2026

Wachsen. Schaffen. Experimentieren.

Mitte 2022 öffnete in unserer Gemeinde ein Atelier für bildende Kunst seine Pforten. Unter der Leitung der Gastdozentin Olga Dotsenko wagten junge Talente ihre ersten künstlerischen Schritte. Die Kinder wurden altersgerecht in zwei Gruppen aufgeteilt: vier bis sieben Jahre sowie sieben Jahre und älter.

Olga Dotsenko ist eine professionelle Künstlerin sowie eine erfahrene und begabte Mentorin. Sie absolvierte die Nationale Universität für Bauwesen und Architektur in Charkiw mit einem Master-Abschluss in Architektur. Ihr gesamtes Leben ist dem Schaffen gewidmet: Schon in der Ukraine leitete sie Masterclasses und organisierte Einzelausstellungen. Den Unterricht gestaltete sie von Beginn an fundiert und seriös. Alles fing bei Null an: Keines der Kinder verfügte anfangs über die notwendigen Vorkenntnisse oder Fertigkeiten.

Beide Gruppen starteten mit theoretischen Grundlagen. Die Jüngeren lernten die Primärfarben kennen, arbeiteten mit Filzstiften und übten sich in ersten Skizzen. Die Älteren befassten sich mit Kompositionslehre, dem Farbspektrum, dem Aufbau geometrischer Figuren und Tonwertbeziehungen.

In den fast vier Jahren haben die Kinder enorme Fortschritte gemacht. Die Kleinen zeichnen längst nicht mehr nur mit Bunt- und Filzstiften, sondern greifen auch zu Acrylfarben. Sie lieben es, Farben zu mischen und neue Nuancen zu entdecken. Die Älteren arbeiten bereits sicher mit Acryl auf Leinwand und erschaffen Landschaften, Stillleben und komplexe Kompositionen. Ein neuer Meilenstein ist die Grafik: Die Kinder nutzen Fineliner und probieren sich in der Abstraktion aus.

Unsere jungen Künstler sind sichtlich über sich hinausgewachsen. Sie experimentieren mutig und nutzen neben Pinseln auch Malmesser, Spachtel, Schwämme oder Spritztechniken. Ihre Werke haben an innerer Tiefe gewonnen.

„In den neueren Arbeiten zeigt sich mehr kompositorische Sicherheit, ein feinerer Umgang mit Farben und ein mutigerer Einsatz von Formen. Es ist mehr Bewusstsein entstanden. Früher malten sie ein Gefühl – heute beginnen sie, Gedanken zu formulieren“, stellt Olga Dotsenko fest.

Im vergangenen Jahr nahmen die jungen Künstler am Festival „Kinderfest Kreativ“ teil, wo ihre Arbeiten mit Urkunden und Preisen ausgezeichnet wurden.

Die Themen sind vielfältig, doch ein fester Bestandteil des Unterrichts ist die Auseinandersetzung mit jüdischen Traditionen und Feiertagen. Besonders beliebt ist das farbenfrohe und fröhliche Purim-Fest. Auch der Tag der

Mizwa findet immer wieder Widerhall in ihrem kreativen Schaffen.

Jedes Jahr präsentiert die Gemeinde eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen, die den Lernfortschritt des Jahres dokumentiert. Momentan laufen die Vorbereitungen für die nächste Exposition auf Hochtouren.

Malen zu können ist weit mehr als eine rein handwerkliche Fertigkeit. Es ist ein Weg, die Welt und sich selbst zu begreifen. Durch Linie, Farbe und Form lernt das Kind, Emotionen auszudrücken, die es oft noch nicht in Worte fassen kann. Das kreative Schaffen stärkt das Selbstvertrauen: Wenn ein Kind das Ergebnis seiner Arbeit sieht und Zuspruch erfährt, spürt es den eigenen Wert. Es entwickelt sich eine emotionale Intelligenz – die Fähigkeit, Stimmungen, Charakter und Zustände bei sich selbst und anderen feinfühliger wahrzunehmen.

Im Grunde hilft das Malen dabei, eine ganzheitliche Persönlichkeit zu formen – denkend, fühlend und fähig zum Selbstausdruck sowie zu einem eigenständigen, mutigen Blick auf die Welt und in die Zukunft.

 

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen

Purim: Das Fest unserer Hoffnung

Der Kern des Purimfestes liegt darin, dass im alten Persien das jüdische Volk von seinen Feinden zur Vernichtung bestimmt war – doch ein Wunder geschah. Königin Esther vermochte den Lauf der Ereignisse zu wenden und ihr Volk zu retten. Purim ist daher nicht nur ein religiöses, sondern auch ein zutiefst historisches Fest.

In diesem Jahr ist es von besonderer Bedeutung. Wir leben heute in einer Zeit, die sich anfühlt, als sei die alte jüdische Geschichte zurückgekehrt – und zugleich schreiben wir unsere eigene, moderne Geschichte weiter.

