Der 27. Januar ist der internationale Gedenktag der Opfer des Holocaust. Im November des Jahres 2005 hat ihn die UN Vollversammlung als Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die russischen Trup pen festgelegt. Für Recklinghausen ist dies auch der Gedenk tag für die 250 jüdischen Bürger der Stadt, die am 21.01.1942 in das Ghetto von Riga deportiert wurden. Sie wurden fast alle getötet. Überlebt haben nur 16 Personen.
Wir haben bereits das dritte Jahr, in dem in der Stadt der „Koffer Marsch“ stattfindet. Menschen mit Koffern und Plakaten mit den Aufschriften „Niemals mehr“ und „we remember“ gehen durch die Straßen des Stadtzentrums, wie die jüdischen Todeskandidaten sie 83 Jahre zuvor entlanggingen. Beendet wird dieser Zug in der Synagoge, wo ein gemein sames Gebet zum Gedenken gesprochen wird. Leute nehmen an dem Marsch nicht nur teil, um sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern auch, um sich der Gegenwart bewusst zu werden und über die Zukunft nachzudenken. Nur zusammen können wir alle die Slogans auf den Plakaten verwirklichen. Vertreter verschiedener Konfessionen, sozialer Gruppen und Altersgruppen kommen, um sich gemeinsam gegen das furchtbare Wachstum des Antisemitismus zu wehren, der sich in aller Welt verbreitet. Leider ist er in den letzten
drei Jahren nicht nur nicht weniger geworden, sondern auch noch weitergewachsen. Es ist sehr schwer, sich die Daten statistischer Erhebungen zu dieser Frage anzusehen, die in der Weltpresse publiziert wer den. Es ist noch schwieriger, zu versuchen, die grausame, ungeheuerliche Ungerechtigkeit zu verstehen, die um uns herum passiert.
Am 24. Januar dieses Jahres haben in Berlin die Anhörungen vor Gericht in der höchsten Instanz begonnen, in der Sache eines Lehrers an einem der Berliner Gymnasien, der nach der Entscheidung des Gerichts in Berufung.
Einige Tage nach der blutigen Oktober Tragödie in Israel hat ein 14 Jährigen Schüler eine Palästina Flagge auf dem Schulhof des Ernst Abbe Gymnasiums schwenkte. Der 62 Jährigen Lehrer soll den Schüler ermahnt und versucht haben, ihm die Flagge wegzu nehmen. Ein anderer 15 jähriger Schüler, der in der Nähe stand, hat dem Lehrer laut Polizeiangaben daraufhin einen Kopfstoß gegeben, woraufhin ihn der Lehrer geohrfeigt haben soll. Wie der Lehrer schilderte, wurde Schüler mit ausgestrecktem Bein ihn in den Bauch getreten. „Der Junge ist Kampfsportler“, so der Lehrer. In Videos, die auf Instagram und X kursieren, ist zu sehen, wie der Lehrer den Schüler ohrfeigt und dann von ihm getreten wird und umfällt. Die Anklage warf dem Lehrer vor, dem inzwischen 15 Jährigen mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen zu haben. Der Lehrer sprach im Prozess von einem reflexartigen Schlag nach einem Angriff des Schülers. Ursprünglich sollte der Lehrer für Sport und Geografie eine Geldstrafe von 3000 Euro zahlen. Gegen einen entsprechenden Strafbefehl des Amtsgerichts Tiergarten hatte er jedoch Einspruch eingelegt.
Die Staatsanwaltschaft sagt, dass dem Geschehen seien Provokationen vorausgegangen. Der Lehrer sei selbst verletzt worden und arbeite seitdem nicht mehr. Zudem sei er der Bedrohung durch Schüler ausgesetzt. Der Lehrer wies den Vorwurf eines ab sichtlichen Schlags vor Gericht zurück.
Der 62 Jährige war wegen Körperverletzung im Amt angeklagt. Er soll eine Geldauflage von 800 Euro zahlen, dann ist der Fall endgültig erledigt. Offenbar sollte der Lehrer sich nicht gegen die Schläge wehren sollen, sondern „Güte und wie man sich nicht gegen das Böse wehrt“ unterrichten.
Es ist sehr symbolisch, dass die Anhörungen am Vortag des Internationalen Gedenktags der Holocaust Opfer begannen. Denn der Lehrer trat praktisch an seinem Ort gegen die Wiederholung einer solchen Tragödie ein.
Es ist erfreulich, dass sich unter den Teilnehmern unseres „Koffer Marsches“ Vertreter von Lehran stalten der Stadt befanden. Sie erzählten von ihrer Teilnahme an Projekten, welche den Opfern der Nazi – Diktatur gewidmet waren, von der Arbeit mit historischen Dokumenten aus dieser Zeit. Wir möchten hoffen, dass dieses Wissen und diese Erfahrung junger Leute dafür sorgen werden, dass die Katastrophe sich nicht wiederholt.
Gerade die Demons trationen von Jugendlichen und Studenten mit palästinensischen Flaggen in den Händen, die um die ganze Welt gingen, haben die HAMAS in ihren Handlungen bestätigt. Jede solcher Aktionen ist die Verunglimpfung der Erinnerung ihrer Opfer. Junge Leute machen sich keine Gedanken darüber, dass sie Terror unterstützen, dass sie unter bestimmten Umständen selbst Opfer von Terror werden können. Es kommt ihnen nicht einmal in den Sinn, nachzuzählen, wie viele von den vielen Terroranschlägen, die in verschiedenen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten verübt wurden, durch Juden ausgeführt wurden, die sie lautstark beschuldigen – und wie viele durch die „frommen Krieger Allahs“. Die Auftritte derer, die HAMAS nicht von der Bevölkerung Palästinas unterscheiden, haben die Qualen der Geiseln der HAMAS verlängert und viele von ihnen umgebracht. Selbst jetzt, wo der Austausch gegen palästinensische Gefangene stattfindet, unter denen eine Mehrzahl von Mördern ist, die Terroranschläge verübt haben, hat die „progressive Öffentlichkeit“ die „Häftlinge“ der israelischen Gefängnisse zu politischen Gefangenen erklärt.
Sicherlich ist das aktuelle Aufkommen des Antisemitismus auch eine Folge des verlorenen, gut vorbereiteten Informationskrieges gegen unser Volk. Der Antisemitismus wurde mit dem Holocaust nicht ab geschlossen, er schwelte Jahrzehnte lang nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und jetzt droht diese Glut, zu einem weltweiten Flächenbrand zu werden. Man sollte nicht vergessen, dass die Massenvertreibung von Juden in Deutschland dem Beginn des Krieges voranging.
Man darf die Augen vor diesem traurigen Fakt nicht verschließen. Kann denn jeder von uns irgend wie dagegen kämpfen? Ich denke, ja. Für den Anfang kann man wenigstens an Veranstaltungen gegen den Antisemitismus teilnehmen, an jenem „Koffer Marsch“, einen symbolischen Koffer in der Hand tragend. Damit man, G tt bewahre, nicht irgendwann wirklich die Koffer packen muss. Insbesondere weil es dann keinen Ort mehr geben wird, an den man fliehen kann.
Quelle:Irina Barsukowa,Jüdische Gemeinde Kreis Recklinghausen, Foto: Alexander Libkin