2026

Lebendige Tradition und starke Impulse: Sylvia Löhrmann zu Gast in Recklinghausen

Es war ein Besuch, der weit über das Protokollarische hinausging: Am Donnerstag, den 22. Januar 2026, empfing die Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen hohen Besuch aus der Landeshauptstadt. Auf Einladung des Vorsitzenden Dr. Mark Gutkin war Sylvia Löhrmann, die Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus sowie für jüdisches Leben und Erinnerungskultur, in die Gemeinde gekommen.

Im Zentrum des Austauschs stand das pulsierende Gemeindeleben. Bei einem Rundgang durch die Synagoge informierte sich die ehemalige Schulministerin eingehend über die vielfältigen Strukturen vor Ort. Besonders beeindruckt zeigte sich Löhrmann von der tiefen Vernetzung der Gemeinde: Ob in Kooperation mit der Stadtverwaltung Recklinghausen oder im Zusammenspiel mit zivilgesellschaftlichen Partnern – die Gemeinde versteht sich als aktiver Mitgestalter des städtischen Lebens. Ein besonderes Highlight stellt dabei das jährliche Kulturprogramm dar, dessen Konzerte weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus Anklang finden.

„Ich freue mich sehr über diese vitale Jüdische Kultusgemeinde, die jüdisches Leben in der Stadt durch ihr Engagement so deutlich sichtbar macht“, betonte Sylvia Löhrmann während ihres Besuchs.

Doch neben der kulturellen Vielfalt blieb auch Raum für das stille Gedenken. Dr. Mark Gutkin sprach eine herzliche Einladung für den 1. November 2026 aus. Seit Jahren pflegt die Gemeinde an diesem ersten Novembersonntag eine wichtige Tradition: Auf dem Friedhof am Nordcharweg wird der Gemeindemitglieder gedacht, die einst nach Riga verschleppt wurden – ein unverzichtbarer Pfeiler der regionalen Erinnerungskultur.

Der Besuch unterstrich einmal mehr das enge Band zwischen der Gemeinde und der Stadtgesellschaft. Dr. Mark Gutkin könne sich der vollen Unterstützung der Stadtverwaltung sicher sein, um das erfolgreiche Konzept der Sichtbarkeit und Integration auch in Zukunft gemeinsam weiterzuentwickeln.

 

J.E.W. – Redaktion, Foto: Pressestelle Stadt Recklinghausen

Kopfsteinpflaster unter den Füßen

„Um sieben Uhr mussten wir auf die Straße hinaus. Dann standen wir bis 16 Uhr auf dem Bürgersteig, bis man uns abholte. Die Menschen auf der Straße reagierten nicht – nicht einmal die Nachbarn.“

Diese Worte eines Holocaust-Überlebenden sind an der Bushaltestelle Hohenzollernstraße zu lesen. Am 29. September 2025 verwandelte sich eine gewöhnliche Haltestelle in eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Recklinghausen. Am 24. Januar 1942 wurden 105 jüdische Einwohner der Stadt – darunter zehn Kinder – aus fünf sogenannten „Ghettohäusern“ zusammengetrieben und gewaltsam in das Ghetto Riga deportiert.

Vierundachtzig Jahre später, am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, versammelten sich hier rund 250 Menschen, um am „Koffermarsch“ teilzunehmen – einem stillen Gedenken an die Jüdinnen und Juden, die während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslager verschleppt wurden.

Zum vierten Mal fand dieser Marsch in Recklinghausen statt. Unser Weg führte uns in Richtung Synagoge durch die alten Straßen unserer Stadt. Vorbei an Häusern, von denen viele schon 1942 standen. Manchmal gingen wir über altes Kopfsteinpflaster – Steine, die als stumme Zeugen jener Tragödie geblieben sind.

Neben uns auf dem Bürgersteig bewegten sich Passanten, die uns nachblickten. Nicht jeder Blick war von Verständnis oder Mitgefühl geprägt. Anders als im vergangenen Jahr führte der Weg diesmal nicht durch das Stadtzentrum. Man hatte uns erklärt, diese Route sei sicherer. Für die Polizei war es so einfacher, einen verlässlichen Schutz zu gewährleisten. Leider ist das Teil unserer Realität.