Der Beginn des Festes fiel in diesem Jahr auf die ersten Tage des zweiten iranischen Krieges. Dadurch erhielt Purim eine ganz eigene Atmosphäre und ein besonderes Gewicht für uns alle.

„Heute, da viele unserer Brüder und Schwestern in Israel schwere Tage durchleben, spüren wir besonders deutlich, wie eng wir miteinander verbunden sind – trotz aller Entfernungen. Wir denken an sie, wir beten für sie und unterstützen sie von ganzem Herzen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir hier in Deutschland als eine Familie zusammenkommen können“, mit diesen Worten eröffnete der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen, Dr. Mark Gutkin, den festlichen Abend.

Diese Worte könnten als Epigraph des gesamten Abends gelten. Es war, als hätten sich hier tatsächlich Menschen versammelt, die einander nahestehen.

Unser Volk besitzt eine einzigartige Fähigkeit, erworben um den Preis unzähliger Verfolgungen, Tragödien und Traumata: die Fähigkeit, Fest und Trauer, Freude und Bitterkeit, Lachen und Tränen miteinander zu verbinden.

Purim lehrt uns nicht nur, die Gefahr und den Schmerz zu erinnern, sondern auch die Kraft zu finden, uns zu freuen – aufrichtig, von Herzen, trotz allem. Gerade in dieser Fähigkeit, das Licht selbst in den dunkelsten Zeiten zu bewahren, liegt seine tiefste Bedeutung.

Nach dem Gebet und der festlichen Mahlzeit erfasste eine Welle purimhafter Freude die Gäste. Es gab alles: farbenprächtige Karnevalskostüme und mitreißende spanische Tänze, geistreiche Scherze und kleine Streiche, traditionelle jüdische Tänze und Lieder auf Jiddisch. Alle machten mit, feierten aus vollem Herzen, aßen und tranken gemäß den Geboten des Festes, freuten sich, glaubten an das ewige Wunder der Rettung des jüdischen Volkes – und an den Untergang neuer Hamans.

Und das nicht ohne Grund.

Am Vorabend von Purim wurde in Teheran der Kommandeur der Iranischen Revolutionsgarden, Mohammad Pakpur, eliminiert. Die Silbe „pur“ in seinem Namen geht auf das akkadische Wort für „Los“ zurück. Von demselben Wort leitet sich auch „Purim“ ab – zur Erinnerung an das Los, das Haman einst warf, um den Monat der Vernichtung der Juden zu bestimmen.

Die Wunder nehmen kein Ende.
Die Geschichte geht weiter.

 

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen

EIN PAAR WORTE ÜBER MICHRabbiner der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Michael Kogan, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Mein Name ist Michael Kogan. Von Beruf bin ich Rabbiner. Obwohl mein Nachname auf eine Abstammung aus einem Priestergeschlecht hindeutet, ist dies nicht der Fall. Die Familiengeschichte besagt, dass mein Großvater väterlicherseits, Pinchas, den Nachnamen Grinrus trug, aber … kurz gesagt, er musste ihn ändern. Diese Geschichte hängt mit dem Ersten Weltkrieg zusammen, und ich werde sie Ihnen ein andermal erzählen.

Überhaupt war es mein Großvater Pinchas, der bei meiner Geburt darauf bestand, dass ich beschnitten werde. Als ich dann älter wurde, gingen wir gemeinsam in die Synagoge unserer moldawischen Provinzstadt. Ich spielte draußen auf dem Hof mit Gleichaltrigen, während mein Großvater mit seinen Freunden aus dem Minjan für Kischinau die Weltprobleme „löste“. In den sechziger Jahren wurde die Synagoge geschlossen. Mein Großvater starb, und ich begeisterte mich für … den Sport.

In die Synagoge kehrte ich erst dreißig Jahre später zurück. Davor beendete ich die Schule, absolvierte das Leningrader Polytechnische Institut und arbeitete die drei obligatorischen Jahre im Leningrader Werk für Hebe- und Fördertechnik. Ich verliebte mich bis über beide Ohren in das Theater und ging völlig darin auf. Ich wurde an der Schtschukin-Theaterhochschule aufgenommen und schloss dort mein Regiestudium ab. Ebenda absolvierte ich auch meine Aspirantur.

Ich zog nach Krasnojarsk, wo ich angehende Schauspieler in ihrem gewählten Beruf unterrichtete und am Jugendtheater Stücke inszenierte. Der Regie widmete ich zehn Jahre meines Lebens. Ich habe an verschiedenen Theatern im ganzen Land gearbeitet. Das Theater hat mich vieles gelehrt, zum Beispiel die Fähigkeit, auf der Bühne eine spannende Geschichte zu erschaffen (wobei natürlich alles im Kopf beginnt). Aber das verrate ich Ihnen nur im Vertrauen!

