unter seinem Befehl schlugen die Alliierten Ende April 1918 die deutschen Truppen aus Villers-Bretonneux zurück. Auch am erfolgreichen alliierten Großangriff bei Amiens am 8. August 1918 war er beteiligt. http://hamelfriends.free.fr/monash.htm; https://fr.wikipedia.org/wiki/John_Monash; Geoffrey Serle, John Monash. A Biography, Melbourne, 2002, S. 1-24 et 326-370; http://adb.anu.edu.au/biography/monash-sir-john-7618.

[11]           Egmond Zechlin, Die deutsche Politik und die Juden im Ersten Weltkrieg. Göttingen, 1969; Werner Angress, Das Deutsche Militär und die Juden im Ersten Weltkrieg, in Militärgeschichtliche Mitteilungen 19 (1976), S. 98-105. Helmut Berding, Histoire de l’antisemitisme en Allemagne, Paris, 1991, S. 154-175; David J. Fine, Jewish Integration in the German Army in the First World War. New York, 2012.

[12]           Michael Berger, „…liebt nächst Gott das Vaterland“. Jüdische Soldaten und ihre Rabbiner im Ersten Weltkrieg, in Der Schild 1 (2007), S. 11-13. Vgl. hierzu auch: https://www.deutschlandfunkkultur.de/hochdekoriert-dann-deportiert.984.de.html?dram:article_id=153473

[13]           https://de.wikipedia.org/wiki/Brussilow-Offensive

[14]           Diese strategische Krise wurde erst durch das sogenannte Hindenburg-Programm überwunden, mit dem ab September 1916 neue Ressourcen für die Rüstungswirtschaft mobilisiert werden konnten, ebenso durch eine ca. 70 km lange Frontbegradigung zwischen Arras und Soissons („Operation Alberich“), durch die ab Februar/März 1917 erhebliche militärische Kräfte freigesetzt wurden.

[15]           https://de.wikipedia.org/wiki/Judenzählung; Ulrich Sieg, Judenzählung, in Gerhard Hirschfeld / Gerd Krumeich / Irina Renz (Hg.), Enzyklopädie des Ersten Weltkriegs, Paderborn, 2004, S. 599-600; Michael Berger: Judenzählung und Zerfall des Burgfriedens, in Eisernes Kreuz, Doppeladler Davidstern, op. cit., S. 50-106. Jacob Rosenthal, Die Ehre des jüdischen Soldaten. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Frankfurt am Main / New York, 2007, S. 40-10. Vgl. hierzu auch: https://www.zeit.de/2016/42/antisemitismus-im-ersten-weltkrieg-deutsches-reich; https://www.deutschlandfunkkultur.de/erster-weltkrieg-stolz-und-vorurteil.1079.de.html?dram:article_id=294059 Zur aktuellen Forschung vgl. auch: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6001 und: https://www.kas.de/documents/252038/253252/7_dokument_dok_pdf_13476_1.pdf/d6ce037e-05ec-38d0-5648-cd20c95bbdb7?version=1.0&t=1539663530954

[16]           Hitler polemisierte in seinem Buch „Mein Kampf“ folgendermaßen gegen die Juden: Die Kanzleien waren mit Juden besetzt. Fast jeder Schreiber ein Jude und jeder Jude ein Schreiber. […] Die Spinne begann, dem Volke langsam das Blut aus den Poren zu saugen. […] So befand sich schon im Jahre 1916/17 fast die gesamte Produktion unter der Kontrolle des Finanzjudentums, zitiert nach Thomas Weber, Hitlers erster Krieg Der Gefreite Hitler im Weltkrieg. Mythos und Wahrheit. Berlin 2012, S. 231; Zum Antisemitismus im Ersten Weltkrieg im Allgemeinen vgl. auch: http://www.antisemitismus.net/geschichte/weltkrieg.htm.

[17]           https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6001

[18]           Ulrich Dunker, Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten 1919-1938. Geschichte eines jüdischen Abwehrvereins. Düsseldorf, 1977.

[19]           Jacob Segall, Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914/18, in http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/1917022. Zur archivischen Überlieferung vgl. https://zentralarchiv-juden.de/bestaende/verschiedenes/deutsche-juden-im-ersten-weltkrieg/verzeichnis/ Vgl. hierzu auch: https://juedische-geschichte-online.net/quelle/jgo:source-133

[20]           http://www.volksbund.de/informationen/deutsche-juedische-soldaten.html.

[21]           Tim Grady, The German Jewish Soldiers of the First World War in History and Memory. Liverpool, 2011, S. 55-122; https://www.welt.de/geschichte/article117672645/12-000-juedische-Soldaten-fielen-fuer-Kaiser-Wilhelm.html

[22]           Der Antisemitismus. Wurzeln, Wirkung und Überwindung, Frankfurt am Main, 1961, S. 15. Golo Mann (1909-1984 war der Sohn des berühmten Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann, dessen Ehefrau Katja jüdischer Abstammung war. Golo Mann emigrierte im November 1933 nach Frankreich und lehrte an der École normale supérieure de St. Cloud und an der Université Rennes, bevor er und seine Familie 1939 in die USA auswanderten. Seine Memoiren sind auch in fran-zösischer Sprache erschienen: Une jeunesse allemande, Paris, 1998.

1920 – Auszug aus dem Entwurf einer dem Oberpräsidenten der preußischen Provinz Westfalen zur Genehmigung vorzulegenden neuen Satzung für die Synagogengemeinde Recklinghausen vom 20. September 1920 

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand III, Nr. 1104, Bl. 77 r.

Abschrift!

Satzungen der Synagogengemeinde Recklinghausen

festgesetzt gemäß des Gesetzes vom 23. Juli 1847 über

die Verhältnisse der Juden im preußischen Staate.

———————————–

Abschnitt I.

pp.

Abschnitt II.

Von der Vertretung und Verwaltung der

Gemeinde-Angelegenheiten

§3

Die Anzahl der Repräsentanten wird auf 9, die der Stellvertreter auf 3 bestimmt.

Sie müssen sich selbstständig ernähren, unbescholten, männlichen Geschlechts, mindestens 30 Jahre alt und seit wenigstens 5 Jahren steuerzahlende Mitglieder der Synagogengemeinde Recklinghausen sein. Vater und Sohn, Schwiegervater und Schwiegersohn, sowie Brüder dürfen nicht zugleich Mitglieder der Repräsentanten-Versammlung sein. Sind dergleichen Verwandte zugleich gewählt, so wird der Ältere allein zugelassen.

§4

Die Repräsentanten und Stellvertreter werden auf6 Jahre gewählt. Ausscheidende können wiedergewählt werden, sind aber nach Ablauf von 3 Jahren zur Annahme einer  Neuwahl nicht verpflichtet, die als Repräsentanten einberufenen Stellvertreter indeß nur dann, wenn sie wirklich 2 Jahreim Amte waren.

Abschnitt IV.

Von dem Vorstande der Synagogen-Gemeinde

§21

Der Gemeindevorstand besteht aus drei Mitgliedfern, die Vorsteher heißen, sowie aus einem Stellvertreter. Auf die Wählbarkeit findet § 3 Abs. 2 und 3 Anwendung.

Im Falle der Behinderung eines Vorstandsmitgliedes tritt der Stellvertreter ein. Beim gänzlichen Ausscheiden eines Vorstandsmitgliedes wird der Stellvertreter auf so lange in den Vorstand einberufen, als der Aus geschiedene selbst noch im Amt gewesen sein würde.

§22

Der Vorstand wählt aus seiner Mitte einen Vorsitzenden auf drei Jahre. Dieser regelt die Verteilung der Geschäfte nach eigenem Ermessen. Er beruft und leitet die Sitzungen. In Behinderungsfällen geht der Vorsatz auf das im Amte älteste Vorstandsmitglied über.

p.p

Recklinghausen, den 23.9.1920

der Vorstand:                                                 die Repräsentanten:

gez[eichnet] Unterschriften                           gez[eichnet] Unterschriften

13. November 1921: Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges aus Recklinghausen am neuen Mahnmal auf dem Jüdischen Friedhof 

Quelle: „Recklinghäuser Zeitung“, Ausgabe vom 14. November 1921, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

In den ersten Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges gab es in Deutschland noch keine landesweit vereinheitlichte, vom Reich, den Ländern und den Kommunen mitgestaltete Gedenkkultur hinsichtlich der Opfer und Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Ein Volkstrauertag, der regelmäßig und öffentlich am zweiten Sonntag vor Advent begangen wird, war noch nicht etabliert. Es gab auf lokaler Ebene Versammlungen und Trauerveranstaltungen meist auf Friedhöfen, die sich am Datum des Kriegsendes, d.h. des Waffenstillstandes vom 11. November 1918 orientierten, wiewohl auf den Friedhöfen in Deutschland ja so gut wie keine Gräber deutscher Soldaten des Ersten Weltkrieges zu finden waren.

Auch in Recklinghausen wählte man diese Vorgehensweise; auf eine amtlich ermittelte Übersicht über Zahl und Namen aller Kriegstoten aus Recklinghausen konnte man allerdings noch nicht zurückgreifen. Aus gegebenem Anlass kamen also Oberbürgermeister Sulpiz Hamm (seit 12. September 1919 im Amt, von August 1914 bis November 1918 selbst Offizier an der Westfront), Vertreter des Magistrates und der Stadtverordnetenversammlung sowie bestimmter Vereine (hier: Kriegervereine, Ortsgruppen des Vereins ehemaliger Kriegsgefangener sowie des Einheitsverbandes der deutschen Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen) zusammen, und zwar nicht im Rathaus, sondern auf drei Friedhöfen im Recklinghäuser Norden. Dort sollten Kränze niedergelegt sowie Trauergesänge, Reden und Gebete gehalten werden. Die Besonderheit des 13. November 1921 bestand darin, dass die Synagogengemeinde Recklinghausen auf ihrem seit 1904 bestehenden Friedhof am Nordcharweg der Öffentlichkeit ihr neues Mahnmal präsentierte, das für Recklinghausen das erste große und öffentlich sichtbare Zeichen des Gedenkens an die Kriegsgefallenen darstellte.

Die „Recklinghäuser Zeitung“ berichtete am Montag, dem 14. November darüber, dass sich die Trauerversammlung am Sonntagmorgen (13. November 1921) ab 8 Uhr erst auf dem evangelischen Friedhof an der Halterner Straße (eingeweiht 1903) einfand und dann

[…] „zum israelischen Friedhofe“ [weiterging], „wo im Anschluss an die Gedenkfeier gleichzeitig die Enthüllung des von der israelischen Gemeinde für die im Kriege gefallenen Gemeindeangehörigen errichteten Denkmals stattfand. Das Denkmal, in Sandstein gehauen – auf der Vorderseite sind die Namen der Gefallenen eingehauen – stellt eine recht schöne, künstlerische Leitung und eine würdige Form der Kriegerehrungen dar. Es ist nach dem Entwurfe von Architekt Schwieters aus der Werkstatt der Firma Lohmann und Frankenstein hervorgegangen. Der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde Herr Katz[1] eröffnete die Feier mit einem kurzen Hinweis auf ihren Zweck und ihre Bedeutung. Kantor Soffe sang vom Psalm 103 die Verse 15–17.[2] Dann folgte die Gedenkrede des Rabbiners Dr. Silberberg.[3] Wie er mitteilte, sind 16 Mitglieder aus der israelischen Gemeinde auf dem

Felde der Ehre geblieben, nicht einer habe sein Grab in heimischer Erde gefunden, daher könne man nicht an ihren Gräbern ihrer gedenken, die Erinnerung an sie solle dies Denkmal wachhalten. Er knüpfte sodann an die Worte der Schrift an: Wo Liebe und Treue sich begegnen, da umfangen sich Gerechtigkeit und Friede. Liebe und Treue, beides haben unsere Helden sterbend geübt und beides sollen auch wir lebend bestätigen, ob es auch Opfer kostet. Um dazu neuen Mut zu schöpfen, nicht um zu klagen, sind wir hier zu dieser Feier versammelt. Nach einem hebräischen Gebet für die Seelenruhe der Toten[4] erfolgte die Kranzniederlegung durch die gleichen Herren wie auf dem evangelischen Friedhofe; der Männerchor trug zwei Lieder vor, dann setzte sich der Zug in Bewegung zum katholischen Friedhofe […].“


[1]           Richard Katz, Repräsentant der Synagogengemeinde Recklinghausen, vgl. hierzu: Opferbuch Verzeichnis | Stadt Recklinghausen.

[2]          „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade aber des H*RRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind“

[3]          Dr. Moritz Silberberg, geb. a, 16. Dez. 1867 in Posen, gest. März 1932 in Berlin. Abitur in Posen, theologisches Studium in Halle und Berlin; Rabbinatszeugnis 1893, Religionslehrer in Beuthen/Oberschlesien; Rabbiner in der Kreisstadt Grätz (Reg.-Bez. Posen), in der Kreisstadt Schrimm (Reg.-Bez. Posen), zweiter Rabbiner an der Neuen Synagoge Posen; ab Juni 1921 Nachfolger des Dr. Joseph Weiß beim Verein zur Wahrung des überlieferten Judentums in der Provinz Westfalen in Recklinghausen, ab 1928 Rabbiner und Religionslehrer in Berlin; Mitglied in der Vereinigung der traditionell-gesetzestreuen Rabbiner Deutschlands, im Bund jüdischer Akademiker und im Deutschen Reichsverband jüdischer Religionslehrer. vgl. hierzu: Biografisches Handbuch der Rabbiner. hg. von Michael Brocke und Julius Carlebach. Teil 2: Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945, berab. v. Katrin Nele Jansen; Bd. 2: Landau–Zuckermann, München 2009, S. 572. (online: BiogrHB_Rabbiner_Teil2_1_Titel.qxp (steinheim-institut.de).

[4]         Gemeint ist das Kaddisch: vgl. hierzu: Das Kaddisch-Gebet – talmud.de; Kaddisch – Wikipedia; Das jüdische Kaddisch-Gebet – Leben, Tod und Inspiration (Archiv) (deutschlandfunkkultur.de)

10. Juni 1928: Einweihung des Lohtor-Mahnmals zu Ehren der aus Recklinghausen stammenden Gefallenen des Großen Krieges 1914–1918

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand III, Nr. 990: Einweihung des Ehrenmals, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Die Kriegsniederlage vom November 1918, die bei den meisten Deutschen als Schock, Trauma und Schande empfunden wird, verursacht Ratlosigkeit über das künftige Totengedenken. Der verlorene Krieg, das Ende des Kaisertums, der als zutiefst ungerecht empfundene Friedensvertrag, die ungeheure Zahl der Gefallenen, die wirtschaftliche Not und die innenpolitischen Wirren werfen die Frage auf, welchen Sinn das millionenfache Sterben überhaupt hatte. So vergehen mehrere Jahre, bevor man sich in Deutschland Gedanken über öffentliche Formen von Trauer und Gedenken macht. Aber anders als in Paris wird in Berlin niemals ein nationales Denkmal für die gefallenen Soldaten des Weltkrieges errichtet.

Am 28. Februar 1926 wird in ganz Deutschland zum ersten Mal ein „Volkstrauertag“ begangen. Im Einvernehmen mit den katholischen und evangelischen Bischöfen wählt die Reichsregierung einen politisch „neutralen“ Feiertag des Kirchenjahrs aus, nämlich den Sonntag „Reminiscere“ in der Fastenzeit. Der traumatische Tag des 11. November, d.h. des Waffenstillstandes von 1918, spielt in Deutschland keine Rolle bei der Erinnerung an den Großen Krieg. Auch in Recklinghausen legen Vertreter der Stadt auf dem katholischen, dem evangelischen und dem jüdischen Friedhof Kränze nieder, auch wenn sich dort nur wenige Soldatengräber befinden.

Im Herbst 1926 wird in Recklinghausen das Projekt einer zentralen städtischen Gedenkstätte wiederbelebt. Die Stadtverwaltung wählt einen neuen Standort aus: An der Südseite des sog. Lohtor-Friedhofes soll ein Areal geschaffen werden, das ein schlichtes Ehrenmal und eine große Versammlungsfläche aufweist. Anstelle einer monumentalen Kriegerskulptur sollen an einer schlichten Mauer auf Bronzeplatten die Namen sämtlicher Kriegstoten aus Recklinghausen verzeichnet werden. Ausreichend große Quadersteine findet man in Resten der abgetragenen mittelalterlichen Stadtbefestigung. Von Herbst 1926 bis Frühjahr 1927 drucken die Zeitungen alphabetische Listen der Gefallenen ab. Auch veröffentlichen sie mehrere Aufrufe an die Stadtbevölkerung, die Namen ihrer toten Angehörigen bei der Stadtverwaltung zu melden, wo man immer noch keinen vollständigen Überblick über die Gesamtheit der Kriegssterbefälle hat. Die Resonanz ist jedoch gering; weiterhin herrscht Unklarheit über die endgültige Zahl der Kriegstoten und das Schicksal von vermissten Soldaten. 1927 beginnen die Bauarbeiten, die Bevölkerung spendet Geld dafür, auch der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ steuert dazu bei.

Knapp zehn Jahre nach Ende des Großen Krieges – und sieben Jahre, nachdem die Jüdische Gemeinde Recklinghausen ihren Gefallenen auf dem Friedhof am Nordcharweg bereits ein eigenes Denkmal gesetzt hatte, ist es so weit: Am Sonntag, dem 10. Juni 1928, wird das Denkmal am Lohtor feierlich eingeweiht. Auf acht Bronzetafeln stehen dort die Namen von 2.279 Soldaten aus Recklinghausen, Unterschiede zwischen Religionen und Konfessionen werden bei deren Verzeichnung nicht gemacht. Ihre große Anzahl und die entstehenden Kosten haben die Fertigstellung des Monumentes lange verzögert. Nun versuchen auch in Recklinghausen die Politiker, dem Krieg und der Niederlage einen nachträglichen Sinn zu geben: In der Rede des Oberbürgermeisters Sulpiz Hamm ist von ewiger Dankbarkeit gegenüber den Toten, von soldatischer Tapferkeit, Pflichterfüllung und Treue bis in den Tod die Rede: Wie eine lebende Mauer hätten die Kämpfer an den Fronten gestanden, um die Heimat zu schützen, vor Okkupation zu bewahren und die Einheit des Deutschen Reiches zu verteidigen.

Unter den Ehrengästen und prominenten Vertretern des gesellschaftlichen Lebens in Recklinghausen befindet sich selbstverständlich auch Isidor Horwitz, Prediger und Kantor der Synagogengemeinde Recklinghausen, sowie der Vorsitzender des Synagogenvorstandes, Rechtsanwalt und Notar Isaac Bachrach. Auch die damals bekannten Namen der jüdischen Gefallenen aus Recklinghausen finden auf den Tafeln des Lohtor-Mahnmals volle Berücksichtigung. Sie lauten in alphabetischer Reihenfolge:

Adler, Albert

Beermann, Georg Lakob

Blumenthal, Julius

Buxbaum, Julius

Friedenberg, Oskar

Goldberg, Jonny

Hamlet, Georg

Hirsch, Paul Philipp

Josef, Felix

Meyer, Alfred

Richter, Alfred

Rosenfeld, Hans

Wallach, Siegfried

Weichselbaum, Felix

Weis, Walter

 

Weiterführende Links:

Shoa

Eine Zeittafel und eine Bildtafel zeigen, in welchem Rahmen, zeitlich und gesetzlich, diese Periode für die Juden in Deutschland verhängnisvoll war.

1933

01.04. Boykott aller jüd. Geschäfte durch die SA. Ausschaltung aller „nicht“arischer Beamter

Reichskulturkammer-Gesetz, Schrift-Leiter-Gesetz: Ausschaltung der Juden

1935

Wehrgesetz: Arische Abstammung Voraussetzung für den Heeresdienst.

15.09. Sondersitzung: Beschluss der antisemitischen „Nürnberger Gesetze“, des Reichsbürgergesetzes, „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“.

1938

Die jüd. Gemeinden verlieren den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts und werden in private Vereine verwandelt.

Verordnungen gegen „Tarnungen“ jüd. Betriebe, über Registrierungen jüd. Betriebe, Anmeldung jüd. Vermögens.

Einführung einer speziellen Kennkarte für Juden.

„Jüdische Vornamen“, falls nicht schon aus dem Vornamen die Zugehörigkeit zum Judentum erkennbar ist; es ist Sara bzw. Israel.

Approbation jüd. Ärzte erlischt, jüd. Rechtsanwälte müssen aus dem Dienst ausscheiden.

Reisepässe von Juden werden mit einem „J“ gekennzeichnet.

„Reichskristallnacht“ staatlich organisiertes Progrom gegen die Juden.

Göhring-Konferenz: Sühneleistung der Juden in Höhe von einer Milliarde Reichsmark, Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschafts- und Kulturleben. Verhaftung von ca. 26.000 jüd. Männern.

Jüd. Kinder vom Schulbesuch allgemeiner Schulen ausgeschlossen.

Arisierung jüd. Geschäfte, Betriebe; d.h. Zwangsverkauf an Nichtjuden.

In der „Reichskristallnacht“ vom November 1938 setzten SA-Trupps die Synagoge in der Limperstraße in Brand; jüdische Geschäfte wurden geplündert, Wohnungen demoliert, deren Bewohner misshandelt und inhaftiert. Die ausgebrannte Synagoge wurde tags darauf vom Stadtrat als „abbruchreif“ eingestuft, ihr Turm zum Einsturz gebracht. Im Sommer 1939 übereigneten Vertreter der Kultusgemeinde mehrere gemeindeeigene Grundstücke, darunter auch das der Synagoge, der Kommune Recklinghausen.

 

 

 

 

 

 

Quelle: Synagoge nach dem Pogrom am 10. November 1938 (Stadtarchiv, aus: recklinghaeuser-zeitung.de)

1939

Aufhebung des Mieterschutzes für Juden

Hitler prophezeit vor dem Reichstag die Auslöschung der jüd. Rasse in Europa, sollte es zu einem Krieg kommen.

Schaffung von „Judenhäusern“

Ausgehbeschränkungen

Beschlagnahme von Radiogeräten

1941

Einführung des Judensterns im Reich.

Auswanderungsverbot

Vermögen deportierter und ausgewanderter Juden verfällt dem Reich.

1942

Verbot der Benutzung öffentl. Verkehrsmittel

Verbot von Haustieren

Kennzeichnung der „Judenhäuser“

Schließung jüd. Schulen

1943

Juden im Reich werden unter Polizeirecht gestellt, sofern sie noch leben und im Reich ansässig sind.

Waren die Beschränkungen vor 1938 schon drückend genug, sollten sie sich nach dem 07.11.1938 zu einem wahren Desaster entwickeln. In Paris wurde der Sekretär der deutschen Botschaft, E.v. Rath, niedergeschossen. Täter war der junge, aus Polen stammende Jude Herschel Grynszpan, dessen Vater von den Nazis nach Polen verbracht worden war.

Zum Abschluss der Feiern zum Gedenken an den Hitler-Putsch in München setzten in ganz Deutschland Ausschreitungen gegen die Juden ein.

Ein Augenzeuge, Harold Lewin, ehemaliger 1. Vorsitzender der jüd. Gemeinde Recklinghausen, mag mit seinem Bericht als Jugendlicher für die Zustände in ganz Deutschland stehen, bevor dann die Situation der Recklinghäuser Juden vorgestellt wird.

Meine Erinnerung an die Nazizeit

Man bat mich, etwas über die Vergangenheit zu schreiben. Ich habe lange überlegt, immer habe ich die Vergangenheit verdrängt, auch um mich selber zu schützen, um nicht, wie viele Juden, sich durch die negativen Gedanken selber Schaden zuzufügen.

Ich wurde 1925 in Essen geboren. 1931 besuchte ich die jüd. Volksschule, die von ca. 400 jüd. Schülern frequentiert wurde. Die Schule befand sich in Essen in der Sachsenstraße.

1936 wurde die Schule von den Nazis beschlagnahmt und die jüd. Gemeinde mietete eine alte Schule in der Nähe des Limbecker Platzes an. Inzwischen durften Juden keine öffentliche Schule besuchen und die Zahl der Schüler stieg auf über 650. Auch die jüd. Lehrer und Professoren wurden entlassen. So bildete man ein 9. und 10. Schuljahr. Jüd. Lehrer gab es nun genug.

Auf meinem Schulweg von Essen-West zum Stadtzentrum musste ich immer wieder an jüd. Geschäften, beschmiert mit gelber Farbe, vorbei. Auf den Schaufenstern Parolen wie „Wer beim Juden kauft, ist Volksverräter“ oder „Hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand“ oder ganz einfach „Judensau“ usw.

Auch standen oft SA-Männer in ihren braunen Uniformen am Eingang der Geschäfte und behinderten das Eintreten eventueller Käufer. Selbst deutsche, christliche Menschen, die meinen Vater und meine Mutter ein Leben lang kannten, viele Feiern, wie Silvester usw., in unserer Wohnung verbrachten, wechselten die Straßenseite, nur um den Juden nicht grüßen zu müssen.

Am 05. November 1938 feierte ich in der großen Essener Synagoge meine Bar Mizwa, (Einsegnung). Es war eine Feier im engsten Kreis. Die Zeit der großen Feiern war vorbei. Es war die letzte Bar Mizwa und auch der letzte Gottesdienst in der Synagoge. Vier Tage später brannte sie.

Der 09. November 1938! Ich ging morgens zum Stadtzentrum, zur jüdischen Schule. Die Bürgersteige vor den jüdischen Geschäften waren übersät mit Glasscherben, die Eingangstüren aufgebrochen, die Schaufenster eingeschlagen. Ich sah, wie SA-Leute in braunen Uniformen den Hausrat von jüdischen Einwohnern durch die Fenster auf die Straße warfen. Da war z.B. die Fam. Hordzewitz, deren Sohn in meiner Schulklasse war. Möbel, ja sogar ein Klavier wurden von dem zweiten Stockwerk durch das heraus gebrochene Fenster auf die Straße geworfen. Da war in Essen-West in der Altendorfer Straße das Textilkaufhaus Rosenberg, wo alle Schaufenster zerstört waren und die Leute einfach einstiegen und sich bedienten. In der Limbecker Straße waren viele Geschäfte ein Trümmerhaufen und dazwischen Gruppen von SA-Leuten in ihren Uniformen mit Schlagstöcken und Pistolen. Sie sangen „Kameraden, Soldaten, hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand!“ und immer wieder „Schlagt die Juden tot, schlagt die Juden tot!“.

Ein jüdischer Lehrer kam mir entgegen: „Junge, geh sofort nach Hause.“ Ich aber wollte sehen, was passierte und ging weiter. Ich kam zu unserer großen Synagoge. Dichter Rauch quoll aus den Fenstern. Die Polizei schickte die Menschen auf die gegenüberliegende Straßenseite. Die Feuerwehr war mit drei Löschfahrzeugen dort, aber sie spritzte nur Wasser auf die Häuser rechts und links der Synagoge auf der anderen Straßenseite. Auf dem Rückweg kam ich wieder bei den Hordzewitz vorbei. Die Nazis waren weg. Der Junge und die Mutter standen vor dem Haus und versuchten, noch etwas aus den zerstörten Möbeln zu bergen. Den Vater hatten die Nazis mitgenommen. Ich nahm Mutter und Sohn mit nach Hause. In der zerstörten Wohnung konnten sie ja nicht bleiben.

Die gleichen Ereignisse fanden in allen deutschen Städten statt. Die Obrigkeit hatte das Progrom befohlen und es fanden sich reichlich Ausführende im deutschen Volk. Es war der Anfang vom Holocaust.

So wie ich von Essen meine persönliche Erfahrung berichten kann, war es auch in Recklinghausen. Auch in Recklinghausen brannte die Synagoge, auch hier wurde nicht gelöscht. Selbst für die Beseitigung der Trümmer musste die Jüdische Gemeinde selbst zahlen. Die jüdische Schule, Eigentum der Gemeinde, wurde enteignet und zu einem NS-Kinderheim umfunktioniert. Die Jüdische Gemeinde musste für die Kinder, deren Eltern nicht geflüchtet waren, einen Schulraum anmieten. Bald begannen die Deportationen in die Konzentrationslager mit alle dem Grauen und am Ende stand für fast alle der Tod. Die Jüdischen Gemeinden in Deutschland hatten aufgehört zu existieren.

Harold Lewin                                                                      Recklinghausen, 19.07.2004

Stellvertretend für all die schrecklichen Schicksale sollen Beispiele angeführt werden von Personen, die eng mit der Gemeinde verknüpft waren oder sind.

Zuerst Rabbiner Dr. Selig Auerbach, Bezirksrabbiner damals in Recklinghausen, auszugsweise aus seinem Bericht, 1962 in New York geschrieben:

„Bereits 1933, nach dem Boykott des 01. April, wanderten viele junge Gemeindemitglieder aus, meist solche, die in den großen jüd. Geschäften angestellt waren und nun keine Arbeit mehr fanden. Das Kaufhaus Althoff, Inhaber die Herren Cosmann und Falkenberg, wurde, ebenso wie das Kaufhaus Simmenauer in Herten, schon 1933 zwangsverkauft.

Von 1937 ging die Gemeinde immer mehr und mehr zurück. Die ersten unter den führenden Gemeindemitgliedern, die auswanderten, waren Dr. Leschziner und Rechtsanwalt Simmenauer, ihnen folgten Sanitätsrat Dr. Schönholz und sein Sohn Dr. Max.

Die Jugend wanderte fast vollständig aus, meist über Haschara in Dänemark nach Israel. Die Alijah war ihre einzige Hoffnung und Rettung“ …

Die Katastrophe für die Zurückgebliebenen kam in der Progromnacht vom 09./10. November, als alle Synagogen im Bezirksrabbinat und das Gemeindehaus in Recklinghausen von den Nazis und ihrer SA gesprengt wurden und Männer ins Gefängnis geworfen wurden. „… Im Bezirksrabbinat konnten sich viele Männer nach Holland retten“. …„Rabbiner Dr. Auerbach und Familie und Kantor Mansbach und Familie, die im Gemeindehaus wohnten, verloren alles was sie hatten. Sie konnten ihr Leben nur durch Herabspringen aus dem zweiten Stock des brennenden Hauses retten.“

Den Lehrer Erich Jakobs warf man durch das Glasfenster der jüd. Volksschule und brachte ihn blutbesudelt ins Gefängnis, wo er in einer kleinen Zelle mit etwa 40 Männern zusammengepfercht war. 

Rabbiner Dr. Auerbach konnte einer ersten Verhaftung durch unerlaubtes Verlassen eines Zuges entgehen. Er begab sich dann in Recklinghausen freiwillig in Polizeihaft, wo er mit den Männern der jüd. Gemeinde ca. 14 Tage verblieb. Er wurde dann ins KZ verschleppt.

Die Progromnacht bereitete allem jüd. Gemeindeleben ein Ende. Für einige Zeit wurde im Hause W. Hirschberg noch Gottesdienst abgehalten. Dr. Auerbach verließ, nach erneut drohender Verhaftung, am 19.12.1938 endgültig Deutschland.

Rolf Abrahamson

Bericht am 09.11.1978

WDR 2, Ü-Wagen, Carmen Thomas

…„Ich habe die Progromnacht morgens um halb sechs wahrgenommen, als ich durch das Schreien meiner Eltern wach wurde. Die Flammen sind bis zur ersten Etage, wo unser Kinderzimmer lag, heraufgelodert. Ich war damals 13 Jahre alt. Wir haben versucht, auf den Hof zu kommen, wo die Flammen zuerst ausgebrochen waren. Man hatte dort die Holzrollade mit Benzin übergossen und dann angesteckt. Die christl. Freunde und Hausbewohner haben nichtsahnend geholfen, die Flammen zu ersticken. Mein Vater ist dann in den raucherfüllten Laden eingedrungen, um vorne der Polizei die Türe zu öffnen.

Dann ist die SA – die Namen sind bekannt, sie wurden sogar mit einem Jahr Gefängnis bestraft – in das Geschäft eingedrungen, haben meinen Vater niedergeschlagen und das Geschäft nochmals angezündet. Wir hatten ein Textil- und Schuhgeschäft. Die Schuhkartons brannten natürlich sehr schnell. Mein Vater lag blutüberströmt im Laden. Die SA zog sich dann zurück, weil die Hitze immer stärker wurde. Meiner Mutter und uns gelang es dann, den Vater aus dem Laden zu ziehen. Wir haben dann versucht, über Zäune zu christl. Leuten zu kommen, um meinen Vater, der noch halb bewusstlos war, dorthin zu retten. Ein früherer Hausarzt hat meinen Vater eineinhalb bis zwei Stunden verbunden.

Danach wurde unsere ganze Familie abgeholt und ins Gefängnis Marl-Brassert in „Schutzhaft“ eingeliefert. Meine Mutter, meine Geschwister und ich wurden abends um sechs Uhr entlassen. Mein Vater aber wurde ins Polizeipräsidium Recklinghausen transportiert und erst nach acht Tagen wegen Haftunfähigkeit entlassen. Das war die Progromnacht, wie ich sie als Kind, als 13jähriger Junge, erlebte. Nach 14 Tagen mussten wir Marl verlassen, wodurch die Stadt „judenrein“ wurde. Ich habe in einer Schwefelfabrik arbeiten müssen. Mit 15 bin ich ins KZ gekommen und mit 20 wieder raus. Ich war in Riga in Lettland, erst in einem Ghetto, dann in einem KZ, dann nach Stutthoff bei Danzig, von dort nach Buchenwald. Zwischendurch habe ich in Bochum Bomben entschärft.

Auf der Festung Theresienstadt in Böhmen bin ich 1945 von den Russen befreit worden.“

Martha de Vries, geb. Marcus:

„Im Januar 1942 kam der Tag, mit dem man gerechnet hat, ohne freilich die Hoffnung aufzugeben, dass er nie kommen würde. Mit Martha de Vries und ihren Eltern mussten 105 Juden einen Viehtransport am Recklinghäuser Bahnhof besteigen. Irgendwann Ende Januar hielt der Zug, die Türen wurden aufgerissen, man war in Riga.“

„Wir dachten, der Schnee ist schwarz.“ Erinnert sich Martha de Vries. Es war das Blut der Riga-Juden. Martha de Vries wurde mit ihren Eltern in Häuser getrieben. Bald kam der Befehl von der Kommandantur, sich am Galgenberg zu sammeln. Von dort gingen die Transporte zum KZ Kaiserwald. Dort sah Martha de Vries ihre Mutter zum letzten Mal.

Nach Aufenthalten in verschiedenen KZ und einem schier endlosen Marsch in den Westen, einer der vielen Totenmärsche, in dem Überlebende KZ-Häftlinge vor der anrückenden russischen Armee in den Westen verlegt wurden, wurde Martha de Vries in Lauenburg befreit. Sie kehrte nach Recklinghausen zurück, heiratete Ludwig de Vries, der die kleine jüd. Gemeinde mit denen von Herne und Bochum vereinte und wieder für ein Gemeindeleben in Recklinghausen sorgte.

Martha de Vries ist im Dezember 1989 gestorben und ist auf dem hiesigen jüd. Friedhof beerdigt.

Ein Augenzeuge, Herr Honnef, Jahrgang 1925, Gespräch vom 25.09.1988: „Wir wohnten am Elper Weg und ich musste zur Schule, dem Gymnasium Petrinum am Herzogswall. Auf dem Weg dorthin benutzte ich immer den schmalen Fußweg von der Limperstraße aus. An diesem Morgen war eine Menschenmenge versammelt, die sich die qualmende Synagoge ansah. Offenbar war sie wohl innen ausgebrannt, aber das Außengebäude blieb unversehrt. Daraufhin hatte man dann – das geschah, als ich zusah – mit Stahltrossen, die an Traktoren gespannt wurden, versucht, den Turm umzureißen. Das gelang aber nicht.“…

Georg Möllers schriebt in seinem Erinnerungsband „Progrom“ das mit Hilfe der Schüler des Petrinum erarbeitet wurde, nachdem zuerst ein Artikel der nationalsozialistischen „National-Zeitung“ zitiert wird:

„Der Brand der Synagoge, die sich in ihrem Schmutz und ihrer Verkommenheit schon seit langem als Schandfleck in der Umgebung des repräsentativsten Gebäudes in der Vestmetropole, des Polizeipräsidiums, erwiesen hatte und die in der letzten Ratsherrensitzung als abbruchreif erklärt worden ist, bedeutet lediglich den schnellen Vollzug dieser längst fälligen Maßnahme, die das Gebäude des Polizeipräsidiums für alle Zeiten von dieser häßlichen, architektonischen Missbildung aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft befreit haben durfte.“

folgendes:

„In der Tat verweist der Artikel auf eine bemerkenswerte Nachbarschaft. Wohl kaum in einer Stadt erwies sich die offizielle Parole von der Spontanaktion des „gerechten Volkszorns“ (RZ v. 11.11.1938) als so offensichtlich verlogen wie in Recklinghausen. Befanden sich doch die Zentren der Synagogengemeinde, denen die Gewaltakte galten, in unmittelbarer Nähe von Polizeipräsidium und Feuerwehrdepot, mithin der staatlichen Organe, die zum Einschreiten verpflichtet gewesen waren, ganz zu schweigen vom Amtsgericht, das wenige 100 m in derselben Straße lag, wie die Synagoge.“ …

… Die Ereignisse vom 09./10.11.1938 sind kein isoliert zu betrachtender Gewaltakt des NS-Regimes, sondern der öffentlich sichtbare Ausdruck der bis 1938 bereits durchgesetzten anti-jüdischen Gesetzgebung. Der wirtschaftliche Ruin etwa, so zeigt sich, wurde durch den 09./10. nur beschleunigt, die Planungen hatten schon vorher eingesetzt.

Einen tiefen Einschnitt in das Leben der Gemeinde gab es 1938, als in der Pogromnacht im November die Synagoge an der Limperstraße zerstört wurde.

Quellennachweis:

Ernst Pfeiffer „Die Juden in Dortmund“ Verlag HARPA GmbH Dortmund-Unna

Werner Schneider: „Jüdische Heimat im Vest“ Gedenkbuch des jüd. Gemeinden im Kreis Recklinghausen, Verlag Rudolf Winkelmann

Georg Möllers, Horst-D. Mannel „Progrom in Recklinghausen“, Projekt Reichskristallnacht – Jugendvolkshochschule

Den Toten verpflichtet

 

Wiederbeginn oder Neuanfang

Nur wenige Wochen nach dem Untergang der NS-Herrschaft kamen die ersten Überlebenden nach Recklinghausen zurück. Zu diesen gehörten u.a. Minna Aaron, Rolf Abrahamsohn und Martha Marcus. Sie heiratete 1946 den aus Lathen stammenden Ludwig de Vries, ebenfalls ein KZ-Überlebender.

Wichtige Impulse zur Neugründung gingen von Ludwig de Vries aus. Schon 1948 konnte auf dem Friedhof ein Mahnmal zur Erinnerung an die 215 Opfer der Schoa errichtet werden. Treffpunkt und Gemeindezentrum war das Haus Bismarckstraße 3, in dem die Familie de Vries wohnte. Ein Minjan für die Gottesdienste konnte meist nur mit Mühe organisiert werden. 1953 gelang es de Vries, sich mit den kleinen Nachbargemeinden Bochum und Herne zu einer Gemeinde zusammenzuschließen, die 1954 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wurde.

Einen großen Schritt konnte die Gemeinde am 10. Juli 1955 machen. Der vom Architekten Karl Gerle entworfene Erweiterungsbau für das Gemeindezentrum mit einem Synagogenraum für 70 Personen konnte durch den Kölner Rabbiner Dr. Zwi Asaria eingeweiht werden. Das Gemeindezentrum war im ehemaligen Jugendheim von 1930 eingerichtet worden, da das Gebäude während der NS-Zeit und des Krieges nur wenig Schaden erlitten hatte.

Nach dem frühen Tod von Ludwig de Vries, er starb mit nur 54 Jahren, übernahm Minna Aron von 1958 an die Leitung der Gemeinde. Ihre Wohnung im Gemeindehaus war Büro und Treffpunkt des Gemeindelebens. Für die nächsten zwanzig Jahre bestimmte sie nun bis 1978 die Geschicke der Gemeinde.

Schon 1948 weihten die überlebenden Rückkehrer auf dem Friedhof am Nordcharweg ein Ehrenmal ein. Es erin-nert an die 215 ermordeten Mitglieder der Gemeinde. Initiator für dieses Denkmal war Ludwig de Vries. Die Inschrift lautet: „Unseren ermordeten Brüdern und Schwestern zum ewigen Gedenken.“ Die Namen aller Ermordeten sind auf der Rückseite eingraviert.

 

 

 

 

 

 

 

Die Fahnenträgerinnen sind die Riga-Überlebenden Ruth Eichenwald (links) und Irma Salomons (rechts).

1953 – das Baujahr der dritten Synagoge

Zur Einweihung der Synagoge am 10. Juli 1955 werden die Torarollen in die Synagoge getragen und in den Toraschrein eingestellt, begleitet vom Vorsitzenden Ludwig de Vries (Bildmitte mit Zylinder).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Außenansicht der Synagoge von 1955.
Außergewöhnlich ist das halbrunde, vorgebaute
und verglaste Treppenhaus mit einer
Treppe mit freitragenden Stufen, entworfen
vom Architekten Karl Gerle.

Normalität im Alltag

 

Die Gemeinde in den Jahren 1960 bis 1989

Zu Beginn der 1960er Jahre hatte sich die kleine Gemeinde etabliert. Nach zwanzig Jahren im Dienste der Gemeinschaft zwang eine schwere Erkrankung Minna Aron zur Amtsaufgabe bzw. Übergabe an Rolf Abrahamsohn, der die Gemeinde bis 1992 leitete. Rolf Abrahamsohn zögerte zunächst, doch Minna Aron wusste ihn zu überzeugen: „Rolf, den Toten gegenüber hast du dieselbe Verpflichtung, wie ich sie hatte.“
Die Kultusgemeinde blieb bis Anfang der 1990er Jahre sehr klein. Die Mitgliederzahl stagnierte zwischen 80 (1983) und 75 (1991). Sorgen bereitete die zunehmende Überalterung.
Die Mitglieder wohnten weit verteilt über das Gemeindegebiet. Religiöser Mittelpunkt war und blieb Recklinghausen. Das religiöse Leben beschränkte sich auf vierzehntägig stattfindendeGottesdienste sowie auf die Feste und Veranstaltungen im Gemeindezentrum. Bei größeren Veranstaltungen und hohen Feiertagen konnten durch die Vermittlung von Stadt, Kirchengemeinde und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit passende Räumlichkeiten
vermittelt werden.
Öffentliche Auftritte gab es selten, meist aus Anlass von Gedenkveranstaltungen, so am ersten Sonntag im November zur Erinnerung an die Deportation von 1942. Zum 40. Jahrestag der Pogromnacht von 1938 gab es eine Reihe von Gedenkgottesdiensten. Am ehemaligen Standort der Synagoge fand am 9. November 1978 eine Live-Sendung des WDR statt. Zu Gast in der Sendung „Hallo Ü-Wagen“ mit Carmen Thomas war Rolf Abrahamsohn, der erstmals öffentlich vom Angriff auf den Laden seiner Eltern und auf seinen Vater berichtete.
Am Ende der 1980er Jahre zeichneten sich deutliche Veränderungen ab. Mit der Öffnung der Grenzen in Osteuropa begann eine Ausreisewelle jüdischer Familien, von denen zunehmend mehr auch nach Deutschland kommen wollten. Die Struktur der Recklinghäuser Gemeinde sollte sich in den kommenden Jahren sehr verändern.

Ludwig de Vries                              Minna Aron                          Rolf Abrahamsohn
(1953 – 1958)                                   (1958 – 1978)                       (1978 – 1992)

Diese drei Vorsitzenden haben den Neuanfang und die Stabilisierung der Kultusgemeinde fast dreißig Jahre maßgeblich geprägt.

Am 9. November 1978 war der WDR mit seiner Sendung „Hallo Ü-Wagen“
mit der Moderatorin Carmen Thomas zu Gast in Recklinghausen. Es wurde
live vom Standort der in der NS-Zeit zerstörten Synagoge gesendet. Zum
40. Jahrestag dere Pogromnacht ging es um das Verhältnis von Juden und
Nichtjuden in Deutschland. Unter den Gesprächspartnern war auch Rolf
Abrahamsohn, als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde und als Zeitzeuge.

 

Rolf Abrahamsohn (Mitte sitzend), Carmen Thomas (rechts sitzend), Werner Schneider (links stehend)
Foto: Recklinghäuser Zeitung / Medienhaus Bauer

Bei einer Chanukkafeier zusammen mit der Gesellschaft für christlichjüdische
Zusammenarbeit im Petrushaus entzündet die Vorsitzende
Minna Aron die Kerzen, Rolf Abrahamsohn hält den Leuchter.

 

 

 

 

 

Die jüd. Gemeinde ab 1989

Dieses Jahr leitet einen Wandel im bisherigen Bestehen der jüd. Gemeinde „Bochum-Herne-Recklinghausen“ ein.

Frau Mina Aron, langjährige Vorsitzende der Gemeinde, war tot. Frau de Vries, Ehefrau des Begründers der neuen Gemeinde 1953, verstarb Ende 1988. Rolf Abrahamson stellte sich nicht mehr einer Neuwahl.

Es waren schon die Vorboten der politischen Umwälzungen zu spüren, die mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch der Sowjetunion einhergingen.

Die Juden dort lebten in einer vollkommen areligiösen Umgebung, die es ihnen unmöglich machte, öffentlich ihre Religion zu leben. Die Bundesregierung ermöglichte es diesen Juden, auch nach Deutschland zu kommen. So wurde Deutschland neben Israel ein bevorzugtes Einreiseland. In der jüd. Gemeinde fanden sich erst einzelne Familien ein, dann aber fand ein geordneter Zuzug über das Auffanglager Unna-Massen statt, der in die Städte, für die die jüd. Gemeinde zuständig war, verteilt wurde. Aktive und prompte Hilfe war in allen Kommunen vorhanden. Am Anfang wurden die jüd. Zuwanderer in einfachen Notwohnungen untergebracht, aber meist schon nach drei Monaten standen normale Wohnungen mit genügend Platz zur Verfügung. Bis 1990 hatte die jüd. Gemeinde ca. 80 Mitglieder. Trotzdem funktionierte das Gemeindeleben ganz gut. Es wurden regelmäßig Gottesdienste gehalten, die Feiertage wurden eingehalten, in der kleinen Synagoge im zweiten Stock war noch Platz für alle.

Veranstaltungen zu den religiösen Festen fanden in dem kleinen Saal im Erdgeschoss des Gemeindehauses statt – das ja in der Nazizeit nicht zerstört wurde und von der Stadt damals als Büroräume genutzt wurde – Kinderaufführungen zu Chanukka und Purim wurden einstudiert und präsentiert. Für größere Veranstaltungen wurden Räumlichkeiten von befreundeten christl. Gemeinden oder der Stadt, des Kreises zur Verfügung gestellt und dankbar angenommen.

So stellte sich das Leben der jüd. Gemeinde Bochum-Herne-Rcklinghausen Anfang der 90ger Jahre dar, einer Gemeinde, die von Hattingen über Bochum nach Haltern und von Waltrop, Castrop-Rauxel bis Herten und Dorsten reichte. Neue Mitglieder waren also hochwillkommen.

Auch wenn der Zuzug der neuen Mitglieder geordnet vor sich ging, war er doch für die kleine Gemeinde ungeheuer schwierig zu verkraften. Schon die Organisation für Behördengänge, Arztbesuche usw. war für die meisten Menschen nur mit Dolmetscher möglich, denn gut deutsch oder sich in Deutsch verständigen, konnten nur wenige. Einige Mitglieder konnten auf Jiddisch zurückgreifen, mit dem sie dann auch zurechtkamen, aber das waren meist ältere Menschen.

Als Frau Aron ihre im Erdgeschoss des Gemeindehauses gelegene Wohnung verließt, um im jüd. Seniorenheim in Düsseldorf zu leben, konnte die Gemeinde auf diese Räumlichkeiten zurückgreifen. Auch hatte das Gemeindehaus einen flachen Anbau nach Osten, der wohl schon vor dem Holocaust gewerblich genutzt wurde; auch in der Zeit, die hier beschrieben wird, war dieses Gebäude vermietet – bis zu der Zeit, als immer mehr Mitglieder kamen und der Anbau für Zusammenkünfte gebraucht wurde. Beim Neubau der Synagoge wurde der Anbau abgerissen.

In Bochum, als größte Stadt der jüd. Gemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen, war der Zuzug von Mitgliedern besonders groß. In den ersten Jahren trafen sich die Mitglieder in Recklinghausen zum Gottesdienst – Verwaltungsort war Recklinghausen ja sowieso – mit Beginn des Neubaues der Synagoge in Recklinghausen wurden alle Tätigkeiten nach Bochum verlegt.

Die Stadt Bochum stellte in der „Alten Wittener Straße“ Räumlichkeiten zur Verfügung, die umgestaltet und neu ausgerüstet mit einem größeren Saal, der als Synagoge und Festsaal dient; mit Büroräumen, mit Möglichkeiten für Seniorentreffen und für Jugendgruppen, mit einer neuen Küche, die es den Mitgliedern in Bochum ermöglichte, jüd. Leben zu pflegen.

Bis heute nutzt die inzwischen selbständige Gemeinde Bochum diese jetzt viel zu engen Räume.

Die Gemeinde hofft aber auf einen baldigen Neubau eines eigenen Gemeindezentrums.

Die Jahre von 1989 an bis zur Trennung der Gemeinden – Jahre des Umbruchs – stellten nicht nur organisatorisch nicht zu meisternde Ansprüche. Man versuchte, den Anforderungen mit immer neuen Vorständen und Gemeindevertretern zu begegnen; die jüd. Gemeinde kam nur noch als Negativnachricht in die Presse, nicht nur regional. Verdächtigungen, die nicht haltbar waren, gegenseitige Aberkennung der Positionen im Gemeinderat verunsicherten nicht nur die neuen Mitglieder. Diese Menschen, die ja aus nicht demokratischen Staaten kamen, sollten sich hier zu Angelegenheiten in Wahlen äußern, von denen sie nicht viel verstanden. Abgesehen davon, dass es für viele Zuwanderer die schwerste Hürde war, Deutsch zu verstehen und damit zu begreifen, worum es bei diesen internen Auseinandersetzungen ging.

Eine Einrichtung, die in kurzer Zeit von z.B. 15.02.1991 75 Mitglieder auf über 900 Mitte 1995 anwächst, ist schwer belastet, zumal weder Angestellte noch der Vorstand geschult für solche Aufgaben waren. Es gab und gibt immer noch Hilfeleistungen und Hilfestellungen vom Zentralen Wohlfahrtsverband in Frankfurt, vom Landesverband in Dortmund, aber die Arbeit musste vor Ort geleistet werden. Jeder Vorstand in dieser Zeit versucht auf seine Weise, damit fertig zu werden – es war nicht möglich. Diese Zustände führten dann 1995 dazu, dass die Gemeinde unter kommissarische Verwaltung des Landesverbandes gestellt wurde, die bis Sommer 1998 dauerte.

Aber auch in dieser Zeit wurde regelmäßig Gottesdienst gehalten, die religiösen Feste und Feiern begangen. Einen besonderen Höhepunkt bildete der Besuch des letzten Rabbiners von Recklinghausen, Dr. S. Auerbach s.A. mit seiner Frau im Februar 1993, ebenso der Besuch des Sohnes des letzten Lehrers in Recklinghausen, Jithro Jakobs, ebenfalls mit seiner Frau im Mai 1993.

Auch ein dramatisches Ereignis ist für den 15.11.1992 zu verzeichnen: der jüd. Friedhof wurde geschändet. Jochen Welt, damaliger 1. Bürgermeister der Stadt, griff selbst zu Bürste und Wasser, um die Schmierereien auf den Grabsteinen zu entfernen.

Auch ein besonderer Besuch aus Israel konnte gefeiert werden: Elio di Castro, damaliger Bürgermeister von Akko, der Partnerstadt von Recklinghausen, besuchte die Gemeinde im August 1992. Er wiederholte seinen Besuch anläßlich des Neubaus der Synagoge.

Die kommissarische Verwaltung endete im August 1998. Die Synagoge war eingeweiht, ein neuer Vorstand gewählt.

Die Bestrebungen der Bochumer Mitglieder, eine eigene Gemeinde zu haben, manifestierte sich immer konkreter. Die Mitgliederzahl war auf über 1.200 Personen gestiegen, davon ca. zwei Drittel in Bochum und Herne, zum anderen waren ja die Räumlichkeiten vorhanden.

Am 06.09.1998 wurde die Teilung in der Mitgliederversammlung beschlossen; eine Teilungskommission eingesetzt. Es mussten neue Satzungen ausgearbeitet werden, Wahlen für beide Gemeinden abgehalten werden. Es war viel Arbeit, aber am Ende standen zwei selbständige jüd. Gemeinden. Recklinghausen führt den Namen „Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen“. Im zweiten Absatz der Satzung wird präzisiert: „ohne Stadt Gladbeck“. Damit wird der Gebietsaufteilung der jüd. Gemeinden nach dem Wiederbeginn nach der Shoa genüge getan.

Die Vorstellungen, mit denen die „alten“, d.h. hier ansässigen Mitglieder, deutsche, israelische, britische usw. Juden und die Juden aus den ehemaligen GUS-Staaten aufeinander trafen, waren von Anfang an verschieden: die Alteingesessenen freuten sich, endlich eine Bereicherung des Gemeindelebens, auch zahlenmäßig, zu erfahren. Viele der „Neuen“, ohne wirkliche Bindung an die jüd. Religion, sehen sich überfordert von den jüd. Gemeinden, zumal sie mit Arbeitsuche, Wohnungseinrichtung, vor allem Deutschlernen sich zugedeckt von Pflichten sehen. Die jüd. Gemeinden wiederum sehen diese Auffassung als nicht ehrenwerte Haltung, da diese Juden ihre Zugehörigkeit zum jüd. Volk als Anlass nahmen, um aus beengten politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen zu entkommen. Hier bot man ihnen die Möglichkeit, ihr Judentum endlich offen zu leben und es wurde nicht so genutzt wie man es sich in den Gemeinden dachte. Das war und ist ein Phänomen, das auf alle jüd. Gemeinden in Deutschland zutrifft, nicht nur Recklinghausen.