In einem Beitrag an diesem Tag schrieb Friedrich Merz: „Unsere historische Verantwortung ist unveränderlich. Antisemitismus hat in Deutschland keinen Platz.“

An der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule fand ein Gedenktag statt, bei dem Schülerinnen und Schüler ihr Projekt vorstellten: „Nie wieder ist jetzt – Verantwortung in unserer Zeit: Erinnern an den Holocaust als Verpflichtung für dich, für mich, für alle.“

Wie der Bürgermeister von Recklinghausen, Axel Tschersich, über den Marsch sagte: „Es ist ein leises, aber sehr eindringliches Zeichen der Erinnerung.“

Seit dem barbarischen Terrorangriff der Hamas auf Israel ist weltweit – auch in Deutschland – ein deutlicher Anstieg antisemitischer Übergriffe zu verzeichnen. Es ist schwer zu begreifen, dass mehr als acht Jahrzehnte nach dem Ende des Holocaust das jüdische Volk erneut Ziel solcher Anfeindungen wird. Erinnern allein genügt nicht. Erinnerung

muss zum Handeln führen. In Schulen und Bildungseinrichtungen darf nicht nur eine Chronologie der Ereignisse vermittelt werden; es gilt, die Wurzeln des Antisemitismus zu analysieren, seine Mechanismen und seine Propaganda offenzulegen. Die Geschichte des Holocaust muss mit heutigen Erscheinungsformen des Judenhasses in Verbindung gebracht werden – indem aufgezeigt wird, wie alte Stereotype und Mythen in neuen Gewändern wiederkehren.

Letztlich geht es darum, gemeinsam eine demokratische Gesellschaft aufzubauen, zu schützen und zu stärken – eine Gesellschaft frei von Hass und Vorurteilen. Nur so können wir verhindern, dass wir erneut über dasselbe alte Kopfsteinpflaster gehen – mit dem Blick auf morgen und mit der Erinnerung an die dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit.

 

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Premiere des Emanuel-Schaffer-Pokals 2026: ein Recklinghäuser Jugend-Fußballturnier für Respekt, Toleranz und Völkerverständigung

Zu Ehren des ehemaligen israelischen Nationaltrainers Emanuel Schaffer, der am 11.02.1923 geboren wurde, wurde ein Turnier ins Leben gerufen, das bei seiner Premiere am Geburtstag des Namensgebers, 11.02.2026, Recklinghäuser Schulen und jüdische Gemeinden zusammenführte.

Als Prof. Dr. Mosche Schaffer gemeinsam mit Bürgermeister Axel Tschersich den Sieger-Pokal, die Sieger-Trikots und die goldenen Medaillen überreichte, war es mehr als eine Siegerehrung. Es war ein Moment der Erinnerung – und auch der Verantwortung. Der Name seines Vaters auf dem Pokal steht für ein Leben zwischen Verfolgung, Neuanfang und Versöhnung. Das erste „Emanuel-Schaffer-Fußballturnier“ in der Sporthalle Nord verband genau das: Geschichte, Haltung und Jugendfußball.

Aber blicken wir zunächst auf das Leben des Namensgebers zurück, das Prof. Dr. Lorenz Peiffer gemeinsam mit Prof. Dr. Mosche Zimmermann in der 2021 erschienen Biographie „Emanuel Schaffer. Zwischen Fußball und Geschichtspolitik – eine jüdische Trainerkarriere“ aufgearbeitet hat. Prof. Peiffer referierte aus dem Leben Emmanuel Schaffers am Vorabend des Turniers in der VHS Recklinghausen und wurde dabei von Prof. Moshe Schaffer unterstützt, der, extra für den Vortrag und das Turnier aus Israel angereist, ganz lebendig und anekdotenhaft über seinen Vater zu berichten wusste.

Mosche Schaffers Vater Emanuel wird am 11. Februar 1923 geboren. Von 1928 bis 1933 lebt er mit seiner Familie in Recklinghausen. Hier besucht er die jüdische Schule, hier entdeckt er seine Leidenschaft für den Fußball. Es sind prägende Jahre. Dann übernehmen die Nationalsozialisten die Macht.

Enge Freundschaft mit Hennes Weisweiler

1933 flieht die Familie nach Drohobytsch in Ostpolen. Schaffer macht dort Abitur. Mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 beginnt für seine Familie das Grauen. Seine Eltern und drei Geschwister werden am 12. Oktober 1941 bei einer Massenerschießung ermordet. Schaffer selbst kann mit anderen Jugendlichen in den Osten fliehen. Er überlebt den Krieg in einem sowjetischen Arbeitslager in Alma-Ata. 1945 kehrt Schaffer zunächst nach Polen zurück, 1950 wandert er nach Israel aus. Fußball bleibt sein Lebensinhalt. Als Trainer kehrt er später in das „Land der

Täter“ zurück, absolviert an der Sporthochschule Köln sein Diplom. Dort begegnet er Hennes Weisweiler – aus der Bekanntschaft wird eine enge Freundschaft.