Und wie bin ich nun Rabbiner geworden? Der Weg zu diesem Beruf war lang. Als ich in Moskau war – das war im Jahr 1990 – kam ich rein zufällig in das jüdische Kulturzentrum in Kunzewo. Ich war damals bereits 39 Jahre alt. Ich hörte mir Vorträge von Rabbi Steinsaltz ז״ל an und … setzte sofort die Kippa auf, kehrte, wie man so sagt, zu meinen Wurzeln zurück. Genau ein Jahr später machten wir mit der ganzen Familie Alija nach Israel. Alija ist natürlich ein schönes Wort, aber um ehrlich zu sein, glich das, was wir erlebten, eher einer Emigration mit all den daraus resultierenden Konsequenzen: Verlust des sozialen Status, schlecht bezahlte, wenig angesehene Arbeit und Depressi

Depression. Ich arbeitete als Wachmann auf einem Parkplatz, als Aufseher in einem Kunstmuseum, als Bühnenarbeiter in der Oper … Die Kippa nahm ich jedoch nicht mehr vom Kopf ab, und ich hielt Schabbat und Kaschrut.

Danach folgten zweijährige Reiseleiterkurse beim israelischen Tourismusministerium und die Arbeit mit verschiedenen Gruppen auf Russisch und Hebräisch im ganzen Land. Erst da lernte ich Israel wirklich kennen und begann langsam und mühsam den „Aufstieg nach Jerusalem“, wodurch sich die Emigration allmählich in eine Alija verwandelte.

Im Jahr 1999 begann ich am Schechter-Institut meine Ausbildung zum Rabbiner. Nach fünf Jahren Studium verteidigte ich mein Diplom – bei uns nennt man das Smicha/Ordination – und wurde in die Jüdische Gemeinde Düsseldorf eingeladen. Dort arbeitete ich viele Jahre und sammelte enorme Erfahrungen. Danach kam Mönchengladbach. Jetzt Recklinghausen.

Als Ergebnis meiner eigenen Reflexionen und des ständigen Studiums der Schriften von Tora-Kommentatoren und der jüdischen Geschichte sind zwei meiner Bücher erschienen. Das erste basiert auf meinen Vorträgen und Gedanken zu den wöchentlichen Tora-Abschnitten. Das zweite befasst sich mit den jüdischen Feiertagen. Außerdem gibt es eine große Anzahl von Vorträgen, die auf YouTube hochgeladen sind und die man sich dort ansehen kann.

Ich sage Ihnen ehrlich: Mein einziges Bestreben ist es, nicht stehen zu bleiben, sondern den Menschen zu helfen, zu ihren Wurzeln zurückzukehren und sich als Teil unseres wunderbaren, alten jüdischen Volkes zu fühlen.

 

Michael Kogan, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Ein Chor, der Herzen verbindet

Am 22. März dieses Jahres fand in der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen ein musikalisch geprägter Abend statt, der ganz im Zeichen eines besonderen Jubiläums stand: Der traditionsreichste künstlerische Kreis der Gemeinde, der Chor „Chag Sameach“, feierte sein 25-jähriges Bestehen.

Hinter dieser Zahl verbergen sich unzählige Proben, zahlreiche Konzerte, tausende von glücklichen Momenten – und vor allem eine tiefe, unverbrüchliche Liebe zur Musik. So beschreibt es die Leiterin des Chores, Diana Zabyelina – eine Persönlichkeit, für die dieses Ensemble längst mehr ist als nur eine Lebensaufgabe: Es ist zu einer echten Familie geworden.

Der Chor vereint Menschen unterschiedlichsten Alters, verschiedenster Berufe und Herkunft. Hier singen Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen – verbunden durch ihre gemeinsame Leidenschaft für die Musik. Einen besonderen Platz im Repertoire nehmen Werke jüdischer Komponisten sowie traditionelle jüdische Melodien ein. Sie verleihen dem Ensemble seinen unverwechselbaren Klang: warm, aufrichtig und getragen von Gefühl und kulturellem Gedächtnis.

Für viele Mitglieder ist der Chor zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden. Nicht wenige haben hier ihre ersten Schritte der Integration gemacht: Sie fanden Freunde, gewannen Selbstvertrauen und erlebten, was es heißt, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Im gemeinsamen Singen entdecken sie neue Fähigkeiten, lernen einander zuzuhören und als Teil eines harmonischen Ganzen zu wirken. Wie Diana Zabyelina betont, schenkt der Chor den Menschen Freude – und die Möglichkeit, diese weiterzugeben.

Was diesen Chor besonders auszeichnet, ist seine Authentizität. Professionelle Sänger gibt es hier nicht. Die einzige, die beruflich mit Musik verbunden ist, ist die langjährige Leiterin selbst – als Pianistin, Arrangeurin, Pädagogin, Komponistin, Autorin und sogar Kostümbildnerin. Alle anderen sind Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen, für die Musik zu einem unverzichtbaren Bestandteil ihres Alltags geworden ist. Jeder Auftritt ist für sie weit mehr als ein Konzert: Es ist eine Begegnung mit dem Publikum, ein lebendiger Austausch und ein echtes Fest – ganz im Sinne des Namens „Chag Sameach“, „Fröhliches Fest“.

Das Jubiläumskonzert wurde nicht nur zu einem Rückblick, sondern vor allem zu einem Abend des Dankes – an alle, die am Anfang standen, die früher mitgesungen haben und die heute Teil des Chores sind, an alle Unterstützer und Wegbegleiter. Eine besonders persönliche Note erhielt

der Abend durch die Widmung von Diana Zabyelina, die das Konzert dem Andenken ihrer Eltern widmete, die ihre Liebe zur Musik geprägt hatten und über viele Jahre selbst Teil des Chores gewesen waren.

In den vergangenen Jahren hat sich das Ensemble spürbar verjüngt: Neue, junge Stimmen sind hinzugekommen. Sie bringen frische Energie und neue Klangfarben ein, ohne dabei die gewachsenen Traditionen aus den Augen zu verlieren.

Besonders herzlich aufgenommen wurde der Auftritt der jungen Talente Michael und Vladislav Bohdanov sowie Tatijana Erbes. Mit der fröhlichen Melodie „Frejlech“, dargeboten in einer ungewöhnlichen Instrumentenkombination aus Tamburin, Melodica und Maracas, setzten sie einen lebendigen Akzent.

Das Konzertprogramm spannte einen weiten Bogen – von nachdenklich-lyrischen Momenten bis hin zu festlicher Ausgelassenheit. Lieder über Glauben, Hoffnung, Liebe und Frieden wirkten dabei wie eine natürliche Fortsetzung jener Atmosphäre, die den Chor selbst prägt.

Der Abend verlief in einer warmen, wahrhaft festlichen Stimmung. Jeder Beitrag wurde vom Publikum mit lang anhaltendem herzlichem Applaus begleitet.

Mit Grußworten wandten sich Vertreter des Gemeindevorstands sowie des Integrationsrates der Stadt an den Chor. Sie hoben hervor, dass der Chor nicht nur ein kulturelles Phänomen ist, sondern auch ein Raum, in dem Menschen Orientierung finden, Unterstützung erfahren und ihre kulturellen Wurzeln bewahren können.

Die Gemeinde, vertreten durch ihren Vorstandsvorsitzenden Mark Gutkin, gratulierte den Jubilaren nicht nur mit Blumen, sondern auch mit einem liebevoll gestalteten Jubiläumsalbum, das den künstlerischen Weg des Chores und seiner Mitglieder dokumentiert.

Ein weiterer bewegender Moment war der Auftritt von Anastasia Selenkewitsch, stellvertretende Vorsitzende des Integrationsrates der Stadt Recklinghausen und selbst Schülerin von Diana Zabyelina. Mit einem Klavierstück brachte sie ihren Dank an ihre Lehrerin zum Ausdruck.

Die Geschichte des Chores geht weiter – in neuen Stimmen, neuen Begegnungen und neuen Liedern. Zum Abschluss dieses Abends mögen die Worte der Chorsängerin Svetlana Zibakova stehen:

So singe, mein Chor,
dass die Welt ein wenig heller und freundlicher wird!
Und mögen deine lichten Lieder niemals verstummen.
Lebe, „Chag Sameach“, schenke weiter dein Fest der Freude,
und erfülle die Herzen mit Liebe, Hoffnung und Wärme.

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen

Eine Gemeinde, die nie zurückkam – Was vom jüdischen Leben in Castrop-Rauxel überblieb

Am jüdischen Friedhof in Castrop-Rauxel wurden Efeu und Bäume entfernt. Die freigelegte Mauer zeigt Schäden. Ein Blick auf die jüdische Geschichte der Stadt.

Am jüdischen Friedhof an der Oberen Münsterstraße wurde zuletzt kräftig Hand angelegt: Das Efeu an den Mauern wurde entfernt, die Bäume gefällt. Das fehlende Efeu enthüllt große Risse am Mauerwerk, welches den Friedhof vollständig umgibt.

Doch wer steckt dahinter und wer trägt überhaupt Verantwortung für diesen Ort? Ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde im Kreis Recklinghausen und dem Stadtarchivar geben Anlass, größer zu fragen: Was ist aus der jüdischen Gemeinde Castrop-Rauxels geworden?

Von 160 zu 15 Mitgliedern

Castrop-Rauxel hatte einst eine lebendige jüdische Gemeinde. Zu Beginn der 1930er-Jahre zählte sie rund 160 Mitglieder, wie Stadtarchivar Thomas Jasper berichtet. Es gab Familien, die das Stadtbild prägten: Am Marktplatz gehörten mehrere große Häuser jüdischen Kaufmannsfamilien. Das Kaufhaus der Familie Bauer etwa, wo heute das Lokal Leuthold‘s 1910 zu finden ist.

Mit dem Nationalsozialismus endete dieses Leben abrupt. Die Mitglieder der Gemeinde wurden verfolgt, deportiert, ermordet. In Recklinghausen kehrten von fast 300 jüdischen Einwohnern nach dem Krieg gerade einmal 16 zurück.

Jüdisches Leben heute

Dr. Mark Gutkin, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, und Stadtarchivar Thomas Jasper machen deutlich: Der Holocaust hat die jüdische Gemeinschaft in Castrop-Rauxel so stark dezimiert, dass ein Neuanfang als eigenständige Gemeinde nach 1945 schlicht nicht möglich war.

Eine eigene Gemeinde zu gründen ist nicht nur eine Frage des Willens, sondern auch der Mittel. Es braucht genügend Menschen, die bereit sind, jüdisches Leben aktiv zu gestalten: Gottesdienste zu feiern, Feiertage zu begehen, eine religiöse Infrastruktur zu unterhalten. In Castrop-Rauxel hat das nach 1945 nie wieder gereicht.

Erst mit der Einwanderungswelle jüdischer Menschen aus der früheren Sowjetunion ab Anfang der 1990er-Jahre wuchsen die Gemeinden im Ruhrgebiet deutlich. Mitte der 90er-Jahre wurde die Recklinghäuser Gemeinde eigenständig. Sie umfasst seither neun Städte des Kreises Recklinghausen. Heute zählt sie rund 500 Mitglieder. Aus

Castrop-Rauxel stammen davon schätzungsweise fünfzehn. Darunter auch Dr. Mark Gutkin.

Erinnerung an jüdisches Leben

Jüdische Castrop-Rauxeler, die religiöses oder kulturelles Leben suchen, fahren heute also nach Recklinghausen. Dort organisiert die Gemeinde Gottesdienste, feiert jüdische Feiertage und veranstaltet sechs große Konzerte im Jahr.

Einen eigenen Treffpunkt in Castrop-Rauxel gibt es nicht. Trotzdem ist die Verbindung zur Stadt nicht gekappt. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung engagiert sich die Gemeinde seit rund 15 Jahren bei der Verlegung von Stolpersteinen.

Knapp 50 dieser Stolpersteine erinnern inzwischen in Castrop-Rauxel an ermordete jüdische Nachbarn. Zehn weitere sollen bald hinzukommen. Gutkin nimmt an jeder Verlegung teil, begleitet von einem Kantor, der Gedenkgebete spricht.

Der jüdische Friedhof

Was von der einstigen jüdischen Gemeinde in Castrop-Rauxel sichtbar geblieben ist, liegt an der Oberen Münsterstraße: der jüdische Friedhof. 1743 wurde er angelegt: „Wahrscheinlich mit dem Tode des ersten Mitglieds aus der ersten jüdischen Familie, die hier nach Castrop gekommen ist“, erklärt Thomas Jasper. 240 Begräbnisse haben seitdem stattgefunden.

Begräbnisse finden hier schon lange nicht mehr statt. Der Friedhof ist ein Denkmal. Jüdische Gräber sind Ewigkeitsgräber. Sie werden nicht mit Blumen oder Kerzen geschmückt, das ist verboten, erklärt Gutkin. Stattdessen legt man Steine ab: „Steine bedeuten Ewigkeit.“ Manchmal liegt auch ein kleines Papier mit einem Segensspruch darunter.

Heute stehen noch etwa 20 bis 25 Prozent der Grabsteine an ihrer ursprünglichen Stelle. Die übrigen wurden zerstört. Zum Teil in der Progromnacht 1938: „Da hat es angefangen. Es gab aber auch noch in den fünfziger Jahren Verwüstungen hier auf dem Friedhof“, erklärt Stadtarchivar Jasper. Einige Steine, die keinem Grab mehr zugeordnet werden konnten, stehen heute an der Mauer.

Wer nun das frisch beschnittene Efeu und die gefällten Bäume sieht, dem erklärt Gutkin den Hintergrund: Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden Westfalen-Lippe ließ den Friedhof zuletzt im November 2025 kontrollieren.

Das Ergebnis: Das Efeu drohte die alte Mauer zu destabilisieren. Teile davon stammen noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Außerdem stellten die Bäume ein Sicherheitsrisiko dar. Die Maßnahmen waren damit

beschlossen. Mitte Februar 2026 folgte dann der Kahlschlag durch den EUV Stadtbetrieb.

Ein weiteres jüdisches Denkmal ist am Simon-Cohen-Platz in der Altstadt zu finden. Hier befand sich einst die Synagoge, welche ebenfalls der Progomnacht 1938 zum Opfer fiel. Hier ist heute ein Gedenkstein.

Pflege und Erinnerung

Der Friedhof gehört als Denkmal rechtlich zur Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, die ihn gemeinsam mit dem Landesverband Westfalen-Lippe betreut und dafür eine Förderung erhält.

Die Stadt Castrop-Rauxel ist mit dem EUV praktisch eingebunden: Sie mäht den Rasen, pflegt den Ort besonders vor dem 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, und organisiert Schulführungen. Auch die Stolperstein-Verlegungen werden gemeinsam durchgeführt.

Jasper blickt nüchtern auf die Zukunft der Mauer: In zwei Jahren könnte das Grün längst wieder zurück sein. Was bleibt, ist die Aufgabe, den Ort zu erhalten. Als letztes sichtbares Zeugnis einer Gemeinschaft, die in Castrop-Rauxel einst zuhause war und nach 1945 nicht mehr zurückkehren konnte.

Artikel & Foto: Katharina Josefine Langenkämpe

Lebendige Tradition und starke Impulse: 

Sylvia Löhrmann zu Gast in Recklinghausen

Es war ein Besuch, der weit über das Protokollarische hinausging: Am Donnerstag, den 22. Januar 2026, empfing die Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen hohen Besuch aus der Landeshauptstadt. Auf Einladung des Vorsitzenden Dr. Mark Gutkin war Sylvia Löhrmann, die Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus sowie für jüdisches Leben und Erinnerungskultur, in die Gemeinde gekommen.

Im Zentrum des Austauschs stand das pulsierende Gemeindeleben. Bei einem Rundgang durch die Synagoge informierte sich die ehemalige Schulministerin eingehend über die vielfältigen Strukturen vor Ort. Besonders beeindruckt zeigte sich Löhrmann von der tiefen Vernetzung der Gemeinde: Ob in Kooperation mit der Stadtverwaltung Recklinghausen oder im Zusammenspiel mit zivilgesellschaftlichen Partnern – die Gemeinde versteht sich als aktiver Mitgestalter des städtischen Lebens. Ein besonderes Highlight stellt dabei das jährliche Kulturprogramm dar, dessen Konzerte weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus Anklang finden.

„Ich freue mich sehr über diese vitale Jüdische Kultusgemeinde, die jüdisches Leben in der Stadt durch ihr Engagement so deutlich sichtbar macht“, betonte Sylvia Löhrmann während ihres Besuchs.

Doch neben der kulturellen Vielfalt blieb auch Raum für das stille Gedenken. Dr. Mark Gutkin sprach eine herzliche Einladung für den 1. November 2026 aus. Seit Jahren pflegt die Gemeinde an diesem ersten Novembersonntag eine wichtige Tradition: Auf dem Friedhof am Nordcharweg wird der Gemeindemitglieder gedacht, die einst nach Riga verschleppt wurden – ein unverzichtbarer Pfeiler der regionalen Erinnerungskultur.

Der Besuch unterstrich einmal mehr das enge Band zwischen der Gemeinde und der Stadtgesellschaft. Dr. Mark Gutkin könne sich der vollen Unterstützung der Stadtverwaltung sicher sein, um das erfolgreiche Konzept der Sichtbarkeit und Integration auch in Zukunft gemeinsam weiterzuentwickeln.

 

J.E.W. – Redaktion, Foto: Pressestelle Stadt Recklinghausen

Kopfsteinpflaster unter den Füßen

„Um sieben Uhr mussten wir auf die Straße hinaus. Dann standen wir bis 16 Uhr auf dem Bürgersteig, bis man uns abholte. Die Menschen auf der Straße reagierten nicht – nicht einmal die Nachbarn.“

Diese Worte eines Holocaust-Überlebenden sind an der Bushaltestelle Hohenzollernstraße zu lesen. Am 29. September 2025 verwandelte sich eine gewöhnliche Haltestelle in eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Recklinghausen. Am 24. Januar 1942 wurden 105 jüdische Einwohner der Stadt – darunter zehn Kinder – aus fünf sogenannten „Ghettohäusern“ zusammengetrieben und gewaltsam in das Ghetto Riga deportiert.

Vierundachtzig Jahre später, am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, versammelten sich hier rund 250 Menschen, um am „Koffermarsch“ teilzunehmen – einem stillen Gedenken an die Jüdinnen und Juden, die während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslager verschleppt wurden.

Zum vierten Mal fand dieser Marsch in Recklinghausen statt. Unser Weg führte uns in Richtung Synagoge durch die alten Straßen unserer Stadt. Vorbei an Häusern, von denen viele schon 1942 standen. Manchmal gingen wir über altes Kopfsteinpflaster – Steine, die als stumme Zeugen jener Tragödie geblieben sind.

Neben uns auf dem Bürgersteig bewegten sich Passanten, die uns nachblickten. Nicht jeder Blick war von Verständnis oder Mitgefühl geprägt. Anders als im vergangenen Jahr führte der Weg diesmal nicht durch das Stadtzentrum. Man hatte uns erklärt, diese Route sei sicherer. Für die Polizei war es so einfacher, einen verlässlichen Schutz zu gewährleisten. Leider ist das Teil unserer Realität.

In einem Beitrag an diesem Tag schrieb Friedrich Merz: „Unsere historische Verantwortung ist unveränderlich. Antisemitismus hat in Deutschland keinen Platz.“

An der Wolfgang-Borchert-Gesamtschule fand ein Gedenktag statt, bei dem Schülerinnen und Schüler ihr Projekt vorstellten: „Nie wieder ist jetzt – Verantwortung in unserer Zeit: Erinnern an den Holocaust als Verpflichtung für dich, für mich, für alle.“

Wie der Bürgermeister von Recklinghausen, Axel Tschersich, über den Marsch sagte: „Es ist ein leises, aber sehr eindringliches Zeichen der Erinnerung.“

Seit dem barbarischen Terrorangriff der Hamas auf Israel ist weltweit – auch in Deutschland – ein deutlicher Anstieg antisemitischer Übergriffe zu verzeichnen. Es ist schwer zu begreifen, dass mehr als acht Jahrzehnte nach dem Ende des Holocaust das jüdische Volk erneut Ziel solcher Anfeindungen wird. Erinnern allein genügt nicht. Erinnerung

muss zum Handeln führen. In Schulen und Bildungseinrichtungen darf nicht nur eine Chronologie der Ereignisse vermittelt werden; es gilt, die Wurzeln des Antisemitismus zu analysieren, seine Mechanismen und seine Propaganda offenzulegen. Die Geschichte des Holocaust muss mit heutigen Erscheinungsformen des Judenhasses in Verbindung gebracht werden – indem aufgezeigt wird, wie alte Stereotype und Mythen in neuen Gewändern wiederkehren.

Letztlich geht es darum, gemeinsam eine demokratische Gesellschaft aufzubauen, zu schützen und zu stärken – eine Gesellschaft frei von Hass und Vorurteilen. Nur so können wir verhindern, dass wir erneut über dasselbe alte Kopfsteinpflaster gehen – mit dem Blick auf morgen und mit der Erinnerung an die dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit.

 

Irina Barsukowa, Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen

Premiere des Emanuel-Schaffer-Pokals 2026:

ein Recklinghäuser Jugend-Fußballturnier für Respekt, Toleranz und Völkerverständigung

Zu Ehren des ehemaligen israelischen Nationaltrainers Emanuel Schaffer, der am 11.02.1923 geboren wurde, wurde ein Turnier ins Leben gerufen, das bei seiner Premiere am Geburtstag des Namensgebers, 11.02.2026, Recklinghäuser Schulen und jüdische Gemeinden zusammenführte.

Als Prof. Dr. Mosche Schaffer gemeinsam mit Bürgermeister Axel Tschersich den Sieger-Pokal, die Sieger-Trikots und die goldenen Medaillen überreichte, war es mehr als eine Siegerehrung. Es war ein Moment der Erinnerung – und auch der Verantwortung. Der Name seines Vaters auf dem Pokal steht für ein Leben zwischen Verfolgung, Neuanfang und Versöhnung. Das erste „Emanuel-Schaffer-Fußballturnier“ in der Sporthalle Nord verband genau das: Geschichte, Haltung und Jugendfußball.

Aber blicken wir zunächst auf das Leben des Namensgebers zurück, das Prof. Dr. Lorenz Peiffer gemeinsam mit Prof. Dr. Mosche Zimmermann in der 2021 erschienen Biographie „Emanuel Schaffer. Zwischen Fußball und Geschichtspolitik – eine jüdische Trainerkarriere“ aufgearbeitet hat. Prof. Peiffer referierte aus dem Leben Emmanuel Schaffers am Vorabend des Turniers in der VHS Recklinghausen und wurde dabei von Prof. Moshe Schaffer unterstützt, der, extra für den Vortrag und das Turnier aus Israel angereist, ganz lebendig und anekdotenhaft über seinen Vater zu berichten wusste.

Mosche Schaffers Vater Emanuel wird am 11. Februar 1923 geboren. Von 1928 bis 1933 lebt er mit seiner Familie in Recklinghausen. Hier besucht er die jüdische Schule, hier entdeckt er seine Leidenschaft für den Fußball. Es sind prägende Jahre. Dann übernehmen die Nationalsozialisten die Macht.

Enge Freundschaft mit Hennes Weisweiler

1933 flieht die Familie nach Drohobytsch in Ostpolen. Schaffer macht dort Abitur. Mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 beginnt für seine Familie das Grauen. Seine Eltern und drei Geschwister werden am 12. Oktober 1941 bei einer Massenerschießung ermordet. Schaffer selbst kann mit anderen Jugendlichen in den Osten fliehen. Er überlebt den Krieg in einem sowjetischen Arbeitslager in Alma-Ata. 1945 kehrt Schaffer zunächst nach Polen zurück, 1950 wandert er nach Israel aus. Fußball bleibt sein Lebensinhalt. Als Trainer kehrt er später in das „Land der

Täter“ zurück, absolviert an der Sporthochschule Köln sein Diplom. Dort begegnet er Hennes Weisweiler – aus der Bekanntschaft wird eine enge Freundschaft.

1970 als Trainer mit Israel bei der WM dabei

Zwischen 1968 und 1971 sowie von 1978 bis 1980 trainiert Schaffer die israelische Nationalmannschaft. 1970 führt er das Team zur WM nach Mexiko – bis heute Israels einzige WM-Teilnahme. Zwar scheidet die Mannschaft in der Vorrunde aus, doch zwei Unentschieden gegen Schweden und Italien sorgen international für Respekt. „Wir haben nicht für Geld, sondern für unser Land gespielt“, sagt Schaffer später. In Israel werden die Spieler wie Helden empfangen.

Noch nachhaltiger wirkt jedoch seine Rolle als Brückenbauer. Das Freundschaftsspiel zwischen Israel und Borussia Mönchengladbach im Februar 1970 in Tel Aviv wird zum Meilenstein der deutsch-israelischen Beziehungen. Die enge Verbindung zwischen Weisweiler und Schaffer macht das Spiel möglich. Statt Ablehnung erleben die Deutschen Begeisterung. Fußball überwindet, was Politik allein kaum schafft. Schaffers Geschichte steht exemplarisch für Versöhnung. Im Haus der Geschichte in Bonn wird seiner Fußball-Diplomatie jüngst eine eigene Vitrine gewidmet – ein Zeichen, dass sein Wirken über den Sport hinaus Bedeutung hat.

In Recklinghausen knüpfte der „Emanuel-Schaffer-Pokal“ an diese Biografie an. Das Einladungsturnier brachte Schulen und jüdische Gemeinden zusammen: die Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, die Jüdische Gemeinde Groß-Dortmund, die Otto-Burrmeister-Realschule, die Wolfgang-Borchert-Gesamtschule, das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium und das Gymnasium Petrinum.

Neben dem sportlichen Wettbewerb präsentierten die Teams Projekte aus ihrer Jugendarbeit. Stellwände in der Halle informierten über Engagement für Toleranz, interreligiösen Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Turnier versteht sich ausdrücklich als Plattform der Begegnung.

Organisiert wurde die Premiere von Jens Hellwig (Freiherr-vom-Stein-Gymnasium) und Michael Rembiak (Petrinum) in Zusammenarbeit mit der Stadt Recklinghausen. Die jüdische Gemeinde übernimmt die Namenspatenschaft und stiftet den Pokal, die Sparkasse Vest unterstützt die Auszeichnungen.

Sportlich fair und hochklassig

Sportlich liefert die Premiere ebenfalls einige Höhepunkt und gleichzeitig verlief das gesamte Turnier mit nur einer Zeitstrafe, die ausgesprochen werden musste, außerordentlich fair. Dazu trug auch die souveräne Spielleitung der Schiedsrichter bei: Drei als DFB-

Juniorschiedsrichter ausgebildete Schüler der Otto-Burrmeister-Realschule und des Gymnasium Petrinum bewiesen ihr Können und hatten jederzeit alles im Griff. Dabei hatten auch sie sichtlich Freude an den spielerisch hochklassigen Partien, die hervorragende Unterhaltung boten und extrem spannend verliefen, spätestens als es nach der Gruppenphase in die Playoffs ging. Dort setzte sich im 7m-Schießen um Platz 3 knapp das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium gegen die Jüdische Kultusgemeinde Groß-Dortmund durch. Die Ehrung der Drittplatzierten übernahmen Dr. Michael Schulte, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Vest, Zwi Rappoport, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen Lippe und Dr. Mark Gutkin, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen. Gerade die viertplatzierten Gäste aus Dortmund hatten mit technisch schönem Fußball im Stil des FC Barcelona die Herzen der Zuschauenden gewonnen, verpassten aber gegen die effizient konternde Mannschaft der Otto-Burmeister-Realschule den Finaleinzug.

Im Finale neutralisierten sich die Mannschaften des Gymnasium Petrinum und der Otto-Burmeister-Realschule über die gesamte reguläre Spielzeit, die mit 0:0 endete. Danach ging es in die Verlängerungen, welche die Otto-Burrmeister-Realschule mit 1:0 nach Sudden Death für sich entscheiden konnte. Die Ehrung der zweitplatzierten Petriner übernahmen Prof. Dr. Lorenz Peiffer und Dr. Sebastian Sanders, Schuldezernent der Stadt Recklinghausen, bevor Moshe Schaffer und Bürgermeister Axel Tschersich sichtlich bewegt die Premierensieger der Otto-Burmeister Realschule auszeichneten.

Ein einziges Tor machte am Ende den Unterschied – und doch ging es an diesem Tag um mehr als das Ergebnis.

 

Jochen Börger, Recklinghäuser Zeitung vom 14.02.2026, ergänzt von: Michael RembiakOStD Schulleiter Gymnasium Petrinum Foto: Jochen Börger sowie auch  Archiv der Jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen