Eine Gemeinde, die nie zurückkam – Was vom jüdischen Leben in Castrop-Rauxel überblieb
Am jüdischen Friedhof in Castrop-Rauxel wurden Efeu und Bäume entfernt. Die freigelegte Mauer zeigt Schäden. Ein Blick auf die jüdische Geschichte der Stadt.
Am jüdischen Friedhof an der Oberen Münsterstraße wurde zuletzt kräftig Hand angelegt: Das Efeu an den Mauern wurde entfernt, die Bäume gefällt. Das fehlende Efeu enthüllt große Risse am Mauerwerk, welches den Friedhof vollständig umgibt.
Doch wer steckt dahinter und wer trägt überhaupt Verantwortung für diesen Ort? Ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde im Kreis Recklinghausen und dem Stadtarchivar geben Anlass, größer zu fragen: Was ist aus der jüdischen Gemeinde Castrop-Rauxels geworden?
Von 160 zu 15 Mitgliedern
Castrop-Rauxel hatte einst eine lebendige jüdische Gemeinde. Zu Beginn der 1930er-Jahre zählte sie rund 160 Mitglieder, wie Stadtarchivar Thomas Jasper berichtet. Es gab Familien, die das Stadtbild prägten: Am Marktplatz gehörten mehrere große Häuser jüdischen Kaufmannsfamilien. Das Kaufhaus der Familie Bauer etwa, wo heute das Lokal Leuthold‘s 1910 zu finden ist.
Mit dem Nationalsozialismus endete dieses Leben abrupt. Die Mitglieder der Gemeinde wurden verfolgt, deportiert, ermordet. In Recklinghausen kehrten von fast 300 jüdischen Einwohnern nach dem Krieg gerade einmal 16 zurück.
Jüdisches Leben heute
Dr. Mark Gutkin, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, und Stadtarchivar Thomas Jasper machen deutlich: Der Holocaust hat die jüdische Gemeinschaft in Castrop-Rauxel so stark dezimiert, dass ein Neuanfang als eigenständige Gemeinde nach 1945 schlicht nicht möglich war.
Eine eigene Gemeinde zu gründen ist nicht nur eine Frage des Willens, sondern auch der Mittel. Es braucht genügend Menschen, die bereit sind, jüdisches Leben aktiv zu gestalten: Gottesdienste zu feiern, Feiertage zu begehen, eine religiöse Infrastruktur zu unterhalten. In Castrop-Rauxel hat das nach 1945 nie wieder gereicht.
Erst mit der Einwanderungswelle jüdischer Menschen aus der früheren Sowjetunion ab Anfang der 1990er-Jahre wuchsen die Gemeinden im Ruhrgebiet deutlich. Mitte der 90er-Jahre wurde die Recklinghäuser Gemeinde eigenständig. Sie umfasst seither neun Städte des Kreises Recklinghausen. Heute zählt sie rund 500 Mitglieder. Aus
Castrop-Rauxel stammen davon schätzungsweise fünfzehn. Darunter auch Dr. Mark Gutkin.
Erinnerung an jüdisches Leben
Jüdische Castrop-Rauxeler, die religiöses oder kulturelles Leben suchen, fahren heute also nach Recklinghausen. Dort organisiert die Gemeinde Gottesdienste, feiert jüdische Feiertage und veranstaltet sechs große Konzerte im Jahr.
Einen eigenen Treffpunkt in Castrop-Rauxel gibt es nicht. Trotzdem ist die Verbindung zur Stadt nicht gekappt. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung engagiert sich die Gemeinde seit rund 15 Jahren bei der Verlegung von Stolpersteinen.
Knapp 50 dieser Stolpersteine erinnern inzwischen in Castrop-Rauxel an ermordete jüdische Nachbarn. Zehn weitere sollen bald hinzukommen. Gutkin nimmt an jeder Verlegung teil, begleitet von einem Kantor, der Gedenkgebete spricht.
Der jüdische Friedhof
Was von der einstigen jüdischen Gemeinde in Castrop-Rauxel sichtbar geblieben ist, liegt an der Oberen Münsterstraße: der jüdische Friedhof. 1743 wurde er angelegt: „Wahrscheinlich mit dem Tode des ersten Mitglieds aus der ersten jüdischen Familie, die hier nach Castrop gekommen ist“, erklärt Thomas Jasper. 240 Begräbnisse haben seitdem stattgefunden.
Begräbnisse finden hier schon lange nicht mehr statt. Der Friedhof ist ein Denkmal. Jüdische Gräber sind Ewigkeitsgräber. Sie werden nicht mit Blumen oder Kerzen geschmückt, das ist verboten, erklärt Gutkin. Stattdessen legt man Steine ab: „Steine bedeuten Ewigkeit.“ Manchmal liegt auch ein kleines Papier mit einem Segensspruch darunter.
Heute stehen noch etwa 20 bis 25 Prozent der Grabsteine an ihrer ursprünglichen Stelle. Die übrigen wurden zerstört. Zum Teil in der Progromnacht 1938: „Da hat es angefangen. Es gab aber auch noch in den fünfziger Jahren Verwüstungen hier auf dem Friedhof“, erklärt Stadtarchivar Jasper. Einige Steine, die keinem Grab mehr zugeordnet werden konnten, stehen heute an der Mauer.
Wer nun das frisch beschnittene Efeu und die gefällten Bäume sieht, dem erklärt Gutkin den Hintergrund: Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden Westfalen-Lippe ließ den Friedhof zuletzt im November 2025 kontrollieren.
Das Ergebnis: Das Efeu drohte die alte Mauer zu destabilisieren. Teile davon stammen noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Außerdem stellten die Bäume ein Sicherheitsrisiko dar. Die Maßnahmen waren damit
beschlossen. Mitte Februar 2026 folgte dann der Kahlschlag durch den EUV Stadtbetrieb.
Ein weiteres jüdisches Denkmal ist am Simon-Cohen-Platz in der Altstadt zu finden. Hier befand sich einst die Synagoge, welche ebenfalls der Progomnacht 1938 zum Opfer fiel. Hier ist heute ein Gedenkstein.
Pflege und Erinnerung
Der Friedhof gehört als Denkmal rechtlich zur Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, die ihn gemeinsam mit dem Landesverband Westfalen-Lippe betreut und dafür eine Förderung erhält.
Die Stadt Castrop-Rauxel ist mit dem EUV praktisch eingebunden: Sie mäht den Rasen, pflegt den Ort besonders vor dem 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, und organisiert Schulführungen. Auch die Stolperstein-Verlegungen werden gemeinsam durchgeführt.
Jasper blickt nüchtern auf die Zukunft der Mauer: In zwei Jahren könnte das Grün längst wieder zurück sein. Was bleibt, ist die Aufgabe, den Ort zu erhalten. Als letztes sichtbares Zeugnis einer Gemeinschaft, die in Castrop-Rauxel einst zuhause war und nach 1945 nicht mehr zurückkehren konnte.
Artikel & Foto: Katharina Josefine Langenkämpe