2025

Recklinghausen gedachte des Gemeindegründers Rolf Abrahamsohn an dessen 100. Geburtstag

Gemeindechef Dr. Mark Gutkin erinnerte an Rolf Abrahamsohn, den Gründer der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, Mark Gutkin, zu Beginn der Gedenkfeier zum 100. Geburtstag von Rolf Abrahamsohn seine Rede immer wieder unterbrach, um den 2021 verstorbenen Vorsitzenden der Gemeinde selbst zu Wort kommen zu lassen. So zeigte ein Video Abrahamsohn, wie er auf dem jüdischen Friedhof Recklinghausen von dem sprach, was er selbst sein Schicksal nannte.

Abrahamsohn berichtete darin, wie er mit anderen Juden aus dem Kreis Recklinghausen in ein Ghetto im lettischen Riga deportiert wurde, wie die Nazis seine Mutter erschossen und wie er von Freunden davon abgehalten werden konnte, mit ihr in den Tod zu gehen, weil sein Vater und sein Bruder ihn brauchen würden. Doch die waren, was Abrahamsohn nicht wusste, zu diesem Zeitpunkt bereits in Auschwitz ermordet worden.
Durch sieben Konzentrations- und Arbeitslager zwangen ihn die Deutschen, bis Abrahamsohn am 8. Mai 1945 in Theresienstadt halb verhungert von der Roten Armee befreit wurde. Er kehrte nach Recklinghausen zurück und baute in der Nähe, in seiner Geburtsstadt Marl, das Geschäft seines Vaters wieder auf.

Abrahamsohn überlebte sieben Konzentrations- und Arbeitslager

»Ich wollte nicht mehr in Deutschland leben, aber die Briten ließen mich nicht nach Palästina, und in die USA konnte ich auch nicht einreisen«, erzählt er in dem Video. In der noch jungen Bundesrepublik erlebte Abrahamsohn dann, wie das einstige NSDAP-Mitglied, der Marler Amtsbürgermeister Friedrich Wilhelm Willeke, der die Enteignung des väterlichen Geschäfts durchgesetzt hatte, seine politische Karriere fortsetzen konnte. »Sie haben ihn einfach wiedergewählt«, erinnerte sich Abrahamsohn. Willeke baute nach 1945 die CDU mit auf und war von 1953 bis zu seinem Tod im Jahr 1965 Bundestagsabgeordneter.

Abrahamsohn blieb aber und baute die Jüdische Gemeinde Bochum-Recklinghausen auf, deren Vorsitzender er von 1978 bis 1992 war. Aus ihr gingen 1999 die beiden heutigen Gemeinden Recklinghausen und Bochum-Herne-Hattingen hervor. Er erzählte in Schulen von seinem Schicksal. Dazu hatte ihm ein Rabbiner geraten, der ihm einmal gesagt hatte: »Wenn du von allen Leuten nur einen Jugendlichen überzeugen kannst, dass Juden nicht schlechter sind als die anderen, dann hast du viel erreicht.«

Der Vorsitzende war aktiv für ein anderes Deutschland.

Recklinghausens Landrat Bodo Klimpel (CDU) dachte auf der Gedenkfeier laut darüber nach, was Abrahamsohn wohl über das heutige Deutschland denken würde: »Was würde er empfinden, wenn er die Bilder von Menschen gesehen hätte, die in Berlin nach den Terroranschlägen vom 7. Oktober gejubelt und gefeiert haben?«

»Wie würde er darüber sprechen«, fuhr Klimpel fort, »dass eine in Teilen rechtsextreme Partei als zweitstärkste Fraktion in unseren Bundestag einzieht?« Klimpel sagte, er schäme sich für eine Entwicklung in Deutschland, die dazu führt, dass Juden nicht mehr sicher sind. Der Landrat lobte Abrahamsohns unermüdliche Arbeit für Versöhnung. »Sein Kampf muss jetzt unser Kampf sein.«

Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erinnerte an die Jugend Abrahamsohns in Marl vor der NS-Zeit. Er sei in einer Umgebung aufgewachsen, in der sein Judentum keine Trennlinie zu anderen Kindern darstellte. »In seiner Kindheit«, so Lehrer, »hatte er viele nichtjüdische Freundinnen und Freunde, ohne dass seine jüdische Herkunft eine Rolle spielte. Doch mit dem Aufstieg der NSDAP und der Ernennung Adolf Hitlers 1933 zum Reichskanzler fanden nicht nur diese Freundschaften ein jähes Ende.«

Obwohl seine Feinde ihn vernichten wollten, habe er sich in sein Leben zurückgekämpft.

Am Vortag hätten drei aus Österreich kommende Syrer an dem Gedenkort für die Geiseln vor dem Jüdischen Museum in München randaliert. Als die Sicherheitskräfte eingriffen, habe einer von ihnen ein Messer gezückt. Zu einer Messerstecherei sei es nicht gekommen, sagte Lehrer, aber er könne nicht verstehen, dass alle drei mittlerweile schon wieder auf freiem Fuß seien. »Ich bin dankbar, dass Rolf Abrahamsohn die Entwicklungen nicht mehr miterleben musste.«

Recklinghausens Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen, Trägerin der 2018 vom Kreis gestifteten Rolf-Abrahamsohn-Medaille, erinnerte sich an die vielen Begegnungen, die sie mit dem früheren Gemeindevorsitzenden hatte. Sie sei stolz gewesen, als Abrahamsohn sie 2020 sogar zu sich nach Hause eingeladen hatte. Dort erhielt er von Nordrhein-Westfalens damaligem Ministerpräsidenten Armin Laschet den Landesverdienstorden.

Oft sprach Abrahamsohn mit Jugendlichen über seine Geschichte

Zurhausen zitierte daraufhin aus dem Lied »Mensch« von Herbert Grönemeyer die Zeilen: »Und der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft. Und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt.« Abrahamsohn habe sich in sein Leben zurückgekämpft, obwohl seine Feinde ihn vernichten wollten.

Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung kam Abrahamsohns Sohn André zu Wort. »Dass Sie meines Vaters über seinen Tod hinaus gedenken, hätte ihn sehr gefreut und berührt.« Oft habe sein Vater mit Jugendlichen über seine Geschichte gesprochen, die Zeitzeugen hätten Großes geleistet. Seine Botschaft: Ihnen sei, wie seinem Vater, wichtig gewesen, dass sich die Unmenschlichkeit nicht wiederholt.

Quelle: Jüdische Allgemeine von Stefan Laurin, Foto: Stefan Laurin

Wohin gehen wir denn?