1970 als Trainer mit Israel bei der WM dabei

Zwischen 1968 und 1971 sowie von 1978 bis 1980 trainiert Schaffer die israelische Nationalmannschaft. 1970 führt er das Team zur WM nach Mexiko – bis heute Israels einzige WM-Teilnahme. Zwar scheidet die Mannschaft in der Vorrunde aus, doch zwei Unentschieden gegen Schweden und Italien sorgen international für Respekt. „Wir haben nicht für Geld, sondern für unser Land gespielt“, sagt Schaffer später. In Israel werden die Spieler wie Helden empfangen.

Noch nachhaltiger wirkt jedoch seine Rolle als Brückenbauer. Das Freundschaftsspiel zwischen Israel und Borussia Mönchengladbach im Februar 1970 in Tel Aviv wird zum Meilenstein der deutsch-israelischen Beziehungen. Die enge Verbindung zwischen Weisweiler und Schaffer macht das Spiel möglich. Statt Ablehnung erleben die Deutschen Begeisterung. Fußball überwindet, was Politik allein kaum schafft. Schaffers Geschichte steht exemplarisch für Versöhnung. Im Haus der Geschichte in Bonn wird seiner Fußball-Diplomatie jüngst eine eigene Vitrine gewidmet – ein Zeichen, dass sein Wirken über den Sport hinaus Bedeutung hat.

In Recklinghausen knüpfte der „Emanuel-Schaffer-Pokal“ an diese Biografie an. Das Einladungsturnier brachte Schulen und jüdische Gemeinden zusammen: die Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, die Jüdische Gemeinde Groß-Dortmund, die Otto-Burrmeister-Realschule, die Wolfgang-Borchert-Gesamtschule, das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium und das Gymnasium Petrinum.

Neben dem sportlichen Wettbewerb präsentierten die Teams Projekte aus ihrer Jugendarbeit. Stellwände in der Halle informierten über Engagement für Toleranz, interreligiösen Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Turnier versteht sich ausdrücklich als Plattform der Begegnung.

Organisiert wurde die Premiere von Jens Hellwig (Freiherr-vom-Stein-Gymnasium) und Michael Rembiak (Petrinum) in Zusammenarbeit mit der Stadt Recklinghausen. Die jüdische Gemeinde übernimmt die Namenspatenschaft und stiftet den Pokal, die Sparkasse Vest unterstützt die Auszeichnungen.

Sportlich fair und hochklassig

Sportlich liefert die Premiere ebenfalls einige Höhepunkt und gleichzeitig verlief das gesamte Turnier mit nur einer Zeitstrafe, die ausgesprochen werden musste, außerordentlich fair. Dazu trug auch die souveräne Spielleitung der Schiedsrichter bei: Drei als DFB-

Juniorschiedsrichter ausgebildete Schüler der Otto-Burrmeister-Realschule und des Gymnasium Petrinum bewiesen ihr Können und hatten jederzeit alles im Griff. Dabei hatten auch sie sichtlich Freude an den spielerisch hochklassigen Partien, die hervorragende Unterhaltung boten und extrem spannend verliefen, spätestens als es nach der Gruppenphase in die Playoffs ging. Dort setzte sich im 7m-Schießen um Platz 3 knapp das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium gegen die Jüdische Kultusgemeinde Groß-Dortmund durch. Die Ehrung der Drittplatzierten übernahmen Dr. Michael Schulte, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Vest, Zwi Rappoport, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen Lippe und Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen. Gerade die viertplatzierten Gäste aus Dortmund hatten mit technisch schönem Fußball im Stil des FC Barcelona die Herzen der Zuschauenden gewonnen, verpassten aber gegen die effizient konternde Mannschaft der Otto-Burmeister-Realschule den Finaleinzug.

Im Finale neutralisierten sich die Mannschaften des Gymnasium Petrinum und der Otto-Burmeister-Realschule über die gesamte reguläre Spielzeit, die mit 0:0 endete. Danach ging es in die Verlängerungen, welche die Otto-Burrmeister-Realschule mit 1:0 nach Sudden Death für sich entscheiden konnte. Die Ehrung der zweitplatzierten Petriner übernahmen Prof. Dr. Lorenz Peiffer und Dr. Sebastian Sanders, Schuldezernent der Stadt Recklinghausen, bevor Moshe Schaffer und Bürgermeister Axel Tschersich sichtlich bewegt die Premierensieger der Otto-Burmeister Realschule auszeichneten.

Ein einziges Tor machte am Ende den Unterschied – und doch ging es an diesem Tag um mehr als das Ergebnis.

 

Jochen Börger, Recklinghäuser Zeitung vom 14.02.2026, ergänzt von: Michael RembiakOStD Schulleiter Gymnasium Petrinum Foto: Jochen Börger sowie auch  Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen