2025

Chanukka unter Polizeischutz

Im europäischen Kalender stehen Chanukka und Weihnachten fast immer nebeneinander. Jahr für Jahr begegnen sie sich im selben winterlichen Zeitraum – Feste des Lichts, die aus unterschiedlichen Traditionen stammen, sich jedoch an dasselbe menschliche Grundbedürfnis richten: an die Hoffnung.

„Chanukka steht für den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, des Guten über das Böse, des Glaubens über den Zweifel“, mit diesen Worten begrüßte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen, Dr. Mark Gutkin, die zahlreichen Gäste, die sich in der Synagoge Recklinghausen zum Lichterfest versammelt hatten. „Möge dieses Fest uns daran erinnern, dass selbst in den dunkelsten Zeiten ein kleiner Funke des Glaubens der Anfang eines großen Wunders sein kann“, sagte er mit Blick auf die Vertreter*innen politischer Parteien, gesellschaftlicher Organisationen sowie verschiedener Religionsgemeinschaften.

Mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Chanukkafestes betonte der Bürgermeister der Stadt Recklinghausen, Axel Tschersich, dass die Existenz einer jüdischen Gemeinde in der Stadt für ihn kein Wunder, sondern eine Selbstverständlichkeit sei. „Sie ist ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der Stadtgesellschaft, ihres sozialen und kulturellen Lebens“, unterstrich er.

Die stellvertretende Landrätin Martina Eißing erinnerte in ihrem Grußwort an den Anschlag während einer Chanukkafeier in Sydney und versicherte die Anwesenden der uneingeschränkten und unerschütterlichen Solidarität mit dem jüdischen Volk. „An diesem freudigen Lichterfest kämpfen wir gemeinsam nicht nur gegen die Dunkelheit. Wir kämpfen vor allem gegen die Dummheit“, sagte sie und meinte damit Antisemitismus als Ausdruck geistiger und moralischer Verhärtung. Grußworte und Glückwünsche überbrachten auch Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche, mit denen die Gemeinde seit vielen Jahren vertrauensvolle und stabile Beziehungen pflegt.

Nach dem Gebet an der Chanukkia wurden feierlich vier Kerzen entzündet.

Im Anschluss an den offiziellen Teil waren die Gäste zu einem festlichen Abendessen eingeladen. Der Abend wurde durch den Auftritt der Vokalgruppe der Gemeinde sowie durch jüdische Lieder und Tänze in der Darbietung von Gemeindemitgliedern bereichert. Die Feier war von einer warmen, herzlichen Atmosphäre geprägt und zeichnete sich durch ein hohes organisatorisches Niveau aus.

Gleichzeitig fand das Chanukkafest der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen unter deutlich verstärktem Polizeischutz statt – eine Realität unserer Zeit. Antisemitische

Einstellungen sind in der deutschen Gesellschaft tief verwurzelt, und die Bedrohung jüdischen Lebens im Land bleibt auf einem alarmierend hohen Niveau. Historische Vergleiche drängen sich auf, auch wenn man sie vermeiden möchte. Aus der Geschichte der Gemeinde ist bekannt, dass sich ihr Gebäude im Jahr 1938 in unmittelbarer Nähe des städtischen Polizeipräsidiums und der Feuerwehr befand. Weder die Nähe der Behörden noch ihre Präsenz konnten die Synagoge vor Zerstörung oder die jüdische Bevölkerung vor ihrem tragischen Schicksal bewahren.

Vor fünfzehn Jahren berichtete ein Stadtführer während eines Rundgangs durch Recklinghausen: „Zeitzeugen erinnerten sich daran, dass einige Feuerwehrleute beim Anblick der brennenden Synagoge weinten, weil es ihnen verboten war, sie zu löschen. Für sie war es ein städtisches Gebäude wie jedes andere.“ Die Pogromnacht markierte den Zusammenbruch der Demokratie und zugleich dessen grausame Zuspitzung. Die Erinnerung daran muss uns eine eindringliche Warnung sein.

Der heutige Antisemitismus ist ein Symptom tiefgreifender gesellschaftlicher Fehlentwicklungen und ein alarmierendes Signal für Angriffe auf demokratische Freiheiten. Der Kampf gegen Antisemitismus ist daher nicht allein Aufgabe der Sicherheitsbehörden, sondern eine Bewährungsprobe für die gesamte demokratische Ordnung. Angesichts der aktuellen Entwicklungen müssen alle progressiven Kräfte der Gesellschaft – Menschen aller Nationalitäten und Religionen – mobilisieren, um die grundlegenden demokratischen Werte zu verteidigen.

Licht ist keine passive Hoffnung, sondern aktives Handeln. Ja, das Licht wird die Dunkelheit besiegen. Aber nur dann, wenn wir es gemeinsam entzünden. Die Verantwortung dafür trägt jede und jeder von uns.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Von Recklinghausen nach Riga

In den Städten im Vest erinnern zahlreiche Stolpersteine an das Schicksal deportierter Juden – In Riga stehen ihre Namen auf einer riesigen Gedenktafel im dortigen Ghetto-Museum

Seit Mitte der 90er-Jahre verlegt Gunter Demnig sogenannte Stolpersteine. In vielen Städten in ganz Deutschland findet man die kleinen goldschimmernden Quadrate, die der Künstler zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auf Gehwegen und Bürgersteigen im Pflaster platziert. Auch im Kreis Recklinghausen halten sie die Erinnerung wach.

Demnig verlegt die Stolpersteine vor den einstigen Wohnhäusern der Menschen, die von den Nazis aus ihrer Heimat gerissen wurden und dem Holocaust zum Opfer gefallen sind. Bis heute hat der Künstler mehr als 100.000 Stolpersteine in über 30 Ländern in Europa ins Gehwegpflaster eingelassen

Auch im Vest weisen Stolpersteine auf die Schicksale der verschleppten Bürger hin: in Castrop-Rauxel, Datteln, Dorsten, Gladbeck, Haltern am See, Herten, Marl, Recklinghausen, Waltrop – und seit dem 11. Dezember 2025 auch in Oer-Erkenschwick, wo Gunter Demnig persönlich an der Stimbergstraße die Erinnerungssteine für Agatha, Leo und Mathilde Bock ins Pflaster einsetzte.

Stolpersteine in der Bochumer Straße 73 in Recklinghausen

In anderen Städten gibt es sie sogar an mehreren Adressen. Eine davon befindet sich in der Bochumer Straße 73 in Recklinghausen. Dort liegen die Stolpersteine für Gerd Aron, Kurt Aron, Minna Aron (geborene Saalberg) und Clara Saalberg. Im Anschluss an eine Gedenkveranstaltung im Theodor-Heuss-Gymnasium wurden sie am 15. August 2022 vom damaligen Bürgermeister Christoph Tesche verlegt. Zu Ehren ihrer Familienmitglieder waren auch ihre Angehörigen eigens aus England und Israel angereist und gaben der Zeremonie einen ehrenvollen Rahmen.

Viele Opfer der Nazi-Diktatur wurden im Januar 1942 unter unmenschlichen Bedingungen aus dem Vest nach Riga und von dort weiter in mehrere Konzentrationslager deportiert. In der lettischen Hauptstadt erinnert das Rigaer Ghetto-Museum an das grausame Schicksal der Juden, die über Riga in ihren Tod geschickt wurden. Das Museum befindet sich nur wenige hundert Meter von der Rigaer Altstadt entfernt. Ein ebenso erdrückendes wie eindrucksvolles Mahnmal.

Dauerausstellungen zeigen jüdisches Leben und Kultur. Im Zentrum des Ghetto-Museums steht ein Eisenbahnwaggon, der einen Eindruck vermittelt, auf

welch unfassbare Weise die Juden geradezu abtransportiert wurden und es tagelang auf engstem Raum zusammengedrängt aushalten mussten.

Minna Aron kehrt nach Recklinghausen zurück

Durch das Museum zieht sich eine weiße Gedenkwand. Auf ihr stehen die Namen der 25.000 Juden, die nach Lettland verschleppt und nach einigen Monaten ab Riga auf mehrere KZs verteilt wurden – darunter sind auch Clara Saalberg, Gerd, Kurt und Minna Aron, die die Shoah überlebte, nach Recklinghausen zurückkehrte, sich in ihrer Heimatstadt beim Neuaufbau der Jüdischen Kultusgemeinde engagierte und von 1958 bis 1978 deren Vorsitzende war.

Wie die Stolpersteine in Deutschland und Europa macht auch die rund 50 Meter lange Gedenkwand in Riga mit den Namen der Opfer jedes einzelne Schicksal greifbar. Das Ghetto-Museum ist ein Ort, dessen Besuch unter die Haut geht – weil es einerseits den Tod präsent macht, aber gleichzeitig für Respekt, Toleranz und Leben steht.

 

Artikel und Fotos von Ralf Rudzynski

Wir erinnern uns

Jedes Jahr am 9. November versammeln sich die Einwohner unserer Stadt am Mahnmal an der Ecke Westerholter Weg / Herzogswall, um der Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 zu gedenken. Wie für alle in Deutschland lebenden Juden war auch für die jüdischen Bürger unserer Stadt dieser Tag ein tragischer Einschnitt. Paramilitärische SA-Trupps plünderten und schändeten die Synagoge sowie jüdische Geschäfte und Betriebe. Die Polizei schritt nicht ein. Auf die Pogromnacht folgten in Deutschland weitere wirtschaftliche und politische Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung.

In seiner Ansprache fand der Bürgermeister der Stadt, Axel Tschersich, deutliche Worte der Erkenntnis und des Schuldeingeständnisses des gesamten deutschen Volkes gegenüber seinen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Seine Großmutter, eine Einwohnerin Recklinghausens, war Augenzeugin jener Ereignisse. Er berichtete:
„Ich habe meine Großmutter gefragt, ob die Menschen damals verstanden haben, was mit ihren jüdischen Nachbarn geschah. Und sie antwortete, dass man, als man sah, wie Juden zusammengetrieben und abgeführt wurden, sehr wohl wusste, dass sie nicht auf eine Reise geschickt wurden.“

Seine Worte darüber, dass diese Ereignisse niemals vergessen werden dürfen, dass Erinnerung an die kommenden Generationen weitergegeben werden muss und alles dafür zu tun sei, damit „dieses düsterste Kapitel unserer Geschichte“ sich niemals wiederholt, wurden von den Anwesenden mit Applaus aufgenommen. Es war die erste offizielle Rede des Bürgermeisters nach seiner Wahl. Man darf hoffen, dass die darin formulierten Gedanken zu einem der prägenden Leitlinien seines Handelns in diesem Amt werden.

Nach dem bewegenden Beitrag der Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule wurden Kerzen entzündet. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Dr. Mark Gutkin, und Bürgermeister Axel Tschersich beteiligten sich auch die Jugendlichen an diesem Zeichen des Gedenkens. Anschließend sprach Kantor Isaac Tourgman das Kaddisch. Superintendentin Saskia Karpenstein und Pfarrer Karl Kemper erinnerten in ihren Gebeten an die Ermordeten.

Im Anschluss begaben sich die Teilnehmenden in die Räumlichkeiten unserer Gemeinde. Im Gebetssaal der Synagoge fand ein von der Bürgerinitiative „Die Erinnerung darf nie enden!“ gestaltetes Kulturprogramm statt: der Auftritt des Chors „AnKlang“ unter der Leitung von Claudius Stevens sowie die Vorführung des Films „Israel und Sara“ des Regisseurs Tim Gralke. Eröffnet wurde das Pro

Programm vom Gemeindevorsitzenden Dr. Mark Gutkin. In seiner Ansprache fasste er den zentralen Gedanken der Veranstaltung zusammen:
„Das Gedenken an die Pogromnacht verpflichtet uns zur Wachsamkeit. Es erinnert uns daran, dass Gleichgültigkeit ebenfalls eine Form der Mitverantwortung ist. Möge dieser Tag nicht nur ein Tag der Trauer sein, sondern auch ein Tag der Entschlossenheit, Hass entgegenzutreten, Respekt und Mitgefühl zu stärken und die Erinnerung zu bewahren – als Grundlage menschlicher Würde und des Friedens.“

Wir leben in der festen Überzeugung, dass der Nationalsozialismus in Deutschland niemals wieder auferstehen darf. Doch seine besondere Gefahr liegt darin, dass er von innen heraus nicht immer sofort erkennbar ist. Nach außen scheint das Leben in einer stabilen demokratischen Gesellschaft seinen gewohnten Gang zu gehen. Wie die Geschichte jedoch zeigt, wird jene rote Linie oft zu spät wahrgenommen, die den legitimen Pluralismus von Meinungen und die Freiheit der Rede von der kritischen Phase der Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda trennt – einer Grenze, die niemals überschritten werden darf. Gemeinsam tragen wir die Verantwortung, unsere gemeinsame Erinnerung zu bewahren und an die nächsten Generationen weiterzugeben. Nur so lässt sich verhindern, dass sich Geschichte wiederholt.

 

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Mit Glauben und Hoffnung

Alljährlich am ersten Sonntag im November versammeln sich Mitglieder und Freunde der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen auf dem Gemeindefriedhof, um der Jüdinnen und Juden zu gedenken, die 1942 aus Recklinghausen in das Ghetto Riga deportiert wurden.

Am 3. November 1943 wurde das Ghetto zerstört: Ein Teil der Häftlinge wurde unmittelbar ermordet, die meisten der Überlebenden in andere Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Nur wenigen gelang es, diese Verbrechen zu überleben. Zu ihnen gehörten Mina Aron, Martha De Vries und Rolf Abrahamsohn – ihre Lebensgeschichten sind untrennbar mit der Geschichte unserer Gemeinde verbunden und klingen bis heute schmerzhaft in unseren Herzen nach.

Dieser Schmerz wird in den vergangenen Jahren durch den spürbaren Anstieg des Antisemitismus noch verstärkt. In seiner Ansprache erinnerte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen, Dr. Mark Gutkin, daran, dass Deutschland lange als ein Land galt, das sich seiner historischen Schuld bewusst ist und die Verbrechen der Vergangenheit nicht vergisst. Die gegenwärtige Realität jedoch gebe Anlass zur Sorge: Jüdinnen und Juden hätten erneut Angst, ihren Glauben offen zu leben. Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland rund 8.600 antisemitische Vorfälle registriert. Für solche Entwicklungen dürfe es in einer demokratischen Gesellschaft keinen Platz geben.
„Gleichgültigkeit bedeutet Mittäterschaft. Das jüdische Volk braucht Solidarität und Unterstützung“, betonte Gutkin.

Diese Solidarität wurde durch die Anwesenheit zahlreicher Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Gesellschaft sichtbar: Der Recklinghäuser Bürgermeister Axel Tschersich, Bürgermeister benachbarter Städte, Vertreter der Polizei, der Kreisverwaltung sowie anderer Religionsgemeinschaften nahmen ebenso an der Gedenkfeier teil wie Landrat Bodo Klimpel. In seiner Rede unterstrich der Bürgermeister: „Unsere Anwesenheit hier ist kein formaler Akt, sondern ein bewusstes Zeichen. Das Ignorieren der Shoah untergräbt die Grundlagen unserer Demokratie.“

Auch Mark Rosendahl, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes Region Emscher-Lippe, sprach über die Verantwortung der Gesellschaft, antisemitischer Rhetorik entschieden entgegenzutreten. „Wir dürfen nicht schweigen – wir müssen widersprechen“, sagte er. Der Anstieg des Antisemitismus sei nur eines von mehreren Symptomen einer zunehmenden Verrohung des gesellschaftlichen Klimas, die von bestimmten politischen Kräften gezielt befördert werde.

Alle Rednerinnen und Redner bezogen klar Stellung gegen

das Schüren von Hass und gegen jede Form von Diskriminierung. Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeier von Ernest Blochs Vidui aus dem Zyklus Baal Shem – Drei Bilder aus dem Leben der Chassidim, interpretiert vom Geiger Misha Nodelman. Die Gedenkzeremonie wurde von Kantor Isaac Tourgman geleitet. Zum Abschluss erinnerte er daran, dass der jüdische Glaube stets von der Hoffnung auf einen besseren Morgen getragen sei. „Und Sie“, wandte er sich an die Anwesenden, „sind unsere Hoffnung.“

Diese Hoffnung ist nicht unbegründet. Ein sichtbares Zeichen dafür ist die israelische Flagge, die seit dem 7. Oktober 2023 vor dem Rathaus der Stadt gehisst ist. Ein weiteres Zeichen setzte eine jüngste Aktion von Schülerinnen und Schülern mehrerer Recklinghäuser Schulen, die gemeinsam mit Bürgermeister Axel Tschersich und der Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen Stolpersteine reinigten.

Am 4. November 2025 kamen sie zusammen, um diese Steine der Erinnerung zu pflegen – Mahnmale, die das Gedenken an die Opfer der Shoah wachhalten und verhindern, dass Geschichte in Vergessenheit gerät oder umgedeutet wird.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Sukkot – Die Zeit unserer Freude

Sukkot ist das Fest der Freude, der Ernte und des Gedenkens an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten. Nach den Tagen des Gerichts, der Reue und der Versöhnung folgt die Zeit der Freude, die in der Tora als „Sman Simchatejnu“ – die Zeit unserer Freude bezeichnet wird. Unmittelbar nach dem Ende von Jom Kippur beginnen Juden traditionell mit dem Bau der Sukka, der Laubhütte. Neben dem Gebot, in der Sukka zu wohnen, gibt es weitere Gebote: die „Vier Arten“ (Arba’a Minim), den Brauch, am siebten Tag – Hoschana Rabba – Zweige der Weide zu schlagen, und schließlich das Gebot, sich zu freuen – denn Freude selbst ist eine Mizwa.

Wie jedes Jahr wurden auch in unserer Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen alle Gebote mit Hingabe erfüllt. Kinder und Erwachsene bauten mit Begeisterung die Sukka, schmückten sie liebevoll und bereiteten sich auf das Festmahl vor. Es fanden festliche Gebete und gemeinsame Mahlzeiten statt. Doch in diesem Jahr fiel auf den zweiten Festtag ein schweres Gedenken: der zweite Jahrestag des tragischen 7. Oktober 2023. Wie das gesamte jüdische Volk vergaßen auch wir nicht die zwanzig Geiseln, die damals verschleppt wurden. Wir beteten für sie und warteten – zwei lange Jahre. Diese schmerzhafte Erinnerung trennte die Zeit in ein „Davor“ und „Danach“ und nahm uns ein Stück der ungetrübten Freude, selbst an einem Fest, das zur Freude verpflichtet.

Aber Sukkot ist auch das Fest der Dankbarkeit, der Hoffnung und der Einheit. Eine Nachricht, die uns während des Festes erreichte, stärkte diese Hoffnung: Am 10. Oktober besuchten Ivanka Trump und Jared Kushner gemeinsam mit dem US-Sondergesandten für den Nahen Osten Steve Witkoff die Klagemauer in Jerusalem, um für den Erfolg des Friedensplans von Präsident Donald Trump zu beten. Nach alter Tradition legten sie Zettel mit ihren Bitten in die Ritzen der Mauer. Herr Kushner sagte, er bete um Kraft und Weisheit für den Präsidenten, damit er einen Weg finde, der Menschenleben rettet.

Der letzte Tag des hellen, heiligen Sukkot-Festes – in Israel war es der 13. Oktober – brachte die Erfüllung unserer Gebete: Zwanzig Geiseln kehrten lebend nach Hause zurück.
Hunderttausende jubelnde Menschen füllten die Straßen Israels, Millionen Juden in aller Welt dankten Präsident Trump und weinten vor Glück. Im Namen des Festes liegt eine tiefere Botschaft: Die Sukka steht als Symbol für die kommende Zeit, in der der Ewige Seinen friedlichen Schirm über Israel und alle Völker der Erde ausbreiten wird.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Auf Wiedersehen, Sommer!

Der Sommer gilt als die beste Zeit für Erholung und das ist kein Zufall. Das warme Wetter, lange Tage und die strahlende Sonne geben mehr Möglichkeiten für Spaziergänge, Fahrten und Reisen. Eine besondere Art des Reisens ist Urlaub mit Freunden. Mit ihnen kann man die Freude an der Entdeckung neuer Orte teilen. Die Gespräche unterwegs, Scherze, spontane Ideen, Fotos und Filmaufnahmen – all das macht solche Reisen lebendig und in Erinnerung bleibend. Solche Sommerreisen sind in der Gemeinde des Bezirks Recklinghausen bereits zu einer Tradition geworden. In diesem Sommer gab es drei davon.

Die aktivste und kreativste Gruppe der Gemeinde ist die Frauengruppe. Ihre unermüdlichen Vertreterinnen haben als Ziel ihrer Reise kleinere Städte Niedersachsens ausgewählt. Im Städtchen Emmerthal besichtigten sie Schloss Hämelschenburg, eine Perle der norddeutschen Architektur, sie waren in der legendären Stadt Hameln, der Heimatstadt des berühmten Rattenfängers. Laut der Legende hatte der vom Stadtrat Hamelns betrogene Musikant, dem man die Belohnung für die Befreiung der Stadt von Ratten verweigert hatte, die Kinder der Stadt mit Hilfe einer Flöte entführt, die danach unwiederbringlich verschwunden waren. Und natürlich ging man nicht an der Stadt Bodenwerder vorbei, ohne sie zu beachten – die Heimat des berühmten Hieronymus Karl Friedrich von Münchhausen.

Die Fahrt in die niederländische Stadt Zandvoort war eine Familienreise. Unsere Teilnehmer hatten Glück mit dem Wetter. Am wunderbaren Sandstrand war es warm und sonnig. Wir schafften es sogar, in der sonst oft unfreundlichen Nordsee zu baden. Alle erfreuten sich an den Meeresfrüchten und Fischdelikatessen und die Kinder freuten sich über das leckerste Eis. Die Bekanntschaft mit den Möwen hat den Eindruck ein wenig verdorben. Es hat sich herausgestellt, dass diese Vögel – Heldinnen vieler schöner und romantischer Lieder – gierige und aggressive Futterräuber sind. Man musste das Essen wachsam verteidigen. Kaum war man kurz unaufmerksam, flog es geradezu davon, aus den Händen des armen Opfers. Wie viel Überraschung, Empörung und Lachen gab es dafür! Die Emotionen schlugen sozusagen große Wellen!

Am letzten Sommertag gingen unsere beiden Gesangsgruppen auf Reisen: der Chor „Chag Sameach“ und die Gesangsgruppe. Diese Fahrt wurde von der Gemeindeführung organisiert, als Belohnung für die erfolgreiche kreative Arbeit unserer Sänger. Für ihre Reise haben sie die Städte Aachen und Monschau ausgewählt: Städte mit jahrhundertelanger Geschichte und antiker Architektur. Es war eine Reise in die Geschichte. Denn Aachen war zu Beginn des 14. Jahrhunderts die

Hauptstadt des Heiligen Römischen Imperiums. Hier wurden Kaiser gekrönt und fanden Reichstage statt. Unsere Reisenden wanderten durch die mit Pflastersteinen bedeckten kleinen Straßen, deren Belag sich noch an Karl den Großen erinnert; sie besichtigten das Aachener Schloss, bewunderten die Fachwerkhäuser Monschaus, besuchten gemütliche Cafés und malerische Plätze der Städte.

Der Sommer ist schnell verflogen. Doch er schenkte uns drei unvergessliche Reisen, von denen jede angenehme Eindrücke hinterlassen hat. Diese Abenteuer erfüllten die Herzen mit Freude und Inspiration, eröffneten neue Horizonte und verewigten einzigartige Momente in unserer Erinnerung. Ein riesiger Dank geht an die Gemeindeführung und die Organisatoren der Exkursionen.

 

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Ein interessantes Experiment

Es ist kein Geheimnis, dass fast alle jüdischen Gemeinden auf das gleiche Problem gestoßen sind. Die Kinder und Enkel derer, die vor etwa 30 Jahren nach Deutschland gekommen sind, sind erwachsen geworden, haben Bildungsabschlüsse erhalten, eine sichere Arbeit gefunden und sich vollständig in die deutsche Gesellschaft integriert. Das sind hauptsächlich erfolgreiche Leute, die einen anderen Lebenswandel führen, der sich von dem ihrer Eltern früher unterscheidet. Während des Übergangs in die nächste Generation kann die Verbindung zu Traditionen und der Religion der Vorfahren schwächer werden, aber sie ist doch so wichtig, damit das Interesse der jüdischen Kinder an ihren Wurzeln nicht erlischt. Das Aufrechterhalten der Verbindung zur Gemeinde und ihren Traditionen ist ein wichtiger Teil ihrer Identität. Und natürlich spielt traditionsgemäß die Familie für unser Volk eine wichtige Rolle. Denn eigentlich ist die Gemeinde auch eine große Familie mit verschiedenen Altersstufen. Man muss also neue Arbeitsmethoden suchen und Veranstaltungen organisieren, die verschiedene Generationen einander näherbringen.

Davon ausgehend beschloss eine Initiative der Gemeinde des Bezirks Recklinghausen, in diese Richtung zu experimentieren. Die zugrundeliegende Vorstellung war: das Beste aus der Erfahrung der älteren Generation zu übernehmen und zu versuchen, dies in unsere Zeit zu übertragen. So entstand die Idee, sportliche Veranstaltungen für Familien durchzuführen. Das Hauptziel der Veranstaltung: Man darf eine Familie nicht auseinanderreißen. Kinder und Erwachsene müssen gemeinsam füreinander eintreten, einander helfen, sich einander annähern und die Verbindung der Generationen festigen.

Drei Mannschaften von Enthusiasten und eine Jury haben sich in der Sporthalle versammelt. Weil die Zusammensetzung der Teilnehmer bis zum letzten Moment nicht bekannt war, musste man auf die Schnelle Teams bilden und ihre Namen und Kapitäne wählen. Einige Eltern dachten, dass nur Kinder gegeneinander antreten werden. Deswegen wurde jede Mannschaft für die Zeit der Wettkämpfe zu einer großen Familie, in der nicht nur die eigenen Kinder waren, sondern auch die „vorübergehend adoptierten“. Die Namen der Teams wurden entsprechend der Interessen der Familien gewählt: das Team „Spuntiks“ macht gerne alles selbst, das Team „220 Volt“, dessen Vater Elektriker ist, und das Team der Fans des kulinarischen „Super-Pfannkuchen“. Als Mannschaftskapitäne wurden Kinder ausgewählt.

Nach einer kurzen Begrüßung begannen die Wettkämpfe: Staffellauf, lustige Wettbewerbe und Spiele. Wie viel sportlicher Eifer, wilde Emotionen, Freudenschreie und Enttäuschungen dabei waren! Harmonische Teamarbeit,

gegenseitige Unterstützung und der Wunsch zu gewinnen, ließen die Altersgrenzen verschwinden. Das Ziel, dem eigenen Team den Sieg zu bringen, vereinte alle. Immer wieder hörte man Scherze, Lachen, Rufe der Zuschauer, die ihre Mannschaften unterstützten. Die Begleitmusik gab den Wettkämpfen eine fröhliche Stimmung und den Antrieb. Nach jedem Wettbewerb gab die gar nicht strenge Jury die Ergebnisse bekannt und zählte die gesammelten Punkte. Und auch wenn das Team „Spuntiks“ der Punktezahl nach gewonnen hatte, gab es keine Verlierer: Alle Teilnehmer gewannen die Wettbewerbe und hatten eine Menge Spaß und positive Emotionen.

Nach der Veranstaltung teilten die Zuschauer ihre Eindrücke mit Freunden und Bekannten. Und viele von denen, die nicht dabei waren, fragten bei den Organisatoren nach, wann die nächsten Sportwettbewerbe für Familien stattfinden. Die Worte „Beim nächsten Mal würden wir auch gerne teilnehmen“, sind ein Beweis dafür, dass das Experiment gelungen ist und sich weiterentwickeln soll. Der Familiensport ist ein einzigartiger Raum, in dem sich verschiedene Generationen vereinen und die Möglichkeit gibt, Spaß durch gemeinsame Zeit zu haben. Und das heißt, dass die begonnene Arbeit in die richtige Richtung geht.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde, Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen

Treffen zum Ehren des Tags des Sieges

Mehr als 26 Jahre gibt es in der Gemeinde des Bezirks Recklinghausen den Seniorenclub. Leute der älteren Generation treffen sich sonntags in den Räumlichkeiten der Gemeinde, veranstalten Themen-, Info- und Musikabende und kommunizieren einfach miteinander. Seit dem Jahr 2007 ist der ständige Leiter des Clubs und Organisator dieser Treffen A. Matlin.

Das Treffen am 11. Mai dieses Jahres war ein besonderes. Es war dem 80. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland gewidmet. Die Mehrzahl unserer Gemeindemitglieder stammen aus den Staaten der ehemaligen UdSSR, auf deren Gebiet seit dem 9. Mai 1965 der Tag des Sieges offiziell gefeiert wird. Nach dem Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine hat sich Russland dieses Fest angeeignet, seine Bedeutung verzerrt und nutzt ihn für die Verschleierung seiner geopolitischen Interessen. Doch für diejenigen, die an diesem Tag der Opfer des Zweiten Weltkrieges gedenken, ist und bleibt der 9. Mai ein Tag der Erinnerung und Trauer, ein Feiertag „mit Tränen in den Augen“.

Der Vorsitzende der Gemeinde Herr Mark Gutkin eröffnete das Treffen. Nach einer kurzen Begrüßung unterstrich er die Wichtigkeit des gefeierten Ereignisses, des 80. Jahrestags der Beendigung des Krieges gegen den Faschismus für die ganze Welt und das jüdische Volk. Und er informierte die Anwesenden über den Tod der ältesten Zeitzeugin des Holocaust Margot Friedländer am 9. Mai 2025. In all den letzten Jahren ist sie aktiv in den Medien aufgetreten, sie nahm an verschiedenen Veranstaltungen teil und ließ die Menschen die Schrecken des Holocaust nicht vergessen, sie rief dazu auf, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu bewahren. Herr Gutkin erzählte von seinem unvergesslichen Treffen mit dieser wunderbaren Frau.

Das Publikum ehrte die Erinnerung an sie mit einer Schweigeminute, wie auch die Erinnerung an alle, die in den Jahren des Zweiten Weltkrieges ums Leben kamen.

Alexander und Tatjana Matlin führten eine literarisch-musikalische Komposition auf, über den Krieg, über die massive Teilnahme am Kampf gegen die Nazis durch jüdische Vertreter. Boris Gavronsky trug seine Gedichte vor. Gemeinsam mit Oleksander Fayerman führte er das Lied „Erinnerung“ auf (Worte von B. Gavronsky, Musik von O. Fayerman).

Seine Erinnerungen an die Kindheit in den Kriegsjahren teilte Eduard Medvedovskyy mit den Anwesenden. Ihn und seine Schwester, jüdische Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren, versteckte zwei Jahre lang eine ukrainische Familie im okkupierten Krementschuk vor den

Nazis. Seit 2021 wird der 14. Mai in der Ukraine gefeiert – als Gedenktag der Landsleute, die Juden während des Zweiten Weltkrieges gerettet haben. Dieser Tag ist denen gewidmet, die außerordentlichen Mut und Menschlichkeit in jenen dunkelsten Zeiten der Geschichte gezeigt hatten.

Die Anwesenden schauten sich einen Film über die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges 2007 an, erinnerten sich an Gemeindemitglieder, die in diesen Jahren von uns gegangen sind. Sie sangen gemeinsam Kriegslieder als Karaoke, unterhielten sich am Tisch, der im Gemeindesaal für sie gedeckt worden war.

Nach dem Treffen brachte man diejenigen mit dem Wagen nachhause, die es nicht schafften, den Weg selbständig zu bewältigen. Die Ankunft und Abreise dieser Clubmitglieder hatte die Leitung der Gemeinde organisiert. Ein großer Dank gebührt dem Vorsitzenden der Gemeinde Herrn Gutkin, wie auch dem Leiter des Seniorenclubs A. Matlin für das großartig organisierte und durchgeführte Treffen.

 

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde, Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen

Das Fest des Feuers und des Lichts

Lag ba-Omer ist der 33. Tag der Periode der Omer-Zählung. Lag – die Buchstaben „Lamed“ und „Gimel“ – sind die Bezeichnung für die Zahl 33. Die Gesetze im Zusammenhang mit diesem Tag sind von einem tiefen Geheimnis umgeben, das mit den größten Geheimnissen der Erschaffung der Welt zusammenhängt. Jüdische Weise eröffnen dieses für uns Uneingeweihte nur zu einem Teil. Laut der Überlieferung geschahen an diesem Tag einige Ereignisse, die für das jüdische Volk sehr bedeutend sind. Mit diesem Tag verbindet man das Ende der Pest-Epidemie, die Tausende Schüler von Rabbi Akiva (einer der Begründer des rabbinischen Judentums) das Leben kostete. Später starb an ebendiesem Tag Rabbi Schimon Bar Jochai (Raschbi), der bedeutendste Schüler von Rabbi Akiva. Dieser Tag wird mit Fröhlichkeit und Gebeten, die Verdienste dieses Gerechten mögen dem ganzen Volk Israels helfen, gefeiert. An diesem Tag darf man nicht traurig sein. Man soll singen und tanzen, Kerzen in Synagogen entzünden und große Feuer machen, um sich an den großartigen Weisen Rabbi Schimon Bar Jochai zu erinnern. Am Tag seines Todes wurde die Welt durch das grellste Licht und grenzenlose Freude erfüllt – an diesem Tag hatte er seinen Schülern die größten Geheimnisse offenbart, die ins Buch Sohar geschrieben wurden.

Für gewöhnlich grillen wir in der Gemeinde des Bezirks Recklinghausen zum Lag ba-Omer Fest Kartoffeln auf Kohle, freuen uns und unterhalten uns freundschaftlich miteinander. Und in diesem Jahr wurde bei uns daraus ein improvisierter kreativer Abend mit Gesang und Tanz.

Ganz am Anfang des Abends erzählten die Kinder aus der jüngsten Gruppe des Kinder- und Jugendzentrums „Agada“ der jüdischen Gemeinde des Bezirks Recklinghausen allen Anwesenden die Geschichte des Festes und von seinen Traditionen. Nach dem Beginn der gemeinsamen Mahlzeit im Zelt, das im Hof der Gemeinde aufgestellt worden war, erfreuten uns die kreativen Gruppen der Gemeinde mit ihren Auftritten. Wir sangen mit beim Trio „Schalom“ (Larissa Pomogajko, Rita Bondarenko und Tatjana Gorobez), das für uns die seit der Kindheit geliebten Lieder in Jiddisch und Russisch aufführte. Die neue Tanzgruppe unserer Gemeinde „Baila Bonito dance club“ unter der Leitung von Olga Klymenko und Vtaliy Artjukh zeigte dem Publikum mitreißende Salsa und Bachata Tänze. Denjenigen, die wollten, wurde angeboten, selbst die einfachsten Bewegungen dieser Tänze zu erlernen, die voller Grazie und Schönheit sind. Und natürlich unterstützte unsere Gruppe des jüdischen Tanzes unter der Leitung von Rita Bondarenko die heitere Stimmung. Das Fest war ein voller Erfolg!

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde, Kreis Recklinghausen

Wenn alle gewinnen

Am 8. Juni fand in Dortmund das große Jugend-Projekt Jewrovision 2025 statt. Dieses jährlich stattfindende Projekt ist ein deutschlandweites Fest für die jüdische Jugend. Wie immer waren auch die Teilnehmer aus dem Zentrum „Agada“ für die Kinder und Jugendlichen der jüdischen Gemeinde des Bezirks Recklinghausen dabei. Mit der gemeinsamen Band „We. Zair Westfalia“ treten die jungen Leute unserer Gemeinde bereits zum dritten Mal auf. Dieses Jahr waren sie zu fünft. Die drei Neuen – Olessia Nikolay, Elisabeth Kabolotska, Kyryllo Bykov – und zwei „erfahrene Darsteller“ – Maksim Nikiforow und Artemij Resnik.

Doch das sind nämlich diejenigen, die unmittelbar auf der Bühne standen. Wichtig ist, dass während des Auftritts eine Unterstützergruppe aus unserer Gemeinde im Saal mit ihnen mitfieberte. Und bei der Vorbereitung wurden zwei große Proben mit dem ganzen Team (das sind etwa 50 Personen) in unserer Stadt durchgeführt.

Einen großen Raum für so viele Leute zu finden ist gar nicht so einfach. Danke an die Führung der Gemeinde, welche zweimal eine gemietete Sporthalle zur Verfügung stellte. Der Bezirk Recklinghausen war Teil einer Gemeinschaft mit fünf weiteren Städten – Bochum, Bielefeld, Münster, Hagen und Wuppertal. Die Mannschaft trat unter dem Motto „Am Israel Chai“ auf, „das jüdische Volk lebt“.

„Einheit, Kraft des Geistes, die Treue gegenüber Traditionen und Religion – das alles vereinte die Juden vor vielen Jahrhunderten. Unser Volk lebt und wird für immer einig, stark und frei bleiben.“ – so lautete das Leitmotiv des ganzen Auftritts. Das Thema ist lebensbejahend und sehr wichtig, besonders jetzt, im Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen, die mit dem heroischen Kampf Israels um seine Existenz verbunden sind.

Leider haben wir, auch wenn „We. Zair Westfalia“ die letzten beiden Male Preise gewonnen hatte, es diesmal nur auf den letzten Platz geschafft.

Doch wie der Leiter von „Agada“ Georgij Schekun sagte: „Erstens ist ein solches Ergebnis ein Grund, nachzudenken, seine Fehler zu analysieren, um sich im weiteren Verlauf zu verbessern. Zweitens ist es auch ein Anlass für die Suche nach neuen kreativen Entscheidungen, Methoden und gemeinsamen Entdeckungen. Denn nichts vereint die Menschen so sehr wie gemeinsame Kunst. Mir scheint es, dass es im Projekt „Jewrovision“ niemals Verlierer gibt,“ fügte Georgij hinzu – „die jüdische Jugend aus allen Ecken Deutschlands trifft sich, lernt einander kennen, hält weiterhin Kontakt. Hier wird eine eigene Brüderschaft geboren, gestützt durch die

gemeinsame Idee, Freude an der Kommunikation, dem Antrieb durch den Wettbewerb; es bildet sich ein Kreis von Freunden und Gleichgesinnten, der einen jungen Menschen sein ganzes Leben lang begleiten wird. Hier gewinnen alle!“

 

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde, Kreis Recklinghausen

Präsentation des Kulturprogramms

v.l.n.r.: Dr. Mark Gutkin, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, Anja-Christina Rex, stellv. Fraktionsvorsitzende Stadtverband Recklinghausen CDU, Claus Beeking, Vorsitzender vom Ortsverband Altstadt Recklinghausen CDU, Udo Schmidt, Ratsherr und Fraktionsvorsitzender Recklinghausen FDP, Klaus Herrmann, Institutsleitung „die Brücke“, Ulrich Engelmann, Ratsmitglied und kulturpolitischer Sprecher SPD, Bettina Kollecker, Projektkoordinatorin für die Ruhrfestspiele Recklinghausen, Dirk van Buer, Vorstandsstab Sparkasse Vest Recklinghausen

Die jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen veranstaltete am Dienstag, den 22. April 2025, ihre vierzehnte Kulturprogrammpräsentation.
In der neuen Saison stehen Konzerte auf dem Programm, die unterschiedliche Genres und Strömungen der jüdischen Musikkultur präsentieren.
Das erste Konzert mit der internationalen Klezmerband „Dobranotch“ findet auf dem Kulturvolksfest am 1. Mai im Rahmen der Ruhrfestspiele
im Ruhrfestspielhaus um 17:30 Uhr statt.
Aus der gemeinsamen Kooperation zwischen der Jüdischen Kultusgemeinde und den Programmkoordinatoren des Kulturvolksfestes im Rahmen der Ruhrfestspiele lässt sich sicherlich eine Botschaft ableiten, dass Antisemitismus weder im Kulturbetrieb noch gesamtgesellschaftlich einen Platz haben darf.
Ein weiterer Programmpunkt im Minikino ist die Filmpremiere des Kurzƒ lms „Israel und Sara“ von Tim Gralke und der Filminitiative NRW e.V.
Ein Filmbeitrag, der zum Teil in der Synagoge und mit Unterstützung der Jüdischen Kultusgemeinde gedreht wurde.
Die weiteren Auftritte im Rahmen des diesjährigen Kulturprogramms ƒ nden wie gewohnt in der Jüdischen Kultusgemeinde statt.

Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, FOTO: Alexander Libkin

Kommt herein, der Eintritt ist frei

Schon seit über 14 Jahren veranstaltet die jüdische Gemeinde des Bezirks Recklinghausen mit der Unterstützung des Zentralrates der Juden in Deutschland und anderer Sponsoren alljährlich jüdische Musikabende unter dem gemeinsamen Titel „Tre punkt Synagoge“. Sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil des kulturellen Lebens unseres Bezirks und erfreuen sich unveränderter Beliebtheit bei den Stadtbewohnern und Besuchern der Stadt, die gegenüber der musikalischen Kunst unseres Volkes nicht gleichgültig sind.

Die Programme der musikalischen Abende sind sehr interessant und vielseitig. An den Konzerten nehmen Musiker aus vielen Länder der Welt teil. Sie alle schenken uns ihre Kunst und verleihen ihr ihren eigenen unvergesslichen Charakter. Wie üblich nehmen am Programm „Tre punkt Synagoge 2025“ Interpreten und Bands teil, die in verschiedenen Genres und Richtungen der Musik aktiv sind. Jedes Jahr ’ ndet ein Teil der Konzerte im Rahmen des Festivals „Ruhrfestspiele Recklinghausen“ statt. Am 1. Mai wird bei  der Erö nung des Festivals die Gruppe Dobranotch mit ihrem vielseitigen Programm auftreten. Ihr Repertoire umfasst Lieder in Jiddisch, Ivrith und Russisch, religiöse Melodien und Tanzmelodien, mitreißende Balkan-Rhythmen sowie auch Klezmer-Musik.
Bei dem Auftritt des Quartetts „Mame-Loshn“ wird traditionelle aschkenasische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts erklingen, begleitet von einer interessanten Erzählung aus der Geschichte der jüdischen Kultur und dem Mystizismus.
Das Duo „Michel Gershwin“ dagegen erfreut die Liebhaber der Romantik mit seinem neuen Programm „Salamon Jadassohn (1831-1902) – zurück aus der Vergessenheit“, bei dem sie Werke des vergessenen herausragenden jüdischen Komponisten aus Leipzig aufführen.
Mit seinem Quartett stellt der australisch-ungarische Jazz-Geigenspieler Daniel Wellinger ein Programm vor, das jüdische Volksmusik, Jazz-Stücke sowie einige seiner eigenen Kompositionen im Stil des Swing umfasst.
Der künstlerischen Hingabe jüdischer Komponisten, die im Exil oder in schwierigen Zeiten lebten, ist der Auftritt von DARNEA TRIO gewidmet. Ihr Konzert-Programm mit dem Titel „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ spiegelt die Vielseitigkeit der menschlichen Erfahrung wider und geht über die Grenzen von Raum und Zeit hinaus.
Die weitere Teilnehmerin von „Tre punkt Synagoge 2025“, Anna Friedmann, erfreut ihr Publikum immer mit durchdachten Solo-Abenden, Konzerten der Kammermusik sowie mit Auftritten als Solistin mit einem Orchester.
Michael Alexander Willens hat sich schon vor langer Zeit  einen Namen gemacht, durch die Au ührungen eines ganz unterschiedlichen Repertoires, die er für unser musikalisches Leben wieder ö net. Mit seinem Shvayg mayn harts Orchester führt er für uns die unvergesslichen „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Ikh hob dich tsuvil lib“ und andere auf, deren Musik und Worte seinen Großvätern Alexsander Olshanezkij und German Jablokov (Chaim Jablonik) gehören. Sie waren zwei der bekanntesten Autoren des Goldenen Zeitalters des jiddischen Theaters in Amerika. Ihre Lieder erklangen in Musicals und wurden zu weltweit bekannten Hits. Das kulturelle Programm unserer Gemeinde gibt euch eine großartige Gelegenheit die Au ührung der Lieblingshits noch einmal zu genießen.
Besonders möchte ich anmerken, dass seit 2011, seit der ersten Durchführung von „Tre punkt Synagoge“, der Gemeindevorsitzende Dr. Gutkin sich mit der Auswahl des Repertoires und der Organisation befasst. Ein großer Dank an ihn für die Freude der  Unterhaltung mit den großartigen Musikern und Musikerinnen, die er für Treffpunkt Synagoge gewinnen konnte, wie auch an diejenigen, die die alljährlichen künstlerischen Tre en unterstützen.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklingha, FOTO: Alexander Libkin

Ein großes und ein kleines Wunder ist geschehen

Jedes Mal, wenn das Purim-Fest kommt, lesen wir der Tradition entsprechend die Esther-Rolle, sind fröhlich, singen, tanzen und trinken Wein. Wir feiern die wundersame Rettung unseres Volkes vor über 2.000 Jahren und den Tod derer, die sich vorgenommen hatten, die Juden zu vernichten. Außerdem verkleiden wir uns mit Karnevalskostümen. Es gibt einige Gründe dafür, dass man das macht. Einer der am weitesten verbreitete Grund ist, dass wir die Idee von Esther wieder aufgreifen, die ihre  jüdische Identität vor dem König verborgen hatte und dies für die Rettung der Juden nutzte. Der andere Grund: Wir erfreuen uns an Wundern, welche der Allmchtige uns durch die Verkettung verschiedener Ereignisse schenkt.
Wir alle brauchen Wunder. Wobei die Erwachsenen sie manchmal dringender brauchen als Kinder. Denn die Freude an Purim selbst ist auch ein Wunder, auf ihre Art eine Demonstration der Lebenskraft des jüdischen Volkes. Und diese Demonstration geschieht über so viele Jahre vor den Augen der Erben Hamans, all derer, die seine düsteren Taten gerne fortsetzen würden.
Purim ist das Fest der versteckten Wunder. Und wenn man genau hinschaut, sind sie in der Nähe, sie sind nicht schwer zu erkennen.
So geschahen auch in der Gemeinde des Bezirks Recklinghausen außer der traditionellen Lesung der Megilat Esther, dem Lärm der Rasseln, des Purimspiels, der Freude und eines feierlichen Festmahls viele erstaunliche Wunder. Urteilt selbst: Ist es nicht ein Wunder, wenn in die Gemeinde zum Fest gleich drei oder manchmal auch vier Generationen einer Familie kommen? Wenn die jungen Großeltern, manchmal aber auch die Urgroßeltern, ihre Enkel und Urenkel zum Fest in die Gemeinde mitbringen und alle  zusammen das Fest feiern. Von einem solchen Wunder konnten die jüdischen Einwanderer, die vor etwa 30 Jahren nach Deutschland kamen, nur träumen! Und das ist nicht nur eine Familie, sondern mehrere. Wie viele Familien – so viele Wunder! Und das ist  noch nicht alles. In der vergangenen Ausgabe wurde bereits über den „Schatz“ berichtet, der auf dem Gelände der Gemeinde während Bauarbeiten gefunden wurde. Es ist eine Schachtel mit Träumen und Wünschen der Kinder der Jugendgruppe „Agada“, die sie  im Jahr 2016 vergraben haben. Wir hatten uns vorgenommen, diese Kinder zu finden und zu erfahren, wie es ihnen inzwischen ergangen ist. Doch das musste man gar nicht machen. Zum Purimfest kam ganz spontan in die Gemeinde einer der Besitzer des Schatzes. David Blaiwas, der schon viele Jahre nicht mehr in Recklinghausen lebt (wie auch die Mehrheit jener jungen Leute), freute sich sehr über den Schatz und hat es zuerst sogar nicht geglaubt, dass er gefunden wurde. David erzählte, dass die früheren  Kinder von „Agada“ all diese Jahre in Kontakt geblieben sind. Sie sind befreundet wie früher, treffen sich oft, erinnern sich an ihre Botschaften aus ihrer Kindheit an ihr „erwachsenes“ Ich und würden sie sehr gerne finden. Doch sie hatten vergessen, wo sie die  Schachtel vergraben hatten. Für sie ist dieser Fund ein wahres Wunder. So viele, wenn auch kleine, Wunder brachte das Purimfest allein in unsere Gemeinde! Während Antisemitismus sich immer weiter verbreitet, erinnert Purim an die Bedeutung des Zusammenhalts und gegenseitiger Hilfe. Es ist ein Fest, das lehrt, die Hoffnung nicht zu verlieren und sich am Leben zu erfreuen, ungeachtet aller Herausforderungen. Purim bringt jedem Juden Freude und Fröhlichkeit, die Erfüllung der unglaublichsten  Wunder und Träume.
Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen Foto: Alexander Libkin

Besuch eines hochrangigen Gastes

Dr. Schuster besichtigte die Ausstellung des Jüdischen Museums Westfalen und trug sich im Beisein von Dorstens Bürgermeister Tobias Stockho und Vertretern der Stadtverwaltung in das „Goldene Buch“ der Ehrengäste der Stadt ein

Am 31. März 2025 empŒfing die Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen einen hochrangigen Gast: Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, besuchte die Synagoge der Stadt. Auf Einladung des ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Breilmann kam er zu einem Arbeitsbesuch in unseren Landkreis. Ein wichtiger Aspekt der Arbeit von Herrn Michael Breilmann war und ist es, das Leben der jüdischen Mitbürger zu beleuchten und Extremismus und  Antisemitismus zu bekämpfen. Er initiierte den Besuch des hochrangigen Gastes, um ihn mit dem Leben der Juden in unserem Kreis vertraut zu machen.

v.l.n.r.: Christoph Tesche, Bürgermeister der Stadt Recklinghausen; Michael Breilmann, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter; Friederike Zurhausen, Polizeipräsidentin des Polizeipräsidiums Recklinghausen; Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland; Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen; Bodo Klimpel, Landrat des Kreises Recklinghausen

Dem Gemeindebesuch ging ein Besuch des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten voraus. Dr. Schuster besichtigte die Ausstellung des Museums und trug sich im Beisein von Dorstens Bürgermeister Tobias StockhoŠ und Vertretern der Stadtverwaltung in das „Goldene Buch“ der Ehrengäste der Stadt ein.
Die Jüdische Gemeinde Recklinghausen, vertreten durch ihren Vorsitzenden Dr. Mark Gutkin, freute sich, Dr. Josef Schuster und die begleitenden Ehrengäste Bürgermeister Christoph Tesche, Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen und Landrat Bodo Klimpel begrüßen zu können. Dr. Gutkin führte die Gäste durch die Synagoge, die Bibliothek und die Seminarräume, erläuterte die Geschichte der Gemeinde und berichtete über das heutige Leben der Juden in Recklinghausen. „Wir nehmen aktiv am kulturellen, geistigen und sozialen Leben des Kreises teil und bemühen uns um eine oŠ ene und tolerante Kommunikation mit allen Teilen unserer Gesellschaft“, betonte der Gemeindevorsitzende.
Bürgermeister Christoph Tesche betonte auch weiter: „Die Stadt Recklinghausen und die Jüdische Kultusgemeinde stehen geschlossen für eine oŠ ene und tolerante Gesellschaft. Sie setzen gemeinsam ein klares Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus und jegliche Form der Ausgrenzung. Das wird auch in Zukunft so bleiben.“
Auch Dr. Schuster unterstrich die Bedeutung solcher Begegnungen und lobte das Engagement der Stadt: „Es ist beeindruckend, wie hier an die Geschichte erinnert und gleichzeitig ein aktiver Beitrag zur Stärkung der Zivilgesellschaft geleistet wird. Die Einbindung von jungen Menschen in die Gedenkarbeit ist von zentraler Bedeutung.“
Michael Breilmann, der die Veranstaltung maßgeblich initiiert hatte, hob hervor, dass er in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter enge Kontakte zum Zentralrat der Juden gep” egt habe. „Es ist mir ein besonderes Anliegen, dass wir den Dialog zwischen Politik  und der jüdischen Gemeinschaft fortführen und weiter intensivieren. Der Besuch von Dr. Schuster zeigt, dass Recklinghausen und die gesamte Region eine lebendige und engagierte Erinnerungskultur p”flegen.“
Der Besuch endete mit der gemeinsamen Erkenntnis, dass das Gedenken an die Vergangenheit und das Engagement gegen Antisemitismus dauerhaft gestärkt werden müsse. Die Jüdische Kultusgemeinde Recklinghausen und die Stadt bleiben sich dabei einig in  ihrem Bestreben, für eine oŠ ene und tolerante Gesellschaft einzutreten. Die Anwesenden betonten auch, wie wichtig es sei, die junge Generation gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit zu erziehen.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Ludger Staudinger, und Alexander Libkin

Recklinghausen gedachte des Gemeindegründers Rolf Abrahamsohn an dessen 100. Geburtstag

Gemeindechef Dr. Mark Gutkin erinnerte an Rolf Abrahamsohn, den Gründer der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, Mark Gutkin, zu Beginn der Gedenkfeier zum 100. Geburtstag von Rolf Abrahamsohn seine Rede immer wieder unterbrach, um den 2021 verstorbenen Vorsitzenden der Gemeinde selbst zu Wort kommen zu lassen. So zeigte ein Video Abrahamsohn, wie er auf dem jüdischen Friedhof Recklinghausen von dem sprach, was er selbst sein Schicksal nannte.

Abrahamsohn berichtete darin, wie er mit anderen Juden aus dem Kreis Recklinghausen in ein Ghetto im lettischen Riga deportiert wurde, wie die Nazis seine Mutter erschossen und wie er von Freunden davon abgehalten werden konnte, mit ihr in den Tod zu gehen, weil sein Vater und sein Bruder ihn brauchen würden. Doch die waren, was Abrahamsohn nicht wusste, zu diesem Zeitpunkt bereits in Auschwitz ermordet worden.
Durch sieben Konzentrations- und Arbeitslager zwangen ihn die Deutschen, bis Abrahamsohn am 8. Mai 1945 in Theresienstadt halb verhungert von der Roten Armee befreit wurde. Er kehrte nach Recklinghausen zurück und baute in der Nähe, in seiner Geburtsstadt Marl, das Geschäft seines Vaters wieder auf.

Abrahamsohn überlebte sieben Konzentrations- und Arbeitslager

»Ich wollte nicht mehr in Deutschland leben, aber die Briten ließen mich nicht nach Palästina, und in die USA konnte ich auch nicht einreisen«, erzählt er in dem Video. In der noch jungen Bundesrepublik erlebte Abrahamsohn dann, wie das einstige NSDAP-Mitglied, der Marler Amtsbürgermeister Friedrich Wilhelm Willeke, der die Enteignung des väterlichen Geschäfts durchgesetzt hatte, seine politische Karriere fortsetzen konnte. »Sie haben ihn einfach wiedergewählt«, erinnerte sich Abrahamsohn. Willeke baute nach 1945 die CDU mit auf und war von 1953 bis zu seinem Tod im Jahr 1965 Bundestagsabgeordneter.

Abrahamsohn blieb aber und baute die Jüdische Gemeinde Bochum-Recklinghausen auf, deren Vorsitzender er von 1978 bis 1992 war. Aus ihr gingen 1999 die beiden heutigen Gemeinden Recklinghausen und Bochum-Herne-Hattingen hervor. Er erzählte in Schulen von seinem Schicksal. Dazu hatte ihm ein Rabbiner geraten, der ihm einmal gesagt hatte: »Wenn du von allen Leuten nur einen Jugendlichen überzeugen kannst, dass Juden nicht schlechter sind als die anderen, dann hast du viel erreicht.«

Der Vorsitzende war aktiv für ein anderes Deutschland.

Recklinghausens Landrat Bodo Klimpel (CDU) dachte auf der Gedenkfeier laut darüber nach, was Abrahamsohn wohl über das heutige Deutschland denken würde: »Was würde er empfinden, wenn er die Bilder von Menschen gesehen hätte, die in Berlin nach den Terroranschlägen vom 7. Oktober gejubelt und gefeiert haben?«

»Wie würde er darüber sprechen«, fuhr Klimpel fort, »dass eine in Teilen rechtsextreme Partei als zweitstärkste Fraktion in unseren Bundestag einzieht?« Klimpel sagte, er schäme sich für eine Entwicklung in Deutschland, die dazu führt, dass Juden nicht mehr sicher sind. Der Landrat lobte Abrahamsohns unermüdliche Arbeit für Versöhnung. »Sein Kampf muss jetzt unser Kampf sein.«

Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erinnerte an die Jugend Abrahamsohns in Marl vor der NS-Zeit. Er sei in einer Umgebung aufgewachsen, in der sein Judentum keine Trennlinie zu anderen Kindern darstellte. »In seiner Kindheit«, so Lehrer, »hatte er viele nichtjüdische Freundinnen und Freunde, ohne dass seine jüdische Herkunft eine Rolle spielte. Doch mit dem Aufstieg der NSDAP und der Ernennung Adolf Hitlers 1933 zum Reichskanzler fanden nicht nur diese Freundschaften ein jähes Ende.«

Obwohl seine Feinde ihn vernichten wollten, habe er sich in sein Leben zurückgekämpft.

Am Vortag hätten drei aus Österreich kommende Syrer an dem Gedenkort für die Geiseln vor dem Jüdischen Museum in München randaliert. Als die Sicherheitskräfte eingriffen, habe einer von ihnen ein Messer gezückt. Zu einer Messerstecherei sei es nicht gekommen, sagte Lehrer, aber er könne nicht verstehen, dass alle drei mittlerweile schon wieder auf freiem Fuß seien. »Ich bin dankbar, dass Rolf Abrahamsohn die Entwicklungen nicht mehr miterleben musste.«

Recklinghausens Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen, Trägerin der 2018 vom Kreis gestifteten Rolf-Abrahamsohn-Medaille, erinnerte sich an die vielen Begegnungen, die sie mit dem früheren Gemeindevorsitzenden hatte. Sie sei stolz gewesen, als Abrahamsohn sie 2020 sogar zu sich nach Hause eingeladen hatte. Dort erhielt er von Nordrhein-Westfalens damaligem Ministerpräsidenten Armin Laschet den Landesverdienstorden.

Oft sprach Abrahamsohn mit Jugendlichen über seine Geschichte

Zurhausen zitierte daraufhin aus dem Lied »Mensch« von Herbert Grönemeyer die Zeilen: »Und der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft. Und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt.« Abrahamsohn habe sich in sein Leben zurückgekämpft, obwohl seine Feinde ihn vernichten wollten.

Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung kam Abrahamsohns Sohn André zu Wort. »Dass Sie meines Vaters über seinen Tod hinaus gedenken, hätte ihn sehr gefreut und berührt.« Oft habe sein Vater mit Jugendlichen über seine Geschichte gesprochen, die Zeitzeugen hätten Großes geleistet. Seine Botschaft: Ihnen sei, wie seinem Vater, wichtig gewesen, dass sich die Unmenschlichkeit nicht wiederholt.

Quelle: Jüdische Allgemeine von Stefan Laurin, Foto: Stefan Laurin

Wohin gehen wir denn?

 

Am 9. März 2025 war der 100. Geburtstag von Rolf Abrahamsohn. Dieser Mensch hat die Schrecken des Holocaust überlebt, hat sieben Konzentrations- und Arbeitslager, Diskriminierung, Gewalt und Folter, Vertreibung und den Tod von Verwandten  überstanden. Doch ungeachtet all der Strapazen hat Herr Abrahamsohn nicht nur in sich die Kraft gefunden, um weiterzuleben, sondern auch alles getan, damit sich dies niemals mehr wiederholt.
Rolf Abrahamsohn war eines von vier Kindern des Besitzers eines Geschäfts für Bekleidung und Schuhe in der Stadt Marl. Sein Vater Arthur kämpfte an den Fronten des Ersten Weltkriegs für Deutschland, was im Weiteren weder ihn noch seine Familie gerettet  hat. Im Jahr 1938 wurde die Familie Abrahamsohn nach dem November-Pogrom aus Marl vertrieben und ihr Haus wurde enteignet. Hier breitete sich das Hauptquartier der örtlichen Abteilung der NSDAP aus.
Die Familie musste in das „jüdische Haus“ in Recklinghausen umziehen. Hierher brachte man die jüdischen Familien des Bezirks für ein „kompaktes Wohnen“. Der Vater und sein ältester Sohn wurden festgenommen und mussten nach der Befreiung aus dem  Gefängnis nach Belgien fliehen.
Weil das Geld für die Flucht nur für zwei reichte, blieben die anderen Familienmitglieder in Deutschland. Im Alter von 14 Jahren musste Rolf Abrahamsohn erstmals Zwangsarbeit in die Firma Ruhrgas in Gelsenkirchen leisten. Die Verfolgung der Juden und die Beschränkung ihrer Rechte wurden immer stärker. Im Jahr 1940 stirbt der jüngere Bruder Rolfs an Diphtherie. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof Recklinghausens bestattet. Es war die einzige Grabstätte, die Herr Abrahamsohn besuchen konnte, die übrigen Familienmitglieder wurden in Gemeinschaftsgräbern verschiedener Konzentrationslager beerdigt.
Im Januar 1942 wurden Mutter und Sohn gemeinsam mit anderen Juden in das Ghetto von Riga deportiert. Die Mutter wurde zur Überarbeitung alter Heizkörper eingeteilt. Die Arbeiten wurden ohne jegliche Schutzmittel mit bloßen Händen durchgeführt. Schon bald erlitt sie wegen der Einwirkung von Batteriesäure starke Verbrennungen, wurde arbeitsunfähig und man erschoss sie. Aus der Erzählung Herrn Abrahamsohns am 6. November 2017: „Als ich davon erfuhr, wollte ich mich in den Elektrozaun des  Lagers stürzen. Doch meine Freunde hielten mich davon ab. Sie sagten, dass ich leben muss, denn mein Vater suchte mich.“
Rolf Abrahamsohn (geboren 9. März 1925 in Marl; gestorben am 23. Dezember 2021 in Marl)

Überleben, um weiterzuleben

Am 8. März dieses Jahres wurde im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten die Ausstellung „Rolf Abrahamsohn – das Leben deutscher Juden im 20. Jahrhundert“ eröffnet. Die Eröffnung der Ausstellung hing mit dem 100. Geburtstag Herrn Abrahamsohns zusammen. Hier sind Ausschnitte aus seinen Interviews gesammelt worden, Fotos, Dokumente, persönliche Gegenstände. Auch wenn die Ausstellung nur dem Leben einer Person gewidmet ist, gibt sie doch einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse im Leben der Juden in Deutschland im 20. Jahrhundert.

Am Beispiel einer Familie kann man beobachten, wie ihr Leben sich unter dem Druck durch das Naziregime veränderte, welche Prüfungen sie durchgemacht haben, wie sie sich bemühten, ihre Kultur und Würde während der Verfolgung zu bewahren. Wie die Reparationen in der Nachkriegszeit abliefen, wie die Wiederherstellung des jüdischen Lebens in Deutschland geschah. Die Geschichte und Gesellschaft werden durch Menschen gestaltet, durch ihre Erfahrung, ihre Ansichten und Handlungen.

Dem Publikum wird ein Blick auf das Leben der Juden in Deutschland im 20. Jahrhundert geboten, durch die Augen von Rolf Abrahamsohn. Von einer gleichberechtigten Koexistenz zu Beginn des Jahrhunderts bis zur Verfolgung und Massenvernichtung in den Jahren des Naziregimes, von der Rückkehr einiger weniger Überlebender, der Wiederherstellung der kulturellen und religiösen Traditionen, der schweren Überwindung der Traumata der nahen Vergangenheit, bis zur massenweisen Einwanderung von Juden in den 1990er Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Integration neuer Generationen von Juden in die moderne deutsche Gesellschaft. Er war Zeuge und Beteiligter dieser Ereignisse und trug in vielem zu den Geschehnissen bei.

Er leistete viel öffentliche Arbeit, beschäftigte sich mit Wohltätigkeit. Seit dem Beginn der 70er Jahre nahm er aktiv am Leben der Gemeinde Recklinghausen-Bochum teil. Er war einer ihrer Gründer – und von 1978 bis 1992 auch der Gemeindevorsitzende. Er war bei der Arbeit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit aktiv und maß der Arbeit mit Jugendlichen große Bedeutung bei. Er sprach mit Schülern und Studenten verschiedener Lehranstalten und mit jungen Polizisten.

Und nun kamen ins Museum zur Ausstellung, die von der Leitung der Gemeinde des Bezirks Recklinghausen organisiert wurde, erwachsene Gemeindemitglieder und Vertreter der Kinder- und Jugendgruppe. Die Ausstellung und die Erzählung des Museumsführers riefen bei allen tiefe Emotionen und Überlegungen hervor. Die gesammelten Ausstellungsstücke machen einen tiefen

und bewegenden Eindruck, indem sie Mitleid und Respekt vor dem Erlebten wecken. „Heute haben wir alle, und besonders die Kinder, am Beispiel von Rolf Abrahamsohn eine Lehre in moralischer Standfestigkeit und unglaublicher geistiger Kraft bekommen. Wie man in unmenschlichen Bedingungen überlebt und sein Leben weiter fortsetzt“, formulierte Elena Nikolay, eine der Besucherinnen, sehr treffend den Gesamteindruck.

Auch wurden wir Zeugen einer kleinen historischen Suche. Eine Frau, die sich im Museum unserer Exkursionsgruppe angeschlossen hatte, wandte sich an den Museumsführer. Ihr Name ist Annette E., sie sucht seit vielen Jahren nach Informationen über ihren Großvater mit dem Nachnamen Gottschalk. Er lebte im Bezirk Recklinghausen und war vermutlich jüdisch, doch nach 1933 trat er zum Katholizismus über und zog in die Saar um. Wie sie erfahren hatte, war der Mädchenname der Mutter von Rolf Abrahamson –Else Abrahamsohn – Gottschalk. Annette E. vermutet, ihr Großvater könnte mit Else verwandt gewesen sein. Sie kam aus der Saar und besuchte das Jüdische Museum in der Hoffnung, etwas zu erfahren und bat um Hilfe bei der Suche, wenn es möglich sei. Annette E. war sehr beeindruckt von der Geschichte der Familie Abrahamsohn. „Natürlich habe ich Geschichte in der Schule gelernt und wusste über den Holocaust Bescheid. Doch all die Tiefe der menschlichen Tragödie und wie stark persönliche Geschichten sich mit größeren Ereignissen verflechten, ist mir erst heute bewusst geworden.“

Wir alle waren von der Ausstellung „Rolf Abrahamsohn – das Leben deutscher Juden im 20. Jahrhundert“ sehr beeindruckt. Sie fördert auf jeden Fall die Erweiterung des Wissens über die schwierige und vielseitige Geschichte der jüdischen Gemeinde in Deutschland. Und sie ruft in den Zuschauern auch das Gefühl von Verständnis und Verantwortung hervor, die Wiederholung der vergangenen Tragödie zu verhindern.

Im Namen unserer Gruppe haben die jungen Teilnehmer Nikol Matlina und Georg Shekun einen Dankes-Beitrag im Gästebuch des Museums hinterlassen.

Artikel & Foto: Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde, Kreis Recklinghausen

Außerdem werden Fotos aus dem privaten Archiv der Familie Abrahamsohn gezeigt

Ein Gespräch über die Vergangenheit und die Zukunft

v.l.n.r.: Abraham Lehrer, Vorsitzender der Synagogen-Gemeinde Köln und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland; Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen; Friederike Zurhausen, Polizeipräsidentin des Polizeipräsidiums Recklinghausen; Bodo Klimpel, Landrat des Kreises Recklinghausen; Christoph Tesche, Bürgermeister der Stadt Recklinghausen; André Abrahamsohn, der Sohn von Rolf Abrahamsohn mit Ehefrau

Den Gedenkabend zu Ehren des 100. Geburtstags des ehemaligen Vorsitzenden der Gemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen, Herrn Rolf Abrahamsohn, kann man zweifellos als eines der wichtigsten Ereignisse des Gemeindelebens unseres Bezirks bezeichnen. Von 1978 bis 1992 war er Vorsitzender der Gemeinde.
Auf die Bitte von Herrn André Abrahamsohn hin fand der Gedenkabend für seinen Vater im Gebetssaal unserer Gemeinde statt, anstatt irgendeines anderen städtischen Raumes für offizielle Veranstaltungen. Er ist im Dezember 2021 von uns gegangen, hat aber eine unauslöschliche Spur in den Herzen derer hinterlassen, die ihn kannten und die er mit seiner Beteiligung an verschiedenen wohltätigen Projekten unterstützte. Er war ein Mensch mit einem starken Geist, den das schwere Schicksal nicht gebrochen hat; er überstand sieben  Konzentrations- und Arbeitslager und hat während der Nazi-Herrschaft alle seine Verwandten verloren.
Rolf Abrahamsohn widmete sein ganzes Leben dem Ziel, dass die Menschen die Schrecken des vergangenen Krieges und die Tragödie des Holocaust nicht vergessen, damit sich dies  niemals mehr wiederholt. Im Saal waren außer Gemeindemitgliedern Ehrengäste anwesend, die gekommen waren, um ihre Achtung auszusprechen und sein Andenken zu ehren.
Nach einer kurzen Begrüßung gab der Vorsitzende der Gemeinde Herr Gutkin den VersammelVersammelten eine Gelegenheit Herrn Rolf Abrahamsohn zu treffen. Über hundert  Menschen hielten den Atem an, als der Jubilar selbst von zwei Bildschirmen zu sprechen begann. Er erzählte dem Publikum die Geschichte seines Lebens und wandte sich an die Anwesenden, vor allem an die Jugendlichen, mit der Bitte, sein Lebenswerk fortzusetzen. Dies geschah unerwartet und gab der ganzen Veranstaltung eine aufrichtig herzliche Atmosphäre, ohne irgendeine Förmlichkeit und Pathos.
Zu der so emotionalen Kulisse des Abends trug auch die Musik bei. Die Ansprachen der Redner wechselten sich mit Auftritten der Musikgruppe der Gemeinde, musikalischen Aufführungen in der großartigen Interpretation von Misha Nodelman (Geige) und Mark Mefsut (Cello). Auf sehr bewegende Weise erklang die Melodie des Liedes „Mensch“ von  Herbert Grönemeyer, welche eine junge Polizistin auf der Flöte spielte.
Der Vorsitzende der Bezirksverwaltung, Herr Bodo Klimpel, stellte laut die Frage zum heutigen Deutschland: „Wie würde sich Herr Abrahamsohn fühlen, wenn er die auf den Straßen  deutscher Städte jubelnden Menschenmengen sehen könnte, die den Angriff der Terroristen am 7. Oktober 2023 feiern? Wie würde er auf die sich häufenden Fälle von Angriffen auf  Juden reagieren? Was hätte er über die rechtsextreme Partei gesagt, die es als zweitstärkste Fraktion in den Bundestag geschafft hat?“ Und er unterstrich, dass er sich für diese  Entwicklung der Ereignisse schämt.
Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Abraham  Lehrer nannte den Jubilar einen „unermüdlichen Brückenbauer zwischen den Generationen“. Er sagte, dass er  nicht nur Zeuge der Shoah war, sondern auch eine warnende Stimme vor deren Wiederholung. Herr Lehrer unterstrich, dass dieser Mensch nach dem Krieg aktiv für ein anderes, neues  Deutschland agierte. Ebenso merkte er an, dass es für ihn nicht schwer war, Aufklärungsarbeit vor Jugendlichen zu betreiben. Doch die Auftritte vor Erwachsenen, unter deren sich  Leute mit nationalsozialistischen Anschauungen befinden konnten, kosteten viel moralische und physische Kraft.
Der Vizepräsident führte eine Verbindung zur heutigen Zeit an. Er erinnerte daran, was vor kurzem am Denkmal für die Geiseln vor dem Jüdischen Museum in München geschehen ist. Drei syrische Touristen aus Österreich zettelten dort Unruhen an. Als sich  die Sicherheitskräfte einmischten, zückte einer der Randalierer ein Messer. Und auch wenn es keine Stichwunden gab, ist es unverständlich, warum diese „Touristen“ nicht festgenommen wurden. „Ich bin dankbar, dass Rolf Abrahamsohn diese Ereignisse nicht mehr miterleben musste“, erklang es zum Schluss.

Die Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen, die von dem Bezirk im Jahr 2024 mit der Rolf-Abrahamsohn-Medaille geehrt wurde, erinnerte sich sehr herzlich an ihre eigenen zahlreichen Treffen mit diesem ungewöhnlichen Menschen. Daran, dass sie stolz und  geschmeichelt war über seine Einladung im Jahr 2020 ihn zu Hause zu besuchen, zu der Zeremonie, während der er mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen geehrt wurde. „Er war ein Mensch mit einem großartigen Sinn für Humor. Er war ein Vorbild und Inspirationsquelle, er konnte in der persönlichen Unterhaltung Menschen für sich einnehmen und den Gesprächspartner motivieren“, teilte Frau Polizeipräsidentin ihre Erinnerungen. Und sie zitierte die Zeilen aus dem Lied „Mensch“ von Herbert Grönemeyer: „Und der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt“

Wie alle, die aufgetreten sind, merkte Frau Zurhausen an, dass der Jubilar sich die Realitäten der heutigen Zeit nicht hätte vorstellen können, und noch weniger hätte er sie annehmen können. Als roter Faden zog sich durch alle Reden der Gedanke, dass das Werk seines Lebens zu unserem gemeinsamen Werk werden muss. Am Ende des feierlichen Teils des Abends trat André Abrahamsohn auf. Er sagte, dass die Erinnerungen der Redner an seinen Vater ihn sehr bewegt haben. Auch freute ihn die Tatsache, dass  die Menschen Rolf Abrahamsohn nicht vergessen. Der Abend zu Ehren des 100. Geburtstags seines Vaters hätte bestimmt auch dem Jubilar gefallen. Und noch einmal erinnerte er an die Botschaft – das wichtigste Testament seines Vaters an die folgenden  Generationen: „Am wichtigsten ist es, dass die Unmenschlichkeit sich niemals wiederholt!“
Zum Abschluss möchte ich persönlich dem Vorsitzenden der Gemeinde Mark Gutkin danken, den Mitarbeitern der Gemeinde, sowie auch allen Beteiligten für den großartig organisierten und durchgeführten Abend.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen Foto: Ramiel Tkachenko/J.E.W.

Wohin gehen wir denn?

Der 27. Januar ist der internationale Gedenktag der Opfer des Holocaust. Im November des Jahres 2005 hat ihn die UN Vollversammlung als Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die russischen Trup pen festgelegt. Für Recklinghausen ist dies auch der Gedenk tag für die 250 jüdischen Bürger der Stadt, die am 21.01.1942 in das Ghetto von Riga deportiert wurden. Sie wurden fast alle getötet. Überlebt haben nur 16 Personen.
Wir haben bereits das dritte Jahr, in dem in der Stadt der „Koffer Marsch“ stattfindet. Menschen mit Koffern und Plakaten mit den Aufschriften „Niemals mehr“ und „we remember“ gehen durch die Straßen des Stadtzentrums, wie die jüdischen Todeskandidaten sie 83 Jahre zuvor entlanggingen. Beendet wird dieser Zug in der Synagoge, wo ein gemein sames Gebet  zum Gedenken gesprochen wird. Leute nehmen an dem Marsch nicht nur teil, um sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern auch, um sich der Gegenwart bewusst zu werden und  über die Zukunft nachzudenken. Nur zusammen können wir alle die Slogans auf den Plakaten verwirklichen. Vertreter verschiedener Konfessionen, sozialer Gruppen und Altersgruppen kommen, um sich gemeinsam gegen das furchtbare Wachstum des Antisemitismus zu wehren, der sich in aller Welt verbreitet. Leider ist er in den letzten
drei Jahren nicht nur nicht weniger geworden, sondern auch noch weitergewachsen. Es ist sehr schwer, sich die Daten statistischer Erhebungen zu dieser Frage anzusehen, die in der  Weltpresse publiziert wer den. Es ist noch schwieriger, zu versuchen, die grausame, ungeheuerliche Ungerechtigkeit zu verstehen, die um uns herum passiert.
Am 24. Januar dieses Jahres haben in Berlin die Anhörungen vor Gericht in der höchsten Instanz begonnen, in der Sache eines Lehrers an einem der Berliner Gymnasien, der nach der  Entscheidung des Gerichts in Berufung.
Einige Tage nach der blutigen Oktober Tragödie in Israel hat ein 14 Jährigen Schüler eine Palästina Flagge auf dem Schulhof des Ernst Abbe Gymnasiums schwenkte. Der 62 Jährigen  Lehrer soll den Schüler ermahnt und versucht haben, ihm die Flagge wegzu nehmen. Ein anderer 15 jähriger Schüler, der in der Nähe stand, hat dem Lehrer laut Polizeiangaben daraufhin einen Kopfstoß gegeben, woraufhin ihn der Lehrer geohrfeigt haben soll. Wie der Lehrer schilderte, wurde Schüler mit ausgestrecktem Bein ihn in den Bauch getreten. „Der Junge ist Kampfsportler“, so der Lehrer. In Videos, die auf Instagram und X kursieren, ist zu sehen, wie der Lehrer den Schüler ohrfeigt und dann von ihm getreten wird und umfällt. Die Anklage warf dem Lehrer vor, dem inzwischen 15 Jährigen mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen zu haben. Der Lehrer sprach im Prozess von  einem reflexartigen Schlag nach einem Angriff des Schülers. Ursprünglich sollte der Lehrer für Sport und Geografie eine Geldstrafe von 3000 Euro zahlen. Gegen einen entsprechenden Strafbefehl des Amtsgerichts Tiergarten hatte er jedoch Einspruch eingelegt.
Die Staatsanwaltschaft sagt, dass dem Geschehen seien Provokationen vorausgegangen. Der Lehrer sei selbst verletzt worden und arbeite seitdem nicht mehr. Zudem sei er der Bedrohung durch Schüler ausgesetzt. Der Lehrer wies den Vorwurf eines ab sichtlichen Schlags vor Gericht zurück.
Der 62 Jährige war wegen Körperverletzung im Amt angeklagt. Er soll eine Geldauflage von 800 Euro zahlen, dann ist der Fall endgültig erledigt. Offenbar sollte der Lehrer sich nicht gegen die Schläge wehren sollen, sondern „Güte und wie man sich nicht gegen das Böse wehrt“ unterrichten.
Es ist sehr symbolisch, dass die Anhörungen am Vortag des Internationalen Gedenktags der Holocaust Opfer begannen. Denn der Lehrer trat praktisch an seinem Ort gegen die Wiederholung einer solchen Tragödie ein.
Es ist erfreulich, dass sich unter den Teilnehmern unseres „Koffer Marsches“ Vertreter von Lehran stalten der Stadt befanden. Sie erzählten von ihrer Teilnahme an Projekten, welche den Opfern der Nazi – Diktatur gewidmet waren, von der Arbeit mit historischen Dokumenten aus dieser Zeit. Wir möchten hoffen, dass dieses Wissen und diese Erfahrung junger Leute dafür sorgen werden, dass die Katastrophe sich nicht wiederholt.
Gerade die Demons trationen von Jugendlichen und Studenten mit palästinensischen Flaggen in den Händen, die um die ganze Welt gingen, haben die HAMAS in ihren Handlungen bestätigt. Jede solcher Aktionen ist die Verunglimpfung der Erinnerung ihrer Opfer. Junge Leute machen sich keine Gedanken darüber, dass sie Terror unterstützen, dass sie unter bestimmten Umständen selbst Opfer von Terror werden können. Es kommt ihnen nicht einmal in den Sinn, nachzuzählen, wie viele von den vielen Terroranschlägen, die in verschiedenen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten verübt wurden, durch Juden ausgeführt wurden, die sie lautstark beschuldigen – und wie viele durch die „frommen Krieger Allahs“. Die Auftritte derer, die HAMAS nicht von der  Bevölkerung Palästinas unterscheiden, haben die Qualen der Geiseln der HAMAS verlängert und viele von ihnen umgebracht. Selbst jetzt, wo der Austausch gegen palästinensische Gefangene stattfindet, unter denen eine Mehrzahl von Mördern ist, die  Terroranschläge verübt haben, hat die „progressive Öffentlichkeit“ die „Häftlinge“ der israelischen Gefängnisse zu politischen Gefangenen erklärt.
Sicherlich ist das aktuelle Aufkommen des Antisemitismus auch eine Folge des verlorenen, gut vorbereiteten Informationskrieges gegen unser Volk. Der Antisemitismus wurde mit dem Holocaust nicht ab geschlossen, er schwelte Jahrzehnte lang nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und jetzt droht diese Glut, zu einem weltweiten Flächenbrand zu werden. Man sollte nicht vergessen, dass die Massenvertreibung von Juden in Deutschland dem Beginn des Krieges voranging.
Man darf die Augen vor diesem traurigen Fakt nicht verschließen. Kann denn jeder von uns irgend wie dagegen kämpfen? Ich denke, ja. Für den Anfang kann man wenigstens an Veranstaltungen gegen den Antisemitismus teilnehmen, an jenem „Koffer Marsch“, einen symbolischen Koffer in der Hand tragend. Damit man, G tt bewahre, nicht irgendwann wirklich die Koffer packen muss. Insbesondere weil es dann keinen Ort mehr geben wird, an den man fliehen kann.

Quelle:Irina Barsukowa,Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Alexander Libkin

Eine Reise in die Niederlande

Am 26. Januar hat die jüdische Gemeinde der Stadt Recklinghausen eine Familienreise nach Holland angeboten und organisiert, deren Ziel der Besuch der Eisskulpturen-Ausstellung war. Da das Anschauen der Eiskompositionen nicht mehr als eine Stunde  dauern würde, hatte man vorgeschlagen, auch eine der Städte Hollands – Deventer – zu besuchen.

Alle Teilnehmer, die Erwachsenen und die Kinder trafen sich am Bahnhof und warteten auf den Bus. Das war bereits der Beginn eines angenehmen Zeitvertreibs. All die bekannten Gesichter, das Lächeln, die freudigen Rufe, einander zu grüßen, waren laut und  fröhlich. Sofort entwickelten sich Gespräche zu den unterschiedlichsten Themen und es gab eine Menge Fragen. Und nun kam endlich der Bus an. Die Leute setzten sich auf ihre Plätze und es ging los …
Einer der Organisatoren dieser Reise informierte uns über einige Punkte, die den Besuch der Ausstellung betrafen. Ich möchte anmerken, dass alle Reisen, von denen es in unserer Gemeinde reichlich gab, immer aufmerksam und gründlich durchdacht und  organisiert sind. Und das Wichtigste ist die warme, ruhige, freundschaftliche Atmosphäre, die sowohl während der Busfahrt als auch während der Exkursionen herrschte.
Wir kamen eineinhalb Stunden später bei der Ausstellung der Eisskulpturen an. Die Schlange bewegte sich ruhig, regelmäßig, die Tür öffnete sich und … wir sahen vor uns eine erstaunliche, nie gesehene Schönheit. Vor uns entfaltete sich eine zauberhafte Eis-Welt. Was haben wir bei der Ausstellung nicht alles gesehen?! Märchenfiguren, Vertreter von Flora und Fauna, ganze Szenen aus Werken, die aus Schnee und Eis vollbracht worden waren. Und die großartige Beleuchtung,
die bei der Wahrnehmung dieses Wunders eine nicht unbedeutende Rolle spielt, eine verzaubernde Musik, die uns begleitete – es war ein wahrhaftes Märchen!
Man nimmt es wahr wie etwas Unreales. Man kann es sich nicht vorstellen, dass es möglich ist, mit menschlichen Händen aus einem solchen Material, all das zu erschaffen und zum  Leben zu erwecken. Jedes Element der Komposition, sei es eine kleine Feder, eine Schuppe, ein Blütenblatt, scheint echt zu sein. Jede Figur ist ein filigranes Meisterwerk, das es würdig  ist, es sich genauer anzuschauen und ihm die Aufmerksamkeit zu widmen. Wir waren wirklich in einem Eis-Märchen, das uns eine Menge von Emotionen und Eindrücken geschenkt hat. Wir tauchten in die Welt der Kindheit ein, wurden zu Kindern, die bei  jedem Schritt wegen dieser Großartigkeit „oooh“ und „aaah“ machten. Wir haben einen unvergesslichen Eindruck von der Ausstellung bekommen.
Der nächste Punkt unserer Reise war die Stadt Deventer, die etwa 50 Minuten Fahrtzeit von der Ausstellung entfernt ist. Im Raum mit den Eisfiguren war es ziemlich kalt, 4 Grad. Für uns, die wir echten Frost nicht mehr gewohnt sind, ist das stressig. Alle waren leicht erfroren und aßen mit Vergnügen einen Happen im warmen Bus und ruhten sich aus. Und eine Stunde später kamen wir in der Stadt Deventer an, die am Fluss IJssel liegt, eine ehemalige Hansestadt. Es ist ein gemütliches altes Städtchen, eine der fünf ältesten Städte der Niederlande. Während des Zweiten Weltkrieges hat die Stadt sehr unter den Bombardements gelitten, zum Teil, weil die Kommunikationswege über der IJssel zerstört worden waren. Auch das historische Stadtzentrum hat gelitten, blieb aber  zum Glück trotzdem reich an Atmosphäre. Die Kirche von Lebuin in Deventer ist sehr schön.
Jedes Jahr seit über 30 Jahren findet in der Stadt das Dickens-Festival statt. Über 950 Figuren der berühmten Bücher des englischen Autors werden lebendig. Jedes Jahr kommen über 100.000 Besucher zum Festival in den engen Straßen von Bergkwartier. Das Dickens-Festival ist zu einem Ereignis geworden, das national und international berühmt ist, und hat geholfen, Deventer auf der Karte als Ort der Ereignisse zu platzieren. De Brink ist der größte und schönste Platz, auf dem wir ebenfalls spazieren gegangen  sind. Sogar in dieser Jahreszeit herrscht hier eine gemütliche Atmosphäre. Eine Menge kleiner Cafés und Restaurants macht Lust darauf, sie zu besuchen, doch leider hatten wir nicht genug Zeit. Man wollte noch etwas sehen und spazieren gehen.
In dieser kleinen Stadt gibt es auch eine Synagoge – eine kleine, doch sehr schön und gemütlich. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich lohnt, dieses wunderschöne Städtchen noch einmal zu besuchen. Im Großen und Ganzen ist die Reise in die Niederlande gelungen. Wir sind in eine Welt des Wunderschönen eingetaucht. Nach solchen Veranstaltungen tankt man für einige Zeit positive Energie. Wir sind unserer Gemeinde und den Organisatoren der Reise dankbar. Wir sind bereit, auch weiterhin zu  reisen und bisher ungesehene Orte und Ausstellungen zu besuchen. Macht Vorschläge, wir sind bereit!!!

Helena Blayvas, Foto: Archiv Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen