Premiere des Emanuel-Schaffer-Pokals 2026: ein Recklinghäuser Jugend-Fußballturnier für Respekt, Toleranz und Völkerverständigung
Zu Ehren des ehemaligen israelischen Nationaltrainers Emanuel Schaffer, der am 11.02.1923 geboren wurde, wurde ein Turnier ins Leben gerufen, das bei seiner Premiere am Geburtstag des Namensgebers, 11.02.2026, Recklinghäuser Schulen und jüdische Gemeinden zusammenführte.
Als Prof. Dr. Mosche Schaffer gemeinsam mit Bürgermeister Axel Tschersich den Sieger-Pokal, die Sieger-Trikots und die goldenen Medaillen überreichte, war es mehr als eine Siegerehrung. Es war ein Moment der Erinnerung – und auch der Verantwortung. Der Name seines Vaters auf dem Pokal steht für ein Leben zwischen Verfolgung, Neuanfang und Versöhnung. Das erste „Emanuel-Schaffer-Fußballturnier“ in der Sporthalle Nord verband genau das: Geschichte, Haltung und Jugendfußball.
Aber blicken wir zunächst auf das Leben des Namensgebers zurück, das Prof. Dr. Lorenz Peiffer gemeinsam mit Prof. Dr. Mosche Zimmermann in der 2021 erschienen Biographie „Emanuel Schaffer. Zwischen Fußball und Geschichtspolitik – eine jüdische Trainerkarriere“ aufgearbeitet hat. Prof. Peiffer referierte aus dem Leben Emmanuel Schaffers am Vorabend des Turniers in der VHS Recklinghausen und wurde dabei von Prof. Moshe Schaffer unterstützt, der, extra für den Vortrag und das Turnier aus Israel angereist, ganz lebendig und anekdotenhaft über seinen Vater zu berichten wusste.
Mosche Schaffers Vater Emanuel wird am 11. Februar 1923 geboren. Von 1928 bis 1933 lebt er mit seiner Familie in Recklinghausen. Hier besucht er die jüdische Schule, hier entdeckt er seine Leidenschaft für den Fußball. Es sind prägende Jahre. Dann übernehmen die Nationalsozialisten die Macht.
Enge Freundschaft mit Hennes Weisweiler
1933 flieht die Familie nach Drohobytsch in Ostpolen. Schaffer macht dort Abitur. Mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 beginnt für seine Familie das Grauen. Seine Eltern und drei Geschwister werden am 12. Oktober 1941 bei einer Massenerschießung ermordet. Schaffer selbst kann mit anderen Jugendlichen in den Osten fliehen. Er überlebt den Krieg in einem sowjetischen Arbeitslager in Alma-Ata. 1945 kehrt Schaffer zunächst nach Polen zurück, 1950 wandert er nach Israel aus. Fußball bleibt sein Lebensinhalt. Als Trainer kehrt er später in das „Land der
Täter“ zurück, absolviert an der Sporthochschule Köln sein Diplom. Dort begegnet er Hennes Weisweiler – aus der Bekanntschaft wird eine enge Freundschaft.
1970 als Trainer mit Israel bei der WM dabei
Zwischen 1968 und 1971 sowie von 1978 bis 1980 trainiert Schaffer die israelische Nationalmannschaft. 1970 führt er das Team zur WM nach Mexiko – bis heute Israels einzige WM-Teilnahme. Zwar scheidet die Mannschaft in der Vorrunde aus, doch zwei Unentschieden gegen Schweden und Italien sorgen international für Respekt. „Wir haben nicht für Geld, sondern für unser Land gespielt“, sagt Schaffer später. In Israel werden die Spieler wie Helden empfangen.
Noch nachhaltiger wirkt jedoch seine Rolle als Brückenbauer. Das Freundschaftsspiel zwischen Israel und Borussia Mönchengladbach im Februar 1970 in Tel Aviv wird zum Meilenstein der deutsch-israelischen Beziehungen. Die enge Verbindung zwischen Weisweiler und Schaffer macht das Spiel möglich. Statt Ablehnung erleben die Deutschen Begeisterung. Fußball überwindet, was Politik allein kaum schafft. Schaffers Geschichte steht exemplarisch für Versöhnung. Im Haus der Geschichte in Bonn wird seiner Fußball-Diplomatie jüngst eine eigene Vitrine gewidmet – ein Zeichen, dass sein Wirken über den Sport hinaus Bedeutung hat.
In Recklinghausen knüpfte der „Emanuel-Schaffer-Pokal“ an diese Biografie an. Das Einladungsturnier brachte Schulen und jüdische Gemeinden zusammen: die Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, die Jüdische Gemeinde Groß-Dortmund, die Otto-Burrmeister-Realschule, die Wolfgang-Borchert-Gesamtschule, das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium und das Gymnasium Petrinum.
Neben dem sportlichen Wettbewerb präsentierten die Teams Projekte aus ihrer Jugendarbeit. Stellwände in der Halle informierten über Engagement für Toleranz, interreligiösen Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Turnier versteht sich ausdrücklich als Plattform der Begegnung.
Organisiert wurde die Premiere von Jens Hellwig (Freiherr-vom-Stein-Gymnasium) und Michael Rembiak (Petrinum) in Zusammenarbeit mit der Stadt Recklinghausen. Die jüdische Gemeinde übernimmt die Namenspatenschaft und stiftet den Pokal, die Sparkasse Vest unterstützt die Auszeichnungen.
Sportlich fair und hochklassig
Sportlich liefert die Premiere ebenfalls einige Höhepunkt und gleichzeitig verlief das gesamte Turnier mit nur einer Zeitstrafe, die ausgesprochen werden musste, außerordentlich fair. Dazu trug auch die souveräne Spielleitung der Schiedsrichter bei: Drei als DFB-
Juniorschiedsrichter ausgebildete Schüler der Otto-Burrmeister-Realschule und des Gymnasium Petrinum bewiesen ihr Können und hatten jederzeit alles im Griff. Dabei hatten auch sie sichtlich Freude an den spielerisch hochklassigen Partien, die hervorragende Unterhaltung boten und extrem spannend verliefen, spätestens als es nach der Gruppenphase in die Playoffs ging. Dort setzte sich im 7m-Schießen um Platz 3 knapp das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium gegen die Jüdische Kultusgemeinde Groß-Dortmund durch. Die Ehrung der Drittplatzierten übernahmen Dr. Michael Schulte, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Vest, Zwi Rappoport, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen Lippe und Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen. Gerade die viertplatzierten Gäste aus Dortmund hatten mit technisch schönem Fußball im Stil des FC Barcelona die Herzen der Zuschauenden gewonnen, verpassten aber gegen die effizient konternde Mannschaft der Otto-Burmeister-Realschule den Finaleinzug.
Im Finale neutralisierten sich die Mannschaften des Gymnasium Petrinum und der Otto-Burmeister-Realschule über die gesamte reguläre Spielzeit, die mit 0:0 endete. Danach ging es in die Verlängerungen, welche die Otto-Burrmeister-Realschule mit 1:0 nach Sudden Death für sich entscheiden konnte. Die Ehrung der zweitplatzierten Petriner übernahmen Prof. Dr. Lorenz Peiffer und Dr. Sebastian Sanders, Schuldezernent der Stadt Recklinghausen, bevor Moshe Schaffer und Bürgermeister Axel Tschersich sichtlich bewegt die Premierensieger der Otto-Burmeister Realschule auszeichneten.
Ein einziges Tor machte am Ende den Unterschied – und doch ging es an diesem Tag um mehr als das Ergebnis.
Jochen Börger, Recklinghäuser Zeitung vom 14.02.2026, ergänzt von: Michael Rembiak, OStD Schulleiter Gymnasium Petrinum Foto: Jochen Börger sowie auch Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen