1827

1827, 1. Mai

Notariell ausgefertigte und besiegelte Vertragsurkunde über ein Gründungstatut der Jüdischen Gemeinde in Recklinghausen nebst Gottesdienstordnung für eine Synagoge auf der Breite Straße und Bestimmungen über Beiträge zur Gemeindefinanzierung 

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 103, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Actum Recklinghausen am ersten May achtzehnhundert sieben und zwanzig

Vor mir Franz Saur könig[lich] preuß[ischem] Justiz Commissair und Notar in Gegenwart der hierzu ersuchten legalen Zeugen des Schreinermeisters Joseph Lappe und Schreinergesellen Heinrich Schröder beide hieselbsten in Recklinghausen wohnhaft, erschienen heute in meiner Geschäftsstube hieselbst, die hiesigen haebraischen Handelsleute:

  1. der Levi Michel
  2. Samuel Bendix
  3. Joseph May
  4. Leser Isack
  5. Aron Markus

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  1. Levi Klein
  2. Moyses Klein

sämtlich hieselbst in Recklinghausen wohnhaft.

Comparenten sind mir sämtlich persöhnlich bekannt, versichern ihre Dispositionsfähigkeit und erklärten.

Der Levi Michel habe ein eigenes neues Gebäude errichten und dasselbe, jedoch vorbehaltlich seiner daran habenden Eigentums Rechte, zu Sinagoge für den Gottesdienst der hiesigen Judenschaft einrichten lassen.

Ehe und bevor sie nun dieses Gebäude zu diesem Zwecke widmeten, hätte sie zur Vorbeugung aller früheren hinsichtlich des Lokals der Gottesdienstlichen Handlung statt gehabten Uneinigkeiten es für nothwendig gefunden und beschlossen,

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hinsichtlich ihrer kirchlichen Einrichtungen eine eigene Polizey und Disciplinar-Convention zu vollziehen, und diese von der königlichen Regierung bestätigen zu lassen.

Sie wollten gebeten haben, ihre desfalsige unter sich getroffene Vereinbahrung folgender Maaßen zum Protocol zu nehmen und darüber zwei förmliche Ausfertigungs Dokumente namlich eins für die königliche Regierung, und eins für die hiesige Judenschaft mitzutheilen.

  • 1

Die Comparenten constituiren sich als eine jüdische Gemeinde hieselbst, jeder Jude, der sich künftighin hieselbst mit Genehmigung der Obrigkeit etablirt, oder seien Domiziel wählt, ist Mitglied dieser Gemeinde, wenn er sich der nachstehen-

 

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den Disciplinar- und sonstigen Convention unterwirft

  • 2

Die Comparenten wählen einstimmig dasjenige Gebäude zu ihrer künftigen Sinagoge oder zu ihren Gottesdienstlichen Handlungen, welcher der Levi Michel hieselbst auf seine Kosten hinter dem von ihm auf zwölf Jahre gemietheten, auf der breiten Straße hieselbst gelegenen Wedderichsschen jetzt Bruneschen Hause hat errichten lassen, für die Dauer der zwölfjährigen Miethe der Levi Michel.

  • 3

Die zwölfjährige Miethe dieses zur Sinagoge bestimmten Gebäudes fängt an mit dem 1ten May 1827 und endigt mit dem 1ten May 1839, wenn nicht während der Zeit gesetzliche, die Miethe aufhebende

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Zufälle eintreten sollten. Zur jährlichen Miethe dieses Gebäudes, auß dem Levi Michel aus der jüdischen Gemeinde Casse 3 Thaler 25 Silbergroschen 5 Pfenning bezahlt werden.

  • 4

Zu einem, nach jüdischen Religionsgesetzen vorgeschriebenen, vollständigen Gottesdienst in der Sinagoge sind zehn großjährige männlichen Geschlechts erforderlich, unter dieser Zahl kann keine Gottesdienst gehalten werden. In Beziehung auf den Gottesdienst gilt jeder Knabe für großjährig, der das 13te Jahr seines Alters zurück gelegt haben wird.

  • 5

Wenigstens um die vierte Woche muß gottesdienstliche Versammlung in der Sinagoge gehalten werden, und zwar auf Sabath vom 4ten

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auf en 5ten May lauf[enden] Jahres zum erstenmale, Samstag den 2ten Juny zum 2ten male, Samstag den 30ten Juny zum dritten Male, und auf diese namliche Art immer fort; Sämmtliche vorgenannten Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind verpflichtet, sich persöhnlich, oder durch einen Stellvertreter bey dieser Versammlung zur rechten vorschriftsmäßigen Zeit in der Sinagoge einzufinden, und diesem Gottesdienste von Anfang bis zu Ende beizuwohnen.

  • 6

Die gottesdienstlichen Versammlungen der Judenschaft worin nach vorstehenden Bestimmungen jedes jüdische Gemeinde Mitglied bei Vermeidung einer nachstehend näher zu bestimmenden Conventional Strafe selbst

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oder durch einen Stellvertreter hir erscheinen muß, sind außer den besonders jüdischen Fast-, Bet, Buß oder Feiertagen jedesmal Freitags Abends Samstag Morgens und Sonntags Abends dir Anfangsstunde des Sabats (Freitags Abends) und die Endigung des Sabats (Samstags Abends) richtet sich nach der Jahrzeit, und zwar nach den jedem Mitglied bekannten jüdischen Religionsgesetzten. Die Sabatliche Morgensversammlung in der Sinagoga ist im Sommer auf morgens 8 Uhr und im Winter auf Morgen 8 ½ Uhr, wobei ausdrücklich hierdurch noch festgesetzt ist, daß während den 10 Bußtagen jeden Morgen zur vorbestimmten Zeit Gottesdienstliche Versammlung in der Sinagoge statt

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statt finden solle.

  • 7

Jedes männliche Mitglied der jüdischen Gemeinde ist verbunden, alle vierteljahre, bei Eintretung des Neumonds ½ Tag zu fasten und an diesem Fasttage der, hiedurch auf 12 ½ Uhr Mittags festgesetzten gottesdienstliche Versammlung in der Kirche beizuwohnen, und zwar bei Vermeidung einer conventionellen Strafe von 15 Silbergroschen. Der Fasttag selbst wird von dem Vorsänger voher angesagt.

  • 8

Bey eintretendem Jahrgedächtnis eines verstorbenen muss durch die [in] § 4 festgesetzte Anzahl jüdischer Gemeinde Mitglieder Versammlung

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lung der Sinagoge gehalten werden, ei solches Jahrgebeth muß aber von dem nächsten verandten des Verstorbenen der dieses Jahrgebeth verlangt, an Sabat vorher in der Sinagoge angesagt, und den sämmtlichen dort versammelten Mitgliedern oder deren Stellvertreter bekannt gemacht werden. Wer bei einer solchen Versammlung nicht erscheint, ist verbunden, die Conventional Strafe zur Casse zu zahlen mit 12 Silbergroschen.

  • 9

Sollte bei eintretender Krankheit eines männlichen oder weiblichen Gemeinde Mitgliedes von dessen nächsten Verwandten oder hausgenossen eine Nachtwache zur Hülfe und Aufwartung des Kranken verlangt werden, so sind sämtliche jüdische Gemeinde Mit-

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glieder hierzu, und zwarn bey einem kranken männlichen Geschlechts, die Männer, und bei einer kranken weiblichen Geschlechts, die Weiber, bei Vermeidung der festgesetzten Conventional Strafe, verbunden, jedoch können zu einer solchen Nachtwache niemals mehr als zwei Mitglieder im Ganzen für jede Nacht verlangt werden. Sollte der kranke sterben, so sind sämmtliche jüdische Gemeinde Mitglieder verbunden, vom Augenblick des Hinscheidens, bis zum Augenblick des Begräbniß, zwei Personen zur Wache bei der Leiche zu stellen, welche Wache alle zwei Stunden wechselt und zwarn bei einer Leiche männlichen Geschlechts zwei Männer, und bei einer Weiblichen

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Geschlechts zwei Weiber. Die Ordnung zu solchen Wachen wird durchs Alter bestimmt, dergestalt, daß die Aeltesten zunächst hierzu obligirt sind. Auch müssen von der nach § 4 zur gottesdienstlichen Versammlung erforderlichen Anzahl Mitglieder, während der 7 Trauertagen täglich Abends und Morgens zur vorschriftsmäßigen Zeit im Sterbhause des Verblichenen das gewöhnliche Gebet verrichtet werden, wer gegen die Bestimmungen dieses § fehlt, sich nicht zur rechten Zeit persöhnlich oder durch einen Stelvertreter einfindet, ist verbunden die Conventional Strafe mit 15 Silbergroschen zur Casse zu zahlen.

  • 10

Da die sich gegenwärtig hieselbst constituirte jüdische Gemeinde

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gegenwartig erst aus sieben Mitgliedern besteht, und es daher indem der Gottesdienst nicht unter 10 großjährigen männlchen Geschlechts gehalten werden kann, oft der Fall seyn kann, daß eins oder zwei Mitgleder fehlen, so müssen diese von anderen benachbarten Orten requirirt, hieselsbt frey beköstigt aufgenommen, und für ihre Reise bezahlt werden. Um solche und andere vorkommende, die ganzen Gemeinde betreffende Ausgaben bestreiten zu können, wird eine gemeinsame Casse gebildet, jeder der vorgenannte Comparenten und Contrahenten ist verbunden, an den zu ernennenden Cassierer wöchentlich vom ersten May l[aufenden] J[ahres] anfangend zu dieser Cassa einen Silbergroschen drey Pfennige einzuzahlen. Auch alle festgesetzte Straf-

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gelder fließen zu dieser Cassa und sind ebenfalls zu solchen und allen vorkommenden gemeinschaftlichen Ausgaben unter andern auch Almosen und Unterstützungen einheimischer und fremder Juden etc mit bestimmt. Der zur Completierung der gottesdienstlichen Versammlung requirirte Fremde, muß von einem der Mit-Contrahenten während der Zeit seiner nöthigen Anwesenheit hieselbst frei aufgenommen und beköstigt werden, hierfür nämlich für die Beköstigung und Quartier des Fremden bezieht dessen Wirth an dem die Ordnung der Aufnahme ist, weder aus der Kasse oder sonst irgend eine Vergütung, indem dies Pflicht eines jeden mit Contrahenten ist. Die Ordnung zur schuldigen Aufnahme des Fremden richtet sich wieder

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wie bei der Nachtwache nach dem Alter der Mitglieder und Comparenten, so daß der Aelteste an Jahren zuerst zu einer solchen Aufnahme und Beköstigung verbunden ist.

  • 11

Eben so muß jedes der mit Contrahenten nach dem Aller an Jahren das Amt des Legan (Auctions Commissars) der Thora übernehmen, dieses Amt wechselt monatlich unter den Contrahenten, wie vorsteht nach dem Alter.

Auch dasjenige Quantum an Geld, wofür einer der Mitglieder den Vorzug der Herausahme und Zurücklegung der Thora im Meistgebote an sich steigert, fließt zur gemeinsamen, zu gemeinschaftliche Zwecken bestimmte Cassa. Die Auction der Thora geschieht bei jedesmaligen, ordentlichen Versammlung der

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Gemeinde Mitglieder zum Gottesdienst. Zur Ansteigerung der Thora müssen die Mitglieder von den Legan nach der Rangordnung, daß heißt, nach Maaßgabe ihres Alters, vom Aeltesten bis zum Jüngsten mit Namen angerufen werden.

  • 12

Die gesammte jüdische Gemeinde hat neben einem Cassierer, der die wöchentlichen Cassenbeiträge und die Strafgelder, so wie die versteigerungs Quoten der Thora, und alle sonstige gemeinschaftlichen erforderlichen Geldbeiträge empfängt, die nöthigen Auszahlungen besorgt, überhaupt die Casse führt, ihm wird ein neben Rendant aus der Gemeinde beigesellt, der über Einnahme und Ausgabe das Buch zu führen hat, und den Schlüssel zur Cassa bewahrt. Der Cassierer hat zugleich die Pflicht, darauf zu wachen, und dafür zu

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zu sorgen, daß die wochentlichen Geldbeiträge, Straf und sonstigen Gelder richtig zur Casse eingezahlt werden. Wer auf de zweimalige Erinnerung des Cassierers nicht gütliche Zahlung leistet, unterwirft sich der Executiv Gewalt der hiesigen Policey Behörde. Der Cassierer ist hierdurch beauftraget und verbunden, mit einem, zwei oder drey benachbarten glaubensgenoßenen einen contract dahin abzuschließen, daß sie sich gegen eine festzusetzende, aus der Casse zu bestreitende Vergütung das ganze Jahr hindurch beständig zur Completierung der zum Gottesdienst erforderlichen Anzahl individuen, hieselbst einfinden, und Gottesdienst hieselbst in der Sinagoge beywohnen. Damit über die Wahl des Cassierers und dessen Gehülfen keine Differenzen entstehen, so ist diese Wahl lediglich dem hiesigen H[errn]

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Bürgermeister übertragen, und anheim gestellt; jeder der Gemeinde Mitglieder den diese Wahl trifft, ist verbunden, dieses Amt anzunehmen, ohne für seine Bemühungen die geringste Vergütung zu beziehen, jedoch nicht länger als auf ein Jahr, indem zu diesen Posten jährlichs zwei andere Individuen gewählt und angestellt werden müssen; dieser Rendant ist gehalten, jährlichs bei Abtretung seines Amts der ganzen Gemeinde Rechnung über Empfang und Ausgabe abzulegen.

  • 13

Wer gegen die Bestimmungen dieser Vereinbahrung handelt, unterwirft sich einer Conventional Strafe. Diese Strafe ist für nachstehende Fälle folgender Maaßen bestimmt und festgesetzt.

  1. Wer zu der in 6 zur gottesdienstlichen Versammlung bestimmten Anfangsstunde in

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der Sinagoga nicht gegenwertig ist, zahlt 1 S[ilber]groschen Strafe.

  1. Wer bei Angang des Gebets Baruch Scheamar fehlt, zahlt 2 Silbergroschen Strafe
  2. Wer bis zum Anfange des Gebets Baruch noch nicht erschienen ist, ist verbunden, 3 Silbergroschen Strafe zu erlegen
  3. Wer gegen die Bestimmungen des 7 dieser Convention handelt, unterwirft sich einer Strafe von 15 Silbergroschen
  4. Jedes Gespräch, Geplauder oder sonstiges ungebührliches Betragen während des Gottesdienstes ist bei Strafe von 5 Silbergroschen verboten
  5. Dieser nämlichen Strafe ist derjenige unterworfen, der sich aus der Sinagoge entfernt, bevor das Gebet Alenu Kadisch beendigt und damit der Gottesdienst geschlossen sey.
  6. Wer bey einer zum Jahrgebeth

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für einen Verstorbenen nach Maaßgabe des § 8 angesagten Versammlung nicht erscheint, zieht sich eine Strafe von 12 Silbergroschen zu.

  1. Wer die Bestimmungen des 9 nicht pünktlich befolgt, unterwirft sich der dort bestimmten Strafe von 12 Silbergroschen. Die hiesige Polizey Behörde ist mit der Volziehung und Aufrechthaltung dieser Disciplinar und sonstigen Convention beauftragt.

Die Kosten dieses Contracts übernehmen sämmtliche Comparenten und Contrahenten solidarisch.

Nach geschehener deutlichen Vor resp. eigenen Durchl[es]ung genehmigten Comparenten und Contrahenten den ganzen Inhalt vorstehenden contracts und unterschrieben mit mir und den Zeugen unserer Gegenwart ihre Namen eigenhändig, mit Ausnahme des Aron Marcus, dieser erklärte, wegen Unkunde im Schreiben seinen Namen

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nicht unterzeichnen zu können, unterzeichnete also mit drey Handzeichen, und ersuchte den Zeugen Jos[eph] Lappe dies zu beglaubigen.

Worüber gegenwärtiges mit dem Grund-Protocolle ganz übereinstimmendes Dokument ausgefertiget, und den Comparenten zur Volziehung vorgelegt worden ist.

Glesen und genhmiget     Levi Michel

Glesin unt genemigt         Joseph Moyses

Soll heißen שְׁמוּאֵל Samuel Bendix bescheinige auf dessen Ersuchen H. Schröder

hand O O O zeichen des Aron Markus bescheinige auf dessen Ersuchen J. Lappe

gelesen und genehmige Levi Klein

Gelesen und Genehmigt Isaak Leser

soll heißen משה Moses Klein bescheinige auf dessen Ersuchen H. Schröder

 

Von mir dem Justiz Commissair und Notar und den genannten Zeugen

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wird hierdurch bescheiniget, daß vorstehender Act vor uns und mit unserer Zuziehung von den Comparenten volzogen, von dem Levi Michel, Joseph May, Levi Klein und Isaak Leser selbst gelesen, genehmigt und in unserer Gegenwart eigenhändig unterschrieben, von dem Samuel Bendix und Moyses Klein, welche erklärten, ihren Namen nicht auf deutsch unterschreiben zu können, nach der ihnen vom Zeugen Schroeder bewirkten deutlichen Vorlesung und darauf erfolgter Genehmigung mit haebreischer Schrift unterschrieben und von dem Schreibens unerfahrene Aron Markus aber, nach der ihm von Zeugen Lappe bewirkten deutlichen Vorlesung und darauf erfolgter Genehmigung mit drei Handzeichen unterschrieben unterzeichnet worden sey, welches die beiden Zeugen auf ihr Ersuchen beglaubigt haben

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Urkund meines beigedruckten Amtssiegels und meines und der Zeugen Unterschriften

Joseph Lappe als Zeugen                 ohne pettschaft

Heinrich Schröder als Zeugen                      ohne Pettschaft

Franz Saur Königl[ich] Preuß[ischer] Justiz Commissar beim wohl löblichen Land- und Stadtgericht hieselbst, und Notar im Departement des hoch Löblichen Oberlandesgerichts zu Münster

[locus sigilli]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiterführende Dokumente:

1827, 2. Juli: Halbjährliche namentliche Erfassung von Geburten jüdischer Kinder zwecks Erhebung von Beiträgen für den Hebammen-Unterstützungsfonds 

Quelle: Stadt- und Vestisches Archiv Recklinghausen, Bestand II, Nr. 104: Acta generalia et specialia. Die von Geburten und Trauungen jüdischer Glaubens-Genossen zum Hebammen-Unterstützungs-Fond zu entrichtenden Gebühren, Bl. 4 r, Verfasser: Dr. Matthias Kordes, Leiter des Stadt- und Vestischen Archivs Recklinghausen.

Verzeichnis

der in der Bürgermeisterei Recklinghausen im Isten halben Jahr 1827 vorgekommenen jüdische Geburten, so wie den davon erhoben beyträgen zum Hebammen Unterstützungs Fonds

No. Tag der Geburt Namen der Zahlungspflichtigen Silbergroschen
1 21. Februar 1827 Bernardina, Tochter des Sam[uel] Bendix 2.
2 17. May    // Lena, Tochter der Levi Klein 2
3   3. Juni    // David, Sohn des Moses Klein 2
                                                Summa 6

Vorstehende jüdische Eingesessenen hierselbst werden hierdurch aufgefordert, die nebenstehende Gebüren als Beytrag zum Hebammen-Unterstützungsfond sofort dem Polizeidiener Weisfeld bey Vermeidung der sofortigen Execution zu zahlen.

 

Recklinghausen, 2. July 1827

der Bürgermeister

Unterschrift J[osef] Wulff

am 3/7. dem Steuer Einnehmer Bracht vorstehendes Verzeichniß mit dem Betrag zu 6 schillingen eingesandt

 

pro II. Sem[ester] 27

I 9. Octob[er] 1827     L. Leser, Sohn des Isack Leser

der Steuereinnehmer Bracht, 2/1. 28 zugestellt.

Kommunen und Kreise in den preußischen Provinzen des frühen 19. Jahrhunderts unterhielten und beaufsichtigten Hebammen, die nach einem strengen Reglement eine Zulassung für ihren Beruf erhielten. Sie mussten einen moralisch und wirtschaftlich einwandfreien Lebenswandel nachweisen und geistig wie körperlich gesund und belastbar sein; in Recklinghausen wie anderswo bewarben sich meist verheiratete Frauen, die selbst Kinder hatten, und erhielten ihr Amt in einem förmlichen Bewerbungs- und Auswahlverfahren. Ihre Fachkompetenz, die sie durch Approbation nachzuweisen hatten, galt den Wöchnerinnen und der Pflege der Neugeborenen nebst deren Ernährung.

Bei einer Geburt fielen im preußischen Regierungsbezirk Münster mindestens 15 Silbergroschen an, die von den Eltern selbst an die Hebamme zu entrichten waren. Zu deren finanziellen Absicherung existierte in Preußen darüber hinaus auch ein sog. Hebammen-Unterstützungsfonds, aus dessen Finanzmitteln die Hebammen für ihre Tätigkeiten zusätzliche Entgelte und Entlohnungen erhielten. Dabei waren im Zuge aller Eheschließungen und Geburten in einem Hebammen-Bezirk Umlagen bzw. Abgaben der Brautleute bzw. Eltern an diesen Unterstützungsfonds zu entrichten; städtische Vollzugsbeamte hatten diese Gelder nach einer Hochzeit bzw. Geburt unverzüglich einzutreiben.

Da die Hebammen für sämtliche Gebärenden und Neugeborenen einer Stadt bzw. eines Landkreises zuständig waren, gab es keine Unterscheidung bezüglich der Religion, Konfession, Herkunft oder Nationalität der betreffenden Eltern, Mütter bzw. Kinder, so dass auch jüdische Familien von Anfang an ausnahmslos in dieses System eingebunden waren. Und weil in den 1820er-Jahren in Preußen noch keine Synagogengemeinden im rechtlich-administrativen Sinne bestanden, die entsprechende Daten bzw. Gebühren erheben konnten, waren es die Bürgermeister, die zu diesem Zweck die Geburten und Trauungen der Juden halbjährlich genau zu protokollieren hatten.

Die über Jahrzehnte gleichbleibenden Gebührensätze sahen bei Juden und Christen gleichermaßen vor, dass pro Geburt zwei, für jede Eheschließung vier Silbergroschen zu entrichten waren. Auf diese Weise werden städtische Akten über den Hebammen-Unterstützungsfonds nebst der Dokumentation jüdischer Zahlungspflichtiger zu einer frühen personen- und familiengeschichtlichen Quelle über die jüdischen Einwohner einer westfälischen Kommune im 19. Jahrhundert. Erst mit der Einführung der Standesamtsregister in Preußen bzw. im Deutschen Reich 1874/75 verschwindet dieser Verwaltungsbrauch endgültig.

Im frühen 19. Jahrhunderts war in Deutschland die allgemeine Sterblichkeit unter Kleinkindern noch immer sehr hoch: Etwa 20 Prozent der Kleinkinder erreichten in Mitteleuropa nicht ihr 5. Lebensjahr, die Säuglingssterblichkeit lag im Preußen der 1820er-Jahre, in denen es keine großen Epidemien bzw. Klima- oder Hungerkrisen gab, bei mindestens 10 Prozent; in den Städten, in denen besonders unhygienische Verhältnisse herrschten, waren diese demografischen Werte tendenziell schlechter als auf dem platten Land, im nördlichen Deutschland sah es neueren Forschungen zufolge etwas besser aus als in den südlichen Landesteilen. Diesen historischen Sachverhalt ermisst man daran, dass Lena Klein (s.o.) bereits 1831 im Alter von vier Jahren starb und David Klein (s.o.) sein Geburtsjahr 1827 nicht überlebte. Ihre Grabstätte fanden beide Kinder auf dem 1823 auf Betreiben des Samuel Bendix neu eingerichteten jüdischen Friedhof am Börster Weg.

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