Der 27. Januar ist der internationale Gedenktag der Opfer des Holocaust. Im November des Jahres 2005 hat ihn die UN Vollversammlung als Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die russischen Trup pen festgelegt. Für Recklinghausen ist dies auch der Gedenk tag für die 250 jüdischen Bürger der Stadt, die am 21.01.1942 in das Ghetto von Riga deportiert wurden. Sie wurden fast alle getötet. Überlebt haben nur 16 Personen.
Wir haben bereits das dritte Jahr, in dem in der Stadt der „Koffer Marsch“ stattfindet. Menschen mit Koffern und Plakaten mit den Aufschriften „Niemals mehr“ und „we remember“ gehen durch die Straßen des Stadtzentrums, wie die jüdischen Todeskandidaten sie 83 Jahre zuvor entlanggingen. Beendet wird dieser Zug in der Synagoge, wo ein gemein sames Gebet  zum Gedenken gesprochen wird. Leute nehmen an dem Marsch nicht nur teil, um sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern auch, um sich der Gegenwart bewusst zu werden und  über die Zukunft nachzudenken. Nur zusammen können wir alle die Slogans auf den Plakaten verwirklichen. Vertreter verschiedener Konfessionen, sozialer Gruppen und Altersgruppen kommen, um sich gemeinsam gegen das furchtbare Wachstum des Antisemitismus zu wehren, der sich in aller Welt verbreitet. Leider ist er in den letzten
drei Jahren nicht nur nicht weniger geworden, sondern auch noch weitergewachsen. Es ist sehr schwer, sich die Daten statistischer Erhebungen zu dieser Frage anzusehen, die in der  Weltpresse publiziert wer den. Es ist noch schwieriger, zu versuchen, die grausame, ungeheuerliche Ungerechtigkeit zu verstehen, die um uns herum passiert.
Am 24. Januar dieses Jahres haben in Berlin die Anhörungen vor Gericht in der höchsten Instanz begonnen, in der Sache eines Lehrers an einem der Berliner Gymnasien, der nach der  Entscheidung des Gerichts in Berufung.
Einige Tage nach der blutigen Oktober Tragödie in Israel hat ein 14 Jährigen Schüler eine Palästina Flagge auf dem Schulhof des Ernst Abbe Gymnasiums schwenkte. Der 62 Jährigen  Lehrer soll den Schüler ermahnt und versucht haben, ihm die Flagge wegzu nehmen. Ein anderer 15 jähriger Schüler, der in der Nähe stand, hat dem Lehrer laut Polizeiangaben daraufhin einen Kopfstoß gegeben, woraufhin ihn der Lehrer geohrfeigt haben soll. Wie der Lehrer schilderte, wurde Schüler mit ausgestrecktem Bein ihn in den Bauch getreten. „Der Junge ist Kampfsportler“, so der Lehrer. In Videos, die auf Instagram und X kursieren, ist zu sehen, wie der Lehrer den Schüler ohrfeigt und dann von ihm getreten wird und umfällt. Die Anklage warf dem Lehrer vor, dem inzwischen 15 Jährigen mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen zu haben. Der Lehrer sprach im Prozess von  einem reflexartigen Schlag nach einem Angriff des Schülers. Ursprünglich sollte der Lehrer für Sport und Geografie eine Geldstrafe von 3000 Euro zahlen. Gegen einen entsprechenden Strafbefehl des Amtsgerichts Tiergarten hatte er jedoch Einspruch eingelegt.
Die Staatsanwaltschaft sagt, dass dem Geschehen seien Provokationen vorausgegangen. Der Lehrer sei selbst verletzt worden und arbeite seitdem nicht mehr. Zudem sei er der Bedrohung durch Schüler ausgesetzt. Der Lehrer wies den Vorwurf eines ab sichtlichen Schlags vor Gericht zurück.
Der 62 Jährige war wegen Körperverletzung im Amt angeklagt. Er soll eine Geldauflage von 800 Euro zahlen, dann ist der Fall endgültig erledigt. Offenbar sollte der Lehrer sich nicht gegen die Schläge wehren sollen, sondern „Güte und wie man sich nicht gegen das Böse wehrt“ unterrichten.
Es ist sehr symbolisch, dass die Anhörungen am Vortag des Internationalen Gedenktags der Holocaust Opfer begannen. Denn der Lehrer trat praktisch an seinem Ort gegen die Wiederholung einer solchen Tragödie ein.
Es ist erfreulich, dass sich unter den Teilnehmern unseres „Koffer Marsches“ Vertreter von Lehran stalten der Stadt befanden. Sie erzählten von ihrer Teilnahme an Projekten, welche den Opfern der Nazi – Diktatur gewidmet waren, von der Arbeit mit historischen Dokumenten aus dieser Zeit. Wir möchten hoffen, dass dieses Wissen und diese Erfahrung junger Leute dafür sorgen werden, dass die Katastrophe sich nicht wiederholt.
Gerade die Demons trationen von Jugendlichen und Studenten mit palästinensischen Flaggen in den Händen, die um die ganze Welt gingen, haben die HAMAS in ihren Handlungen bestätigt. Jede solcher Aktionen ist die Verunglimpfung der Erinnerung ihrer Opfer. Junge Leute machen sich keine Gedanken darüber, dass sie Terror unterstützen, dass sie unter bestimmten Umständen selbst Opfer von Terror werden können. Es kommt ihnen nicht einmal in den Sinn, nachzuzählen, wie viele von den vielen Terroranschlägen, die in verschiedenen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten verübt wurden, durch Juden ausgeführt wurden, die sie lautstark beschuldigen – und wie viele durch die „frommen Krieger Allahs“. Die Auftritte derer, die HAMAS nicht von der  Bevölkerung Palästinas unterscheiden, haben die Qualen der Geiseln der HAMAS verlängert und viele von ihnen umgebracht. Selbst jetzt, wo der Austausch gegen palästinensische Gefangene stattfindet, unter denen eine Mehrzahl von Mördern ist, die  Terroranschläge verübt haben, hat die „progressive Öffentlichkeit“ die „Häftlinge“ der israelischen Gefängnisse zu politischen Gefangenen erklärt.
Sicherlich ist das aktuelle Aufkommen des Antisemitismus auch eine Folge des verlorenen, gut vorbereiteten Informationskrieges gegen unser Volk. Der Antisemitismus wurde mit dem Holocaust nicht ab geschlossen, er schwelte Jahrzehnte lang nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und jetzt droht diese Glut, zu einem weltweiten Flächenbrand zu werden. Man sollte nicht vergessen, dass die Massenvertreibung von Juden in Deutschland dem Beginn des Krieges voranging.
Man darf die Augen vor diesem traurigen Fakt nicht verschließen. Kann denn jeder von uns irgend wie dagegen kämpfen? Ich denke, ja. Für den Anfang kann man wenigstens an Veranstaltungen gegen den Antisemitismus teilnehmen, an jenem „Koffer Marsch“, einen symbolischen Koffer in der Hand tragend. Damit man, G tt bewahre, nicht irgendwann wirklich die Koffer packen muss. Insbesondere weil es dann keinen Ort mehr geben wird, an den man fliehen kann.

Quelle:Irina Barsukowa,Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Alexander Libkin