In Recklinghausen ist ein guter Teil der Mitglieder aktiv am jüd. Leben beteiligt. An besonderen Tagen kann schon mal die halbe Gemeinde anwesend sein.

Die Zuwanderung hat auch neue Mehrheitsverhältnisse geschaffen. Die Amtssprache ist Deutsch, aber in den Gremien der Gemeindeverwaltung muss oft den deutschen Teilnehmern übersetzt werden. Das sind Anpassungsschwierigkeiten, die mit großer Bereitwilligkeit abgebaut werden.

Die jüd. Gemeinde ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Die Mitglieder wählen alle vier Jahre aus Kandidaten sieben Mitglieder als Gemeindevertretung. Diese wählen wiederum den 1. Vorsitzenden, seinen Stellvertreter und den Vorsitzenden des Gemeinderates. Es gibt einen Finanzausschuss. Für den korrekten Gebrauch der Gelder sorgt die Rechnungskommission, in Recklinghausen zusätzlich ein außenstehender Steuerberater. Für etwaige Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde steht eine Schlichterkommission bereit. Für die Gemeinde arbeitet im Büro Frau Büttner, im Sozialbüro betreut Frau Stachevski die Mitglieder und Herr Czechowicz sorgt für einen reibungslosen Ablauf des Alltags der Gemeinde.

Religiös ist die jüd. Gemeinde Recklinghausen der sog. „Einheitsgemeinde“ zuzuordnen, d.h. alle Juden der verschiedenen Strömungen können sich hier zum Gebet versammeln.

Die Gottesdienste werden von einem Vorbeter geleitet; der zuständige Rabbiner ist der Landesrabbiner von Westfalen, z.Z. Dr. Henry G. Brandt, der die Gemeinde regelmäßig besucht und zuständig für alle religiösen Fragen ist. Ein „reisender“ Lehrer gibt einmal pro Woche Religionsunterricht.

Für einen eigenen Rabbiner reichen die Mittel im Augenblick noch nicht aus.

Im Übrigen sind die Gemeinden weitgehend selbständig.

Die jüd. Gemeinde konnte also auf ein geordnetes Gemeindeleben bauen.

Neben den normalen Festen des jüd. Jahres konnte eine große Hochzeit unter der Chuppa gefeiert werden, Barmitzwa und Batmitzwa fanden statt, immer im Beisein des Rabbiners, Herrn Dr. Brandt.

Im Jahreszyklus der Feiertage kam dann auch die Unterstützung einer guten Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für christl.-jüd. Zusammenarbeit zum Tragen: Für das Laubhüttenfest die Zelte für die Hütte, für die Chuppa den Baldachin, für den Gottesdienst Gebetbücher und für den größten Wunsch der Gemeinde eine großzügige Spende.

Um sich diesen Herzenswunsch zu erfüllen, wurde eine große Sammelaktion in der Gemeinde gestartet. Thorarollen sind der Stolz einer jeden Gemeinde. In ihr sind die fünf Bücher Moses, die Hauptquelle der jüd. Religion, in hebräischen Schriftzeichen, von Hand von kundigen Schreibern geschrieben. Entsprechend hoch ist ihr Preis. Die Thora, übersetzt die Lehre, ist unterteilt in Wochenabschnitten, dies sich in liturgischen Jahr wiederholen, sodass also in jedem Jahr die Thora einmal gelesen und den Gläubigen vorgetragen wird. Versehen mit einem „Mantel“ aus kostbarem Stoff, bekommt die Thorarolle eine Krone als Zeichen, dass die Thora die Krönung der Lehre ist. Ein Brustschild erinnert an das Schild, das der Hohepriester im Tempel trug, auf dem zwölf verschiedene Edelsteine die zwölf Stämme Israels symbolisierten. Ein Lesefinger aus Silber vervollständigt die Ausstattung der Thora. So ausgestattet sind die Thorarollen ein festlicher Blickpunkt, wenn der Thoraschrank zum Gottesdienst geöffnet wird. Die Sammelaktion der Gemeinde wurde unterstützt mit einem Konzert, mit der Spende der Gesellschaft für christl.-jüd. Zusammenarbeit – aber es hätte noch lange gedauert, bis man auf die nötige Summe gekommen wäre.

1934 musste die Familie Schaffer aus Recklinghausen fliehen. Sohn Emanuel war in Israel der frühere Trainer der Nationalmannschaft. Durch die Städtepartnerschaft Akko-Recklinghausen wurden wieder Kontakte geknüpft. Emanuel Schaffer machte es möglich, durch seine großzügige Spende, dass der Herzenswunsch, eine dritte Thorarolle zu besitzen, der jüd. Gemeinde in Erfüllung ging. Selbstverständlich trug Emanuel Schaffer die Thorarolle in der feierlichen Prozession, die von der jüd. Schule über den Westerholter Weg in die Synagoge führte. Er trug sie unter dem blauen Baldachin, unter der die Ehe gesegnet wird. Es folgten ca. 180 Menschen und wohnten der Zeremonie in der Synagoge bei. Der Chor der Gemeinde, bestehend durchgehend aus neuen Mitgliedern der ex-GUS-Staaten, sang bei dem Festakt.

Am Beispiel Thorarolle ist exemplarisch der Neuanfang der jüd. Gemeinde Recklinghausen nachzuvollziehen:

Zum ersten Mal nach der Shoa wurde eine Thorarolle wieder durch die Straßen getragen, das letzte Mal war der Umzug der Gemeinde aus der kleinen Synagoge in die Synagoge an der heutigen Limperstraße, 1924.

Von der „Alten Schule“ – die wieder der Gemeinde zur Verfügung steht – möglich gemacht durch das Interesse von Gemeindemitgliedern, aber auch der Stadt, die mit engagierten Bürgermeistern und Stadtdirektor ihre Verantwortung übernahmen, um einen Teil der Naziverbrechen gutzumachen.

Der Weg in die „Neue Synagoge“ – auch hier nur möglich Dank vieler Faktoren: der Zuzug neuer Mitglieder nach dem Zusammenbruch der Sowietdiktatur, die Aufnahmebereitschaft der Bundesregierung, die finanziellen Unterstützungen aller Beteiligten, nicht zu vergessen, viele private Spenden – besondere Verpflichtungen hatten die Kirchen übernommen – aber vor allem zählt das Vertrauen, dass jüdische Menschen in die Zukunft in Deutschland setzen. Johannes Rau sagte bei der Einweihung der Synagoge: „Wer ein Haus baut, der will bleiben.“

Eine großzügige Spende eines ehemaligen jüdischen Bürgers, der mit seinen Eltern fliehen musste, entwurzelt wurde, sorgt dafür, dass jüdische Menschen eben dort wieder leben und beten können. Dafür ist E. Schaffer zum Ehrenmitglied der jüd. Gemeinde ernannt worden.

Der Baldachin: eine Spende der Gesellschaft für christl.-jüd. Zusammenarbeit, ein Symbol für den Schutz des Allmächtigen, unter dem nicht nur die Thora an diesem Tage stand, sondern auch für das Zusammenleben für Juden und Christen.

Mit einer Thora kann man den Gottesdienst halten, mit zwei Rollen wird störendes Umrollen bei besonderen liturgischen Anlässen vermieden, die dritte Thorarolle zeigt, wie Harald Lewin in seiner Ansprache sagte “dass wir uns hier wohl fühlen“.

In der Zeremonie in der Synagoge sang der Chor der jüd. Gemeinde: ein Zeichen dafür, dass alte und neue Mitglieder nur zusammen eine neue lebendige Gemeinde gestalten können.

Bei dem Festakt waren viele nichtjüdische Gäste anwesend, voran die Vertreter der Stadt mit den Fraktionsvorsitzenden. Auch das eine lange, gute Tradition in Recklinghausen.

Juden wollen hier wohnen, ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland wieder finden. Wollen versuchen, wieder eine Einheit zu bilden mit der christlichen Umwelt. Das Mahnmal am Herzogswall zeigt es auffällig: eine Einheit, die Kugel, gespaltet durch die Shoa. Versucht man die beiden Hälften wieder zusammenzusetzen, stellt man fest, dass der Winkel nicht mehr stimmt!

Diesen Winkel immer mehr in den Idealzustand zu bringen, bedarf es ungeheurer Anstrengung. Der Anfang ist gemacht.

Quellennachweis: Gemeindearchiv

Zuwanderung als Chance

 

Neue Mitglieder sichern die Zukunft der Gemeinde

Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ und die politische Neuordnung Europas Ende der 1980er Jahre
ermöglichte jüdischen Familien und Einzelpersonen die Ausreise aus der ehemaligen Sowjetunion.
Diese Zuwanderung brachte auch der Recklinghäuser Gemeinde viele neue Mitglieder und damit
auch viele Herausforderungen. Die Mitgliederzahl wuchs von 75 (1991) auf 900 (1995) und bis auf
1250 (1997) an.
Die Mehrheit der neuen Mitglieder kam aus der früheren Sowjetunion. Die „alten“ Gemeindemitglieder
waren auf das Äußerste gefordert, um den Neuankommenden bei der Integration in die Gesellschaft
und in das Gemeindeleben zu helfen. Obwohl die Sowjetunion die Religionsausübung verboten
hatte und es keinen Religionsunterricht in den Schulen gab, konnten die meisten Einwanderer ihrem
Glauben und den jüdischen Traditionen treu bleiben. Die Zuwanderung führte zu einer Belebung des
Gemeindelebens und zur Sicherung der Zukunft.
Die Gemeinde blieb von antisemitischen Angriffen nicht verschont. In der Nacht vom 14. auf den
15. November 1992, dem Volkstrauertag, wurde der Friedhof am Nordcharweg durch Hakenkreuze
und Schmierereien auf vielen Grabsteinen geschändet. Bei allem Entsetzen konnte die Kultusgemeinde
eine Welle der Solidarität in der Stadt und im Umland registrieren. Politiker, Kirchengemeinden
und Parteien zeigten sich solidarisch und veranstalteten Gedenk- und Mahnveranstaltungen.
Die Reaktionen zeigten, dass die jüdische Gemeinschaft akzeptierter Teil der städtischen Gesellschaft
war und ist.
Das Wachstum führte schon bald zu Überlegungen, eine neue Synagoge zu errichten. Nach einer
längeren Planungsphase konnte schließlich in einem Festgottesdienst mit Landesrabbiner Dr. Henry
Brandt am 26. Januar 1997 die neue Synagoge unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und der
Prominenz eingeweiht werden. Zusammen mit der im Juni 1997 der Gemeinde übergebenen alten
Schule und der Mikwe verfügt die Gemeinde über ein großzügiges Gemeindezentrum.

Foto: epd-bild / Fernkorn

Am 26. Januar 1997 konnte die neue Synagoge eingeweiht werden. In einer feierlichen Prozession wurden die Torarollen in die Synagoge getragen. Der damalige Landesrabbiner Henry G. Brandt leitete den Festakt, an dem zahlreiche Gäste teilnahmen, unter anderem der Ministerpräsident Johannes Rau und Paul Spiegel als Vorsit-zender des Zentralrats der Juden in Deutschland.

 

 

 

 

 

 

Recklinghäuser Zeitung vom17.11.1992 / Medienhaus Bauer

 

Die Schändung des Friedhofs in der Nacht zum Volkstrauertag 1993 führte in Recklinghausen zu einer breiten Welle der Solidarität mit der jüdischen Kultusgemeinde.

Die Recklinghäuser Zeitung berichte mehrmals über die Tat und die Solidaritätsveranstaltungen.

 

 

 

 

 

 

 

Die neue Synagoge 1997

Schon vor dem Zuzug der neuen Mitglieder aus den GUS-Staaten war es nicht für alle Menschen leicht, die kleine Synagoge im zweiten Stock des Gemeindehauses Am Polizeipräsidium 3, in Recklinghausen zu erreichen.

Das ehemalige Jugendheim der Gemeinde wurde in der Nazizeit nicht zerstört und nach der Shoa wurde hier der neue Betsaal eingerichtet.

Für ältere Leute bedeuteten die Treppen oft ein unüberwindbares Hindernis, um am Gottesdienst teilzunehmen, sie warteten dann in dem Festsaal im Erdgeschoss.

Schon seit 1988 machte man sich Gedanken, wie man den Zustand ändern könnte. Eine der angestrebten Möglichkeit war der Einbau eines Aufzuges. Pf. Sonnemann, damals Superintendent und Dechant Pf. Hüntering, beide leider schon verstorben, stellten für die christl. Kirchen eine größere Summe Geldes zur Verfügung, um die Gemeinde in ihren Umbauvorhaben zu unter-stützen.

Dieses Vorhaben zog sich dann über Jahre ohne konkretes Ergebnis, bis die Mitgliederzahl enorm angestiegen war und der Neubau in Angriff genommen wurde. Der Synagogenbau kostete ca. 3 Millionen Mark damals, Von den Kosten trug das Land NRW 1 Million. Der Fehlbetrag floss aus dem Konto „Synagogenbau Nordwestdeutschland“. Die Gelder der beiden Kirchen, die für den Umbau gedacht waren, flossen ein, Spenden der Gesellschaft für christl.-jüd. Zusammenarbeit und private Spenden. Ein gutes Zusammenwirken von allen.

Die Synagoge in Recklinghausen war die dritte Synagoge in Deutschland, die nach der Shoa gebaut wurde.

Der Plan für die Synagoge stammt von der Architekten-Gemeinschaft Hans Stumpfl aus Dorsten, Diplom-Ingenieur, und Nathan Schächter aus Münster. Nachdem der Robau nahezu fertig war, musste Hans Stumpfl leider krankheitsbedingt ausscheiden und Nathan Schächter führte den Bau samt Innenausstattung zu Ende.

Mit dem Neubau der Synagoge änderte sich auch das äußere Bild des Grundstücks: der größte Teil der ehemaligen Grünfläche, als Garten genutzt, war bebaut. So musste der Zugang zu Synagoge neu gestaltet, neue Parkplätze mussten angelegt werden. Heute fügt sich auch der Vorplatz zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Am 27. Januar 1997 war es dann soweit. Landesrabbiner Dr. Henry Brandt weihte die Synagoge ein. Die Thorarollen wurden im feierlichen Umzug in die Synagoge gebracht und in den Aron HaKodesch, den Thoraschrank, der immer gegen Jerusalem ausgerichtet ist, gestellt. Johannes Rau, damals Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, sagte unter anderem in seiner Festrede: „Wer ein Haus baut, der will bleiben.“

Rabbiner Brandt erinnerte daran, dass die Einweihung der Synagoge nicht nur ein Freudentag ist; „das Gedenken der Opfer der Shoa in der Nazizeit dürfe nie aufhören.“ Aber er sagte auch, dass es keine Abschottung der Gemeinde nach außen geben dürfe. „Das Haus steht allen offen und lädt zur Besinnung und Erinnerung ein.“

Weihbischof Voß aus Münster überbrachte die Grüße der Kirchen und der Gesellschaft für christl.-jüd. Zusammenarbeit und hoffte auf ein neues, tieferes Miteinander von Juden und Christen. Nathan Schächter, als Architekt, übergab symbolisch den Schlüssel des Hauses an Hanna Sperling, der Vorsitzenden des Landesverbandes.

Über 400 Personen, Gäste und Mitglieder der Gemeinde, nahmen an der Feier teil. Unter den geladenen Gästen war Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Kurt Neuwald s.A. Ehrenvorsitzender des Landesverbandes, natürlich Elio di Castro, Bürgermeister der Patenstadt Recklinghausen, Akko. Jochen Welt und Peter Borggraefe, die Reckling-häuser Stadtspitze, viele Bürgermeister des Kreises und aus anderen Städten. Es war eine bewegende, feierliche Stunde, die sehr wohl die Betroffenheit und Trauer bei den Gemeinde-mitgliedern spüren ließ, die oft ihre gesamte Familie in der Shoa verloren hatten. Und doch ist die Synagoge ein Zeichen des „Wieder“-Vertrauens. Nicht zum ersten Mal in der jüdischen Geschichte!

So steht nun der helle, freundliche Bau der Gemeinde zur Verfügung. Die Holzdecke als Baldachin konzipiert, der den Schutz des Allmächtigen symbolisiert, unter dem alle Menschen stehen. Ein Glasdach, das das Licht des Tagesablaufes einfallen lässt.

Über dem Thoraschrein die Worte in hebräisch: Aus Zion kommt die Lehre, aus Jerusalem das Wort. Darüber der Dekalog, die zehn Gebote, in zwei Tafeln, in Goldbuchstaben. Und über beiden brennt das „ewige Licht“. Vor dem Thoraschrein ein blauer Samtvorhang. Das Mittelstück stammt aus der kleinen Synagoge. Man hat durch die Übernahme verschiedener Teile aus der alten Synagoge, die sich ja im gleichen Gebäudekomplex befindet, die Verbindung zwischen alt und neu betont. Vor dem Podium des Aronschreines ist das schmiedeeiserne Gitter des alten Betsaales verwendet worden. An der rechten Seite sind die Glasfenster, bemalt und in Blei gefasst, wieder angebracht worden. Jetzt von rückwärts beleuchtet, bilden sie einen wunderbaren Kontrast zu der sonst weißen Wand.

Auch das Blau der Sesselbezüge ist der Farbton, den die eingesessenen Mitglieder aus der alten Synagoge kennen und der mit dem hellen Holz der Raumausstattung gut harmoniert.

Männer und Frauen begegnen sich beim Gottesdienst auf einer Ebene. Zwar sind sie getrennt, aber nehmen gemeinsam an der Liturgie teil.

In der Mitte der Synagoge steht die Bimah, ein größeres Podium, mit einem großen Tisch, auf dem die Thora zum Gottesdienst ausgerollt und gelesen wird.

Zur neuen Synagoge gehört der Festsaal; bei Bedarf können die Trennwände zwischen Synagoge und Festsaal geöffnet werden und es entsteht ein Raum, der ca. 400 Personen Platz bietet.

Über dem Saal befinden sich Büroräume, im Erdgeschoss liegt das Sozialbüro, zwei Küchen, Wirtschaftsräume und Sanitäranlagen. Durch den Neubau, der an das alte Gemeindegebäude angefügt ist, besteht die Möglichkeit, alle Flächen zu nutzen und es erscheint alles als ein einheitliches Gebäude. Auch die alte Synagoge, heute als Unterrichtsraum und Bücherei genutzt, ist wieder über die „Turmtreppe“ wie früher zu erreichen.

Diese Turmtreppe war es, die den Anstoß gab, zu überlegen, wie man besser zum Beten kommen könnte! Die Treppe und der Zuzug von vielen Menschen, Juden, die einen würdigen Raum zum Gebet wollten. Sie haben es gewagt, mit Hilfe von Vielen, in Recklinghausen eine nicht nur vorübergehende Heimat zu wählen.

Georg Möllers, dem die Aufarbeitung der jüdisch-deutschen Geschichte am Herzen liegt, schreibt: „Die Geschichte der vier Synagogen und ihrer Gemeinden war immer auch Gradmesser für das Miteinander verschiedener Religionen und Herkunftsländer. So kann der Neubau auch als ein Signal für das Vertrauen der jüdischen Gemeinde in Toleranz und Demokratie dieser Gesellschaft angesehen werden.“

Quellennachweis:Eigenes Archiv

Archiv der Gesellschaft für christl.-jüd. Zusammenarbeit

Kirche und Leben, Ausg. 02. Februar 1997

Kreisdekanat Recklinghausen

Möllers: Geschichte der Synagogen in Recklinghausen, Auszug

 

Jüdische Schule am Steintor 5

Quelle: Foto aus www.recklinghausen.de

Die heutige Anschrift „Am Steintor“ entspricht nicht den historischen Tatsachen, denn ursprünglich verlief da der Westerholter Weg.

Die jüd. Gemeinde der Jahrhundertwende war so gewachsen, dass man sich zu einem eigenen Schulbau entschloss. 1907 war es dann soweit. Rabbiner zu dieser Zeit war Dr. Moses Marx, der auch dafür sorgte, dass in dem Neubau eine Mikwe, ein rituelles Bad, eingerichtet wurde.

Mit der preußischen Schulreform 1908 wurde das Gebäude in die Obhut der Stadt übergeben, mit der Auflage, für den Unterhalt des Gebäudes zu sorgen, solange jüd. Kinder in Recklinghausen beheimatet sind.

Mit dem Beginn der Nazizeit war auch die Schule als jüd. Einrichtung ein Anstoß, den man auszurotten hatte.

Schon vor der Progromnacht des 09.11.1938 finden sich Beschwerden am 10.10.1938 von den Nachbarn des Grundstückes, die darüber klagen, dass das Grundstück verwildert, Gefahr des Abrutschens des Terrains besteht (wenige Zentimeter höher als die Straße!), kurz, es musste ein Grund ge-funden werden, den Juden die Nutzung der Schule zu verbieten, sie wurde endgültig enteignet. Die Nazis errichteten fortan ein Kinderheim.

Nach dem Holocaust war die Gemeinde zu klein, um sich um eine Schule zu kümmern. Inzwischen hatte die Stadt 1988 das Gebäude der Wohnungsbaugesellschaft verkauft.

Für Harold Lewin war es immer sicher, dass die „alte Schule“, wie sie genannt wird, wieder in den Besitz oder zur Nutzung der jüd. Gemeinde dienen sollte. Er setzte sich für Nachforschungen ein, unterstützt von Georg Möllers, engagiert seit Jahren in der Aufarbeitung der jüd. Geschichte in der Nazizeit in Recklinghausen und Rechtsanwälten. In zahllosen Verhandlungen wurde gerungen, eine Einigung zu erzielen. Als es aussichtslos erschien, das Ziel zu erreichen, wandte sich Harold Lewin an die Presse und die Resonanz bei den Bürgern war überwältigend. Die Zustimmung, der jüd. Gemeinde das Haus zur Nutzung zurückzugeben, war enorm.

Bei den Nachforschungen wurde ein Dokument der Übergabe von 1912 gefunden, unterzeichnet von dem damaligen Bürgermeister der Stadt Recklinghausen, zahlreichen Stadträten und der Unterschrift des damaligen amtierenden Rabbiners der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen das besagt: Das Gebäude muss, solange es jüdische Kinder in Recklinghausen gibt, als jüdische Schule genutzt werden.

Die juristische Voraussetzung war gegeben: es waren wieder jüdische Kinder in Recklinghausen, die Anrecht auf jüd. Unterricht hatten.

Die Stadt und das Land haben ca. 800.000 DM in das Gebäude investiert, auch das rituelle Bad (Mikwe) im Keller wurde restauriert, mit neuer Regenwasserzufuhr versehen. Die beiden großen Räume, die als Klassenzimmer dienten, wurden nach historischen Vorlagen hergerichtet; im ersten und zweiten Stock sind Wohnungen für Mitglieder der jüd. Gemeinde vermietet.

Das Haus trägt den Namen : „Dr. Selig Auerbach“.

Es ist für viele Menschen offen: Sprachunterricht für die Zuwanderer aus den Ost-Staaten, die Kinder- und Jugendgruppe trifft sich, Seniorentreff, Hebräischkurs, Musikunterricht, Seminare für Judentum in russischer Sprache, private Feiern – all das findet in dem Haus statt.

Am 21. Juni 1997 wurde das Haus offiziell der jüd. Gemeinde übergeben. Sehr zur Freude der jüd. Gemeinde nahm die Tochter des letzten Rabbiners, Dr. S. Auerbach, daran teil. Dr. Aucherbach war leider kurz vor der Einweihung gestorben. Zusammen mit Bürgermeister Welt enthüllte Chana Auerbach die Bronzetafel am Eingang des Hauses.

Chana Auerbach, die aus New York angereist war, sagte: „Mein Vater war stolz darauf, dass diese Gemeinde, in der er einst eine Familie gründete, nun noch einmal vollständig ist.“

Jochen Welt, der damalige Bürgermeister der Stadt, sagte bei der Übergabe: „Das Haus ist ein Mahnmal für Schuld und Versöhnung einer ganzen Stadt.“

Quellennachweis: Werner Schneider „Jüdische Heimat im Vest“

Fußball-Legende aus Israel nimmt auf alter Schulbank Platz

Vor der jüdischen Schule: (v.l.) Peter Borggraefe, Emanuel Schaffer, Manfred Lämmer und Isaac Tourkman. WAZ-Bild: Kruse

Film über Emanuel Schaffer soll auch seine Jahre in Recklinghausen zeigen von Mark Raschke

Emanuel Schaffer kämpft mit den Tränen. Gerührt schaut der 78-Jährige in die Gesichter der jüdischen Gemeinde Recklinghausen, die ihn so eben zum Ehrenmitglied ernannt hat. Spontan! Dabei wollte der ehemalige Erfolgs-Trainer der israelischen Fußball-National-mannschaft einfach nur mal Hallo” sagen.

Denn eigentlich ist er in Recklinghausen, um mit dem Historiker Peter Borggraefe eine Idee zu besprechen, bei der er im wahrsten Sinne des Wortes eine tragende Rolle spielen wird: Das Sporthistorische Institut der Deutschen Sporthochschule Köln möchte sein Leben verfilmen.

Ein Leben, das 1923 in der Paulusstraße 28 begann. Denn Emanuel Schaffer, der 1970 die israelische National-mannschaft das bislang erste und einzige Mal in ihrer Geschichte zu einer Weltmeisterschaft nach Mexiko geführt hat und deswegen heute noch in Tel Aviv auf der Straße erkannt wird, stammt aus Recklinghausen.

Hier lebte er bis 1933 und ging damals natürlich auch in die jüdische Schule, die er jetzt bei seinem Besuch in Recklinghausen zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder betrat. “Da saß ich“, “, sagt er sofort und deutet auf einen Platz nahe dem Fenster. „Und da draußen war ein tiefes Loch, aus dem ich immer die Bälle geholt habe.” Schaffer kickte schon damals.

Er floh vor den Nazis, kehrte Deutschland den Rücken und siedelte über Polen und Russland nach Israel über. Eine Odyssee, die beispielhaft ist für viele jüdische Schicksale. Dennoch kam er relativ schnell nach dem Krieg – 1958/59 zurück nach Deutschland und machte hier an der deutschen Sporthochschule in Köln seinen Trainerschein bei Hennes Weisweiler und Sepp Herberger.

In den 60er und 70 Jahren trainierte Schaffer dann die Elite-Kicker Israels. Und noch bevor diplomatische Kon-takte auf politischer Ebene hergestellt wurden, sorgte Schaffer bereits über den Fußball für eine deutsch-israelische Verständigung. Alles in allem also eine tragisch-kuriose Biographie”, wie Prof. Manfred Lämmer findet, der als Leiter des Sporthistorischen Instituts nun zusammen mit Peter Borggraefe nach einem interessierten Produzenten für den von der Filmförderungsanstalt NRW unterstützten Film Ausschau hält.

Erschwert wird diese Suche dadurch, dass zudem ein israelischer Co-Produzent gefunden werden muss, der das Filmmaterial aus der heutigen Heimat Schaffers liefern soll. Hier aber hat Peter Borggraefe bereits über den ehe-maligen israelischen Botschafter in Deutschland, Avi Primor, einen kompetenten Kontakt hergestellt. Emanuel Schaffer freut es. Immer wieder schweifen seine Augen durch die Schulraume.

Er ist Optimist.

von Mark Raschke

Emanuel Schaffer

Emanuel „Eddy“ Schaffer (* 11. Februar 1923 in Drohobycz, Polen; † 30. Dezember 2012 in Ramat haScharon) war ein israelischer Fußballtrainer. Als Trainer der israelischen Fußballnationalmannschaft brachte er diese 1970 zum einzigen Mal zur Weltmeisterschaft. Zudem war er ein Vermittler im Sport zwischen Deutschland und Israel.

Familie

Schaffers Vater, Mozes („Max“) Schaffer wurde 1893 in Porohy, seine Mutter Hela 1898 im galizischen Drohobycz geboren. Er hatte drei Geschwister: Cila (geboren 1920), Salka (geboren 1921) und Rosa (geboren 1928). Sein Vater war Manager einer Öl-Gesellschaft in Galizien, kam 1922 als Handlungsreisender nach Deutschland und verbrachte dort einige Monate, woraufhin ihm seine Familie folgte. Sie zogen aus Polen über (Marl-) Hüls im Jahre 1928 nach Recklinghausen ins nördliche Ruhrgebiet, wo Schaffer seine Kindheit verbrachte. Er besuchte eine jüdische Schule und interessierte sich schon früh für Fußball. Sein Vater Moses Schaffer arbeitete zu dieser Zeit als Handlungsreisender. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, floh die Familie 1933 und kehrte nach Stationen im französischen Metz und dem Saarland 1936 ins ostpolnische Galizien zurück. Emanuel wechselte seine Muttersprache von Deutsch zu Polnisch. Während seine älteren Schwestern ihr Studium in Stanisławów fortsetzten, besuchte Emanuel das Gymnasium in Drohobytsch und wohnte bei seiner Tante Lusia. Dort spielte er zum ersten Mal in einem Fußballverein, Betar Drohobycz, einem Klub der zionistischen Jugendbewegung. Im Jahre 1939 wurde die Stadt Drohobytsch von der Sowjetunion besetzt. Drohobycz wurde am 22. Juni 1941 von der deutschen Wehrmacht überfallen, welches den Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges kennzeichnet.

Eine Gruppe Jugendlicher, unter denen sich auch Emanuel Schaffer befand, versuchte in den Osten zu fliehen. Schaffer war einer der wenigen, der die Flucht überlebte. Auf der Flucht bekam der Achtzehnjährige Diphtherie und Typhus und kam nach Alma Ata in Kasachstan. Dort wurde er in einem vom Innenministerium der UdSSR (NKWD) kontrolliertem Arbeitslager festgehalten. In diesem schloss er sich der Arbeitslager-Fußballmannschaft an, die gegen andere Arbeitslager und Lokalmannschaften spielte. Er sicherte sich damit zusätzliche Lebensmittel. Später arbeitete er in Alma Ata in einer Schuhfabrik und spielte bei dem Fußballverein Dynamo Alma Ata. 1941 erreichte ihn die Nachricht seiner Tante Lusia über den Tod seiner Familienmitglieder, die wahrscheinlich bei einem Massaker in Stanisławów ermordet wurden. Einen Monat, nachdem der Krieg zu Ende war, kehrte Emanuel nach Polen (Bielawa) zu seiner Tante Lusia und ihrer Familie zurück, die dank einer polnischen Frau, die die jüdische Familie versteckte, überlebt hatten.

Nach dem der Krieg vorbei war, kehrte Schaffer nach Polen zurück. Seine Auswanderung nach Palästina wurde durch fehlende Papiere und ein von der britischen Mandatsmacht verhängtem Einwanderungsstopp vorerst verhindert. Stattdessen begann er eine Karriere als Fußballer. Er spielte bei ZKS Bielawa, einem jüdischen Sportverein, und in der niederschlesischen Fußballauswahl. 1949 endete Schaffers Karriere vorerst, weil das jüdische Vereinswesen und somit auch seine Aktivität im Fußballverein verboten wurden. Als er in die polnische Armee einberufen wurde, floh er über die Tschechoslowakei, Österreich und Italien nach Israel, wo er 1950 mittellos ankam. Schaffer nahm seine Fußballkarriere wieder auf und spielte im Team Hapoel Haifa. Im Jahre 1954 stand er sogar im Kader für die Nationalmannschaft. Aufgrund einer Beinverletzung musste er jedoch das Fußballspielen aufgeben.

Vom Spieler zum Trainer

„Ich habe davon geträumt, Trainer zu werden.“ (Emanuel Schaffer, 1956) Aus diesem Grund kehrte er 1958 nach Deutschland zurück, um an der Sporthochschule Köln sein Trainerdiplom zu absolvieren. Zur finanziellen Unterstützung trainierte er den Verbandsligisten Rhenania Würselen und sammelte zusätzlich Erfahrungen. Als Trainer kehrte er nach Israel zurück, um die Oberliga-Mannschaft Bnei Yehunda und die Mannschaft der israelischen Luftwaffe zu trainieren. Zeitgleich ließ er eine Trainerschule mit deutschen Einflüssen bauen. Schaffer nahm mit seinem Team 1968 an den Olympischen Spielen teil, nach einem Unentschieden gegen Bulgarien, verfehlten sie jedoch die Bronzemedaille durch einen Münzwurf. In den Jahren von 1968 bis 1971 und noch einmal von 1978 bis 1980 war er Trainer des Nationalteams Israels.

Sein größter Erfolg gelang ihm 1970 mit der israelischen Nationalmannschaft, die als erstes und bislang einziges Mal die Qualifikation zur Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko erlangt hatte. In Fußballfachkreisen wurden drei klare Niederlagen erwartet. Man verlor das Spiel gegen Uruguay mit 0:2, auf das man sich aufgrund fehlender finanzieller Mittel zur Gegnerbeobachtung nicht optimal vorbereiten konnte. Gegen Schweden und Italien konnte die Mannschaft jeweils ein Unentschieden erringen, was in Israel großen Widerhall fand. „Bei unserer Rückkehr sind die Spieler wie Helden empfangen worden. Sie haben nicht für Geld, sondern für ihr Land gespielt. Wir haben für drei Millionen Menschen einen echten Erfolg errungen.“, so Schaffer.

„Deutsche“ Fußballtugenden, taktische Disziplin und körperliche Fitness waren für Emanuel die entscheidenden Kriterien seiner Trainerphilosophie. Durch seine professionellen und erfolgreichen Trainingsmethoden, gelang es ihm den israelischen Fußball zu revolutionieren. Trotz seiner erfolgreichen Trainerkarriere holte ihn sein altes Leben immer wieder ein. Auf die Frage eines Sportjournalisten, warum er beim Training immer so fluchen würde, antwortete er. „Ich weiß, ich bin verrückt […] Aber du musst wissen, dass, wer auch immer da war und überlebt hat, verrückt zurückgekommen ist. Auch die, die glauben, sie sind normal, sind verrückt. Niemand ist gesund zurückgekehrt.” An seinem Grab sagte Avi Luzon, der Präsident des israelischen Fußballverbands: „Er war der größte Trainer, den wir je hatten“.

von Wikipedia

Mizwa eines Trainers

Israelischer Fußballcoach schenkte Recklinghausen eine Tora

Emanuel Schaffer (Mitte) trägt die neue Torarolle durch die Straßen von Recklingshausen. Jüdische Allgemeine, Foto: Hans Blossey

VON ERNST ZUR NIEDEN

Einen großen Tag erlebte die Jüdische Ge meinde in Recklinghausen: Erstmals seit 1924 wurde am 15. Februar wieder eine Torarolle durch die Straßen der Ruhrge bietsstadt getragen. Der Anlaß war denk würdig genug, denn mit Hilfe von Spen dern konnte die Anschaffung der dritten Tora finanziert werden.

Und das nicht allein. Dem neunund siebzigjährigen Emanuel Schaffer fiel die Ehre zu, kurz vor Beginn des Sabbat betes die neue Tora von der nahegelege nen Jüdischen Schule in die Synagoge zu tragen. Schaffer stammt aus Reckling hausen, mußte 1934 vor den Nationalsozi- alisten aus seiner Heimat flüchten und lebt heute in Israel. Er war nach dem Ende des Naziregimes der erste Israeli, der ein Studium an der Deutschen Sporthoch schule in Köln absolvierte. Bei Hennes Weisweiler bestand er sein Diplom als Fußballlehrer und trainierte später die is raelische Nationalelf. Deren eins zu sie ben-Niederlage am 13. Februar dieses Jah- res in Kaiserslautern erlebte er als Ehren- gast mit.

Emanuel Schaffer hatte mit einer Spende in Höhe von zehntausend Mark (etwa fünftausendeinhundertdreizehn Euro) wesentlich zur Finanzierung der Tora beigetragen, die im englischen Manchester für die Recklinghäuser Gemeinde sie hat mehr als fünfhundert Mitglieder – restauriert wurde. Mit der Ehrenmitgliedschaft bedankte sich die Gemeinde bei Emanuel Schaffer, der während der Feier zum Einzug der Torarolle immer wieder von seinen Gefühlen übermannt wurde.

Etwa einhundertachtzig Gäste aus der Gemeinde, aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirchen nahmen an der Festveranstaltung teil. Sie begann mit einer kurzen Prozession. Ein Baldachin aus schwerem blauen Samt über den Trägern der drei Torarollen führte den Zug an.

Emanuel Schaffer äußerte sehr große Freude und Dankbarkeit” dafür, daß er aus einem so außergewöhnlichen Anlaß wie der in der Stadt seiner Kinderzeit sein  konnte. 1997, zur Einweihung der neuen – Synagoge, hatte der damalige Bürgermeister Peter Borggraefe mit geradezu detektivischem Gespür den Trainer in Israel ausfindig gemacht und erstmals nach Recklinghausen eingeladen.

Harold Lewin, der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Recklinghausen, bezeichnete den Einzug der dritten Tora als einen besonders wichtigen Tag im Leben der Gemeinde. Diese Tora ist aber auch ein Zeichen dafür, daß Bürger jüdischen Glaubens sich in dieser Stadt wohlfühlen und eine gute Zukunft sehen”, sagte er. Die Rollen mit dem handgeschriebenen Text der fünf Bücher Moses auf Pergament hätten daher nicht nur ei nen religiös spirituellen, sondern auch einen symbolischen Wert.

Stadt begrüßt Spender der neuen Thora

Der gebürtige Recklinghäuser Emanuel Schaffer wurde gestern von Bürgermeister Wolfgang Pantförder im Rat-haus empfangen.  Maria Friese, Peter Borggraefe, Georg Möllers und auch Michail Scheimann begrüßten den Gast aus Israel. Schaffer begleitete nach dem Empfang den Umzug der neuen Thorarolle.

 

 

 

 

 

 

 

 

Recklinghäuser Zeitung, Foto: STASCH

175 Jahre Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen

Bei der Feier zum 175-jährigen Bestehen der Jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen: Landesrabbiner Dr. Henry G. Brandt, der Vorsitzende des zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, Minister Wolfram Kuschke und Bürgermeister Wolfgang Pantförder (von links).

175 Jahre, das sei eine kleine Zeitspanne angesichts der Tatsache, dass beim kommenden jüdischen Neujahrsfest das lahr 5765 beginne, rechnete Kuschke vor. Und doch auch wieder lang angesichts der jüngeren Vergangenheit. ,,Wir feiern heute das Wunder, dass es überhaupt noch jüdische Gemeinden in NRW gibt.”
175 lahre zu feiern, eigentlich ja kein rundes Jubiläum, dahinter stecke ein tieferer Sinn, sagte Landesrabbiner Dr. Henry G. Brandt. ,,Jedes Jahr, das wir feiern können, ist ein Ereignis. Wir freuen uns, dass wir da sein dürfen.”

Wie schon der langjährige Vorsitzende der Gemeinde, Harold Lewin, dankte auch Brandt für die Unterstützung, die die Gemeinde auf allen Ebenen erfahren habe. Und doch: ,,Hätte es die Zuwanderung aus den ehemaligen GUS-Ländern nicht gegeben, alle Anstregungen wären vergebens gewesen. Die Gewissheit, als Gemeinde überleben zu können, ist allein auf die Zuwanderung zurück zu fuhren.”

,,Wer ein Haus baut, der will bleiben”, zitierte Bürgermeister Wolfang Pantförder aus einer Rede von ]ohannes Rau, damals noch Ministerpräsident, zur Einweihung der Synagoge 1997 (das Haus nannte Brandt einen, bescheidenen Stern am bescheidenen Himmel des Judentums”). Nicht erst mit dem Bau des Gotteshauses. von Anfang an habe die Jüdische Kultusgemeinde Kraft und Zukunftsglauben bewiesen, ,,eine Kraft, die vor dem Hintergrund der Gemeinde fast unglaublich lst”. Die Thora, so heiße es in einem alten jüdischen Lied, sei der Baum des Lebens. ,,Es ist ein großes Glück für Reckling-häusen”, so Pantförder, ,,dass der Baum einen göttlichen Lebenstrieb hat. dass er wächst, dass er blüht. AIs Bürgermeister dieser Stadt bin ich froh darüber, bin ich aber auch stolz darauf, wie sehr Bürger, Stadt und Land dieseir Lebenttrieir unter-stützen.”

Stein

 

,,Wir feiern das Wunder, dass es die Gemeinde gibt”

Einen eigenen Chor hat die Jüdische Kultusgemeinde – Zeichen regen Gemeindelebens. WAZ-Bilder: Lojkowski/HG

,,Dass sich 60 Jahre nach dem Holocaust so viele Juden entschlossen haben, aus den ehemaligen GUS-Ländern nach Deutschland, nach Reckling-hausen zu kommen, das ist ein Wunder dieser Zeit und das ist auch ein Zeichen des Vertrauens.” Das sagte Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentral-rates der ]uden in Deutschland, am Sonntag bei der Feier zum 175-jährigen Bestehen der jüdischen Kultusgemeinde in Recklinghausen vor zahl-reichen hochrangigen Gästen in der noch jungen Synagoge der Gemeinde. Erhoffe, so Spiegel, dass man beim nächsten lubiläumstermin auf weitere 25 Jahre des Friedens zurück blicken könne.
Eine Feier, die mit dem Eintrag ins Goldene Buch durch Spiegel, den Chef der NRW Staatskanzlei, Wolfram Kuschke und Bürgermeister Wolfgang Pantförder begann, endete mit entspanntem Plaudern bei rotem und weißen Wein aus Israel.                                                                                            Das entspannte Verhältnis der Kultusgemeinde zur Nachbarschaft in Stadt und Kreis Recklinghausen, es war das Thema der Feier neben der unseligen Vergangenheit, in der die jüdische Gemeinschaft in Recklinghausen bis auf eine Hand voll Menschen ausgerottet wurde.

 

 

 

 

 

Staraufgebot bietet Hörgenuss

SUD: Festkonzert als Auftakt der 17l-lahr-teierlichkeiten der f üdischen Gemeinde

Einen absoluten Hörgenuss mit hochkarätigen Künstlern bot das Festkonzert am Sonntagabend im Bürgerhaus Süd. Anlässlich der Feierlichkeiten zu ihrem 175-iährigen Jubiläum präsentierte die Jüdische Gemeinde Recklinghausen ein musikalisches Staraufgebot.
Das Programm stand ganz im Zeichen der reichen jüdischen Musiktradition.

Neben Ausschnitten aus den großen klassischen Werken iüdischer Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bartholdy waren auch zeitgenössische Stücke sowie lüdische Volksweisen zu hören.
,,Das Festkonzert ist der Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen”, erläutert Gemeinderatsvorsitzender Evgeni Vilkinski.

Am Sonntag, 12. September, findet um 11 Uhr in der Synagoge ein offizieller Festakt statt, zu dem unter anderem Landesrabbiner Henry G. Brandt

und der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, erwartet werden. Eine Ausstellung sowie ein jüdischer Liederabend sind ebenfalls geplant. Die Vorbereitungen zum Konzert liefen bereits seit April, finanzielle Unterstützung erhielt die Gemeinde von der Stadt, dem Landesverband Jüdischer Gemeinden von Westfalen-Lippe und einigen Firmen.

Das Konzert eröffnete der siebenjährige David Basner, der bereits den Regionalwettbewerb von ,,Jugend musiziert” gewann. Er spielte auf seiner Violine die Hatikva, die jüdische Nationalhymne. Mit Werken von Ernst Bloch, jenem Komponisten, der seine künstlerische Kraft ganz in den Dienst der Bestrebungen des jüdischen Volkes stellte, begeisterte Violinist Alexander Ostrovski das Publikum. Der Absolvent des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums entfachte mit Blochs Weisen wehmütige Momente, bevor er mit Fritz Kreislers ,,Ein kleiner Wiener Marsch” muntere Töne anschlug.

Wehmütige und muntere Momente Weitere Glanzlichter des Programmes waren Kiriil Kraftzoff mit dem Rastrelli Cel1o Quartett und Vladimir Mogilevski am Klavier. Bevor das Quartett moderne Klänge und traditionelles Liedgut spielte, wählte Kraftzoff für seinen Solo-Auftritt Max Bruchs Vertonung des ,,Kol Nidrei”, dessen Themen dem gleichnamigen jüdischen Gebet entstammen. Es wird zu Beginn vonJom Kippur angestimmt, dem höchsten jüdischen Feiertag. Der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Mogilevski interpretierte Variationen des, Hochzeitsmarsches” von Mendelssohn-Bartholdy kraftvoll und fein akzentuiert.

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Die historische Ausgabe zur 175-jähriger Jubiläum Gemeinde

    Die erste Ausgabe des Informationsblattes “Hoffnung”

Die Besucher im Jüdischen Museum mit Vorstandsmitgliedern

Dorsten / Recklinghausen, von Ralph Wilms

Der neue Vorstand der Jüdischen Gemeinde will aktiver nach außen wirken als seine Vorgänger. Dies machte die Delegation um den vor weni gen Wochen gewählten Vor sitzenden Dr. Mark Gutkin gestern bei zwei ,,Antritts-besuchen” in Dorsten deutlich.

Im Rathaus versprach Bürgermeister Lambert Lütkenhorst einen Informationsabend für die 80 Gemeindemitglie-der aus Barkenberg. Eine ganze Fülle von Wünschen und Ideen erbrachte das ausführliche Gespräch mit dem Vor-stand des Jüdischen Museums Westfalen.
Die Gemeinde will in ihrem einstigen Schulgebäude am Recklinghäuser Steintor eine Dauerausstellung zur eigenen Historie einrichten – und setzt mit dem Museum auf Helfer von besonderer Kompetenz.

 

Gastgeber und Gäste im Jüdischen Museum (v.l.n.r.): Elisabeth Schulte-Huxel, Dr. Norbert Reichling, Boriss Kogans, der Gemeindevorsitzende Dr. Mark Gutkin, Jana Stachevski und Sr. Johanna Eichmann, die Leiterin des Museums in Dorsten

Auf internationaler Bühne

Auf zur Makkabia: Kantor Issac Tourgman, Dr. Walter Pohle (Rotary-Cluh) und Dr. Mark Gutkin (Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde) verabschieden Daniel Touigman und Jevgenija Levlikina (v.l.). -FOTO: BREUER

Daniel Tourgman und Jevgenija Levlikina vertreten Deutschland bei ,,Makkabia”-Spielen der Juden in Rom

RECKTTNGHAUSEN. (bik) Daniel Tourgrnan bangt um die wohl größte sportliche Chance in seinem Leben. Der 23-jährige jüdische Basketballer erlitt ausgerechnet einen Monat vor den olympischen Spielen der Juden einen Fingerbruch.

Dabei meisterte er den langen Weg bis zur Nominierung für die Makkabia in Rom mit Glück und Können. Eher zu- fällig erfuhr er von einem israelischen Basketballer aus Herten von den Ausscheidungskämpfen. Kurz darauf erhielt Daniel einen Anruf vom deutschen Makkabia-Komitee, das ihn zum ,,try-out” in Köln einlud. ,,Ich habe mir kaum Chancen ausgerechnet, weil dort hauptsäcltlich Regionalligaspieler und Profis dabei waren.” Aber der serbische Trainer war angetan von Daniels Disziplin, Ruhe und vor allem von seinen spielerischen Fähigkeiten.

Für Daniel ist es eine Ehre, seine Gemeinde und Deutschland bei der Makkabia zu vertreten. Die Mannschaft besteht aus zwölf Spielern, die aus ganz Deutschland kommen. Sie werden vom 4. bis 15. Juli im olympischen Dorf in Rom wohnen. Vor vier Jahren gewann die deutsche Mannschaft Silber.  Vater Isaac Tourgman, Kantor der jüdischen Kultusgemeinde, ist stolz auf die sportlichte Leistung seines Sohnes und hofft natürlich auf eine Medaille. Auch die 27 -jährige Schachspielerin Jevgenija Levlikina aus Recklinghausen ist bei der Makkabia dabei. Sie spielte bereits in der zweiten Damen Bundesliga und hat sich dank guter Leistungen beim Vorentscheid in Berlin für die Teilnahme qualifiziert. Die Kosten für die Rom-Reise der Recklinghäuser Sportler werden vom Zentralrat der Juden, der Gemeinde und dem Rotary-Club als Sponsor gestemmt. An der Mak-kabia nehmen 15000 Sportier aus aller Welt teil, es werden 35 000 Zuschauer erwartet.

Jüdische Schule wird zum Denkmal

Historischer Rundgang: Dr. Mark Gutkin (Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde), Harold Lewin, Jürgen Pohl und Dezernent Georg Möllers (v.l.) statten das Gebäude am Steintor 5 mit einer Gedenktafel aus. -FOTO: T. BREUER

Erinnerungstafel zeigt Zerstörung und Aufbau eines geschichtsträchtigen Ortes

RECKIINGHAUSEN. (ib/the) Heute ist das Rabbi-Selig-Auerbach-Haus am Steinior 5 ein Begegnungszentrum der Juden im Kreis. Ein geschichts-trächtiger Ort. 1908 erbaut, wurde die einstige ,,Israelitische Volksschule” während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis nahezu komplett zerstört. Jetzt ist sie Bestandteil eines stadt historischen Rundgangs. Mit dem Anbringen der Erinnerungstafel an der ehemaligen jüdischen Schule steht das Projekt ,,Denk-Mal” des Vereins für Orts- und Heimatkunde kurz vor der Vollendung. Insgesamt 37 denkmalgeschützte Gebäude im Innenstadtbereich sind mit Tafeln versehen worden. Ein Flyer führt zu den geschichtsträchtigen Gebäuden der Stadt. Das ,,Rabbi-Selig-Auerbach-Haus”, das älteste Gebäude der Juden in Recklinghausen, zählt dazu. ,,Es ist nicht nur die besondere Architektur, die das Gebäude so einzigartig macht, sondern auch der geschichtliche Hinter-grund”, so Jürgen Pohl, Vorsitzender des Vereins fur Orts- und Heimatkunde. Die Grundstruktur ist bis heute zu erkennen: Zwei Wohnungen im Obergeschoss und ein Klassenzimmer im Untergeschoss, von dem bis heute noch Gebrauch gemacht wird. Jüdische Kinder lernen hier Hebräisch, ftir Jugendliche und Senioren finden regelmäßig Treffen statt. Die Nähe zur Synagoge garantiert eine enge Anbindung an die Jüdische Gemeinde, 1908 wurde die jüdische Schule errichtet. 1938 fiel sie der Schreckensherrschaft der Nazis zum Opfer. In blinder Vernichtung zer-störten sie das komplette Gebäude. ,,Die Nazis schütteten die Mikve, das rituelle Bad, einfach zu”, berichtet Ge-meindemitglied Harold Lewin. Die Spuren sind bis heute sichtbar. Die Fliesen sind als Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der Geschichte erhalten geblieben. Bis heute können gläubige Frauen in der Mikve vor ihrer Heirat ein Bad im Regenwasser nehmen, um ihre Vergangenheit ,,abzuwaschen”. Bis heute ist das Gebäude in Treuhand der Stadt. 740 000 € waren für die Restaurierung nötig. 1997 wurde es an die Jüdische Gemeinde übergeben. 650 Mitglieder aus dem gesamten Kreisgebiet zählt die Gemeinde heute. Der historische Hintergrund macht das Gebäude zum essenziellen Bestandteil des Rundgangs.

Erinnerung an den letzten Rabbiner
Aus der ehemaligen jüdischen Schule ist ein Begegnungszentrum geworden.

  • Zu Ehren des letzten Recklinghäuser Rabbiners, Dr. Selig Auerbach, wurde die von den Nazis zerstörte jüdische Schule nach ihm benannt.
  • Dr. Selig Auerbach war von 1934 bis 1938 Rabbi der jüdischen Gemeinde. Die Pogromnacht erlebte er aufeiner Reise zu Verwandten. Er kehrte nach RE zurück und flüchtete im  Dezem-ber mit seiner Familie in die USA. Dort wurde er erneut Rabbi einer jüdischen Gemeinde. 1994 starb Auerbach.

180 Jahre Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen

Westfirtel (tf) schalom! Dieses Wort aus der hebrähschen Sprache war gestern Abenrtr in der Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde buchstäblich in alIer Munde. Schalom bedeutet nicht nur Frieden, der Begriff steht auch für Gesundheit, Wohlfahrt, Sichrerheit. Ruhe – ein in jedem dieser Sinne angemessener Wunsch beim Festabend zum 180-jährigen Bestehen der jüdischen Gemeinde.

Am Anfang stand ein formaljuristischer Akt, die Eintragung ins Stadtregister im Jahr 1829. Heute, 180 Jahre später, ist die jüdische Gemeinde eine lebendige und dynamische Gemeinschaft, wie ihr Vorsitzender Dr. Mark Gutkin in seiner Begrüßungsrede hervorhob. Sie ist es wieder – die Erinnerung an Nazi-Terror und millionenfachen Judenmord bleibt immer wach. Auch für Bürgeimeister Wolfgang Pantförder war dies gestern Abend, einen Tag nach dem Jom-Kippur-Fest, ein zentrales Thema: ,,Ich erinnere an die Worte unseres damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau zur Einweihung der Synagoge 1997: ,Wer baut, will bleiben.’ Und man ist, um bleiben zu können, zurückgekehrt – nach unglaublichen Verbrechen, die von Mitbüigern begangen worden sind. Auch wenn es beschämend ist: Das Regime wurde mitgetragen.”

Zugleich schlug Pantförder die Brücke ins Jahr 2009: ,,Wenn wir heute auf die Gemeinde schauen, erkennen wir Stärke und Zuversicht. Ich sehe die jüdische Gemeinde als Bereicherung det Stadt an – Sie sind uns willkommen!”

Rund 700 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde aktuell, sie hat längst Jugend-, SeSenioren- und Sozialangebote enwickelt. Dr. Jürgen Schwark vom Vorstand der Gesellschaft fur chiistlich-jüdische Zusammenarbeit lobte die gute Kooperation seit Jahrzehnten – getragen von gegenseitigem Respekt und von Wertschätzung.
Gleichwol räumte Schwark ein, dass es auch Probleme beim gegenseitigen Verstehen gibt. Gemeint sind Sprachbarrieren, die sich nach dem Zuzug von Gemeindemitgliedern aus der ehemaligen-Sowjetunion aufgebaut haben. Schwark warb für Geduld: ,,Der Glaube versetzt Berge – aber nicht sofort.”
Gefeiert wurde im Festsaal der Synagoge am Polizeipräsidium neben dem offiziellen Teil auch. Der Gemeindlechor, Vokalensemble und eine Kindertanzgruppe sorgten für einen lockeren musikalischen Rahmen.

Sehr geehrter Herr Dr. Gutkin, sehr geehrte Gemeindemietglieder, zum 100 Jährigen Bestehen der Jüdischen Gemeinde in Reckllnghausen gratuliere ich Ihnen sehr herzlich.
Die Jüdische Gemeinde hat einen festen Platz und eine Heimat in der Gemeinschaft der großen Weltreligionen in der Stadt Recklinghausen. Durch Ihre Arbeit haben Sie in den vergangenen Jahren viel für ein gutes Zusammenleben von Juden und Nicht-juden getan. Sie haben außerdem das jüdische Leben als kulturellen Bestandteil der Stadt Recklinghausen etabliert. Jüdisches Leben in Reckling-hausen und in ganz Deutschland ist aber nicht möglich ohne die Erinnerung an die Vergangenheit. Die von mir beschriebene Normalität darf deshalb nicht dazu führen, das Geschehene zu verdrängen. Der millionenfache Mord an Menschen jüdischen Glaubens, der auch durch die Deportation jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Recklinghausen vor Ort greifbar wurde, bleibt als finsterstes Kapitel der deutschen wie der jüdischen Geschichte stets eine Verpflichtung. Eine Verpflichtung, dass die Opfer nicht vergessen werden. Eine Verpflichtung, dass wir jeglicher Form der Aggression. der Intoleranz, des Rassismus, des Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit entschieden entgegentreten. Genauso wichtig wie die Erinnerung ist der Blick in die Gegenwart. Heute zählt Ihre Gemeinde etwa 600 Mitglieder. Eine stolze Zahl, die zugleich aber auch Verantwortung und Arbeit für Ihren Gemeinderat bedeutet. Ich möchte in diesem Zusammenhang das Engagement hervorheben, dass Ihre Gemeinde zur Integration der aus Osteuropa zugewanderten Neubürgerinnen und -bürger jüdischen Glaubens in den leisten Jahren geleistet hat. Ohne Ihre Gemeindearbeit wäre ein guter Start für viele Zuwanderer nicht möglich gewesen. Meine Glückwünsche zu Ihrem Gemeindejubiläum verbinde ich abschließend mit dem Wunsch, dass jüdisches Leben in Reckling-hausen weiter gedeihen möge. Zur Verwirklichung dieses Ziels haben Sie mich, liebe Gemeindemitglieder, dabei an Ihrer Seite.

 

Glückwunsch des Bürgermeisters von Aschdod zum 180-jährigen Jübiläum der jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen

Sehr geehrter Herr Dr. Gutkin!
Sehr geehrte Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Recklinghausen!
Ich möchte Ihnen zum jüdischen Neujahrsfest Roshha-Shana und zum 180-jährigen Jubiläum Ihrer Gemeinde recht herzlich gratulieren! Wir wünschen allen Gemeindemitgliedern alles Gute, Gesundheit. Wohlstand und viel Erfolg.
Wir sind Ihnen sehr dankbar für die Spenden für unseren Kindergarten, der dem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen ausgesetzt war. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um dem Landrat Herr Süberkrüb und den Bürgermeister von Recklinghausen, Herrn Pantförder, zu dem Sieg bei den Kommunalwahlen zu gratulieren.

Mit freundlichen Grüßen

 

 

 

Dr. Ihiel Lasri, Bürgermeister von Aschdod, Israel

 

FREUNDLICHE UNTERSTÜTZUNG VON DER jÜDISCHEN GEMEINDE IN DEUTSCHLAND

dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, hat am Sonntag, 09. August 2009, dem Stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Ashdod, Herrn Boris Gietermann, eine Spende von der Gemeinde, die 600 Gemeindemitglieder hat, überreicht. Ein großer Teil der Gemeindemitglieder nimmt an dem sozialen Leben in der Gemeinde Teil und versucht, Spenden zu sammeln für jüdische Organisationen. Sie pflegen Kontakte mit allen  religi-ösen Gemeinden in der Umgebung. Die Gemeindemitglieder verfolgen, was in Israel geschieht und versuchen, am israelischen Leben teilzunehmen. Im letzten Jahr wurde ganz groß das Jubiläum „60 Jahre Israel” gefeiert. Herr Dr. Gutkin sagte, dass in der Vergangenheit alle Spenden, die gesammelt wurden, an verschiedene Organisationen weiter-geleitet wurden. Aber in der letzten Zeit haben die Gemeindemitglieder entschieden, die Spenden direkt an die Instituti-onen zu leiten. Z.B. 2006, nach dem Libanon Konflikt, wurden die Spenden an verschiedene Familien, die von Raketen getroffen wurden, an Nordisrael gespendet. Und diesmal hat die Gemeinde entschieden, nach dem Konflikt im Ghasa-Streifen, die Spenden die Stadt Ashdod weiterzuleiten. „Im Prinzip geht es hier um kleine, symbolische Spenden, weil viele unserer Gemeindemitglieder alte Leute sind, die aus den GUS-Staaten kommen und selber Sozialhilfeempfänger sind. Trotzdem ist es sehr wichtig für diese Menschen, mit kleinen Beträgen an diesen Aktionen teilzunehmen. So fühlen sie sich als Teil des Geschehens. Herr Boris Giterman hat sich bedankt, und sagte: “Die Unterschtützungvon der Diaspora ist sehr wichtig für den Staat Israel aber die größte Spende ist, meine Meinung nach, nach Israel einzuwandern.” Beide Seiten haben entschieden, wenn Juden aus Deutschland nach Israel einwandern, sollen sie nach Aschdod kommen. Auf bitte von Herrn Dr. Gutkin soll die Spende (3000 Schekel) an einen Kindergarten, der von Raketen getroffen wurde, übergeben werden.

Pressedienst der Stadtverwaltung Ashdod

 

 

 

 

 

 

 

Synagoge wird zum “Grünen Salon”

Neue Reihe: Musik der Religionen”

WESTVIERTEL. (metz) Der  Grüne Salon” geht auf Tournee – Bündnis 90/Die  Grünen starten eine neue  Veran-staltungsreihe. Der Titel: “Musik der Religionen – Musik der Kulturen.” Der Auftakt ist am Dienstag, 28. April, in der Synagoge, Am Polizeipräsidium. Ab 20 Uhr spielt die Gruppe „Badeken lente gebracht. „Wir haben zwel Chore und konnten glatt drei Orchester bedienen schwärmt der Kantor Er ist überzeugt, dass viele Gemeinde-mitglieder das Kon di Kallah” Klezmermusik.

“Wir haben nach einer etwas anderen Möglichkeit gesucht, die unterschiedlichen Gruppen und Migranten in unse-rer Stadt vorzustellen”, erklärt Ratsherr und Kulturausschussvorsitzender Holger Freitag. “Über die Brücke der Musik möchten wir auf die bedeutung und Vielfalt der Kulturen neugirig machen.”

Gern nahm die jüdische Kultusgemeinde das Angebot der Grünen an, Gastgeber für das erste Konzert zu sein. Das Ist eine Ehre für uns”, sagt Kantor Isaak Tourgman. Zu- mal das Wort Synagoge Veranstaltungsraum bedeute. Und in dem gebe es neben den Gottesdiensten auch viel kulturelles Leben. So hatte die Zuwanderung aus Osteuropa der Gemeinde nicht nur zahlreiche neue Mitglieder, sondern auch musikalische Talente gebracht. Wir haben zwei Chöre und könnten glatt drei Orchester bedienen”, schwärmt der Kantor.

Es ist überzeugt, dass viele Gemeindemitglieder das Konzert besuchen. “Wir wün  schen uns aber, dass auch andere kommen”, sagt Joachim Polnauer von den Grünen.  Denn das Interesse, einmal  die Synagoge von innen zu sehen, sei groß. „Das ist die Gelegenhelt, auch die Menschen  kennenzulernen.”

Die Gruppe Badeken di Kol- Kallah” spielt klassisches Klezmer und Eigenkompositionen. Mal schwung, mal sehn-suchtsvoll präsentiert sie die vielen Facetten dieser traditio nellen Musik.

 

 

zum Klezmerkonzert (V.I.): der Vorsitzende der duschen Gemeinde, Dr. Mark Gutkin, Kulturausschussvorsitzender Holger Freitag, Kantor Isaak Tourgman und Joachim Polnauer von den Grünen. FOTO: SEIMETZ

Mitreißende Botschafter

Ziehen für die Konzerte an einem Strang: (v.1.) Holger Freitag (Grüne) Monika Hegemann (,,Brücke”), Dr. Mark Gutkin
flüdische Kultusgemeinde) und Rolf Nowak (lntegrationsrat). Foto: NOWACZYK

Konzertreihe vermittelt iüdische Kultur ansteckend fröhlich

INNENSTADT. (alp) Sie hat sich zum überzeugendsten Botschafter jüdischer Kultur in der Stadt entwickelt: Jetzt geht die Reihe mit fröhlicher, melancholischer und mitreißender Musik ins dritte Jahr.
Hinter dem unscheinbaren Titel ,,Musik in der Synagoge” verbirgt sich eine Konzertreihe der Extraklasse, die keinen Zuhörer kaltlässt. Vom herzergreifenden Klezmer bis zur umwerfenden Mixtur aus Weltmusik und Jazz (rock) reicht das Spektrum. Die Reihe ist längst mehr als ein Geheimtipp: Fast immer sind mehr als 200 Zuschauer mit von der Partie, sodass der Sakralraum der Synagoge nicht ausreicht und regelmäßig auch Stühle auf die Flure geschleppt werden müssen. Dass die Reihe via Musik auch ganz nebenbei Verständigung zwischen den Kulturen leistet und für Toleranz wirbt, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Nicht zuletzt deshalb laden die Veranstalter (die Jüdische Kultusgemeinde, die Grünen, das Auslandsinstitut,,Die Brücke” und der Integrationsrat) auch  ausdrück-lich Menschen jeglichen Glaubens zu den Konzerten ein. Zwei der Konzerte werden dabei übrigens vom Zentralrat der Juden in Deutschland mögiich gemacht. Start der Reihe ist am 3. April. Um 17 Uhr ist die Formation ,,Klezmer chidesch mit Gofenberg and Friends” zu Gast. Liebe, Nostalgie, Melancholie und Heiterkeit fließen in ihrer Musik zu einem Lebensgefühi zusammen. Sie mixen klassische Elemente mit fetzi-gen Jazz-Rhythmen, improvisieren über chassidische Melodien und jüdische Volkslieder. Einen großen Namen in der Szene hat auch das ,,Rosenthal & Friends Trio”. Ihre Liebe gehört dem jiddischen Klezmer, aber sie sind ebenso in Pop und lazz zu Hause (19. Juni, 17 Uhr).

Herzergreifender Klezmer und bekannte iiddische Lieder in Originalvertonung stehen im Mittelpunkt des Konzertes mit dem ,,Trio Neschume” (11. September, 15 Uhr). Aus Musikern des bekannten ,,Transorient Orchesters” aus dem Ruhrgebiet setzt sich die Formation ,,Nefes in motion” zusammen, die sicherlich ganz besonders auch ein junges Publikum begeistern kann (16. Oktober, 17 Uhr). Die Gruppe macht einen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident. Sufi-Musik trifft bei ihnen auf zeitgenössischen Jazz, traditionelle Kompositionen werden in jazzige Harmonien und Improvisationen verpackt – da bleibt kein Fuß auf der Stelle. Am Gedenktag der Pogromnacht, dem 9. November, wartet die Reihe mit einembesonderen literarisch-musika-lischen Programm auf: ,,Miri- am kann nicht schlafen” heißt die Spurensuche, die Dramatisches und Heiter-Besinnliches mit traditioneller Klezmermusik verwebt. Der Eintritt zu allen Kon-zerten kostet jeweils nur fünf Euro, bei ,,Miriam kann nicht schlafen” ist der Eintritt frei.

IZKORTAFEL –  zum Gedenken an die Toten

Kultur in der Synagoge

Dr. Mark Gutkin, der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, Brücke-Chefin Carmen Greine und Grünen-Chef Holger Freitag bei der Vorstellung des Programms “Treffpunkt Synagoge”. Foto: © Thomas Nowaczyk

RECKLINGHAUSEN – Die Grünen, „die Brücke“ und die Jüdische Kultusgemeinde am Polizeipräsidium haben das Programm für die vierte Auflage der Kulturreihe “Treffpunkt Synagoge” vorgestellt. Die Veranstaltungen starten am 15. April und laufen bis in den November hinein.

Zuvor liefen sie drei Jahre lang unter dem Titel „Musik in der Synagoge“. 150 bis 180 Zuhörer seien jedesmal zu den Konzerten gekommen, nach Auskunft von Dr. Mark Gutkin, dem Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde. Über sein Ansinnen sagt er: „Wir müssen unsere Gemeinde offen machen.“ Auch jetzt wieder ist die Musik tragendes Element der Kulturreihe. Den Auftakt machen „Gipsy-Gentleman“ am 15. April um 17 Uhr in der Jüdischen Kultusgemeinde. Am 10. Juni folgt dann das „Epstein’s Klezmer Tov Trio“ mit traditioneller akustischer Klezmermusik. Das Konzert beginnt ebenfalls um 17 Uhr in der Gemeinde am Polizeipräsidium. Am 14. Oktober spielt die „Hamburg Klezmer Band“. Zum Abschluss gibt es am 11. November ein „außergewöhnliches Konzert“ mit dem „violet quartet“. Der Eintritt zu den Konzerten kostet jeweils 5 Euro. Neu in der Reihe „Treffpunkt Synagoge“ ist die Idee, Schulklassen zur Auseinandersetzung mit dem Thema Judentum, Antisemitismus und Diskriminierung im Allgemeinen zu bewegen. Zwei Filme sollen gezeigt werden, „Dr. Endsieg“ und „Blue Eyed“. Ein genaues Datum für die Film-Vorführungen steht noch nicht fest. Eines sei aber sicher: Die Filme sollen gut vor- und nachbereitet werden – in der Kultusgemeinde und in der Schule.

Gedenkschaufenster mit Artefakten

 

 

 

 

 

 

 

Opfer von Riga sind nicht vergessen

Zeichen der Hoffnung: Einen Gedenkstein und zwei Bäume setzten Rolf Abrahamsohn (2.v.l.) und Landrat Cay Süberkrüb (r.) auf dem jüdischen Friedhof. Mit im Bild: Vorbeter Isaac Tourgman (l.) und Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Kultusgemeinde. Jörg Gutzeit

Recklinghausen.  Auf den Tag genau vor 70 Jahren, am 3. November 1943, wurden in Riga 3000 Juden aus dem Getto in die umliegenden Wälder getrieben und dort von den Nazis ermordet. Darunter viele Menschen aus dem Kreis Recklinghausen.

Unter großer Anteilnahme nahezu aller wichtigen gesellschaftlichen Gruppen gedachte die jüdische Kultusgemeinde an diesem denkwürdigen Tag auf dem jüdischen Friedhof am Nordcharweg ihrer nach Riga verschleppten und ermordeten Gemeindemitglieder. Rolf Abrahamsohn, der letzte Überlebende des Rigaer Gettos, war gekommen, um vor allem jungen Menschen von den unvorstellbaren Verbrechen zu berichten, die er am eigenen Leib erfahren hat. Landrat Cay Süberkrüb mahnte in seiner Ansprache, dass man die Erinnerung unbedingt wachhalten müsse, denn “es war das Schweigen der Mehrheit und ihre vergifteten Gedanken”, die dem Bösen den Boden bereiteten und das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte zuließen. Gemeinsam mit Rolf Abrahamsohn setzte der Landrat auf dem jüdischen Friedhof auch ein bleibendes Zeichen des Gedenkens: Sie pflanzten zwei Bäume als Symbol für das Leben und setzten einen Gedenkstein.

Von Alfred Pfeffer, WAZ, 03.11.2013

 

„Mit den Menschen“: MdB Frank Schwabe (SPD) eröffnet Wahlkampfzentrale

Der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe (3.v.l.) hat gemeinsam mit seinen Unterstützern die Wahlkampfzentrale in Habinghorst eröffnet. Foto: Wengorz

„Es soll ein Wahlkampf bei den Menschen und mit den Menschen sein“, kündigt Frank Schwabe an. Am Montag (12. August) eröffnete der heimische Bundestagsabgeordnete offiziell seine Wahlkampfzentrale im SPD-Bürgerbüro an der Lange Straße 48. Diese soll in den kommenden Wochen als Anlaufstelle für Bürger-Anliegen aller Art und als Vorbereitungsort für verschiedene Wahlkampfaktionen dienen.

„Er kann nicht alles von heute auf morgen ändern, aber vor Ort mit den Bürgern zu sprechen, das ist schon viel wert“, ist Robert Mathis, Leiter der Sparte Fußball im Stadtsportverband, überzeugt. Mathis gehört, neben Dr. Mark Gutkin (Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen), Thomas Frauendienst, Stephan Bevc (Vorsitzender des Bezirksverbandes der Kleingärtner) und weiteren Castrop-Rauxelern zu den 100 Persönlichkeiten aus Schwabes Wahlkreis, die den SPD-Bundestagsabgeordneten bei seiner Plakatkampagne „100 für Schwabe“ unterstützen.
Rund 200 Wahlkampfhelfer sind aktuell für Schwabe im Einsatz und haben sich unter anderem um die Plakatierungen an etwa 70 verschienden Standorten im Stadtgebiet gekümmert.
„Der Kanditat auf Bundesebene“ ist der erste thematische Schwerpunkt, mit dem sich Frank Schwabe auf den Plakaten im Wahlkreis präsentiert. Bis zur Bundestagswahl am 22. September plane man noch zwei weitere „Plakatierungswellen“ mit unterschiedlicher thematischer Ausrichtung.
Zudem wird in etwa zwei Wochen der von Schwabe bereits angekündigte Wahlkampf von Tür zu Tür starten.
Als Ansprechpartner für Bürger-Anliegen wird er selbst – so die Planung – einmal wöchentlich im Bürgerbüro an der Lange Straße zur Verfügung stehen. Geöffnet ist das Büro montags bis freitags, jeweils von 10 bis 13 und von 14.30 bis 17 Uhr.
Am Mittwoch (14. August), 17 bis 22 Uhr, findet der erste Termin des „SPD-Mobils“ im Ortsverein Ickern Mitte (Ecke Heinestraße / Ruprechtstraße) statt, bei dem Schwabe und verschiedene lokale Ratsmitglieder der SPD das Gespräch mit den Bürgern suchen.

Verena Wengorz, Stadt Anzeiger

Berlin Fahrt mit KiJuPa und Jugend der jüdischen Gemeinde

Vom 13. – 16. Oktober hat der heimische Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe Jugendliche der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen und Mitglieder von Kinder- und Jugendparlamenten aus Castrop-Rauxel, Recklinghausen und Waltrop in Berlin zu Besuch.

“Es geht mir darum junges jüdisches Leben in meinem Wahlkreis bekannt zu machen und mit jungen Menschen jüdischen Glaubens aber auch anderen Religionen in den Austausch zu kommen. Das können wir in Berlin hervorragend tun”, so Frank Schwabe.

Das Programm ist geprägt durch Informationen über jüdisches Leben in Deutschland heute und in der Vergangenheit, über den Holocaust und den israelischen-palästinensischen Konflikt. Auf dem vielfältigen Programm stehen u.a. ein Besuch im Jüdischen Museum, der Besuch einer Synagoge und natürlich der Besuch im Deutschen Bundestag.

Begleitet wird der Besuch durch den Journalisten der Ruhrnachrichten Peter Wulle.

 

Fotomaterial wird auch durch das Büro von Frank Schwabe erstellt.

 

Grabsteine restauriert: Arbeiten am Jüdischen Friedhof

Oliver Langenbach von der Dortmunder Firma Langenbach (v.l.), Klaus Breuer, Heiko Dobrindt, Udo Behrenspöhler und Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen, vor den sanierten Grabsteinen. Foto: Wengorz

Fünf umgestürzte historische Grabsteine im Eingangsbereich des Jüdischen Friedhofs an der Oberen Münsterstraße konnten auf Initiative des Arbeitskreises Stolpersteine wieder aufgerichtet und saniert werden.

„Jetzt sind wir zu einem sehr schönen Ergebnis gekommen“, stellte Udo Behrenspöhler (SPD) fest. Die Sanierungsarbeiten wurden von dem Dortmunder Steinmetzbetrieb Langenbach durchgeführt. Unter anderem habe man die Fundamente der Steine erneuert und sie wieder aufgerichtet, so Oliver Langenbach von der ausführenden Firma. „Die Steine bleiben durch diese Maßnahmen langfristig besser erhalten“, erklärte er.
Insgesamt habe die Sanierung 2.100 Euro gekostet, die durch den Arbeitskreis Stolpersteine, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die SPD sowie durch eine Privatspende des Castrop-Rauxeler Hobbyhistorikers Gisbert Baranski zusammengebracht wurden.
Heiko Dobrindt, Technischer Beigeordneter der Stadt, betonte noch einmal die herausragende Bedeutung des Jüdischen Friedhofs für Castrop-Rauxel. „Für mich ist bemerkenswert, dass sich hier immer wieder Privatinitiativen engagieren“, erklärte er und verwies unter anderem auf den Einsatz der Kolpingjugend für den Erhalt der Gedenkstätte.

 

Verena Wengorz, Stadt Anzeiger

Gedenkstein auf dem Jüdischen Friedhof in Wulfen eingeweiht

Foto Bludau, Stadt Anzeiger, aus Dorsten, 31. März 2014

Unter großer Anteilnahme aus Bevölkerung und Politik wurde am Sonntagmorgen auf dem Jüdischen Friedhof in Wulfen ein neuer Gedenkstein eingeweiht. Er soll an die jüdischen Mitbürger aus Wulfen erinnern, die hier beerdigt wurden.

Da seit der Zerstörung des Friedhofes 1938 die Namen der hier beigesetzten Wulfener nur schlecht lesbar waren oder sogar ganz fehlten, sollen sie durch diese Aktion wieder ins Gedächtnis gerufen werden. Neben acht Erwachsenen-, sind hier auch drei Kindergräber zu finden. Auf Anregung der Geschichtsgruppe des Heimatvereins Wulfen 1922 e.V. wurde in Erinnerung an die jüdischen Familien Moises, Lebenstein und Levi ein so genannter Ewiger Stein nun offiziell eingeweiht.

Nach der musikalischen Eröffnung der Veranstaltung durch die Bläserklasse der Wulfener Gesamtschule, begrüßte Reinhard Schwingenheuer, Mitglied der Geschichtsgruppe des Heimatvereins, die über 200 Anwesenden. Sowohl Bürgermeister Lambert Lütkenhorst als auch der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, Dr. Mark Gutkin, hielten nachdenkliche und emotionale Reden. Anschließend wurde der Gedenkstein enthüllt. Im Anschluss trug Isaak Tourgman, der Kantor und Vorbeter der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, entsprechend der jüdischen Religion und Liturgie ein Gebet für die Verstorbenen vor.

Zwei Schüler der Gesamtschule, Emiliy Vogel und Tobias Fischer, lasen danach aus dem Alten Testament „Stein und Namen“ vor. Weitere vier Schüler verlasen die Namen der auf dem Friedhof Beerdigten und die im KZ umgekommenen jüdischen Mitbürger. Als Abschluss spielte die Bläserklasse unter Leitung von Thomas Klemme das Musikstück „Klezmoresque“.

Großen Bahnhof für kleine Steine

Künstler Gunter Dernnig verlegte vier Stolpersteine zur Erinnerung an ctie jüdische Familie Markus. Isaak Tourgman sprach ein Gebet

 

RECKLINGHAUSEN. Gunter Demnig ist kein Mann vieler Worte. Still und konzentriert verlegte der Künstler gestern Mittag vier seiner tolpersteine
vor dem Haus Steinstraße 12. Das Messing-Quartett im Straßenpflaster
erinnefi an das Schicksal der jüdischen Familie Markus, die bis 194i dort wohnte – damals ailerdings noch in einem anderen Haus. Die Eheleute Selma und Robert Markus und ihre Töchter Ruth und Ilse wurden von den Nazis deportien und ermordet.

Schnell hatten sich viele Menschen versa-mmelt. Offizieile und Passanten versuchten, einen Blick auf die Mini-Baustelle zu erhaschen. Viele Zuscha-uer hörten eher, was vor sich ging, als dass sie es wirklich sehen konnten. Mai drang ein leises Hämmern ans Ohr, dann wieder ein metallisches Schaben. Gunter Demnig kniete in Arbeits-kleidung auf dem Pflaster, 50 000 seiner Gedenksteine hat er seit 1993 schon europaweit verlegt.

Bürgermeister Christoph Tesche erinnerte an die Ermordeten. Robert Markus hatte, wie viele andere deutsche Juden, im Ersten Weltkrieg als Soldat ,,für Volk und Vaterland” gekämpft. Die  Familie war aiteingesessen und angesehen” Selma und Robert Markus betrieben an der Steinstraße ein Obst- und Gemüsegeschäft. Ab 1933 änderte sich alies. Die National-Zeitung prangerte am 51. Juli 1935 öffenllich die Besitzerin eines Kaffeegeschäfts an der Kunibertistraße an, dass sie ,,beim jüdischen Gemüsehändler Markus” eingekauft habe. Im Oktober 1958 ließ das NS-Regime auch die gleichgeschaltete, sprich von ihm kontrollierte, Recklinghäuser Zeitung titeln: ,,Unser Markt ist judenfrei!” Robert Markus nahm den Boykott anfangs noch mit Humor. ,,Kauft nicht bei Juden, kauft bei Markus!”, soll er seinen Kunden zugerufen haben. Georg Möllers zeichnete das weitere Schicksal der Familie Markus nach: 1941 folgte der Zwangsumzug von der Steinstraße in das sogenannte ]udenhaus an der Kellerstraße 1, im lanuar 1942 dann die Deponation mit 211 weiteren Recklinghäuser Juden nach Riga. Im dortigen Getto starben Robert Markus im Herbst 1942 und seine Frau Selma im Fnihjahr 1943. Die Töchter Ilse und Ruth wurden ins KZ Kaiserwald und später ins KZ Stutthoffbei Danzig deportiert, wo sie am 9. August 944 ankamen. Sie starben wenig später im Alter von 15 und 17 Jahren. Der Kantor der jüdischen Kultusgemeinde, Isaak Tourgman, sprach ein Gebet ,,fur die Seelen der Familie Markus und die Seelen der sechs Millionen ermordeten Juden”. Düstere Klänge spielte dazu Barbara Marreck von der Musikschule am Cello. Nach einer halben Stunde hatte Gunter Demnig seine Arbeit getan. Wihrend die Menge die neuen Steine begutachtete, fuhr der Künstler fast unbemerkt weiter nach Oberhausen – seiner dritten Station an diesem Tag.

von  Alexander Spieß, Foto: © Thomas Nowaczyk

 

„Eine tolle Erfahrung“

Maccabiade

Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde (r.) freut sich über die Erfolge von (v.l.) Erik Gawronski, Artem Goncharov und Daniel Ruschitzki bei den Europäischen Maccabi-Spielen in Berlin. © Meike Holz

BERLIN/RECKLINGHAUSEN – „Wenn ich noch einmal die Gelegenheit bekommen würde“, sagt Artem Goncharov, „würde ich diese Chance auf jeden Fall wahrnehmen. Das war eine tolle Erfahrung.“ Diese machte der 16-Jährige nicht allein. An den Europäischen Maccabi-Spielen in Berlin nahmen auch Daniel Ruschitzki und Erik Gawronski teil.

„So erfolgreich waren unsere Sportler noch nie“, sagt Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, stolz. Das kann er auch sein. Die drei Jugendlichen bedankten sich für die finanzielle Unterstützung der Gemeinde auf ihre Weise: Mit sechs Medaillen im Gepäck kehrten sie zurück.

Der Sprung aufs Siegerpodest blieb Artem Goncharov mit den U18-Basketballern verwehrt. Dass am Ende Platz fünf zu Buche stand, war die Folge großen Verletzungspechs. Das deutsche Team konnte nur acht statt zwölf Spieler melden. Artem Goncharov, der bei Citybasket auf der Aufbauposition spielt, kam in Berlin als Flügelspieler zum Einsatz. „Das war für mich ungewohnt“, räumt der Recklinghäuser, der nach den Ferien am Hittorf-Gymnasium die zehnte Klasse besucht, ein. Er meisterte die Herausforderung. „Unser Erfolg“, so der 16-Jährige, „war es, dass wir wertvolle Erfahrungen gesammelt haben.“ Vor der starken Konkurrenz – die USA gewannen vor Israel und der Türkei – brauchten sich Goncharov und Co. nicht zu verstecken. „Wir haben lange mitgehalten. Am Ende ging uns aber die Puste aus“, gesteht der Basketballer offen ein.

Was ein deutsches Team in Bestbesetzung leisten kann, haben die U18-Fußballer gezeigt, die erstmals die Goldmedaille gewinnen konnten. Im Finale setzte sich die Mannschaft mit Erik Gawronski gegen die favorisierten Engländer durch. 2:2 stand‘s nach regulärer Spielzeit, sodass ein Elfmeterschießen die Entscheidung bringen musste. In dem hatte die deutsche Auswahl das bessere Ende auf ihrer Seite – 4:1. Der 17-Jährige trat selbst nicht an. „Ich war zu nervös“, gibt der Zwölftklässler des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums zu.

Beim 1:0-Auftaktsieg gegen Schweden war der A-Junior von Blau-Weiß Westfalia Langenbochum in der 55. Minute eingewechselt worden. Der Innenverteidiger, der auf der ungewohnten rechten Abwehrseite zum Einsatz kam, überzeugte und war fortan eine feste Größe beim späteren Turniersieger.

Als Einzelkämpfer war hingegen Daniel Ruschitzki im Einsatz. Der Schwimmer des SV Blau-Weiß gewann zwei Gold- und drei Silbermedaillen, die er mit Bestzeiten über 100 m Rücken und 400 m Freistil krönte. Dieser Erfolg war der Verdienst harter Arbeit. Vor einem Jahr nahm der Zehntklässler des Hittorf-Gymnasiums die Vorbereitung auf die Maccabi-Spiele auf. In einem Trainingslager und individuellen Einheiten bereitete sich der Recklinghäuser intensiv auf die Wettbewerbe vor. Das musste er auch. „Die Konkurrenz war sehr stark“, berichtet Daniel Ruschitzki.

Die drei Jugendlichen sahen in Berlin nicht nur ihre Sportanlagen im Olympiapark, sondern verfolgten auch das Rahmenprogramm. Das Trio war bei der Eröffnungs- und Abschlussfeier sowie Einlagespielen der Basketballer und Fußballer gegen Profi- und Promimannschaften. Großen Eindruck hinterließ bei den Jugendlichen auch der Besuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

Zehn Tage lang waren mehr als 2000 jüdische Athleten, die in 19 Sportarten gegeneinander antraten, Trainer, Betreuer und Funktionäre aus 36 europäischen und außereuropäischen Staaten in Berlin zu Gast. Die 14. Europäischen Maccabi-Spielen fanden erstmals in Deutschland statt, und zwar in Berliner Olympiapark, wo 1936 jüdische Sportler von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden waren. „Das war etwas ganz Besonderes für uns“, sagt Fußballer Erik Gawronski.

„Ein unvergessliches Erlebnis“, bringen die Jugendlichen die Reise auf den Punkt.

 

Ex-Botschafter Mordechay Lewy warnt vor Judenhass

Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, begrüßte die Gäste in der Synagoge

Nachmittag der Begegnung in der Synagoge

RECKLINGHAUSEN. Die deutsch-israelischen Beziehungen waren Thema eines ..Nachmittags der Begegnung” mit hochkarätigen Gästen in der Synagoge. Den Weg nach Recklinghausen hatte unter anderem der frühere israelische Botschafter Mordechay Lewy gefunden.

Die Jüdische Kultusgemeinde, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Stadt mit ihrem Auslandsinstitut „Die Brüchcke hatten eingeladen. Anlass war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren. Bürgermeister Christoph Tesche würdigte die lebendige Partnerschaft zwischen Recklinghausen und Akko.

Die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Gerda E. H. Koch, führte anschließend ein Gespräch mit Botschafter a.D. Mordechay Lewy und Dr. h.c. Johannes Gerster. Beide sind Zeitzeugen der 50-jährigen Beziehungen, haben sie begleitet und mit gestaltet.

Beide Gesprächspartner schilderten sehr persönliche Eindrücke. Deutschland sei heute in Israel beliebt wie nie zuvor, was umgekehrt nicht gesagt werden könne. Beide Referenten warnten eindringlich vor den Folgen, wenn Kritik an der Politik Israels – berechtigt oder nicht – zu einer undifferenzierten, pauschalen Verurteilung Israels wird. Im vergangenen Sommer war es zuverba len und körperlichen Angriffen gegen deutsche Juden sowie ihre  Einrichtungen gekommen.

Fortsetzung der Beziehungen

Für die Zukunft wünschen sich die drei Gesprächspartner die Fortsetzung der stabilen und freundschaftlichen  Beziehungen beider Städte und Länder, gegenseitigen Respekt und Verständnis für die unterschiedlichen Lebensbedingungen: ,,Alle Menschen – ob Israelis oder Palästinenser oder Deutsche – wollen Frieden.”

FOTO: STADT RE

„Ein Wunder“ vor 50 Jahren – und heute?

Die Jüdische Kultusgemeinde, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Stadt Recklinghausen mit der BRÜCKE hatten gemeinsam zu einem Nachmittag der Begegnungen eingeladen. Anlass: Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie offizielle Vertreter aus dem Kreis, den Kommunen, aus Politik und Kirchen, Institutionen und Vereinen waren der Einladung gefolgt.

Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde, Herrn Dr. Mark Gutkin, hörten die Gäste im übervollen Saal der Gemeinde stehend die israelische und deutsche Nationalhymne, vorgetragen vom Gemischten Chor.

Bürgermeister Christoph Tesche würdigte stellvertretend für seine z.T. anwesenden Amtskollegen die Beziehungen zwischen den beiden Staaten und hob dabei die langjährige, lebendige Partnerschaft zwischen Recklinghausen und Akko hervor.

Die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Gerda E.H. Koch, führte anschließend ein Gespräch mit den hochkarätigen Referenten: Botschafter a.D. Mordechay Lewy und Dr. h.c. Johannes Gerster. Beide sind Zeitzeugen der 50jährigen Beziehungen, haben sie begleitet und mit gestaltet; sie informierten das interessierte Publikum über bekannte und unbekannte Ereignisse, über Höhen und Tiefen und ließen dabei auch sehr persönliche Eindrücke und Erlebnisse mit einfließen. Deutschland ist heute in Israel beliebt wie nie zuvor, was umgekehrt leider nicht gesagt werden kann. Beide Referenten warnten eindringlich vor den Folgen, wenn Kritik an der Politik Israels – berechtigt oder nicht – zu einer undifferenzierten, pauschalen Verurteilung Israels oder der Israelis wird. Im vergangenen Sommer war es zu verbalen und physischen Angriffen gegen deutsche Jüdinnen und Juden sowie ihre Einrichtungen gekommen. Das ist Antisemitismus, der in unserer Gesellschaft keinen Platz haben darf. Für die Zukunft wünschten sich die drei Gesprächspartner die Fortsetzung der stabilen und freundschaftlichen Beziehungen, gegenseitigen Respekt und Verständnis für die unterschiedlichen Lebensbedingungen, denn alle – ob Israelis oder Palästinenser oder Deutsche – die Menschen wollen Frieden. Die politischen Beziehungen geben den Rahmen, Menschen auf beiden Seiten müssen sie leben – und das erfolgt am besten durch vielfältige Begegnungen.

Das anschließende zwanglose weitere Programm leiteten israelische Lieder ein, gesungen vom Chor. Draußen (bei inzwischen besserem Wetter) setzten Beiträgen der Tanzgruppe und des Jugendzentrums der Jüdischen Kultusgemeinde das Programm fort. Auch für das leibliche Wohl war gesorgt: Vorbeter Isaak Tourgman bereitete seine berühmten Falafel zu, und die Schlange an diesem Stand nahm kein Ende. Bei Getränken und Musik waren die Gäste noch lange in Gespräche vertieft.

Eindringliche Worte

Rolf Abrahamsohn (l.) und Werner Hansch sprachen bei Gedenkfeier, FOTOS: Reiner Kruse 

Rolf Abrahamsohn und Werner Hansch sprechen bei Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof

RECKLINGHAUSEN. (kg) Das Laufen fällt Rolf Abrahamsohn schwer. 90 Jahre und ein Schicksal, an dem viele längst zerbrochen wären, haben Spuren hinterlassen. Im Kopf ist der letzte Holocaust-Überlebende der jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen ganz klar. Seine Geschichte, die er am Sonntag beim Gedenktag auf den Friedhof  Nordcharweg verträgt, steht beispielhaft für das unvorstellbare Leid, das den Juden von den Nazis zugefügt wurde.

„Siebenmal kam ich ins KZ, siebenmal brauchte man mich noch zum Arbeiten“, berichtet Abrahamsohn von der Deportation ins Rigaer Getto, von Stutthof, Buchenwald, Theresienstadt und von der Befreiung durch die Russen im Mai 1945. Er habe „Glück gehabt”. Abrahamsohns Eltern und ein Bruder  werden ermordet. „Mein anderer Bruder ist 1940 an Diphterie gestorben. Kein Krankenhaus in Recklinghausen wollte einen jüdischen Jungen behandeln.”

 

Die Worte von Abrahamsohn, der immer am 3. November, dem Jahrestag der Ermordung von 3000 Juden in Riga, auf den Friedhof  kommt, sind eindringlich. So eindringlich, dass es Werner Hansch, dem eigentlich stets schlagfertigen Sportreporter, sichtlich schwerfällt, als Nächster ans Mikrofon zu gehen. „Mein Geschichtsunterricht in der Schule endete mit Ersten Weltkrieg”, gesteht Hansch, der 1938 in Süd zur Welt kommt. Erst im vergangenen Jahr kommt er hinter das dunkle Geheimnis seiner Familie: Hanschs Vater, Gesteinshauer auf Zeche „Klärchen” und Kommunist, wird ein einziger Satz in seiner Stammkneipe zum Verhängnis. „Ich kann gar nicht verstehen, warum so viele Leute diesem Hitler hinterherlaufen…“ Hansch senior wird verraten, kommt für zweieinhalb Jahre zur „politischen Umerziehung“ ins KZ Buchenwald. Ich bin stolz auf meinen Vater, einen einfachen Püttmann”, sagt Werner Hansch. Ich weiß nicht, ob ich den Mut meines Vaters gehabt hätte oder ob ich nicht auch den braunen Rattenfängern auf den Leim gegangen wäre“.

,,Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind nicht verschwunden”, sagt Landrat Cay Süberkrüb mit Blick auf Pegida-Demos und „dumpfe Proteste gegen Flüchtlinge”. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, rechte Parolen nicht unwidersprochen zu lassen: Wer schweigt, stimmt zu.” Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, bittet inständig darum, dass sich Gräueltaten wie die der Nazis nicht wiederholen. „Ich wünsche mir, dass unsere Gemeinde weiter friedlich im Kreis leben kann.“

„Ich kann nicht vergessen“

 

Rolf Abrahamsohn (1.) ist Ehrenvorsitzender der jüdischen Gemeinde. Vorsitzender Mark Gutkin überreichte ihm gestern bei einer Feierstunde die Urkunde. Foto: Thomas Nowaczyk

Eine ungewollte Ehre für Rolf Abrahamsohn

WEST. (metz) Unzählige Male hat Rolf Abrahamsohn von seinem Überleben des Holocaust berichtet. „Vor und nach jedem Vortrag kann ich nächtelang nicht schlafen“, gesteht er. Trotztdem hört der 90-Jährige damit nicht auf. Gestern ernannte die jüdische Kiltusgemeinde ihn zum Ehrenvorsitzenden.

Zu dieser Ehre kann ich nur sagen, dass sie mir nicht zusteht“, betont der Marler in der voll besetzten Synagoge: „Alles, was ich getan habe, war den Toten gegenüber, und nicht, um Lorbeeren zu ernten“.

1942 wird Abrahamsohn mit 214 weiteren Recklinghäuser Juden nach Riga deportiert. Seine Familie wird ermordet. Er kommt in drei Konzentrationslager und nach einer Zwischenstation in einer Bochumer Munitionsfabrik ins KZ Theresienstadt. Dort befreit ihn die Rote Armee am 8. April 1945.

„Natürlich wollte ich nach dem Krieg raus aus Deutschland, aber die Engländer haben uns nicht nach Israel gelassen und die Amerikaner wollten uns auch nicht“, erzählt er. Rolf Abrahamsohn kehrt nach Marl zurück, baut die jüdische Gemeinde wieder mit auf und leitet sie von 1978 bis 1992. „Seit 70 Jahren möchte ich vergessen, was passiert ist, aber ich kann nicht“, gesteht er.

Vor einem knappen Jahr lernte Ich Rolf Abrahamsohn kurz vor seinem 90. Geburtstag kennen. Es war eine der bewegendsten Begegnungen in meiner Zeit als Journalist. Ich wunderte mich zunächst wie abgeklärt er über seine Zeit im Rigaer Getto, im KZ Buchenwald und in Theresienstadt sprach. Aber gerade diese Sachlichkeit gegenüber seinem eigenen Schicksal und das scheinbare Fehlen jeden Grolls, gepaart mit der Ahnung des Horrors, den Abrahamsohn durchlebt haben musste, ging mir ziemlich unter die Haut. Es ist eine Sache, über den Holocaust aus Geschichtsbüchern oder Fernsehsendungen zu erfahren. Einem betroffenen Zeitzeugen wie Rolf Abrahamsohn direkt gegenüberzustehen, ist ein anderes, intensiveres Erlebnis. Deshalb ist es wichtig, dass Leute wie er von der Vergangenheit erzählen, so lange sie leben.

von ALEXANDER SPIESS

 

Synagoge 3D Visualisierung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Designer Oleg Minich

Synagoge 3D Visualisierung 1904 - 1938

Präsentation des Buches “Unmöglich zu vergessen” (09.05.2017)

 

Unmöglich zu vergessen

Das Buch enthält Geschichten von Menschen, die die Erfahrungen der Kindheit und Jugend, die während des 2. Weltkrieges fielen, in Erinnerung behalten haben. Ihre Erinnerungen, die Erinnerungen derer, die in den Bränden und Gefahren, in den faschistischen Konzentrationslagern und in den Ghettos überlebt haben, bildeten ein einziges dramatisches Epos, das an die wahre Situation der Juden während der Besatzung Jahre erinnern wird, insbesondere in den westlichen Regionen der UdSSR.

Die Autoren der Geschichten und die Redaktion danken der Leitung der jüdischen Gemeinde des Landkreises Recklinghausen, die die Idee der Erstellung eines Erinnerungsbuchs unterstützte und umfassende Unterstützung bei der Vorbereitung dieser Veröffentlichung leistete.

 

 

 

 

 

 

Rotary Club Datteln-Lippe spendet der jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen Geländer vor dem dem ehemaligen Toraschrein der alten Synagoge, 18.10.2018

 

 

 

 

 

 

 

 

Alter Gebetsraum im neuen Licht

Rotarier unterstützen die jüdische Gemeinde bei der Sanierung historischer Leuchter

ALTSTADT. (TN) Foto: NOWACZYK  Wie neu hängen die beiden Leuchter an der Decke im alten Gebetsraum der jüdischen Gemeinde am Westerholter Weg. Der Zahn der Zeit hatte ihnen mächtig zugesetzt. Dank einer Spende der Rotarier konnten sie nun repariert und wieder angebracht werden.

Eine schmale Wendeltreppe führt in den alten Gebetsräum der jüdischen Gemeinde. Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis ins Jahr 1996 versammelten sich die Gläubigen hier zum Gebet unter dem Dach. Unter den wenigen Gegenständen, die nach der Reichspogromnacht 1938, in der die Nationalsoziallsten die alte Synagoge an der Limperstraße in Brand steckten, gerettet werden konnten, waren zwei Deckenleuchter. Diese wurden nun umfangreich restauriert. Möglich wurden diese Arheiten erst durch eine Spende des Rotary-Clubs Datteln-Lippe, der so die „Erinnerungs kultur an die Geschichte der will”, wie es Mitglied Udo Hollmann formuliert. Insge-samt wurden 2600 Euro investiert und die Deckenleuchter gleichzeitig mit moderner LED-Technik ausgestattet. Dabei wurden auch alle Kabel in den Leuchtern erneuert. Eine nicht alltägliehe Aufgabe für Elektrotech-nikermeister Andre Stengler aus Oer-Erkenschwick, der die Arbeiten durchführte. In den kommenden Monaten wollen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde den alten Gebetsraum in ein Bildungszentrum umbauen, wie ihr Vorsitzender Dr. Mark Gutkin gestern bekannt gab. Derzeit sind in dem Raum vorrangig Bücher und Unterlagen gelagert, „Im kommenden Jahr feiern wir als Gemeinde unseren 190. Geburtstag, bis dahin wollen wir das schaffen”, kündigte der Vorsitzende an. Neben den historischen Deckenleuchtern aus Messing sind unter anderem noch einige Wandleuchten und die Wandvertäfelung aus Holz erhalten. Auch sie zieren den relativ kleinen Raum unter dem Dach, der nur über eine schmale Wendeltreppe zu erreichen ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Fenster werden mit den Reproduktionen der Themenfenster-Folien beklebt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Udo Hollmann

Die Fotos der Original Themenfenster, deren Reproduktionen in Bibliothek nachgebaut worden sind, Foto: Foto-Designerin Ilona Voss-Arnt

Das Gebäude der Gemeinde vor und nach Renovierung, 2018

Alte Synagoge, heutzutage ist hier die Bibliothek

190 Jahre Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen

LIVHT DES JUBILÄUMS

v. l. n. r.: Cay Süberkrüb (SPD), Landrat des Kreises Recklinghausen; Friederike Zurhausen, Polizeipräsidentin des Polizeipräsidiums Recklinghausen; Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen; Zwi Rappoport, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe; Michael Zachäus, erster Polizeihauptkommissar, Leiter der Polizeiwache Recklinghausen. Foto: Alexander Libkin

Seit 190 Jahren wird in der jüdischen Gemeinde Recklinghausen ein vielfältiges und buntes Leben praktiziert. In feierlichem Rahmen wurde dieses Jubiläum in der Synagoge zelebriert. Zahlreiche Gäste aus Politik, Kirche und öffentliche Amtsträger erwiesen der Gemeinde ihre Aufwartung. „Ich freue mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind, um mit uns zu feiern“, erklärte Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen. Mit dem musikalischen Vokalensemble, das den Psalm 1 von Louis Lewandowski, der für die Neubelebung der jüdischen Liturgie große Bekanntheit erlangte, gesanglich vortrug, startete die Zeremonie. Cay Süberkrüb, Landrat des Kreises Recklinghausen, mahnte, wachsam zu sein vor den Menschen, die rechtes Gedankengut verbreiten wollen, und appellierte, gegen Antisemitismus und Rassismus Stellung zu beziehen und Flagge zu zeigen. „Wir bauen Brücken und beseitigen Brüche“, so Süberkrüb. „Es kann doch nicht sein, dass jüdische Mitbürger davor gewarnt werden müssen, eine Kippa zu tragen. Das bereitet mir große Sorgen. Ich bin mir jedoch sicher, dass wir den Rechten den Nährboden entziehen können.“ Recklinghausens Bürgermeister Christoph Tesche empfand es als Ehre, gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde zu feiern. „Das Schönste ist, dass wir gemeinsam die Feierlichkeitenbegehen“, so Tesche. „Wir dürfen nicht vergessen, sondern müssen uns an die Gräueltaten erinnern“, plädierte der Bürgermeister nachdrücklich. Mit Toleranz, Barmherzigkeit und Nächstenliebe überwinden wir die Anfeindungen von rechts. „Wir leben gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden in großer Verbundenheit.“ Auch Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, stellte seine Sicht der Juden, stellte seine Sicht der aktuellen Situation dar und sah in seinem Resümee Licht, aber auch zu viel Schatten. Die Demos für Toleranz machten ihm Mut. Der Aufmarsch der Neonazis und die Angriff e auf Rabbiner erfüllten ihn mit großer Sorge. „Wir sollten unsere Aufmerksamkeit auf das Licht lenken und uns vor Augen führen, mit welch unfassbarer Energie die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges überall in Deutschland neue Gemeinden aufgebaut haben“, so Lehrer. Zeitzeugen seien wichtig, um den Zahlen ein Gesicht zu verleihen. Sie schaff ten Empathie und könnten kein Geschichtsbuch ersetzen. Filmaufnahmen könnten die Schilderungen und Erfahrungen der Überlebenden nicht ersetzen. Zwi Rappoport, Vorsitzender des Landesverbandes Westfalen-Lippe, drückte in seinen Worten aus, dass die deutsche Demokratie, die er als sehr wehrhaft empfindet, jüdischem Hass vieles entgegensetzen könne. Eine Handvoll Überlebende kehrten nach dem Krieg in ihre Heimat zurück, lösten sich aus ihrer Erstarrung und gaben jüdisches Wissen weiter. „Nach der Wiedervereinigung wurden die Zuwanderer aus Russland gut aufgenommen. Das war eine große Integrationsleistung“, so Rappoport. Bereits im XV. und XVI. Jahrhundert gab es in Recklinghausen jüdisches Leben. 1829 wurde der Grundstein für die heutige Gemeinde mit dem Eintrag in das Vereinsregister gelegt. Am 20. und 21. August 1880 konnte die erste Synagoge eingeweiht werden. Als die Mitgliederzahlen auf rund 500 stiegen, wurde der Wunsch nach einer neuen Synagoge laut, die 1906 an der Limperstraße in Recklinghausen eingeweiht wurde. Einen tiefen Einschnitt bildet die Reichsprogromnacht, in der die Synagoge zerstört wurde. Die letzten 110 Gemeindemitglieder wurden 1942 nach Riga deportiert. Die 15 Überlebenden kehrten in die Ruhrfestspielstadt Recklinghausenzurück, um eine neue Gemeinde aufzubauen. Die dritte Synagoge wurde 1955 eingeweiht. Nach der Wiedervereinigung erlebte die Gemeinde eine Renaissance. Die Mitgliederzahl erhöhte sich rasant auf 600, so dass der Bau einer neuen Synagoge beschlossen wurde. Die Eröffnung erfolgte 1997. Zwei Jahre später löste sich die Gemeinde aus der Verbundgemeinde Bochum/Herne/Recklinghausen und ist seitdem wieder selbständig. Passend zum Neujahrsfest erklang zum 190. Jubiläum schließlich auch der Schofar. Außerdem plant die Gemeinde, eine neue Torarolle schreiben zu lassen.
Ulrich Nickel

Manfred de Vries, Dr. Mark Gutkin,
Fotos: Alexander Libkin

Flyers zum 190. Jahrestag der jüdischen Gemeinde Recklinghausen

Recklinghausen, Synagoge neuer Chanukka Leuchter auf der Terasse der Synagoge

Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen
Foto: Jörg Gutzeit / Recklinghäuser Zeitung

UND DIE CHANUKKIA WIRD LEUCHTEN!

Die Idee, eine große Chanukkia auf der Straße zu errichten, gibt es in unserer Gemeinde schon ziemlich lange. Es wurden sogar einige, wie sich später herausgestellt hat, nicht sehr erfolgreiche Versuche unternommen: Mal war das Material für ihre Herstellung falsch gewählt, mal harmonierte das Aussehen der Chanukkia nicht mit der  Fassade des Gemeindehauses, mal gab es Schwierigkeiten mit der Montage und der Sicherheit bei dem Zünden der Lichter. Es gab auch andere Gründe, die unseren Ansprüchen nicht genügten und es lange Zeit nicht erlaubten, die Idee in vollem Umfang umzusetzen.

Und nun ist es der alten Idee endlich bestimmt, realisiert zu werden – im Jubiläumsjahr des 190-jährigen Bestehens unserer Gemeinde und kurz vor der Chanukka-Feier. Unsere elektrische Straßen-Chanukkia, hergestellt von der Schlosserei Stallmann in Recklinghausen, wiegt etwa 100 Kilo und ist zweieinhalb Meter hoch. Genauso groß ist auch die Breite ihrer Äste. Das Chanukkia-Licht wird ferngesteuert, mit Hilfe einer Fernbedienung, auf der man jedes Mal die nötige Zusammensetzung der Lichter einstellt. Das gab uns die Möglichkeit, die Chanukkia auf dem Balkon im 2. Obergeschoss zu platzieren und ihre Lichter mehr als 10 Meter über den Boden anzuheben. Es ist bekannt, dass die Chanukkia eines der Erkennungssymbole der Juden ist und dass es von alters her üblich war, Chanukkia-Leuchter vor dem Gebäude aufzuhängen, die Welt so an das Wunder von Chanukka erinnernd. Und nun können wir, wenn Chanukka kommt, erstmals unsere geistige Stand-haftigkeit und den Sieg des Heiligen über das Unheilige, des Lichtes über die Dunkelheit o… en demonstrieren.

Verdienstorden für HolocaustÜberlebenden aus Marl

Ministerpräsident Armin Laschet heftet Rolf Abrahamsohn den Verdienstorden des Landes an

Er gehört zu den wenigen deutschen Juden, die noch selbst über das Unheil berichten können, das Juden in der NS-Zeit widerfahren ist. Und er setzt sich mit großem Engagement gegen das Vergessen ein: Dafür ist Rolf Abrah-amsohn (94) mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet worden. Ministerpräsident Armin Laschet überreichte die Auszeichnung am 06.01.2020 persönlich in Marl. Mit dem Landesverdienstorden ehrt die Landesregierung Bürgerinnen und Bürger für herausragende Verdienste um das Gemeinwohl und um das Land NRW. Rolf Abrahamsohn hat sich diese Verdienste erworben, weil er die Erinnerung an das Menschheits-verbrechen des Holocaust und seine Opfer wachhält, indem er unter anderem Schülerinnen und Schülern berich-tet, welche Grausamkeiten die Nationalsozialisten seiner Familie und ihm aufgrund ihres jüdischen Glaubens angetan haben.
Rolf Abrahamsohn wurde als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Marl geboren. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde er aus seiner Heimatstadt vertrieben und nach Riga deportiert. Er überlebte sieben Arbeits- und Konzentrationslager. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Abrahamsohn nach Marl zurück. Von seiner Familie aber überlebte niemand.
„Rolf Abrahamsohn ist einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen der menschenverachtenden Ideologie der Nazi-Diktatur“, sagte Ministerpräsident Laschet in seiner Laudatio. „In sieben Konzentrations- und Arbeitslagern hat er selbst ein unvorstellbares Martyrium erlebt. Es ist Rolf Abrahahmsohns überragendes Verdienst, dass er die men-schliche Größe und Kraft aufgebracht hat, bei uns in Nordrhein-Westfalen die Erinnerung an die Nazi-Diktatur und an den Holocaust wachzuhalten.“
Durch seine Besuche in Schulen habe Rolf Abrahamsohn dazu beigetragen, dass nichts vergessen werde und dass vor allem die Opfer nicht vergessen würden. Laschet betont: „Rolf Abrahamsohns Lebensweg ist für uns alle eine Mahnung, dass wir immer wachsam bleiben müssen gegenüber jeder Form von Rassismus und Antisemitismus.“
Der gebürtige Marler setzte sich für die neu gegründete Jüdische Kultusgemeinde Bochum/Herne/Re-cklinghausen ein und war von 1978 bis 1992 deren Vorsitzender. Seit 2016 ist Rolf  Abra-hamsohn Ehrenvorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen. Er war im Vorstand der Jüdischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit aktiv und hat den Aufbau des Jüdischen Museums in Dorsten intensiv unterstützt und begleitet.
Laschet macht deutlich: „Ohne das herausragende Engagement von Rolf Abrahamsohn wäre das Jüdische Leben im Ruhrgebiet nicht das gleiche, wie wir es heute vorfi nden. Gemeinsam mit anderen Holocaust-Überlebenden hat er jüdisches Leben im Ruhrgebiet und in Nordrhein-Westfalen erst wieder möglich gemacht.“
2011 ist Rolf Abrahamsohn vom Kreis Recklinghausen die Vestische Ehrenbürgerschaft verliehen worden.

RECKLINGHÄUSER ZEITUNG, Fotos: Mark Hermenau (Land NRW)

Ehrung im Hause Abrahamsohn. Ministerpräsident Armin Laschet (2.v.r.) hat Rolf Abrahamsohn (2.v.l.) am 06.01.2020 im Beisein von Landrat Cay Süberkrüb (l.) und Bürgermeister Werner Arndt (r.) mit dem  Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet

Zum 95-jährigen Geburtstag von Rolf Abrahamsohn

Am 9. März 2020 feierte Rolf Abrahamsohn, einer der ältesten Mitglieder unserer Gemeinde, sein 95. Wiegenfest. Als einer der letzten verbliebenen Zeitzeugen können wir Rolf Abrahamsohn getrost als lebende Legende bezei-chnen, welche die Schrecken des Holocaust aus eigener Erfahrung eindrucksvoll schildern kann.
Nach Zwangsarbeit und Aufenthalt in den Konzentrationsla gern von Riga, Stutthof, Buchenwald, Bochum und Theresienstadt, war er der einzige Überlebende seiner gesamten Familie. Rolf Abrahamsohn scheute auch nicht davor zurück, nach seiner Befreiung in die ursprüngliche Heimat zurückzukehren. Er wirkte aktiv an der Wieder-belebung des jüdischen Lebens in dieser Region mit und stand schließlich über einen langen Zeitraum der Gemei-nde Bochum-Herne-Recklinghausen vor.
Wir gratulieren von ganzem Herzen Rolf Abrahamsohn zu seinem wunderbaren Jubiläum und wünschen ihm viel Gesundheit, Glück, Wohlstand und ein langes Leben.
                                   Im Namen der jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen
                                                                                                       Dr. Mark Gutkin

 

 

Dr. Mark Gutkin und Rolf Abrahamsohn

Zehn weitere Stolpersteine

Drei Verlegeorte in Castrop, Habinghorst und lckern

Zehn weitere Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig (l.) an drei Orten in Castrop-Rauxel verlegt. Unterstützt wurde er von Yvonne Wittenbreder-Molloisch vom Aktionsbündnis Stolpersteine Castrop-Rauxel und von Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen. FOTO: Thiele

Rund neuneinhalb Jahre nach den ersten Stolpersteinen zur Erinnerung an Bürger jüdischen Glaubens hat der Künstler Gunter Demnig am Dienstag (23. Juni) zehn weitere Stolpersteine in der Europastadt verlegt.

Das “Aktionsbündnis Stolpersteine Castrop-Rauxel” hatte Demnig nicht nur in die Altstadt, sondem auch -nach Ickem und Habinghorst gebeten. Bereits zum fünften Mal wurden Stolpersteine verlegt, zum ersten Mal am 5. No-vember 2010.

Mit der Aktion Stolpersteine werden Juden geehrt, die in Castrop-Rauxel ihre Wohn- oder Wirkungsstätte hatten und während der Nazi-Herrschaft verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Vor dem Haus, in dem die zu ehren-den Personen zuletzt aus freien Stücken gewohnt haben, werden die Steine dauerhaft im Gehweg eingelassen.

Fünf neue Stolpersteine erinnern an der Lönsstraße 6 (ehemals Kaiser-Friedrich-Straße) an Familie Feuerstein. Sie hatte ein Haushaltswarengeschäft, war jüdischen Glaubens und hatte die polnische Staatsbürgerschaft . Diese Fa-milien jüdischen Glaubens mit polnischer Staatsbürgerschaft wurden Ende Oktober 1938 von den National-sozialisten aus ganz Deutschland nach Polen abgeschoben. Alle fünf Mitglieder der Familie Feuerstein, die Eltem und die drei Söhne, sind später von den Nazis ermordet worden. An der Oskarstraße 60 in Habinghorst erinnem vier Stolpersteine an Familie Nathan. Walter Nathan war die letzte Person, die 1939 auf dem alten jüdischen Fried-hof zu Castrop bestattet wurde. In Ickem an der Kirchstraße 17 wurde ein Stolperstein für Hans-Otto Körbs verleg.
Er war für die Kommunistische Partei im Stadparlament. Hans-Otto Körbs ist, nachdem er sich abfällig über Hitler und Göring geäußert hatte und die Nazis für den Reichstagbrand veran-twortlich gemacht hatte, denunziert worden, daraufhin verurteilt und nach Verbüßung seiner Gefängnisstraße ins KZ Esterwegen gebracht worden (,,Schutzhaft”). Er hat die NS-Zeit überlebt.

Der Besuch der Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen von Carina Gödecke erste Vizepräsidentin des Landtags NRW.

Es war Carina Gödecke MdL, Vizepräsidentin des NRW-Landtags und Trägerin der Josef-Neuberger-Medaille der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf sowie der  Dr.-Ruer-Medaille der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, und mir ein wirkliches Herzensanliegen die jüdische Kultusgemeinde in Recklinghausen zu besuchen. Ihr Vorsitzender Dr. Mark Gutkin führte uns und einige SPD-Ratskandidaten durch die Geschäftsstelle und die Synagoge, diskutierte mit uns über die Arbeit der Gemeinde. Mir war es als Bürgermeisterkandidat anläßlich des Besuches wichtig zu betonen, dass Recklinghausen eine weltoffene, bunte und tolerante Stadt ist, in der alle Religionen zu Hause sind und Fremdenfeinlichkeit oder Antisemitismus keinen Platz haben. Ich bin sicher, dass dies auch nach der Kommunalwahl am 13. September der Fall ist.

Autor: Andreas Becker

Gläubige arbeiten für den Frieden

Freuen sich auf den Auftakt in der Synagoge: (v.l.) Beatrix Ries, Ahmad Aweimer, Mark Gutkin, Hartmut Dreier und Isaac Tourgman. -FOTO: MUNKER

WEST. Am Sonntag startet das 20. Abrahamsfest mit einer Auftaktfeier in der Synagoge. Coronabedingt finden dort nur 30 ausgewählte Gäste einen Platz. Andere Teilnehmer können jedoch online dabei sein.

Eigentlich war alles anders geplant. Eigentlich. Doch dann wirbelte die Corona-Pandemie die Vorbereitungen des 20. Abrahamsfestes durcheinander. Die Feier begehen Christen, Juden und Muslime gemeinsam. „Wir sind derzeit bei Plan B“, sagt Dr. Mark Gutkin von der jüdischen Kultusgemeinde „von Plan C konnten wir uns verabschieden.” Letzterer hätte bedeutet, dass keine Auftaktveranstaltung in dem jüdischen Gotteshaus hätte stattfinden können. Nun also Plan B. „Wir laden nur 30 Personnen ein”, erklärt Dr. Mark Gutkin weiter. Diese Gästeanzahl findet nach Coronabestimmungen Platz in der Synagoge. Jeweils sechs Plätze davon können die drei Religionen frei vergeben. Zwölf sind für geladene Besucher reserviert, darunter Bürgermeister Christoph Tesche, Landrat Cay Süberkrüb, Werner Arndt (Bürgermeister der Stadt Marl) Serap Güler (Staatssekretärin des Landtages), Carina Gödecke (Vizepräsidentin des Landtages) und Dorothee Feller. Die Regierungspräsidentin wird eine Rede zum Thema „Zusammenleben über alle Grenzen hinweg – Chancen und Sorgen der Generationen hier und heute” halten. Unterstützung erhält sie von jeweils einem christlichen, jüdischen und muslimischen Jugendlichen. Die jungen Menschen diskutieren über ihre persönlichen Befürchtungen und Hoffnungen.

„Wir positionieren uns deutlich gegen den wieder entflammten Rassismus. Davon sind wir alle betroffen und hoffen durch unsere Arbeit auf eine bessere Zukunft. Wir arbeiten alle gemeinsam für den Frieden“, sagt Ahmad Aweimer , Zentralrat der Muslime in Deutschland. Isaac Tourgman, Kantor der jüdischen Gemeinde, fügt hinzu: ,,Corona wird vorübergehen, doch es gibt andere Seuchen, die Bestand haben: Rassismus und Antisemitismus. Dagegen kämpfen wir jedes Jahr und hoffen, dass unsere Kinder und Enkelkinder das nicht mehr erleben müssen.“

Von Bianca Munker, Recklinghäuser Zeitung

INFO: Wer die Übertragung sehen möchte, hat unter Youtube (Abrahamsfest Marl), Facebook (@abrahamsfestmarl), Instagram (@abrahamsfest marl), oder www.abrahamsfest-marl.de die Möglichkeit.

Das erste Licht leuchtet

Die jüdische Kultusgemeinde feiert Chanukka. Das Fest dauert acht Tage.

Dr. Mark Gutkin (l.) und Isaac Tourgman entzünden das erste Licht des Chanukkia. —FOTO: MUNKER

West. (bimu) Seit gestern feiern Menschen jüdischen Glaubens Chanukka. Dabei wird jeden Abend ein Licht am neunarmigen Leuchter entzündet. Aus diesem Anlass zündeten Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde, und Kantor Isaac Tourgman die erste Kerze an. Und das zwei Mal.
Denn die Gemeinde besitzt zwei Chanukkia, wie der Leuchter genannt wird. Der Größere befindet sich auf einem Balkon der Synagoge. Sein elektrisches Licht wurde bequem per Fernbedienung eingeschaltet. Der Kleinere steht im Inneren des Gotteshauses. Wer sich wundert, warum auf unserem Foto zwei brennende Kerzen zu sehen sind: Das neunte Licht in der Mitte dient lediglich als „Diener“, nur mit diesem dürfen die anderen angezündet werden. Es brennt jeden Tag. Eigentlich feiert die Gemeinde Chanukka mit Mitgliedern und Gästen. Das muss dieses Jahr coronabedingt ausfallen. „Wir haben allen 570 Gemeindemitgliedern Geschenktüten mit Wein, Kuchen aus Israel und einem Chanukka-Leuchter vorbeigebracht“, sagt Dr. Mark Gutkin. Traditionell essen Juden während Chanukka abends Speisen, die in Öl gebraten oder gebacken wurden wie Berliner Ballen. Dr. Mark Gutkin und Isaac Tourgman freuten sich gestern auf leckere Reibekuchen.

Chanukka erinnert an die Befreiung aus griechischer Herrschaft, die zweite Weihe des Tempels und an ein Lichtwunder. Das diesjährige Fest endet am 18. Dezember.

Gegen das Vergessen

Fünf weitere Stolpersteine an der Bochumer Straße 111 in Recklinghausen verlegt

Vor dem Haus Bochumer Straße 111 erinnern Stolpersteine an die Familie Markus. Bei der Gedenkfeier gegen das Vergessen (v.l.): Bürgermeister Christoph Tesche, Manfred de Vries, der Sohn von Martha de Vries (geb. Markus), ihre Tochter Inge Steindler und ihr Ehemann Georg Steindler sowie Georg Möllers vom Verein für Orts- und Heimatkunde. Quelle: Foto: Stadt RE, hochgeladen von Lokalkompass Recklinghausen.

An der Bochumer Straße 111 in Recklinghausen sind fünf weitere Stolpersteine verlegt worden.
“Man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen.” So wurde Gunter Demnigs Gedenk-Projekt Stolpersteine schon beschrieben. Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Bürgersteig verlegt. In 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas bilden Stolpersteine einen Gedenkort. Als Teil der Recklinghäuser Gedenkkultur wurden und werden auch in Recklinghausen Stolpersteine verlegt, die ein Zeichen gegen das Vergessen der Opfer der NS-Diktatur setzen.
Nun sind fünf weitere Stolpersteine an der Bochumer Straße 111 in Recklinghausen verlegt worden.

Erinnerung an die Familie Markus

Sie erinnern an die Familie Markus und erzählen in knappen Daten die Lebensgeschichte der jüdischen Familie. Von Felix Markus und seiner Ehefrau Julie Markus, von deren Töchtern Dina und Martha Markus und von Heinrich Hanau, dem Bruder von Julie Markus.
„Stolpersteine“, sagte Bürgermeister Christoph Tesche in seiner Rede, „sind Mahnmale zur Erinnerung an die Opfer. Sie sind eine Warnung vor den Tätern. Sie sind ein Zeichen von Trauer und Respekt vor den Opfern. Sie dienen als Mahnung, dass sich diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit niemals wiederholen dürfen. Wir stehen hier mit dem unbedingten Willen, nicht zu vergessen.“
Er erinnerte daran, dass die Familie zu den alteingesessenen Poahlbürgern der Stadt gehörte. Die Brüder Alex, Felix und Robert Markus betrieben mit ihren Ehefrauen Obst- und Gemüsegeschäfte in der Innenstadt, in Süd und auf dem Wochenmarkt.
An ihre Biographien erinnerte Georg Möllers vom Verein für Orts- und Heimatkunde und ehrenamtlicher Bearbeiter des städtischen Online-Gedenkbuches. 2014 hatte der Rat der Stadt in einem Beschluss zur Gedenkkultur die Erarbeitung der Biographien der Opfer der NS-Diktatur in einem Online-Gedenkbuch und die anschließende Verlegung von Stolpersteinen zum Gedenken beschlossen.

1941 Einzug in eines der “Judenhäuser”

1941 mussten die Eheleute Felix und Julie Markus mit ihrer Tochter Martha ihr Haus an der Bochumer Straße 111 verlassen und wie alle Juden in eines der fünf von den Nazis so bezeichneten „Judenhäuser“ der Stadt ziehen. Heinrich Hanau war auch dabei. Am 24. Januar 1942 erfolgten die Deportationen von insgesamt 95 Erwachsenen und zehn Kindern aus den Häusern. Im Transport, der Dortmund am 27. Januar 1942 verließ, befanden sich auch die Familie Julie und Felix Markus mit Tochter Martha und Heinrich Hanau.
Der Zeitpunkt des Todes von Heinrich Hanau im Ghetto kann nicht mehr bestimmt werden. Dies gilt ebenso für Julie und Felix Markus. Dina Markus wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und dort getötet.
Einzige Überlebende war die damals 22-jährige Martha Markus. Nach ihrer Rückkehr nach Recklinghausen musste sie den Tod von 24 Familienmitgliedern beklagen, davon stammten drei aus der unmittelbaren Verwandtschaft von Ludwig de Vries aus dem Emsland, den sie in Recklinghausen heiratete.
Ludwig und Martha de Vries gehörten zu den wenigen überlebenden Gemeindemitgliedern, die jüdisches Leben nach der Shoah in Recklinghausen wieder aufbauten.

Mahnmal der Holocaust-Opfer

1948 stiftete das Ehepaar das Mahnmal der Holocaust-Opfer auf dem Jüdischen Friedhof. Ludwig de Vries (1904-1958) leitete bis zu seinem Tod die Gemeinde. Martha de Vries wurde nach ihrem Tod am 30. Dezember 1988 neben ihrem Mann auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt.
Zur Enthüllung der Stolpersteine waren eigens die Kinder von Martha und Ludwig de Vries, Manfred de Vries sowie Inge Steindler, angereist. „Es ist schwer, diese Steine zu setzen, und heute war es schwer, für die eigenen Eltern diese Steine zu setzen”, sagte Manfred de Vries. „Leider hat der Antisemitismus wieder zugenommen. Wir müssen alles tun, dass Menschen verstehen, dass das falsch ist. Doch die meisten Menschen trauern wegen dem, was geschehen ist. Das ist der richtige Weg.“
Aufgrund der Corona-Krise fand die Verlegung der Stolpersteine in einem kleinen Kreis statt.

Dr. Mark Gutkin und Isaac Tourgmann

Anwesend waren neben anderen Dr. Mark Gutkin und Isaac Tourgmann von der Jüdischen Kultusgemeinde.
Isaac Tourgmann, Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde, sprach ein Gebet für die Seelen der Familie Markus und die Seelen der Millionen ermordeten Juden, die in den Vernichtungslagern von Auschwitz und in vielen anderen Konzentrationslagern gequält und ermordet wurden.
Anwesend waren auch Vertreter der Ratsfraktionen und Schuldezernent Dr. Sebastian Sanders. Johannes Ruddek vom Theodor-Heuss-Gymnasium spielte während der Verlegung Gitarre.

Beteiligung Recklinghäuser Schulen

Die Gedenkkultur ist wichtiger Baustein für die Gegenwart mit großer Beteiligung der Recklinghäuser Schulen. Sie konnten aufgrund der Corona-Pandemie nicht teilnehmen. Eine größere Veranstaltung mit Schülern und Manfred de Vries soll zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

Das „Mabat“-Projekt der Gemeinde von Recklinghausen

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Recklinghausen Mark Gutkin überreicht die Laptops im Rahmen des „Mabat“-Projekts. FOTO: ALEXANDER LIBKIN

Schon seit einigen Jahren ist das Thema Digitalisierung immer öfter in Zeitschriften und Zeitungen präsent und wird lebhaft im Fernsehen und in Inter-net-Foren diskutiert. Immer mehr Menschen auf der ganzen Welt können sich ein Leben ohne moderne Technologien nicht mehr vorstellen, der Arbeits-alltag und das Privatleben von Millionen wird in die virtuelle Welt übertragen. Soziale Netzwerke ersetzen nach und nach persönlichen Kontakt, flack-ernde elektronische Buchstaben von e-Books ersetzen das Lesen richtiger Bücher und die Cyberkultur verdrängt das Kulturerbe der Menschheit im Bewusstsein der Jugendlichen. Wir sind Zeugen hitziger Streitereien zwischen Befürwortern und Gegnern dieses Prozesses geworden.

Doch dann kam das Jahr 2020, welches die Meinung vieler zu diesem Thema von Grund auf verändert hat. Die Digitalisierung der unterschiedlichen
Lebensbereiche in heutiger Zeit wurde unter den aktuellen Umständen zur einzigen Lösung. Bei Quarantäne-Bedingungen ist es sehr wichtig, die Mög-lichkeit zu haben, zu kommunizieren, neues Wissen und Fähigkeiten zu erlangen und das Gefühl zu bekommen, dass man nicht der Einzige in dieser Lage ist. Was noch vor Kurzem seltsam und unnötig schien, ist zum Alltag geworden und hat unser Leben wenigstens etwas interessanter und bedeutungsvoller gemacht.

In dieser Situation ist das Projekt „Mabat“ der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland sehr willkommen: Kindern und Jugendlichen aus Familien in schwieriger fi nanzieller Lage die Teilnahme an verschiedenen virtuellen Treff en und Projekten zu ermöglichen und den Zugang zu diesen Aktivitäten zu erleichtern. Unsere Gemeinde hat dieser wunderbaren Initiative großes Interesse und Achtung entgegengebracht. Diese Idee hat die Gemeindeführung inspiriert und es wurde sofort ein Finanzierungsantrag im Rahmen des Projektes gestellt. Und sobald die positive Antwort gekommen war, begann die Suche nach Laptops, die allen modernen Standards entsprechen, wobei der Preis auch eine Rolle spielte.

Es wurde eine Liste der Kinder erstellt, die aktiv an den Treff en der Kindergruppe der Gemeinde, „Agada“, teilnehmen, und natürlich der Familien, die Zuwendungen durch die Stadt erhalten. Die Arbeit ging sehr schnell vonstatten, weil man die Laptops rechtzeitig zum Chanukka-Fest verteilen wollte, um sozusagen das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, den Kindern und Eltern eine Überraschung zu bereiten und am Programm „Mabat“ teilzu-nehmen. Und das alles ist uns gelungen, die Überraschung ist geglückt. Sieben Laptops der Firma kamen rechtzeitig an.

Es hat geklappt, den Zweck des Treff ens zu verheimlichen – niemand von den Eingeladenen wusste, aus welchem Anlass man sie in die Gemeinde gerufen hat. Es gab Dankesworte, überraschte Gesichter und Freude.

Es herrschte eine familiäre, herzliche Atmosphäre. Den Kindern hat sich die Möglichkeit eröff net, an verschiedenen Bildungsprogrammen, an Initiativen der heimischen Gemeinde und anderen Organisationen sowie an den zahlreichen Projekten der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland teilzuhaben. Und dieses ganze großartige Ereignis geschah am fünften Tag des Chanukka-Festes! Wie soll man danach nicht an Wunder glauben?

Valentina Shekun, Sozialarbeiterin der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen

Superintendentin besucht Jüdische Gemeinde Recklinghausen
Saskia Karpenstein freut sich auf gemeinsame Ideen und Projekte

Foto: Isaac Tourgman, Sup. Saskia Karpenstein, Dr. Mark Gutkin und Pfr. Roland Wanke (v.l.). FOTO: Jörg Eilts

Recklinghausen – Eigentlich war der Antrittsbesuch von Superintendentin Saskia Karpenstein bei der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen schon länger geplant, aber Corona und der Lockdown haben bekanntlich die meisten Präsenzveranstaltungen unmöglich gemacht.
Am gestrigen Dienstag war es dann so weit. Gemeinsam mit Pfarrer Roland Wanke, Kreiskirchlicher Beauftragter für den jüdisch-christlichen Dialog, und Öffentlichkeitsreferent Jörg Eilts machte sich die Superintendentin auf den kurzen Weg in die unmittelbare Nachbarschaft zur Synagoge.
Im Gespräch mit dem Gemeinderatsvorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen Dr. Mark Gutkin und Isaac Tourgman, dem Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde, betonte Karpenstein, dass sie ohne konkretes Anliegen gekommen sei: “Es ist ein freundschaftlicher erster Kontakt, der hoffentlich wachsen wird. Ein Gespräch verbunden mit Hoffnung auf gemeinsame Ideen und Projekte in Zukunft – und verbunden durch eine schmerz-hafte Leidenserfahrung für jüdisches Leben in Deutschland.”
Bei einer kleinen Führung stellten die Vertreter der Jüdischen Kultusgemeinde die Synagoge vor, die in direkter Nähe zum Polizeipräsidium in Reckling-hausen liegt. Das Jüdische Zentrum verfügt über eine eigene Bibliothek, ein Jugendzentrum, einen Seniorentreff, einen Makkabi (Sportverein), einen Chor und eine Vokalgruppe. Verschiedene Schautafeln zeigen das jüdische Leben in Recklinghausen im Wandel der Geschichte. Ein besonderer Blickfang ist
der im Jahr 2019 neu installierte Chanukka-Leuchter, der von der Straße gut sichtbar ist.
In der Stadt Recklinghausen wurden Juden erstmalig im Jahr 1305 erwähnt. Die Gemeindegründung geht auf das Jahr 1828 zurück. Die Gemeinde erbaute 1880 ihre Synagoge und eröffnete 1905 einen jüdischen Friedhof. Unter der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten wurde die Synagoge am 9. November 1938 zerstört. Das neue Gebäude der Synagoge in Recklinghausen wurde am 27. Januar 1997 eingeweiht und aufgrund des großen Zuwachses der Kultusgemeinde errichtet. Die jüdische Gemeinde in Recklinghausen zählt heute im Kreisgebiet 537 Mitglieder.
Jörg Eilts, Dr. Hans Hubbertz

Das Schmuckstück ist 35 Meter lang.
Die neue Thorarolle der jüdischen Gemeinde soll im Mai eingeweiht werden.

Blick in den Schrein: Isaac Tourgman und Dr. Mark Gutkin zeigen Martin Brambach und Christine Sommer (v.r.) die Thorarollen.

Recklinghausen. Die Augen von Isaac Tourgman, Kantor der jüdischen Gemeinde, strahlen, wenn er von der Thorarolle spricht. Vor einigen Wochen ist das Schriftstück (siehe Infokasten) in Recklinghausen angekommen. Noch wird es vor den Augen der Öffentlichkeit strikt verborgen.

Zudem fehlt etwas. Isaac Tourgman: „Die letzten Buchstaben werden bei einer Zeremonie geschrieben. Dafür kommt extra ein Rabbiner aus Israel.“ Die Einweihung ist eine feierliche Angelegenheit. Dafür ist ein Fest im Mai geplant. Die jüdische Kultusgemeinde konnte zwei bekannte Paten für die Thorarolle gewinnen: Schauspielerin Christine Sommer und ihren Mann, den Tatort-Star Martin Brambach. Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Gemeinde,
und Isaac Tourgman begrüßten das Ehepaar in der Synagoge.

„Die Patenschaft ist eine ganz große Ehre“, sagt Martin Brambach. Wie es zu der Verbindung kam? „Isaac Tourgman und ich haben uns auf dem Weg zum Supermarkt getroffen“, erzählt Christine Sommer und lächelt. „Er hat mich gefragt, ob wir uns das vorstellen können. Auch für mich ist das eine große Ehre.“

Die Thorarolle wurde in Jerusalem rund ein Jahr lang von Hand auf Kalbsleder geschrieben und ist zwischen 35 und 38 Meter lang. 300.000 Buchstaben sind darauf zu finden. Stolze 34.000 Euro kostet sie, inklusive Schmuck und einem Mantel. „Rund 31.000 Euro haben wir schon durch Spendengelder zusammen, der Rest fehlt noch“, berichtet Isaac Tourgman. Knapp 300 Personen, darunter hauptsächlich Recklinghäuser, haben sich an der Sammelaktion
beteiligt. Als Dank für jede Geldgabe schreibt der Kantor die Namen der Spender auf eine Papierrolle – auf Deutsch und auf Hebräisch. Etwa 400 Namen wurden so verewigt. Auch die der Paten. Isaac Tourgman richtet Worte des Dankes an alle Menschen, die sich beteiligt haben: „Vielen Dank, dass Recklinghausen die Thorarolle mitträgt.“

bimu

Die vier Thorarollen der Synagoge

  • Die Thora ist der erste Teil des Tanach, der hebräischen Bibel und besteht aus fünf Büchern Moses. Dabei handelt es sich um eine handgeschriebene Rolle aus Pergament oder Leder.
  • Die Recklinghäuser Synagoge besitzt vier Rollen darunter die neue. Sie werden in einem Schrein aufgehoben.
  • Einen Beitrag sehen Sie unter www.cityinfo.tv

Holocaust überlebt und Geschichte geschrieben

RECKLINGHAUSEN. Ein neues Buch handelt von dem legendären israelischen Nationaltrainer Emanuel Schaffer. Er verbrachte seine Kindheit in Recklinghausen.

1977 bei einem Trainingsspiel der israelischen Nationalmannschaft in Köln: FC-Manager Karl-Heinz Thielen (l.), Emanuel Schaffer (Mitte) und der damalige FC-Trainer Hennes Weisweiler. FOTO NACHLASS FAMILIE SCHAFFER


2002 stiftete Emanuel Schaffer – hier mit Kantor Isaac Tourgman – der jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen eine Thorarolle © Recklinghäuser Zeitung (Archiv) © Recklinghäuser Zeitung (Archiv)

In Israel wird Emanuel Schaffer auch neun Jahre nach seinem Tod noch als „Fußballgott“ verehrt. Seine Spielerkarriere endete zwar verletzungsbedingt 1956, doch als Nationaltrainer ist er bis heute die unangefochtene Nummer 1.
Schließlich gelang es bislang nur ihm, eine israelische Nationalmannschaft zu einer Weltmeisterschaft zu führen, das war 1970 in Mexiko. Etwas von diesem Stolz ist auch am Mittwochvormittag in der Synagoge in Recklinghausen
zu spüren.
Schaffer war Freund der jüdischen Kultusgemeinde, feierte bei Besuchen in seiner früheren Heimat hier gerne den Sabbat und stiftete der Gemeinde 2002 eine Thorarolle. Dass Autor Lorenz Peiffer hier nun die Biografie über ihren Förderer vorstellt, freut den Vorsitzenden Dr. Mark Gutkin und Kantor Isaac Tourgman. Lorenz Peiffer hat das Buch gemeinsam mit Moshe Zimmermann geschrieben. Beide sind Historiker, sie eint ihre Forschung über die Geschi-chte des jüdischen Sports in Deutschland. Für eine Ausstellung über „deutsch-jüdische Fußballstars im Schatten des Hakenkreuzes“ recherchierten sie auch über Emanuel Schaffer und waren sich einig, dass dessen Geschichte ein ganzes Buch füllt. „Es gab nicht viele Informationen. Aber die Familie hatte reichlich Material gesammelt und es mit uns geteilt“, erzählt Peiffer. Die Treffen mit der Witwe Shoshana und den Kindern sehr bewegend gewesen.
Geboren wurde Schaffer am 11. Februar 1923 im polnischen Drohobyz. Bald siedelte die Familie nach Recklinghausen über. Emanuel besuchte die jüdische Schule am Steintor 5, wohnte an der Paulusstraße. Und er tat schon das, was ihn später berühmt machte: Fußball spielen.
Krieg und Verfolgung holen die Familie ein 1933 verließen die Schaffers Deutschland, zogen erst ins französische Metz, dann ins Saarland. 1937 wurden die Schaffers, die immer noch die polnische Staatsbürgerschaft besaßen, nach der Wiedereingliederung des Saarlandes ins Deutsche Reich ausgewiesen.
Es ging zurück in die ostpolnische Heimat. Dort holten Krieg und Judenverfolgung die Familie ein: Emanuel Schaffer schloss sich dem russischen  Wider-stand ein, Eltern und Schwestern wurden ermordet. Nach dem Krieg lebte er bis 1950 in Breslau, dann wanderte er nach Israel aus.
Fußball spielte Emanuel Schaffer immer: als Kind, als Jugendlicher und auch nach dem Krieg in Polen und ebenso in Israel. In Haifa startete er als 27-Jäh-riger eine Erstliga-Karriere und wurde dann Trainer.
Zur Ausbildung zurück ins Land der Täter
Dafür kehrte Emanuel Schaffer zurück ins Land der Täter. 1958/59 war er der erste Israeli an der Sporthochschule in Köln. „Dort war Hennes Weisweiler sein Ausbilder. Sie knüpften eine Freundschaft, die bis zum Lebensende ge-halten hat“, erzählt Peiffer. Und beiden gelang es, dass Israel und Deutschland sich durch den Sport wieder näher kamen: Auf Weisweilers Vermittlung führte die israelische Nationalmannschaft mit ihrem Trainer Schaffer 1968 in der Sportschule Hennef ein Trainingslager und Vorbereitungsspiel für die WM-Qualifikation durch.
Höhepunkt war ein Spiel gegen Borussia Mönchengladbach. Dabei blieb es nicht, 1969 folgte der Gegenbesuch. „Obwohl Gladbach beide Spiele gewonnen hatte, wurde die Mannschaft am Ende mit stehenden Ovationen in Israel gefeiert“, so Peiffer.
1997 zum ersten Mal wieder in Recklinghausen
Schaffer war beruf lich und privat zwar oft in Deutschland. Aber er kehrte erst 1997 auf Betreiben des damaligen Stadtdirektors Peter Borggraefe zurück nach Recklinghausen. Am 26. Januar sollte die neue Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde eingeweiht werden, dazu weilte auch eine Delegation aus Akko in der Stadt. Das Gespräch kam auf Fußball.
Borggraefe erzählte den Gästen bei einem Essen, dass Emanuel Schaffer nur ein paar Häuser weiter gewohnt habe. Spontan kam die Idee auf, Schaffer einzuladen. Zwei Tage später – am 29. Januar – besuchte Schaffer die Stadt sein-er Kindheit und die neue Synagoge. „Danach kam er jedes Jahr, 2002 stiftete er uns eine Thora-Rolle“, berichtet Kantor Isaac Tourgman. Als Emanuel Schaffer 2012 starb, war auch in Recklinghausen die Trauer groß.
Nun schmiedet die Gemeinde Pläne, wie sie sich an den Aktivitäten zur Buchveröffentlichung beteiligen kann, sobald Corona es zulässt. So teilte Peiffer mit, dass Borussia Mönchengladbach zu Schaffers 100. Geburtstag eine Aus-stellung plant.
Das ließ Sozialdezernent Dr. Sebastian Sanders aufhorchen, der am Mittwoch ebenfalls in der Synagoge dabei war: „Ich bin Fan und Mitglied des Vereins“, verriet er. Und so werde er sich gleich in dreifacher Funktion gern dafür einsetzen, dass die Ausstellung anschließend vielleicht auch in Recklinghausen gezeigt werden kann.

Von Silvia Seimetz

Eine jüdische Trainerkarriere

  • Die Biografie „Emanuel Schaffer. Zwischen Fußball und Geschichtspolitik – eine
    jüdische Trainerkarriere“ ist seit einer Woche im Handel.
  • Auf 200 Seiten zeichnen die Autoren Lorenz Peiffer und Moshe Zimmermann Schaffers
    spannendes Leben nach, dazu gibt es etliche Fotos – auch aus Recklinghausen.
  • Das Buch kostet 22 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

Unvergessen: Emanuel Schaffer
starb 2012. FOTO ARCHIV

Lorenz Peiffer hat die Bografie geschrieben, die in der Synagoge mit (h.v.l.) Dr. Sebastian Sander, Jochen Welt, Mark Gutkin und Alexander Sperling vorgestellt wurde. Kantor Isaac Tourgman hält die Thorarolle, die Schaffer 2002 der Gemeinde gestiftet hatte. Lorenz Pfeiffer hat über den israelischen Nationaltrainer Emanuel Schaffer (1923-2012) aus Recklinghausen ein Buch geschrieben, das in der Synagoge vorgestellt wurde.

Die Polizei schützt die Synagoge

Nach anti-jüdischer Demo in Gelsenkirchen wird auch der jüdische Friedhof bewacht und auch unter besonderem Schutz: die Synagoge der jüdischen Gemeinde am Polizeipräsidium.

Quelle: Medienhaus BAUER, FOTO: Alexander Libkin

Recklinghausen. Nach einer großen anti-jüdischen Demonstration vor der Gelsenkirchener Synagoge am Mittwoch schützt die Polizei nun verstärkt jüdische Einrichtungen und Symbole in Recklinghausen. Polizeisprecher Andreas Lesch wollte am Freitag aus polizeitaktischen Gründen nur bestätigen, dass die Beamten „jüdische Einrichtungen“ schützen. Mit wie vielen Einsatzkräften oder wann die Polizei dies tut, ließ er offen.

Dem Vernehmen nach sind Polizeibeamte seit der Eskalation des Konf liktes zwischen Palästinensern und Israel vor allem an der Synagoge, die direkt neben dem Polizeipräsidium liegt, im Einsatz. Aber auch der jüdische Friedhof am Nordcharweg, auf dem alljährlich der Nazi-Opfer nach den Deportationen nach Riga gedacht wird, zählt zur kritischen Infrastruktur.

Am Mittwoch hatte die Polizei auch das Rathaus im Visier, denn dort war einen Tag lang die israelische Flagge gehisst. Wie die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilt, habe sie die Flagge wie in den Vorjahren gehisst, um an die Aufna-hme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland am 12. Mai 1965 zu erinnern.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft ruft dazu alljährlich alle deutschen Städte auf, die Partnerstädte in Israel haben. Recklinghausen beteilige sich seit Jahren, um die guten Beziehungen zu Israel und der Partnerstadt Akko zu beto-nen, sagt Stadtsprecher Hermann Böckmann.

Die Stadt Hagen hatte die Flagge Israels ebenfalls gehisst, sie nach heftiger Kritik muslimischer Mitbürger aber wieder abgenommen.
-jhs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jüdische Gemeinde lädt im Jubiläumsjahr zu Veranstaltungen ein.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Laden ein zum Jubiläumsjahr: Kantor Isaac Tourgman (l.) und Vorsitzender Mark Gutkin von der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen. FOTO: © Tobias Mühlenschulte, © Medienhaus Bauer

Programmpunkten beteiligt sich die Jüdische Gemeinde Recklinghausen am bundesweiten Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Los geht‘s mit einem Konzert am 11. Juli.

Anlässlich des Projekts „Jubiläumsjahr 2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ lädt die Jüdische Kultusgemeinde Recklinghausen alle Interessierten zu zehn Veranstaltungen ein. Kantor Isaac Tourgman und Vorsitzender Mark Gutkin stellten das Programmheft nun vor.

Konzerte im Ensemble, Quartett und Quintett

Den Start macht am Sonntag, 11. Juli, ein Konzertabend mit dem Ensemble „Asamblea Mediterranea“. Die sieben Musikerinnen und Musiker, die sich ursprünglich auf völlig unterschiedliche Musikstile spezialisiert hatten, arrangieren und komponieren ihre Musik aus Melodien und Texten der Juden in Spanien, Nordafrika, in der Türkei und Griechenland, die über Generationen überliefert wurden. Das Konzert im Saal der Jüdischen Gemeinde (Am Polizeipräsidium 3) beginnt um 17 Uhr.

Musikalisch weiter im Jubiläumsprogramm geht es am Sonntag, 1. August. Dann gastiert das Quartett „The Klezmer Tunes“ im Gemeindesaal. Die Gruppe interpretiert mit Klarinette, Akkordeon, Violine und Gitarre Klezmer mal klassisch, mal modern. In ihre Musik lassen sie auch gerne Jazz, Funk, Gypsy, Bossa Nova und Rock’n’Roll einfließen. Los geht’s um 17 Uhr.

Das Quintett „Sistanagila“ setzt den musikalischen Veranstaltungskalender am Sonntag, 12. September, um 17 Uhr im Saal der Jüdischen Gemeinde fort. Die in Berlin lebenden israelischen und iranischen Musiker zelebrieren ihren Dialog in Noten. Sie spielen jahrhundertealte jüdische und iranische Musiker und bedienen sich folkloristischer und religiöser Melodien aus Klezmer, sephardischer und traditionell persischer Musik sowie modernen und klassischen Kompositionen.

In der Christuskirche an der Limperstraße findet am Sonntag, 5. Dezember, das Orgelkonzert mit Viola und Chor „Shalom – Kirche trifft Synagoge“ statt. Paul Kayser und Semjon Kalinowski spielen Werke von etwa Max Bruch, Ernest Bloch und Louis Lewandowski, dazu singt das Vocal-Ensemble der Jüdischen Kultusgemeinde. Beginn ist um 15 Uhr. Im Anschluss lädt die Gemeinde zur gemeinsamen Chanukka-Feier in die Synagoge ein.

Vorträge über Sport, Geschichte und das jüdische Leben

Sportlich wird es am Montag, 4. Oktober. Dann hält Alon Meyer den Vortrag „Bedeutung des Sports im Judentum“. Meyer ist Vorsitzender des TuS Makkabi Frankfurt und Präsident von Makkabi Deutschland. Erst im Mai hatte er dem Sender Sky-Sport ein Interview zum Thema „Antisemitismus im Sport“ gegeben. Wo der Vortrag stattfindet, ist noch ungewiss. „Wir arbeiten daran, es soll etwas Großes werden“, sagt Gemeinde-Kantor Tourgman.

Am Vortrag mit Uri Kaufmann, dem Leiter der Alten Synagoge in Essen, steht noch ein kleines Fragezeichen. Geplant ist, dass Kaufmann am Dienstag, 26. Oktober, einen Überblick über „Jüdisches Leben in Westfalen und Deutschland“ gibt.

Mit gleich zwei Vorträgen füllt Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen, den Veranstaltungskalender im Jubiläumsjahr. Am Donnerstag, 11. November, referiert er zum Thema „Der Patriotismus der deutschen Juden im Ersten Weltkrieg“. Darin geht Kordes der Frage nach, wie sich das Verhältnis der deutschen Juden zum Kaiserreich und zum Krieg ab 1914 gestaltete und welche Entwicklung der deutsche Antisemitismus im und nach dem Ersten Weltkrieg nahm. Noch weiter zurück geht der Archiv-Leiter am Mittwoch, 1. Dezember. Dann skizziert er die Entwicklung des mitteleuropäischen Judentums im 15. und 16. Jahrhundert.

Abrahamsfest und jährliches Gedenken

Die Eröffnung des Abrahamsfests am Sonntag, 19. September, steht unter dem Motto „Utopien in Krisenzeiten – gemeinsam unterwegs“. Dazu gibt es kreative Darbietungen aus den drei abrahamitischen Religionen (Christentum, Islam, Judentum).

Das jährliche Gedenken an die Deportation jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Recklinghausen nach Riga findet am Sonntag, 7. November, um 11.30 Uhr auf dem Jüdischen Friedhof am Nordcharweg statt.

Weil die Corona-Schutzverordnung voraussichtlich nur eine begrenzte Anzahl von Gästen zulässt, ist eine verbindliche Anmeldung unter Tel. 02361/ 15136 erforderlich. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen gibt die Jüdische Gemeinde telefonisch oder nach einer E-Mail an jkg_re@gmx.de.

Bodo Klimpel besucht jüdische Kultusgemeinde der Kreis Recklinghausen

Quelle: Facebook – Bodo Klimpel (https://www.facebook.com/bodo.klimpel)

Seit Jahren sind die jüdische Kultusgemeinde und der Kreis Recklinghausen eng verbunden. Diese erfolgreiche Zusammenarbeit möchte ich fortsetzen. Gerne bin ich der Einladung von Dr. Mark Gutkin und Isaac Tourgmann in die Synagoge in der Recklinghäuser Innenstadt gefolgt. Im gemeinsamen Gespräch – zum Beispiel über die Gedenkkultur im Kreis Recklinghausen – haben wir uns darauf verständigt, auch in Zukunft ein gutes und partnerschaftliches Verhältnis zu pflegen.

 

 

 

 

 

 

 

Die Reinigung der Stolpersteine in der Halterner Innenstadt

Quelle: Facebook – Bodo Klimpel (https://www.facebook.com/bodo.klimpel)

Heute morgen habe ich zusammen mit meiner ehemaligen Ratskollegin Maaike Thomas die Stolpersteine in der Halterner Innenstadt gereinigt. Vielen Dank, liebe Maaike, für deine traditionell tolle Unterstützung und Vorbereitung. #stolpersteine #halternamsee #kreisrecklinghausen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jüdische Gemeinde feiert – wegen 300.000 Buchstaben auf 40 Metern Pergament

Synagoge in Recklinghausen empfängt am 12. September Torarolle

Quelle: www.kirche-und-leben.de, Foto: Johannes Bernard

Sagen Danke für die Spenden, die eine neue Torarolleermöglicht haben: Mark Gutkin, Vorsitzender der jüdischen Gemende Recklinghausen (links) uns Isaac Tourgmann, Kantor der jüdischen Gemeinde. Alle Namen der Spenderinnen und Spender sindin hebräischer und deutscher Sprache auf eine etwa 20 Meter langen Papierrollefestgehalten.

  • Eine 40 Meter lange neue Torarolle empfängt die Jüdische Gemeinde in Recklinghausen für ihre Synagoge.
  • Die Namen der mehr als 350 Spenderinnen und Spender aus Recklinghausen, aus der Region und aus dem Ausland sind auf einer Papierrolle auf Deutsch und Hebräisch verewigt.
  • Die Feier der Einweihung der Torarolle kann über einen Livestream am 12. September 2021 verfolgt werden.

In einer feierlichen Zeremonie wird am Sonntag, 12. September 2021, eine neue Torarolle in die Synagoge in Recklinghausen hereingetragen. Diese Torarolle wurde zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg eigens für die Jüdische Gemeinde in Recklinghausen niedergeschrieben.

„Es ist ein besonderes Gebot, das jedem Juden gegeben wurde, seine eigene Torarolle zu schreiben oder seinen eigenen Kräften entsprechend an einer Niederschrift teilzunehmen. Und wir haben, dieses Gebot erfüllend, zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine eigene Tora geschrieben“, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde im Kreis Recklinghausen, Mark Gutkin.

300.000 hebräische Buchstaben

Die Torarolle mit den fünf Büchern Moses wurde in Jerusalem von Hand auf Kalbsleder geschrieben. Sie ist knapp 40 Meter lang und enthält mehr als 300.000 hebräische Buchstaben.

„Eine Torarolle für den Gottesdienstgebrauch muss per Hand von einem speziell dafür ausgebildeten Schreiber geschrieben werden“, erklärt Gutkin. Das Schreiben der Torarolle dauere etwa ein Jahr und sei entsprechend teuer. Der Abschluss des Toraschreibens werde feierlich in einer Synagoge begangen. „Die letzten Buchstaben dürfen von ausgesuchten Anwesenden geschrieben werden“, so der Gemeinde-Vorsitzende.

Dank an 350 Spenderinnen und Spender

Etwa 35.000 Euro kostet die Torarolle. Das Geld haben etwa 350 Spenderinnen und Spender aus Recklinghausen und zum Teil aus dem Ausland mit kleinen und größeren Beträgen aufgebracht.

Als Dank für jede Geldgabe hat der Kantor der Gemeinde, Issac Tourgman, die Namen aller Spender in deutscher und hebräischer Schrift auf eine 20 Meter lange Papierrolle geschrieben. „Die Rolle befindet sich im Eingangsbereich der Synagoge an einem exponierten Platz“, sagt Tourgman.

Der Innenraum der Synagoge in Recklinghausen.

Aufbewahrung im Toraschrein

Die neue Torarolle ist die vierte im Besitz der Gemeinde. „Man kann nicht genug Torarollen haben“, sagt Gutkin und verweist auf die Bedeutung der heiligen Schriften: „Eine Torarolle darf nicht verunreinigt sein. Sie gilt uns als heilig.“

Beim Lesen der Tora-Abschnitte im Gottesdienst benutzt der Vorleser einen Torazeiger, um den heiligen Text nicht mit den Fingern zu berühren. Die Torarollen werden im Toraschrein, wie der heilige Schrank genannt wird, aufbewahrt und sind aufwändig geschmückt und geschätzt. Trägt man die Rollen für den Gottesdienst zum Lesepult, so soll man die Rolle nur an ihren Holzstäben anfassen, um das Pergament zu schonen.

Festtag im Livestream

Über den Festtag sagt Gutkin: „Ich bin mir sicher, dass unser feierliches Ereignis des Hereintragens und der Einweihung der neuen Torarolle nicht nur in die Geschichte unserer Gemeinde in goldener Schrift hineingeschrieben wird, sondern auch in die Geschichte unserer Stadt und des Kreises Recklinghausen.“

Aufgrund der geltenden Corona-Beschränkungen können an der Zeremonie nur 120 geladene Gäste teilnehmen. Um allen Interessierten eine virtuelle Teilnahme zu ermöglichen, wird ein Livestream eingerichtet. Er beginnt am 12. September um 10.45 Uhr und ist unter www.youtube.com/user/JKGKreisRe erreichbar.

Umzug durch die Innenstadt

Folgender Ablauf ist geplant: Um 10.30 Uhr treffen sich die Gäste der Zeremonie am Ort der ersten Synagoge in Recklinghausen an der Klosterstraße. Um 11 Uhr beginnt der Umzug, der über das Mahnmal der in der Pogromnacht zerstörten Synagoge zur heutigen Synagoge führt. Der Festakt im Festzelt vor der Synagoge beginnt um 11.30 Uhr. Gegen 12.30 Uhr wird die Torarolle in das Gebäude gebracht.

Die Torarolle:
Die heiligsten Schriften im Judentum sind die fünf Bücher Moses, die sogenannte Tora oder Thora. Wörtlich übersetzt heißt sie „Lehre“ oder „Gesetz“. An jedem Schabbat wird im Gottesdienst ein Wochenabschnitt vorgetragen. Alle Kapitel werden über ein Jahr verteilt gelesen. Für diese gottesdienstlichen Lesungen wird ausschließlich eine traditionelle Rolle verwendet, die von einem Toraschreiber, dem so genannten „Sofer“, von Hand in unpunktierter hebräischer Sprache auf gegerbte Tierhaut geschrieben wird. Die einzelnen Pergamentbögen werden zu einem langen Streifen vernäht, die auf zwei Holzstäbe gewickelt werden. Die Holzstäbe werden als „Bäume des Lebens“ bezeichnet. Die Torarollen werden im Toraschrein der Synagoge aufbewahrt. Um die Rollen zu schützen, werden sie in einem bestickten Stoffmantel verwahrt. Eine sogenannte silberne Hand dient als Lesehilfe, um die Handschrift nicht zu verunreinigen.

Neue Thorarolle wird am 12. September in die Synagoge eingebracht

Auf diesen Tag haben die Mitglieder der jüdischen Kultusgemeinde – nicht nur wegen der Corona-Pandemie – lange warten müssen: Am 12. September nehmen sie ihre neue Thorarolle in Empfang.

Quelle: Recklinghäuser Zeitung, Recklinghausen / /

Der Davidstern an der Synagoge in Recklinghausen. © SYSTEM

Dr. Mark Gutkin, Vorstandsvorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde, freut sich schon auf den 12. September, wenn die neue Thorarolle in die Synagoge am Polizeipräsidium eingebracht wird. „Diese Thora wurde zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg eigens für unsere Gemeinde geschrieben. Und ich bin mir sicher, dass dieses feierliche Ereignis des Hereintragens und der Einweihung einer neuen Thorarolle nicht nur in die Geschichte unserer Gemeinde in goldener Schrift hineingeschrieben wird, sondern auch in die Geschichte unserer Stadt und des Kreises Recklinghausen.“ Mehrmals hatte der Termin wegen der Corona-Pandemie verschoben werden müssen, nun ist es endlich so weit, genau zwischen den zwei wichtigsten jüdischen Feiertagen Rosch-ha-Schana und Jom Kippur.

Namen der Spender nehmen fast 20 Meter ein

Die Thorarolle wurde in Israel geschrieben, während die Gemeinde gleichzeitig eine eigene Rolle beschrieben hat. In dieser etwa 20 Meter langen Rolle sind die Namen derjenigen eingetragen, die eine Spende und somit einen Beitrag zur Niederschrift der Thora geleistet haben. „Es waren Privatleute – Bewohner der Stadt und des Kreises Recklinghausen, Personen aus anderen Regionen Deutschlands und aus dem Ausland – religiöse, staatliche und öffentliche Organisationen und Firmen in Privatbesitz, außerdem wurden Spenden bei wohltätigen Veranstaltungen gesammelt“, sagt Dr. Mark Gutkin voller Dankbarkeit. Schließlich gebe es ein „besonderes Gebot, das jedem Juden gegeben wurde: Seine eigene Thorarolle zu schreiben oder seinen eigenen Kräften entsprechend an einer Niederschrift teilzunehmen“, erklärt Gutkin. Und nicht ohne Stolz fügt er hinzu: „Wir haben dieses Gebot erfüllt.“

Zu seinem Bedauern kann die feierliche Zeremonie wegen der immer noch geltenden Einschränkungen nicht im ganz großen Rahmen stattfinden. Um allen Interessierten dennoch die Möglichkeit zu geben, dabei zu sein, organisiert die Gemeinde einen Internet-Livestream für den Festtag. Dieser startet am Sonntag, 12. September, um 10.45 Uhr.

Feierlicher Umzug erinnert an frühere Synagogen-Standorte

Geplant ist folgender Programmablauf: Um 10.30 Uhr treffen sich die Teilnehmer der Zeremonie am Parkplatz Ecke Klosterstraße/Herzogswall an der alten Feuerwache, dem Ort der ersten Synagoge in Recklinghausen. Um 11 Uhr beginnt dann der feierliche Umzug, der über das Mahnmal der in der Pogromnacht zerstörten Synagoge führt, zur heutigen Synagoge, Am Polizeipräsidium 3. Der Festakt im Festzelt vor der Synagoge soll gegen 11.30 Uhr beginnen, gegen 12.30 Uhr wird die Thorarolle dann in das Gebäude eingebracht. Im Anschluss findet draußen ein Empfang statt.