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Rabbiner-Impulse

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Uns fehlt der Dialog

Die erste Begegnung mit dem neuen More Derech (מורה דרך) unserer Gemeinde, Rabbiner Michael Kogan, begann auf unerwartete Weise. Statt sich zunächst klassisch vorzustellen, sagte er einen Satz, der sofort den Ton des gesamten Treffens bestimmte: „Uns fehlt der Dialog.“

Anschließend erläuterte er, was er damit meinte. Das Leben selbst, so Rabbiner Kogan, sei Dialog. Und Dialog bedeute Begegnung und Austausch. Das jüdische Volk sei nicht einfach „auserwählt“ worden, sondern aus der Kommunikation zwischen Mensch und G’’tt hervorgegangen – aus dem ständigen Gespräch, aus Fragen und Antworten, aus Zweifeln und der Suche nach Sinn. Gerade deshalb habe der Austausch im jüdischen Leben seit jeher eine zentrale Rolle gespielt. Nicht ohne Grund beruhe die gesamte Tradition unseres Volkes auf Dialogen – zwischen Menschen, zwischen Generationen, zwischen Lehrenden und Lernenden sowie zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer.

Diese Gedanken prägten von Beginn an die besondere Atmosphäre des Treffens. Schnell wurde deutlich, dass wir es mit einem Menschen zu tun haben, dem nicht Monologe und fertige Antworten wichtig sind, sondern das lebendige Gespräch und das gemeinsame Nachdenken. Rabbiner Kogan betonte, dass er nicht nur selbst sprechen, sondern vor allem auch uns zuhören möchte. Unsere Fragen seien ihm besonders wichtig. Deshalb lud er uns ein, darüber nachzudenken, was uns wirklich bewegt, welche Themen uns beschäftigen und welche Fragen einer gemeinsamen Auseinandersetzung bedürfen.

Da wir an ein solches Format noch nicht gewöhnt sind, schlug unser Rabbiner zu Beginn selbst einige Themen vor, die Grundlage künftiger Begegnungen werden könnten: Glaube und Atheismus, Religion und Wissenschaft sowie Moral und Ethik.

Jedes dieser Themen klang nicht wie eine abstrakte Theorie, sondern wie eine Einladung zu einem ernsthaften und offenen Gespräch. Unser erstes Zusammentreffen entwickelte sich so lebendig und tiefgründig, dass aus einem einfachen Kennenlernen nach und nach ein echter Gedankenaustausch wurde. Vielleicht war gerade dies die wichtigste Erkenntnis des Abends: Vieles wird künftig auch von uns selbst abhängen – von unseren Interessen, unserer Bereitschaft mitzudenken und uns aktiv am Gespräch zu beteiligen.

Deshalb wurden wir zum Abschluss eingeladen, Fragen für das nächste Treffen vorzubereiten. Und genau darin lag wohl auch das prägendste Gefühl nach dieser ersten Begegnung: die Vorfreude auf weitere Treffen, spannende

Gespräche, neue Themen und Denkanstöße – und auf jene echte Form des Austauschs, nach der sich heute viele von uns sehnen.

Wir haben verstanden, dass uns nicht einfach Vorträge erwarten, sondern ein wirklicher Dialog – lebendig, intellektuell anregend und zugleich zutiefst menschlich.

Und vielleicht ist genau das etwas, das uns schon lange gefehlt hat.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde, Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Habt keine Angst, Fragen zu stellen

Am 31. Mai fand in unserer Gemeinde das erste Gesprächstreffen von Kindern mit Rabbiner Michael Kogan statt. Schon in den ersten Minuten wurde klar: Dies würde kein gewöhnlicher Vortrag werden, bei dem ein Erwachsener spricht und die Kinder nur zuhören. Der Rabbiner bot den Jugendlichen ein anderes Format an – ein lebendiges Gespräch, das auf Fragen und Antworten basierte.

„Ihr wählt das Thema“, sagte Rabbi Michael Kogan zu den Kindern. In diesen Worten liegt ein sehr wichtiger pädagogischer und spiritueller Ansatz. Denn um Kindern die Geschichte, Kultur und Traditionen des jüdischen Volkes zu vermitteln, reicht es nicht aus, ihnen einfach nur von der Vergangenheit zu erzählen. Man muss vor allem ihr Interesse wecken, hören, was sie bewegt und welche Fragen sie heute, in ihrem Alltag, beschäftigen. Die jüdische Tradition hat der Frage schon immer eine enorme Bedeutung beigemessen. Nicht ohne Grund ist es an Pessach das Kind, das die berühmte Frage stellt: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?“ Und mit dieser Frage beginnt die Erzählung vom Auszug aus Ägypten – eine der zentralen Geschichten des jüdischen Gedächtnisses.

Für Jüdinnen und Juden bedeutet die Weitergabe von Geschichte und Tradition an ihre Kinder nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern auch das Schenken von Zugehörigkeit, Würde und innerem Halt. Solange Kinder wissen, woher sie kommen, und die Sprache, Bräuche, Feiertage sowie das Schicksal ihrer Vorfahren feierlich bewahren, bleibt der lebendige Faden der jüdischen Erinnerung gewebt, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.

In der Tora heißt es: „Und du sollst es deinem Sohn erzählen …“ – die Weitergabe der Tradition von Generation zu Generation ist also eines der wichtigsten Gebote des jüdischen Lebens. Damit ein Kind diese Geschichte aber wirklich verinnerlicht, muss es spüren, dass seine eigene Frage von Bedeutung ist. Dass man mit ihm nicht einfach von oben herab spricht, sondern einen echten Dialog führt. Genau dieses Format schlug der Rabbiner vor: den Kindern keine Themen aufzuzwingen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst zu wählen, was sie interessiert.

Die erste anregende Frage stellte der Rabbiner den Kindern dann aber doch selbst. Er bat sie zu überlegen: Wie erklärt man einem Außenstehenden, der mit der jüdischen Religion nicht vertraut ist, was eine Synagoge ist? Diese auf den ersten Blick einfache Frage belebte das Treffen sofort. Sie weckte nicht nur den Ehrgeiz, die richtige Antwort zu finden, sondern beflügelte auch die

Fantasie und den Wunsch, mit eigenen Worten in ein lebendiges Gespräch einzusteigen. Die Kinder diskutierten, grübelten, staunten und lachten – und genau daraus entstand eine echte Begegnung. Neue Fragen tauchten ganz spontan im Laufe des Gesprächs auf. Die Jugendlichen interessierten sich für vieles: „Warum gilt die Klagemauer nicht als Teil des Tempels? Warum haben die Juden geweint, als sie zu ihr kamen? Ist eine Synagoge ein Tempel oder nicht? Wer war der erste Jude? Was passiert nach dem Tod?“

Und das waren erst die ersten Fragen von vielen, die sich im Laufe des Gesprächs nach und nach ergaben.

„Bei uns gibt es keine Tabuthemen. Habt keine Angst, Fragen zu stellen“, ermutigte sie Rabbi Kogan. Am Ende der ersten Stunde vereinbarten sie, das Gespräch fortzusetzen, und legten das Thema für das nächste Treffen fest.

Diese erste Begegnung war ein wichtiger Anfang. Sie hat gezeigt, dass ein Gespräch zwischen einem Rabbiner und Kindern nicht nur lehrreich, sondern auch sehr persönlich, offen und bereichernd sein kann. Denn genau mit einer Frage beginnt der Weg zum Wissen. Und wenn ein Kind keine Angst hat zu fragen, wenn es spürt, dass es gehört und respektiert wird, hört die Tradition auf, etwas Fernes zu sein, und wird zu einem vertrauten Teil seines Lebens. Solche Treffen helfen den Kindern nicht nur, die Geschichte ihres Volkes kennenzulernen, sondern auch ihre Verbindung zu ihr zu spüren – eine Verbindung zu Familie, Gemeinde, Glauben, Erinnerung und Zukunft.

Und vielleicht entsteht genau in diesen Kinderfragen – die manchmal unerwartet, naiv, tiefgründig und sehr ehrlich sind – heute das Wichtigste: der lebendige Faden der jüdischen Tradition, der Generationen verbindet und unserem Volk hilft, seine Identität zu bewahren.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde, Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen