„Neubau der israelischen Schule“ 1907–1908: Projekt einer – mit einer Mikwe ausgestatteten – öffentlichen Schule der Synagogengemeinde Recklinghausen,
gelegen Am Steintor 5 (ehemals am Steintor 13)
Quelle: Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.
Recklinghausen 21. Februar 1907
[Linke Spalte:]
Baugesuch der Synagogengemein-
de Recklinghausen zwecks
Erbauung einer einklassigen
Schule
Eing[ang] 6. III. 07
VIa 5967
6 Anlagen
Vermerk
Der Lageplan ist zur Vervoll-
ständigung zurückgegeben
worden
7.3.07 Trippels
Nach 10 Tagen W[iedervorlage]
bei Vorlage des Lageplans
An die Bau Polizei Verwaltung
Hier
Der Lageplan wurde
heute eingereicht.
[Rechte Spalte:]
Die Synagogengemeinde
beabsichtigt auf ihrem Grundstück
Flur 18 Parzelle 5373/1278+ 5100/1277 am Wes-
terholterweg gelegen, einen
Schulbau nach beiliegenden Zeich-
nungen, stat[istischen] Berechnungen und
Erläuterungsbericht zu Errichten
und bittet um geneigte bau-
polizeiliche Genehmigung hierzu.
Bemerke noch, daß die Pläne pp.
seitens der Königlichen Regierung
bereits genehmigt sind.
Um schleunige Erledigung
des Antrags bittend, zeichne
Hochachtend
A[braham] Stern
Hintergrund: Wachsende Ansprüche, welche die Stadt Recklinghausen und die Jüdische Gemeinde an den Betrieb einer öffentlichen jüdischen Bildungseinrichtung stellten, führten ab Frühjahr 1907 zum zügigen Neubau eines von der Jüdischen Schulsozietät getragenen Zweckgebäudes für Schule und Unterricht bei der Synagogengemeinde Recklinghausen. Bereits mit Beginn des Schuljahres 1908 war das Gebäude, das aus einem Klassenzimmer (40 m2 für ca. 50 Schülerinnen und Schüler), einer Lehrerwohnung, einem Konferenzsaal und einer Mikwe im Keller bestand, betriebsfertig. Der erste Lehrer und Kantor, der dort wohnte, war Simon Tannenbaum (1866–1924).
Mikwe (Plural: Mikwa‘oth) bedeutet ursprünglich: (Wasser-) Ansammlung, dann im historischen Sinne ein „Judenbad“, d.h. ein künstlich angelegtes Wasserbecken für das traditionelle Tauch- oder Ritualbad, das biblischen Vorschriften gemäß zur kultischen Erlangung von Reinheit dient. Insbesondere Frauen suchen die Mikwe, und zwar einige Tage nach der Geburt eines Kindes, nach ihrer Menstruation und vor der Hochzeit auf.
In älterer Zeit standen sie häufig, aber nicht zwingend in baulichem Zusammenhang mit der Synagoge. Das dafür zu verwendende Frischwasser muss „natürlich“ sein, d.h. unmittelbar, d.h. ohne vorhergehendes (Hoch-) Pumpen durch Rohre und Leitungen oder Abschöpfen mittels eines Gefäßes, aus einem quellenden Fluss oder aus in Gruben oder sonstigen Bodenvertiefungen gesammeltem Grund- oder Regenwasser bestehen. Auch die bauliche Struktur folgt bestimmten Regeln: Das für das komplette Eintauchen eines Menschen (Tevilah) erforderliche Volumen musste traditionell mindestens drei Kubikellen (althergebrachtes Körpermaß für einen Erwachsenen) erreichen und aus etwa 800 Litern Fassungsvermögen bestehen, damit man sich mit entkleidetem Körper vollständig in ein solches Bassin hineinbegeben kann.
Die für das Recklinghäuser Schulgebäude vorgesehene Mikwe wird weder im Bauantrag noch in den darauffolgenden Schriftsätzen und Korrespondenzen explizit erwähnt bzw. beschrieben. Als spezieller Teil der Inneneinrichtung im Kellergeschoss taucht sie erst in den technischen Anlagen der Bauakte auf, d.h. als eine – eher unauffällige – Eintragung in die „Entwässerungszeichnung“ (farbige Ausführung auf Pergaminpapier, Maßstab 1 : 100): und zwar im Zusammenhang mit der Entwässerung des Schulgebäudes und seinem Anschluss an die städtische Kanalisation. Bau und Inbetriebnahme einer solchen „Entwässerungsanlage“ wurden dabei als gesonderter verwaltungsrechtlicher Vorgang geführt, der einer separaten baupolizeilichen Aufsicht und Genehmigung bedurfte.
Erkennbar wird aus der Akte, dass das Wasser für die Recklinghäuser (Keller-) Mikwe in einer Zisterne, d.h. in einem geschlossenen unterirdischen Sammelbehälter für Regenwasser, verfügbar gehalten werden sollte. Gleich daneben befanden sich zum einen ein Bade- und Umkleidezimmer, in welchem die vor Nutzung der Mikwe vorgeschriebene Ganzkörperwaschung stattzufinden hatte, zum anderen die über Trittstufen erreichbare kleine, vertiefende Ausschachtung für die Mikwe selbst, die damit auch den am tiefsten gelegenen Gebäudeteil darstellt.
Das durch rituellen Gebrauch verunreinigte Mikwe-Wasser sollte hingegen, zusammen mit weiterem Abwasser aus dem Erdgeschoss (u.a. von den Toiletten und
einem Waschbecken eines Vorraums zum Klassenzimmer) in die – unter dem Gebäudefundament verlaufende – Abwasser-Grundleitung in Richtung Hauptkanal fließen.
Die „Entwässerungszeichnung“ vermerkt, dass der „Anschluss“ des Gebäudes an die bestehende städtische Kanalisation zwischen dem 27. April und dem 2. Mai 1908 erfolgte. Das bedeutet, dass kurz nach Beginn des Schuljahres 1908, der auf Donnerstag, den 23. April fiel, der Unterrichtsbetrieb regulär beginnen konnte und auch die Mikwe der Synagogengemeinde zur Verfügung stand. Die Infrastruktur der aufblühenden Jüdischen Gemeinde in Recklinghausen hatte sich vier Jahre nach feierlicher Eröffnung und Weihe der Synagoge an der Limperstraße in erheblicher Weise vervollständigt.
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